Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 1 (1925)
- Issue
- 11-12 (3.12.1925)
- Article
- Staatsminister a. D. Dr. Schweyer über den Nationalsozialismus
- Date
- 1925-12-03
- Page
- Seite 213 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 10/12 Bayerische Israelitische Gemeikdezeitüng 213 näherem Zusehen zeige es sich, daß das Christentum der Nationalsozialisten nichts anderes sei, als die Verwerfung des Judentums, also eine reine Negation ohne jeden positiven christlichen Inhalt. Christentum sei hier gleich Antisemitismus. Letzten Endes gingen die Nationalsozialisten über das Christentum hinaus. Nach ihrer Anschauung sei der Protestantismus auf Haldem Wege stehen geblieben, sie verlangten eine besondere Nationalreligion, die sie als germanisiertes Christentum bezeichneten, die aber mit dem positiven Christentum nichts als den Namen gemein habe. „Vom Christentum zum Deutschtum" sei die Losung. Diese Auffassung sei im Grunde genommen nichts anderes, als die faschistische Idee der „Nazione deificaty", nichts anderes als ein nationaler Jmperalismus der Religion, der mit . dem positiven, für alle Nationen bestimmten Christentum in unlösbarem Widerspruche stehe. Vorstehende Ausführungen Dr. Schweyers können als ein gewisser Abschluß der im Laufe der letzten Jahre erfolgten Klärung gelten. S. Sonntags-§eiern in amerikanischen Synagogen* Von Dr. Hermann Baer (München). Mit zu den interessantesten Erinnerungen auf geistig-kulturellem Gebiet, welche mit meinem Aufenthalt in den Vereinigten Staaten verknüpft sind, gehören die Sonntag-Vormittagsfeiern in New Parker Synagogen. Es dürfte auch bei uns interessieren, die Amerikaner, welche man als das materialistischste Volk der Erde anzusehen pflegt, in ihrer Betätigung auf einem Teilgebiet zu studieren, das fern von der Jagd nach dem Dollar liegt und wertvolle Rückschlüsse auf die Geistes- und Wesensart des dortigen Menschenschlages, vor allem unserer Glaubensgenossen, zuläßt. Vorweg sei jedoch betont, daß die nachfolgend in Kürze geschilderten Einrichtungen durchaus nicht spezifisch jüdisch-amerinisch sind, sondern daß sie mit nicht sehr wesentlichen Abweichungen, die später noch gestreift werden sollen, im religiösen Leben Amerikas schlechthin, in allen Bekenntnissen und Sekten, wurzeln Wenn ich von Sonntags feie r n unb nicht von Gottesdiensten spreche, so geschieht dies im Bewußtsein der Tatsache, daß mindestens die jüdische Konfession dort noch andere Kult- Zusammenkünfte kennt, die das Konfessionell-Religiöse mehr betonen als jene Feiern, von welchen hier die Rede fein soll. Es sei nur an die Freitag-Abend und die Sabbat-Gottesdienste erinnert. Bei den christlichen Bekenntnissen ist dieser Trennungsstrich schwerer zu ziehen, weil sie den Gegensatz oder das Nebeneinander von Sabbat und Sonntag ja nicht kennen. Bei den sonntäglichen Zusammenkünften in. den liberalen Synagogen handelt es sich in Wirklichkeit um Vorträge mit religiöser Umrahmung, nicht um Gottesdienste in unserem Sinne. Das zeigt sich schon gewissermaßen darin, daß die Themata Samstags in den Tageszeitungen in Annoncenform angekündigt werden, meist mit dem Zusatz, daß Gäste willkommen sind. Die Anziehungskraft der rund 160 Synagogen, welche den religiösen Bedürfnissen der 1?/,, Millionen New Porter Juden dienen, ist natürlich verschieden stark. In erster Linie ist es der Redner, der die Massen lockt, und daneben natürlich das Thema, über das gesprochen wird. Ist es doch typisch für das ganze amerikanische religiöse Leben, daß die einzelne Persönlichkeit, die Führernatur am stärksten gemeinschaftsbildend wirkt, stärker als die verschiedenen Konfessionen. Sichtbaren Ausdruck fand diese Tatsache in der Entstehung von hunderten von Sekten, die zwar irgend eine Besonderheit gegenüber den anderen aufweisen, in Wirklichkeit aber das persönliche Werk und der Ausdruck von Einzelnen sind. * Wir bringen den Aufsatz des Herrn Dr. Baer, ohne zu den darin besprochenen Institutionen eine wertende Stellung einnehmen zu wollen, als interessante Schilderung amerikanischen Milieus. Das gleiche gilt für die verschiedenen Gottesdienste, übrigens auch in den jüdisch-orthodoxen Kreisen. Nicht daß der Strenggläubige in den liberalen Tempel ginge, obwohl auch dies ausnahmsweise einmal vorkommt! Aber innerhalb der orthodoxen Gemeinschaft hat, wie in der liberalen, jene Gemeinde den stärksten Zulauf, welche die größte Attraktion aufzuweisen hat, sei es in der Gestalt eines fprachgewaltigen Redners, eines mit hervorragenden Stimmitteln ausgestalteten Vorbeters oder aus ähnlichen Gründen. Im sog. „Neuen Ghetto" in der 116. Straße z. B. steht eine streng orthodoxe Synagoge, welche die Scharen der Zuhörer nicht zu fassen vermag, weil ihr Kantor ein berühmter Tenor ist, dem vor Jahren sogar ein Engagement an der. Metropolitan Oper angeboten wurde, das er aber nur deshalb ablehnen mußte, weil er sich seinen Vollbart nicht abschneiden lassen wollte. Dies alles jedoch nur zur Illustration der Behauptung, daß in den einzelnen amerikanischen Gemeinden viel mehr die Person des Leitenden beherrschend und von den anderen Synagogengemeinschaften unterscheidend wirkt, als etwa bei uns in Deutschland, wo der Kultzweck (in orthodoxer oder liberaler Ausprägung) die Hauptsache ist, der seine soziologische Form in der „Gemeinde" und ihren /Beamten findet. Weil Redner und Thema bei diesen Feiern den Hauptanziehungsfaktor bilden, so ist es fast selbstverständlich, daß die Zuhörerschaft allen Konfessionen angehört, wie es auch gar nicht selten ist, daß Geistliche oder sonstige bedeutende Persönlichkeiten anderer Bekenntnisse als Gastprediger auftreten. Besonders starken Anteil nimmt die Jugend, weil die Vorträge ihr verständlich sind und zahlreiche Anregungen zu bieten vermögen. (Für den Ausländer stellen sie den besten englischen Sprachunterricht dar!) Um 11 Uhr beginnt die Feier, stets eingeleitet durch Orgelspiel. Der weitere Aufbau ist bei den einzelnen Gemeinden verschieden, natürlich auch in der Betonung des Religiösen. Dr. Kraß, einer der geistvollsten Redner New Porks, der Rabbiner des Tempels Emanu-El an der 5. Avenue, pflegt, wenn die einleitenden Akkorde verklungen sind, aus der Bibel oder, auch aus einem modernen Buch einige passende Stellen yorzulefen, welche einen Hinweis auf das jeweilige an diesem Tag behandelte Thema bilden. Bevor jedoch der Redner seine meist knapp einstündigen Ausführungen beginnt, trägt der Chor noch klassische Gesänge vor. Dann erst spricht der Rabbi, in freier Rede und stets von der ersten-bis zur letzten Minute fesselnd und anregend. Die Themata behandeln selten einen rein religiösen Vorwurf. Meistens greifen sie mitten in das praktische Leben und in Erziehungssragen (auch von Erwachsenen) ein, zuweilen auch auf das Gebiet der Politik hinüber. Da wird das Problem besprochen, ob religiöse Und geschäftliche Moral' miteinander