Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 1 (1925)
- Issue
- 11-12 (3.12.1925)
- Article
- Streifzüge durch das fränkische Saaletal
- Date
- 1925-12-03
- Page
- Seite 215 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10/12 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 215 Streifzüge durch das fränkische Saaletal (Schluß.) * Eine kulturhistorische Plauderei von Jul. Straus, Lehrer in Fürth. Aber auch in der folgenden Zeit waren die Juden nicht auf Rosen gebettet. Das zeigt eine Eingabe des Westheimer Juden Jakob Feist, die im Jahre 1813 an das großherzogliche Landgericht Euerdorf (bei Kiffingen) gerichtet ist und worin es wörtlich heißt: „Mit weinente. Augen muß ich mayne Beschwärden gegen den Landgerichtsdiener unterthänigft anbringen, daß ich viele Klagtäg bey dem Herrn Landrichter nicht Vorkommen kann durch Rumhalt des Dieners. Wen es Amtsbefehl ist, so bitt ich den Amtsvater es mir zu sagen, damit ich nicht viele Tag und Stunden vor der Thür zu stehn brauche. Wo ich die Höflichkeit und Menschheit bey mir selbst habe, daß ich das Landgericht nicht überlässig habe (belästigt!) wann die Rot nit trängt, wenn ich würklich beim Herrn Aktuar eine Auspfändung auswürke, so hat selber nit viel Respekt dafür und werde nicht vollzogen ..Hier sieht man, wie selbst ein Gerichtsdiener förmlich Schindluder treibt mit rechtsuchenden Juden. Rach endlosem Besitzwechsel wurde 1816 dieses fränkische Ländchen bayerisch. Damals befragte man auch die Westheimer Judenschaft, ob sie königlich bayerisch oder kaiserlich (österreichisch) gesonnen sei?" Dieser Volksentscheid fiel zugunsten Bayerns aus. Rur Jsak Katz, ein Metzger, erklärte sich vorsichtig „neiterall" (d. h. parteilos). Dem Seligmann Arig war es „gleichgiltig" — woraus die Hakenkreuzler den Beweis für die vaterlandslosen" Juden ableiten können — und Löb Arje zeigt sich in dem interessanten Schriftstück als Philosoph, denn er „will waren wie Er mös", (d. h. er will das werden, was er werden muß). Um jene Zeit ordnete die Regierung an, daß auch die Juden sich bürgerliche Namen beilegen und es lohnt sich schon einmal in den Listen nachzuforschen, wie sich die Juden nun benennen. In der Hauptsache schöpfte man bei dieser staatlichen Holekrasch aus dem Gebiet der Geographie und so verwandeln sich die Bonfet Aron, Jakob Feist usw. in Hanauer, Berliner, Oppenheimer, Frankfurter, Regensburger, Holländer, Fulder, Schneeberger u. a. m. Die Kohanim behielten ihren alten Namen Kohn, Kahn oder Ka—z bei, was soviel wie Kohen Zedak — Frommer Priester bedeutet. Weil es aber in der Gemeinde viele „Ka Zen" gab, tauschte ein Familienzweig dafür den Namen Adler ein. Neben den Goldschmidt, Stern, Klingenstein, gab es einen Manufakturwaren-Händler, der sich — Mußliner benannte! In der weltabgeschiedenen Gemeinde Dittlofsroda und Völkersleier zog man mehr die Naturkunde zu Rate und hieß sich: Bergmann, Grünlaub, Nußbaum, Straus, Hoffmann, Stern, Adler usw. Alle die entschwundenen Generationen eint heute der uralte Friedhof zu Pfafsenhausen. Wer von Hammelburg nach Kissingen fährt, sieht ihn drüben am Bergeshang liegen. Vor vielen Jahrhunderten machten die Freiherren von Erthal ein gutes Geschäft, als sie den öden Platz an die Judenschaft verkauften. Zahlreiche Gemeinden bis weit in die Rhön nach Brückenau und bis ins Maintal nach Gemünden waren gezwungen, ihre Toten hieher zu bestatten. * Vergleiche Nr. 8 der Zeitung. An der Friedhofsmauer liegen zwei Gräber, an die sich eine schauerliche, aber wahre Geschichte knüpft. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts lebte in Dittlofsroda ein frommer angesehener Jude — er betrieb ein kleines Ladengeschäft und war öfters nicht zu Hause. Ein verschuldeter, habgieriger Müller machte sich dies zunutze. Er überfiel die noch ziemlich junge Frau, ermordete sie und raffte zusammen, was er finden konnte. In diesem Augenblick naht, nichtsahnend, mit einem frischen Kuchen unter dem Arm, vom Backofen her das jüdische Dienstmädchen. Voller Grausen erblickt es die tote Herrin und den Miller, der noch im Gelde wühlt. Entsetzen lähmt das Mädchen und ehe es schreien oder flüchten konnte, hatte der Mörder auch die unerwartete Zuschauerin zum Schweigen gebracht. Dann entweicht er. Doch bald erreicht ihn sein Schicksal. Zu Hammelburg auf dem weiten Marktplatz wurde er an den Pranger gestellt und dann enthauptet. Seiner Mühle haftete von da der Fluch an, sie zerfiel und längst ist kein Stein mehr von ihr zu findend Unter den bayerischen Königen wurden die Lage der Juden langsam besser. Man versuchte auch, sie zu Ackerbau und Handwerk heranzubilden, was aber nicht so schnell gelingen konnte. Eine Zwangskultur durch viele Jahrhunderte läßt sich nicht so schnell ungeschehen machen. Doch nach und nach fanden die Juden des Saaletals auch wieder Gefallen am Ackerbau und so starb voriges Jahr, 86 Jahre alt, ein Westheimer Jude, der mit Leib und Seele die Ackerscholle geliebt hatte. Er wußte gar lustige Geschichten zu erzählen aus jenen Zeiten und Versuchen der Regierung. Da war ein Jude, der sollte vor seiner Verheiratung eine Prüfung im Ackerbau oblegen. Er sollte ein Md pflügen. Feist — so wollen wir ihn nennen — hatte aber noch nie einen Pflug in Händen gehabt. Er merkte also auch nicht, daß Spottvögel ihm die Pflugschar umgekehrt angeschraubt hatten. Ahnte auch nicht das verstohlene Lächeln in den Augen der „hohen Prüfungskommission". Mßt Hü und Hott begann der Angriff aufs Feld, das sich indes sehr widerspenstig zeigte. Feist probierte und mühte sich ab, knallte wütend mit der Peitsche auf seine unschuldigen Kühe; der Anstschweiß lief ihm herab und er würde sich noch stundenlang umsonst abgequält haben, wenn nicht die gnädige Kommission ihn erlöst hätte und bescheinigte —, daß er seine Prüfung — bestanden! Heute sind diese Zeiten längst überwunden, zahlreiche Familien leben vom Ackerbau und haben es nicht zu bereuen, daß sie Bauern geworden sind. Zu Unrecht rümpft mancher vorüberfahrende städtische Jude über diese einfachen Landjuden die Nase, weil sie nicht gleich ihm in sorgfältiger Kleidung durch die Welt gehen oder sausen. Vorläufig gilt noch das uralte Wort von Rabbi Jose: „Wie schön ist doch die Arbeit, sie macht einen warm, wenn man mit ihr geht!" * Nach einer Mitteilung, die ich Herrn Hauptlehrer Hofmann in Rothenburg o. d. T. verdanke, habe der Mörder seine Tat im Zuchthaus Bayreuth abgebüßt, sei also nicht enthauptet worden.