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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1925-12-03 · 11-12 (3.12.1925) · p. Seite 216

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
1 (1925)
Issue
11-12 (3.12.1925)
Article
Zur Gründung einer jüdischen Haushaltungsschule auf dem Lande
Date
1925-12-03
Page
Seite 216 (sequence 1)
Language
German
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216 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 11/12 Zur Sründung einer jüdischen kaushallungsschule auf dem Lande . Von Hedwig Stern, München. Der jüdische Frauenbund hat sich die Gründung einer jüdischen Haushaltungsschule zur Aufgabe gestellt. Nicht jeder wird diesem Plan sehr geneigt gegenüberstehen. Sicher wird mancher die Frage aufwersen, ob denn diese Aufgabe in der Zeit der großen sozialen Not eiye wirklich wichtige ist,, die die Aufmerksayikeit der breiten Öffentlichkeit. und nicht unbedeutende Mittel für ihre Gründung beanspruchen darf? " Daß die Ausbildung der jungen Mädchen im Haushalt eine nicht weniger wichtige ist als die in den Elementarfächern, ist wohl heule eine unumstrittene Anschauung. Der Krieg, die.Inflation, der Umsturz der sozialen Verhältnisse haben nur allzu sehr gezeigt, wie notwendig für die Haüssrau die gründliche Beherrschung aller häuslichen Verrichtungen ist, nichts nur wenn sie ihren Haushalt selbst versorgt sondern auch um sich Dienstboten anleiten zu können und nicht von ihnen abhängig zu sein. Viel schöner wäre es ja, wenn die Kenntnis der häuslichen Arbeiten im eigenen Haushalt ihre Auswirkung finden könnte. Aber wie viele Mädchen find auf den Broterwerb angewiesen! Die glücklichere Konstellation im Krieg end während'der Inflation, wo Frauen zahlreiche Verdienstmöglichkeiten hatten, ist rasch vorbeigegangen, Die Frauen sind aus den Stellungen, die auch von Männern ausgeübt werden, perdrängt worden. Da bleiben nur die rein weiblichen Berufe übrig. Und das ist für die Frau als solche kein Schaden. Denn als Hausbeamtin, als'Vertreterin-der Hausfrau,, als Leiterin oder Wirtschafterin in-einem großen Betriebe, als Wirtschafts- oder Handarbeitslehrerin, auch als Pflegerin, Erzieherin, Dienstmädchen, vermag sie wirklich etwas zu leisten, weil die Tätigkeit dieser Berufe ihrer Eigenart'entspricht, weil ihre geisüge und körperliche Veranlagung die ihr gemäße. Auswirkung hat. Und zu diesen weiblichen Berufen sollen , die Haushaltungsschulen heranbilden, seien sie nun an die Volksschulen angegliedert bzw. selbständig auf die Lyzeen aüfgebaut, dienen sie nur der Ausbildung der Hausfrau oder sind sie als Berufsschulen ausgestaltet. Wer das frohe und geschäftige Treiben in diesen Schulen kennt, der kann nicht mehr zweifeln, wie-viel- Gutes dem jungen Mädchen dort, mitgegeben.wird. In allen Haushaltungsschulen wird auf den Zusammenhang zwischen häuslichen Arbeiten und deren geistigen Durchdenken hingewirkt, besonders-aber in den ländlichen. Hier ist durch das Werden und Vergehen der Pflanzen und Tiere, durch das Sicheinfühlen in die Natur ein. starker ethischer Einfluß zu verspüren. Deshalb werden auch . geistig anspruchsvollere Mädchen dort ihr volles Genüge finden können.. Mancher Leser wird nun einwenden: „Ist die Haushaltttngsschule auch die für düs jüdische Mädchen entsprechende Weiterbildung?" Mancher vielleicht: „Muß es geradeeine j ü dis ch e Haushaltungsschule sein?" . : Die erste Frage ist.nicht unberechtigt. Sicher ist bei vielen unserer jüdischen jungen Mädchen die Lust'zur geistigen Weiterbildung verhältnismäßig größer als die ün der praktitchen. Aber gerade deshalb ist eine häusliche Ausbildrmg doppelt nötig und gerade diejenige, die mit teilweise theoretischen^ Anlestungen vorgeht,, besonders geeignet. Denn vielleicht würden die mechanischen Unterweisungen von Mutter oder Köchin, wenn auch sicher nicht weniger gut, auf inneren WideHtand stoßen, während durch das Zusammenarbeiten mit Kameradinnen, durch Wechsel von Theorie und Praxis plötzlich. Lust, für den Lehrstoff geweckt.werden,kann. Auch der pädagogische Einfluß ist gerade für "unsere jüdischen jungen Mädchen von besonderem Wert. Die Unterordnung wird durch das enge Zusammenleben — .handelt es sich bei den ländlicher Schulen um Jnternatbetriebe — unbemerkt. .erreicht. Jede Arbeit, istsie auch noch so einfach, wird ohne Zaudern erledigt. Die Freude an der schlichten Natur wird geweckt. Und'was bei der Mutter und Großmutter durch falsche Erziehüng manchmal verlorengegangen ist, wird wieder wach: die Freiwe an der-Kleinarbeit im eigenen Haushalt. Sie trägt auch zu einem größeren, körperlichen Wohlbefinden bei, als die nicht selten recht zarten jüdischen jungen Mädchen bei geistiger Arbeit verspüren." Dazu kommt, daß die Nachfrage in den Berufen, zu denen die Ausbildung in der Haushaltungsschule befähigt, auch, bei jüdischen Mädchen groß ist. Das wird jeder' zügeben, der'^ew ‘Mangel- 'oft Wirtschäftslehrerinnen, Wirtschafterinnen, Hausbeamtinnen und Leiterinnen jüdischer Anstalten kennt. Und warum sollen diese Stellen mit nichtjüdischen Kräften besetzt werden? Warum sollten nicht die vielen jüdischen Mädchen, die auf Broterwerb angewiesen sind, hier einspringen? Ist doch meist nicht nur die richtige Arbeitskraft zur Erfüllung der Pflichten erforderlich, sondern die jüdische Gesinnung müßte helfend Mitarbeiten. Die zweite Frage, ob die jüdischen Mädchen nicht ebenso gut oder besser die christlichen Arbeitsschulen besuchen sollen, wird wohl nur von liberaler Seite gestellt werden. Denn für die Orthodoxen gibt es natürlich keine andere Möglichkeit, als eine Schule, in der die jüdischen Gebräuche eingehalten werden. Auch von zionistischer Seite wird der Einwand nicht kommen. Haben sie doch das Bestreben, möglichst in jüdischen Kreisen ihre Kräfte heranzubilden. „Aber soll auch schon in der Schule die Trennung zwischen Juden und Christen herbeigeführt werden?" wird es auf liberaler Seite heißen. Daraus ist zu erwidern: Es handelt sich hier eben um keine Schule schlechthin. Natürlich lassen sich Kochkurse und externe Haushaltungskurse wie andere Schulstunden auch gut gemeinsam nehmen. Etwas anderes ist es aber bei dem internen Betrieb einer wirtschaftlichen Frauenschule. Zwar werden jüdische Mädchen in beschränkter Zahl in christlichen Schulen ausgenommen. Die antisemitische Gesinnung, die sie nicht selten von zuhause kennen, wird sich auswirken und es sind bittere Erfahrungen, die da unsere jüdischen Mädchen machen müssen, und das gerade in einem Alter, wo die Seele solchen Eindrücken gegenüber besonders empfindlich ist. Sehr, sehr schwer tragen sie an dieser Ausschließung. Es ist keine Entfaltung ihrer eigenen Persönlichkeit möglich, die manchmal geringere Geschicklichkeit — durch die Traditionslosigkeit verursacht — entmutigt vollends. Wie anders in einem jüdischen Kreise! Hier kann sich das junge Mädchen frisch und froh entfalten. Durch den Zwang der Schule ist es in den richtigen Bahnen gehalten und so wird das wirtschaftliche Jahr ein glückliches und erfolgreiches sein. Die eine oder andere wird dem rein jüdischen Milieu und den jüdischen Gebräuchen anfangs fremd gegenüberstehen. Aber bei der verständigen Erzieherin wird sie diese Scheu bald überwunden haben und tieferes Verständnis für den inneren Sinn der Gebräuche bekommen und manchen davon mit heimnehmen und hier zu verwirklichen suchen. Und daß in einem größeren Verständnis für religiöse Dinge ein großer Vorteil für unsere Kinder liegt, daß sie leichter dadurch den vielen Anfeindungen und Zurücksetzungen widerstehen können, darüber herrscht kein Zweifel. Nur eine einzige Haushaltungsschule besteht heute in Deutschland, die in Frankfurt am Main. Daß sie immer schon ein Jahr voraus besetzt ist, zeigt ihre Notwendigkeit. Daß sie aber auch immer Schülerinnen abweisen muh, gibt dem jüdischen Frauenbund in München die Berechtigung, eine neue Schule zu gründen und sich damit an die Öffentlichkeit zu wenden. Und zwar soll es diesmal eine ländliche Schule werden. Ein schönes Stück Erde soll es fein, in dem die jungen Mädchen arbeiten, daß nur frohe Eindrücke die Arbeit im Garten, die freien Stunden begleiten sollen. Und nicht eine Tändelei soll die Arbeit werden. Deshalb hat der Frauenbund Wolfratshausen für seine Schule erwählt, wo die Natur selten schön ist und durch das Kinderheim reichlich Arbeit für die jungen Kräfte gewährleistet ist; denn hier kann die Haushaltungsschule di? Sorge für Verpflegung, Wäsche, Gartenbau und Kleintierzucht übernehmen, freilich ohne daß dabei eine finanzielle Gefährdung der einen oder anderen Sache entstehen darf. Und nicht nur die allgemeine Erlernung der häuslichen Kenntnisse will der Frauenbund ermöglichen, sondern er will vor allem auch die berufliche Ausbildung übernehmen. Zunächst einmal von Hausbeamtinnen, Wirtschafterinnen und Leiterinnen, später auch von Hauswirtschastslehrerinneu. Sicher kann das allgemeine Interesse dieser Gründung nur günstig gegenüberstehen; denn die Schule soll nicht nur für Münchener und bayerische Mädchen, sondern auch für solche aus dem ganzen deutschen Reiche sein. Aber vielfach wird der Glaube verbreitet sein, daß für so eine Schule nur wenige Mittel nötig seien. Täusche man sich darüber nicht! Deshalb soll zum Schluß die Bitte kommen, daß dieser neuen guten Sache nicht'nur freundliches Verständnis entgegengebracht wird, sondern daß man sie unterstütze m i t Rat und Tat.

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