Mannheim
Compact Memory

Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1925-12-03 · 11-12 (3.12.1925) · p. Seite 214

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
1 (1925)
Issue
11-12 (3.12.1925)
Article
Sonntags-Feiern in amerikanischen Synagogen
Date
1925-12-03
Page
Seite 214 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2727810-2727811-2727822-2729209--00612-2729270
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

214 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 11/12 vereinbar sind, wie die Jugend zu erziehen sei, was man zur Rassenfrage oder zur Mschehe zu bemerken habe. Mehr religiös, aber kaum mehr konsessionell eingestellt sind etwa die Predigten „Jüdische und christliche Weihnachten" oder „Eine jüdische Predigt zur Feier des Waffenstillstandes". Anscheinend ganz areligiös sind dem gegenüber wieder die Besprechungen der modernsten Romane, die gewöhnlich starken Eindruck ausübten, weil namentlich Dr. Kraß, ohne ausgesprochen literarisch zu werten, stets eine vorzügliche Einführung in das Wesen des betreffenden Romans zu geben wußte und dabei vom rein Stofflichen aus Beziehungen zu allgemein bewegenden Gegenwartsproblemen knüpfte. Stets wurden von ihm jedoch auch Fragen der Religion oder der Religiosität mitberührt, oft kaum merkbar und unausgesprochen, immer aber, bewußt oder unbewußt für den Hörer, das religiöse Gefühl zu wecken suchend oder mindestens den ethischen Gehalt betonend. Anders in seiner Art, impulsiv, draufgängerisch, Schauspieler in Wort und Gebärde, gab sich Dr. Wise, der zweite berühmte New Parker Rabbi, der die sog. „Freie Synagoge" um sich gesammelt hat. Seine Sonntag-Morgenfeiern sind die hauptsächliche religiöse Betätigung seiner Gemeinde und daher etwas stärker religiös verankert, soweit dies der weltliche Rahmen der Carnegie-Hall zuläßt. Während der Woche nimmt er übrigens seine Anhänger außerordentlich in Anspruch, vor allem durch Vorträge vor den Studenten, dem Frauenverband oder dem Jugendkreis, die er auch oft durch geistliche oder weltliche Redner anderer Konfessionm halten läßt. Das soziale Moment wird aber gleichfalls nicht vernachlässigt und das Tänzchen nach getaner Arbeit wird keineswegs verschmäht. Diese Beispiele mögen genügen, nur sei zu ihrer Ergänzung noch ein Auszug aus dem Wochenprogramm der „Freien Synagoge" abgedruckt, das den Besuchern bei Eintritt überreicht wird. Lentral and Free Synagogues. Wo chenprogramm Januar 5—11, 1925 Sonntag Morgen, 11. Januar um 10.45 Uhr. Carnegie-Hall. Dr. Wise predigt über „Der Jude und der amerikanische Schmelztiegel". Eine Diskussion von Feststellungen, welche Dr. Elliot und andere kürzlich machten. Ein fteundlicher Willkomm wird allen geboten, besonders den Fremden in der Stadt. Man erwartet von der Gemeinde, daß sie die Würde des Gottesdienstes wahrt und bis nach dem Priestersegen auf den Plätzen bleibt. Musikalische Vorträge am Sonntag, dem 11. Januar 1925 1. Orgel: Pastoralsonate.Rheinberger 2. Choral: Nun laß jede Zunge Dich anbeten . . Bach 3. Solo: O Herr leite mich.Händel 4. Etz Chayim .Naumburg 5. (vor der Predigt) Fürchte nichts o Israel . . . Spicker Gottesdien st e der Woche. Freitag Abend 5.30 Uhr: Central Synagoge. Samstag Morgen 10.15 Uhr: Central Synagoge. Predigt: Dr. Wise. Sonntag Morgen 10.45 Uhr:. Carnegie-Hall. Predigt: Dr. Wise. Ferner enchält das Programm ziemlich ausführliche Mitteilungen über: Geschenke für soziale Zwecke, Todesfälle, Vorträge, Theäteräusführung (Cid), einen Tanzabend usw. Ist nun die Predigt beendet, so werden, während die Orgel wieder spielt, Zettel verteilt, aus welchen jeder Besucher Fragen niederschreiben kann, die nicht unbedingt Bezug auf das Thema des betreffenden Tages haben müssen. An jedem Sonntag werden so 20—30 Anfragen gestellt, die der Prediger sofort beantwortet, eine Aufgabe, welche an sein Wissen und oft auch an seine diplomatische Gewandtheit starke Anforderungen stellt. Gefühlsmäßig werden viele Leser mit mir diese Art „Betrieb" ablehnen. Aber die Tatsache läßt sich nicht leugnen, daß diese Einrichtung viel dazu beiträgt, das Interesse der Zuhörer wachzuhalten und einen persönlichen Kontakt zwischen Führer und Gemeinde herzustellen. Kein schlechter Beweis für die Beliebtheit der Reden von Dr. Kraß ist es z. B. auch ,daß jedesmal an ihn stereotyp die Anfrage gerichtet wurde, ob die Predigt im Druck erscheinen werde. Den Abschluß der Feiern bilden wieder allgemein Chorgesänge, ein Gebet in englischer Sprache und das Kaddisch, das erst in Hebräisch und dann in der Landessprache gesagt wird und dem der Priestersegen folgt. Nach eineinhalb bis eindreiviertelstündiger Dauer ist dann der Gottesdienst zu Ende, der wohl jedem seiner stets zahlreichen Besucher wenn nicht Erbauung, so doch mindestens Anregungen vermittelt hat. Zurückblickend erscheint als wesentlich, daß der ganze. Zuschnitt sich den Anforderungen und Gegebenheiten des täglichen Lebens anpaßt, so in der Tatsache, daß der Sonntag gewählt wird, dann in dem Zeitpunkt des Beginns, in der Dauer und vor allem auch in der Wahl der Themata. Gerade hier scheint mir der springende Punkt zu liegen. Sie schöpfen aus dem modernen Leben, schaffen Beziehungen zu Tagesproblemen und suchen die Antwort auf Gegenwartsfragen zu erteilen. Gleichzeiüg aber wurzeln sie stark in der altjüdischen Ethik unter fast völligem Verzicht auf rein Rituelles. Diese Feiern sind nicht konfessionell, aber sie legen mit einem jüdischen Quellen entsprossenen Ethos den prüfenden Maßstab an die Verhältnisse, Sorgen und Genüsse des modernen Menschen an. Und wo sie keine Antwort zu geben vermögen, da regen sie doch wenigstens zu eigenem Nachdenken und zu persönlichem Urteil an. Dies wird auch ihr unmittelbarer Zweck sein. Mittelbar verfolgen sie zweifellos die Absicht, dem heutigen Menschen, welcher vielfach religiösen und ethischen Fragen ganz entfremdet ist, auf angenehme und für amerikanische Verhältnisse vielleicht allein mögliche Weise in einem gewissen Kontakt mit der jüdischen Gemeinschaft zu erhalten, auch wenn er noch so lose sei. Ob dieser Zweck mit den geschilderten Morgenfeiern erreicht wird und ob ein voller Erfolg die geleistete Arbeit krönt, darüber fehlt mir ein abschließendes Urteil, das nur auf sehr langer Beobachtung und Erfahrung aufgebaut sein könnte. Jedenfalls aber haben wir es hier mit einer im äußerlichen wie im inneren Gehalt für Amerika recht typischen Einrichtung zu tun, deren Studium, mag man sich zu ihr stellen wie man will, auch für uns recht interessant ist. CONSTANTIN BEUTELE Phllppine-Welser-Straße AUGSBURG Bflrgermeisfer-Fischer-Sfraße Delikatessen-Spezialgeschäft / Weinhandlung mit Weinstuben Beste Bezugsquelle aller Artikel für die feine Küche Telephon 758

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.