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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1925-11-06 · 10 (6.11.1925) · p. Seite 201

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
1 (1925)
Issue
10 (6.11.1925)
Article
Der Morgen [Rezension]
Date
1925-11-06
Page
Seite 201 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 10 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 201 platte Gleichstellung von Wahrheit und Nützlichkeit hinaus. An- Stelle des hoffnungslos (!) statischen Wahrheitsbegriffes führt er einen dynamischen Wahrheitsbegriff ein. „Von jenen unwichtigsten (in diesem Sinn!) Wahrheiten des Schlages ,zweimal zwei ist vier', führt der Weg über die Wahrheiten, die sich der Mensch etwas kosten läßt, hin zu denen, die er nicht anders bewähren kann als mit den Opfern seines Lebens und schließlich zu denen, deren Wahrheit erst der Lebenseinsatz aller Geschlechter bewähren kann." Der dynamische Begriff der Bewährung der Wahrheit wird zum Grundbegriff dieser neuen Erkenntnistheorie. Diese Wahrheit ruht nicht in sich, sie muß bewährt, verantwortet werden im Alltag des Leben. Professor N i e b e r g a l l spricht über „Staat und Erziehung." Im Gegensatz zu einem an anderer Stelle veröffentlichten Aufsatz tritt er für den Staat als Erzieher ein. Seine Legitimation dazu habe er in seiner Eigenschaft als Träger der deutschen Kultur. Er habe ein Recht darauf, daß alle Kinder des Volkes von dem Besten erben, über das es verfügt, von dem Geist des deutschen Idealismus wenigstens einen Hauch verspüren. „Wir sagen rund heraus, daß wir uns zu diesem gegenwärtigen Staate als Schulherren bekennen, dem republikanischen und demokratischen, auf die Verständigung unter den Völkern bedachten Staat." Rabbiner Dr. Jacob führt seine, die ganze bisherige Folge durchlaufenden „Einführungen in das 1. Buch Moses" fort. Die Art seiner Erläuterung ist ungemein lebendig. Wie er die sittliche Idee des Judentums in dem Unterschied zwischen dem biblischen und babylonischen Sintflutbericht herausstellt. Wie erden Turmbau zu Babel als Götzendienst der Technik, als Symbol der Überorganisation und darum Gott mißfällig interpretiert. Sehr fein weiß Fritz Heinemann die eigenartige Stellung Philos in der Spätantike vor Augen zu führen, der als erster Mensch in der griechischen Welt als Philosoph ein Gottsucher war, ein religiös zentrierter Philosoph, der bewußt die rein wissenschaftliche Erkenntnis herabsetzt zugunsten der inneren Erfahrung, des religiösen Erlebens, der in seiner Verbindung von Philosophe und Offenbarung, von Wissen und Glauben die Einstellung des mittelalterlichen Menschen vorweg nimmt. In reizvoller Weise behandelt Selma Stern den Frauentyp der Romantik und weiß uns Henriette Herz, Rahel Varnhagen, Dorothea Mendelssohn u. a. lebendig vor Augen führen und den sozialen und kulturellen Untergrund sichtbar zu machen, aus dem diese reiche Blüte edelster Frauengestalten hervorging. Nicht zu vergessen ist die schöne Rede Goldsteins bei der Wormser Tagung des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten, die gleichfalls in diesem Heft abgedruckt ist. Es sollte im vorstehenden nur ein kleiner Hinweis gegeben werden, ein Anreiz, diese Hefte selbst in die Hand zu nehmen, sich auch nicht abschrecken zu lassen von einer angeblichen „Schwierigkeit", sondern dabei den von Rosenzweig in dem oben erwähnten Aufsatz mitgeteilten Weg zu gehen: „Wer etwas nicht versteht, darf die Aufklärung am sichersten erwarten, wenn er mutig weiterliest... Philosophische Bücher versagen sich der ancien re§ime Strategie, die keine Festung unerobert im Rücken lassen zu dürfen vermeint, sie wollen napoleonisch erobert werden, in kühnem Vorstoß auf die feindliche Hauptmacht, nach deren Besiegung die kleinen Grenzfestungen schon von selber fallen werden." 8. Palästina. 300 Bilder, Einleikung von Sven Hedin. herausgegeben von Georg Landauer, in Ganzleinen gebunden 20 M. bei Meyer und Jessen, München. Ein herrliches Buch! In seinen auch rein technisch ganz hervorragenden Aufnahmen vermittelt es eine so lebendige Anschauung des Landes, wie man es von einem Buch kaum erwarten konnte, ein Beweis, daß hier mit künstlerischem Verständnis und mit Liebe gearbeitet wurde. Sven Hedin hat dieser Sammlung eine Einleitung vorausgeschickt. Es ist nicht möglich, das, was dieses Buch bietet, in kurzen Worten besser zum Ausdruck zu bringen, als in den Worten dieser Einleitung: „Diese Bildersammlung wird eine viel plastischere Vorstellung vermitteln, wie Palästina sich dem Beschauer zeigt, als eine noch so eingehende Schilderung es vermöchte. Hier finden wir die Stadt Jerusalem mit ihren Mauern und Pforten, mit ihren Kirchen, Synagogen und Moscheen, mit ihren engen Straßen und Gassen, oft mit Treppen und Bogen; unter pittoresken Strebepfeilern sich durchwindend und dem Beschauer eine Mannigfaltigkeit architektonisch lohnender Anblicke bietend. Wir werden in den Bildern an die Stationen der Via dolorosa — des Leidensweges — geführt, und unsere Blicke streifen in bunter Abwechslung Männer und Frauen verschiedener Rassen und.Lebenskreise. Wir sehen die Bazare mit ihren Läden und Ständen, die Händler, die ihre Waren ausrufen, die Handwerker bei ihren verschiedenen Beschäftigungen, und wir werden von einem geschickten Cicerone zu den wichtigsten Städten Palästinas geführt, ins Innere des Landes und zur Küste. Wir bewegen uns durch die charakteristischen Landschaften, durch die feierlichen, dunkelgrauen, slachgewellten Berge, durch Täler, wo die neu einwandernden zionistischen Juden angesangen haben, die Äcker zu bebauen und dabei sind, in Palästina einen neuen Bauernstamm zu bilden. Wir wandern durch die Gärten und Olivenhaine, wo die Ernte schon im vollen Gange ist, und machen Bekanntschaft mit den neuen jüdischen Kolonien in verschiedenen Teilen des Landes. Auch das religiöse Leben ist in diesen Bildern vertreten. Hier können wir die bedeutendsten Heiligtümer der verschiedenen Bekenntnisse und Zeiten betrachten, die religiösen Sitten und die Gewohnheiten, die mit ihnen verbunden sind, die Jahresfeiern und die Prozessionen, die von ihnen ausgehen oder sie zum Ziel haben. Das ganze Werk ist daher geeignet, dem Betrachter ein sehr klares Bild des Landes, der Berge, der Küsten und der Wüsten zu vermitteln, der wilden Natur und des bestellten Bodens — der Architektur vom Altertum bis zur Gegenwart — und dann der Menschen, ihres Lebens am Arbeits- und Feiertag, ihrer Werke und Beschäftigungen. Und endlich können wir auch hier zu den Gräbern unsere Wallfahrt antreten, zu dem Grab des Erlösers und zu den jüdischen und mohammedanischen Begräbnisplätzen auf den Abhängen der Berge." Die Pesiach-haggadah des Gerjchom kohen gedruckt zu Prag 5287/1526 75 Seiten Text der Haggadah 16 Seiten erläuternder Text als Beilage. In Quartformat. Verlag: Josef A l t m a n n, Berlin. Kein anderes unserer Feste ist so reich an historischen Erinnerungen als unser religiöses Frühlingsfest. Obwohl Jahrtausende seit dem Ereignis der Befreiung Israels aus den Banden ägyptischer Knechtschaft dahingegangen find, wird doch in den jüdischen Häusern die Erinnerung hieran auch heute noch alljährlich wachgehalten und die Sedernächte gehören zu den schönsten Familienfesten, welche wir begehen. Wir besitzen zahlreiche Festbücher — Haggadahs — für diese Abende, allein eine Haggadah wie diese vom Jahre 1527, ist doch einzig in ihrer Art. Diese zum ersten Male in technisch vollendetem Neudruck veröffentlichte ist die älteste illustrierte und gedruckte Haggadah. Sie wurde im Jahre 5287, das ist im Jahre 1526 unserer Zeitrechnung, in Prag gedruckt und am 10. Dezember 1526 vollendet. Nur drei E x e mp l a r e dieser berühmten ersten gedruckten Haggadah sind erhalten geblieben, von denen sich zwei in Europa und ein Exemplar in Amerika befinden. Für den Druck wurden die Exemplare der Stadtbibliothek Frankfurt a. M. und des Brit. Museums in London benutzt. Diese älteste Haggadah gehört zu den vollendetsten hebräischen Druckwerken. Die besonders schönen Buchstaben, die herrlichen Umrandungen einzelner Seiten und die kleinen Holzschnittbilder fast auf jeder Seite, sind von hohem kulturhistorischen Werte. Der Herausgeber, der bekannte Professor Dr. HeinrichLöroe in Berlin, hat zur Haggadah eine besonders klare Einleitung geschrieben, in der er über ihre Geschichte eingehend berichtet und auch den Buchschmuck ausführlich beschreibt. Diese Einleitung ist dem Text der Haggadah beigelegt. Allen Freunden des jüdischen Buches dürfte dieser buchstabengetreue Neudruck der berühmten alten Haggadah besonders willkommen sein, weil dieser Text auch heute noch für die Sederfeier benutzt werden kann und die hebräischen Anmerkungen über Vorschriften und Gebräuche unterrichten, die vor vierhundert Jahren erst im Entstehen begriffen waren. Für den Druck wurde schönes und dauerhaftes Papier verwandt. Eine Haggadah dieser Art sollte um so weniger in einem jüdischen Hause fehlen, als der Preis nicht zu hoch bemessen ist. A m i t a i.

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