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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1925-11-06 · 10 (6.11.1925) · p. Seite 200

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
1 (1925)
Issue
10 (6.11.1925)
Article
Altenstadt a. Iller
Date
1925-11-06
Page
Seite 200 (sequence 2)
Language
German
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200 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 10 lauschte die christliche Zuhörerschaft dem eingeflochtenen kurzen Abriß aus der Geschichte der deutschen Judenheit, um dann zu erfahren, was dieselbe in ihrer Gesamtheit und die kleine hiesige Kultusgemeinde im besonderen für das bedrohte deutsche Vaterland an Gut und Blut geleistet hat. Mit dem Wunsche, daß unsere Kriegsopfer Bausteine zu einem neuen Tempel für Deutschlands Wohlfahrt werden möchten, in welchem alle Glaubensbekenntnisse in Frieden neben einander wohnen, schloß der Redner seine Ausführungen. Nach dem Seelengebete in hebräischer unkr deutscher Sprache, in welchem auch der christlichen Kriegsopfer gedacht wurde, wurde von den anwesenden Kriegsteilnehmern das Kaddischgebet vorgetragen. Bei der hierauf erfolgenden Enthüllung des Ehrenmals in der Vorhalle der Synagoge gedachte noch in ehrender Weise der Bürgermeister und der Vorstand )es Kriegervereines der hiesigen israelitischen Helden. Unter den Klängen des niederländischen Dankgebetes, intoniert von der Ortskapelle, schloß die eindrucksvolle Feier. Ausschuß für praktisch-soziale Arbeit. Von der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden wird uns mitgeteilt: Die überraschend große Teilnehmerzahl, die sich zu dem von der Zentralwohlfahrtsstelle veranstalteten Kursus für praktisch-soziale Arbeit eingefunden hatten, ist ein deutlicher Beweis, wie stark der viertägige Lehrgang den Bedürfnissen der jüdischen Wohlfahrtspflege im Reiche entgegengekommen ist. Es waren sowohl berufliche, als auch ehrenamtlichtätige männliche und weibliche Wohlfahrtspfleger aus ganz Deutschland nach Berlin gekommen. Der Kursus wurde Sonntag, den 18. Oktober, eröffnet durch den Geschäftsführer der Zentralwohlfahrtsstelle, Herrn Dr. Segall, Vertreter der Großloge, des jüdischen Frauenbundes und des Arbeiterfürsorgeamtes begrüßten im Namen dieser Organisationen die zahlreich erschienenen Teilnehmer. Der Kursus verfolgte folgende vier Aufgaben: Einmal die Erörterung der für die Wohlfahrtspflege grundlegenden Gesetze (der Verordnung über die Fürsorgepflicht, des Reichsjugendwohlfahrtsgesetzes, der in Preußen vorliegenden Gesundheitsgesetzgebung und die Auswirkung derselben für die Praxis). Über diese Gegenstände referierten: Frau Wronski (Berlin), Herr Prof. Seligmann (Berlin), Herr Obermagistratsrat Dr. Ollendorff (Berlin). Eine weitere Aufgabe des Kursus war die Darlegung des organisatorischen Aufbaues eines Wohlfahrtsamtes bezw. eines Provinzial- oder Landesverbandes für jüdische Wohlfahrtspflege. Mustersatzungen, die anregende Vorschläge zur organisatorischen Zusammensetzung der Wohlfahrtsämter enthalten, hatte Herr Grünbaum (Hannover), der auch darüber referierte, ausgearbeitet. Nachdem Fräulein Weinreich (Berlin) die Aufgaben der jüdischen Reichsorganisationen für Wohlfahrtspflege dargelegt hatte, folgten die. Erörterungen der einzelnen Fürsorgegebieke in der Praxis, der wirtschaftlichen Fürsorge (Fräulein Klein-Dresden), der Jugendfürsorge (Fräulein Silbermann-Verlin), der Erholungsfürsorge (Fräulein Cohn-Berlin), der Gesundheitsfürsorge (Fräulein Neufeld-Berlin) und der Arbeitsvermittlung im Rahmen eines Wohlfahrtsamtes (Fräulein Dr. Straus-München). Eine wichtige Aufgabe des Kursus war zum Schluffe die Beratung rein praktischer Fragen der Methodik in der Fürsorge: die Verbindung der beruflichen mit der ehrenamtlichen Mitarbeit, die Zusammenarbeit mit den Behörden und privaten Organisationen und die technische Einrichtung jüdischer Wohlfahrtsämter. Hierüber referierten Fräulein Frieda Kahn-Elberfeld und Fräulein Recha Ellern-Altona. An jedes einzelne Referat schloß sich eine fruchtbrigende Diskussion an, die nicht nur einen Überblick über den starken innern Ausbau der jüdischen Wohlfahrtspflege in den letzten Jahren gab, sondern vor allem auch die bestehenden Mängel und Lücken beleuchtete. Vor allen Dingen hat der Kursus gelehrt, daß in den letzten Jahren der Aufbau der jüdischen Wohlfahrtspflege eine starke Umwandlung erfahren hat. Fast allenthalben bestehen heute im Gegensatz zu früheren Jahren unter Leitung und Mitarbeit sachlich geschulter Kräfte Wohlfahrtsämter. Nach einer Feststellung der Zentralwohlfahrtsstelle sind heute schon ungefähr 80 jüdisch-soziale Arbeiter beruflich in der offenen Wohlfahrtspflege tätig, dazu kommen ungefähr 2000 ehrenamtliche Mitarbeiter in Deutschland. Der Plan der Zentralwohlfahrtsstelle, einen derartigen Lehrgang zu veranstalten, um die geschulten und ungeschulten Kräfte mit den Grundlagen einer geordneten sozialen Arbeit und der Systematik der Wohlfahrtspflege bekannt zu machen, wurde überall sehr begrüßt. Der Kursus soll als Ausgangspunkt für weitere Kurse, die von den Landes- und Provinzialstellen und den örtlichen Wohlfahrtsämtern veranstaltet werden, dienen. Als notwendig hat sich ferner die Veranstaltung von Kursen über einzelne spezielle Gebiete gezeigt, da in der kurzen Zeit von vier Tagen nur ein Gesamtüberblick über das Gebiet der Wohlfahrtspflege gegeben werden konnte. Es ist beabsichtigt, den Kursus in gedrängter Form im Druck herauszugeben, damit die behandelten Fragen einem breiteren Kreise zugänglich gemacht werden können. vücherfchau. „Der Morgen". Die gewaltigen äußeren und inneren Erschütterungen unserer Zeit haben ein verstärktes Bedürfnis nach geistigen Inhalten mit sich gebracht, nicht als eine Form spielerischer, geistiger Betätigung, sondern, ich möchte beinahe sagen, als biologische Notwendigkeit. In diesem Jahre ist unter der Redaktion von Professor Goldstein, Darmstadt, die Zeitschrift „Der Morgen" (Philo- Verlag) erschienen, welche in hohem Maße dieser Lebensnotwendigkeit gerecht wird. Bereits vier Hefte liegen vor uns, die ein überaus reiches und gutes Material darbieten. Es würde zu weit führen, das bisher Vorliegende einer eingehenden Besprechung zu unterziehen. Es fei darum im Folgenden nur auf einiges Wichtige und Interessante der letzten (4.) Nummer eingegangen. Rabbiner Dr. Italiener bringt einen Artikel über „Das Numinose der hohen Feiertage", eine seine psychologische Stimmungsanalyse der jüdischen Feiertage, die auch zu sehr wertvollen praktischen Folgerungen kommt, wenn ausgesprochen wird, daß in unserem Gottesdienst wieder mehr die Bedeutung der Stille, das heilige Schweigen gewürdigt werden soll. In einem Aufsatz, „das neue Denken" von Franz Rosenzweig sucht der Verfasser Aufschlüsse über sein Buch „Der Stern der Erlösung" zu geben. In der redaktionellen Vornotiz heißt es, daß dieser Beitrag zu dem wesenhaft Neuen und geistig Entscheidungsvollen gehöre. Wenn man den Aufsatz näher betrachtet, hat man in der Tat irgendwie das Gefühl, einer neuen Richtung gegenüberzustehen, die sich allerdings nicht in einem einzelnen verkörpert, sondern in einer Reihe von Persönlichkeiten, die aber von diesem einzelnen schärfer umrissen wird. Rosenzweig wendet sich gegen die Methode der Zurückführung auf das Ich, keiner der drei großen Grundbegriffe: Mensch-Welt-Gott könnten aufeinander zurückgeführt werden. Eine Methode des Erzählens will Rosenzweig in der Philosophie einführen. Wenn das alte Denken sich das Problem stelle, ob Gott transzendent oder immanent sei, so versuche das neue zu sagen, wie und wann er aus dem fernen zum nahen Gott werde und wieder aus dem nahen zum fernen; oder wenn die alte Philosophie die Alternative Determinismus- Indeterminismus aufstelle, so folge das neue Denken etwa dem Wege der Tat aus der Bedingtheit des Charakters und dem zwingenden Gestrüpp der Motive durch den einen leuchtenden Gnadenaugenblick der Wahl zu einem Müssen, das jenseits aller Freiheit ist. — Wer spürt hier nicht etwas wie Erlösung? — Das neue Denken weiß, daß es nicht unabhängig von der Zeit erkennen kann. „Man muß, wohl oder übel, tätig und leidend abwarten lernen, bis es soweit ist und darf keinen Augenblick überspringen". — An die Stelle der Methode des Denkens tritt die Methode des Sprechens. Die Methode des Denkens ist immer einsam, denken heißt, zu niemandem oder euphemistisch für die „Allgemeinheit" sprechen; sprechen aber heißt zu jemandem, zu einem ganz bestimmten Jemanden sprechen. Im wirklichen Gespräch geschieht etwas, weil der Sprecher nicht vorher weiß, was er sagt, der Denker weiß schon im voraus, was er sagt. Rosenzweig bezeichnet sein Buch als „jüdisch", weil er, der Sprecher, Jude ist. — Innerhalb der philosophischen Geistesströmungen bezeichnet er sein System nach vorangehender Verwahrung gegen die „Ismen" mit Recht als absoluten Empirismus. Er kommt dann im weiteren Verlauf zu Ergebnissen, die dem Pragmatismus nahestehen: „Die Wahrheit muß, anders als die Wahrheit der Philosophen, Wahrheit für jemanden sein." In schöner Weise greift er aber über eine

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