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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1925-11-06 · 10 (6.11.1925) · p. Seite 188

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
1 (1925)
Issue
10 (6.11.1925)
Article
Ansprache des Kommerzienrats Albert Josef (Landau) anläßlich der Pfalzfahrt des bayerischen Landtages
Date
1925-11-06
Page
Seite 188 (sequence 2)
Language
German
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188 Bayerische Israelitische Gememdezeitung Nr. 10 Gestatten Sie mir, daß ich nach diesem Danke auch eine Bitte aussprechen darf, der ich einige Worte vorausschicken muß. Auf Ihrer Reise durch die Pfalz, in den Städten Speyer, Neustadt, Frankenthal, Kaiserslautern, Zweibrücken, Pirmasens und Landau und überall da, wo Sie noch hinkommen werden, in Wald und Flur, auf Berg und Tal, werden Sie den Eindruck mitnehmen, als fei alles, was Sie sehen, e i n Werk, geführt von einer einigen Bevölkerung, und dieses eine Werk und diese einige Bevölkerung wären zu einer Einheit verschmolzen. Wenn nun die Frage gestellt wird, woher kommt in der Pfalz diese Einheit, so kann mit gutem Gewissen die Antwort gegeben werden, daß von der Kreisregierung der Pfalz an über Handel, Industrie und Gewerbe bis tief in die Reihen der Arbeiter man von dem hohen Gedanken des Gemeinsinns beseelt ist. Ein zweiter Punkt, der die Hauptrolle in dieser Einheit spielt, ist, daß über der Pfalz eine Fahne weht, jedem Bürger entgegenleuchtend: „Toleranz". Meine Bitte geht nun dahin, daß eine bestimmte Richtung in Bayern erkennen möge, daß unsere Arbeit für unser geliebtes, großes Vaterland nur segenbringend sein kann, wenn dieses Wahrzeichen der Pfalz „Toleranz", die L e h r m e i st e r i n der gebildeten Völker, auch in diesen bayerischen Kreisen seine Heimstätte wieder finde. ein jüdisches Lehrhaus Von Rabb. Dr. Elk (München). Wir leben in einer Zeit, in der große Teile der deutschen Iudenheit beginnen, sich ihrer eigenen jüdischen Werte zu erinnern. Man fühlt, wie schmählich es ist, sich alle möglichen „Bildungen" anzueignen, in alle möglichen Kulturen einzudringen und einzig und allein den mütterlichen Boden zu vernachlässigen, aus dem, auch bei dem gleichgültigsten Juden, die besten Kräfte seiner Seele stammen. Man will den Namen Jude mit einem Inhalt erfüllen. Von überall her hört man Mahnungen und Vorschläge, wie wir den Religionsunterricht in der Schule vertiefen und fruchtbarer machen können. Die Gemeinden wenden dieser Aufgabe ihre besondere Aufmerksamkeit zu, in dem Bewußtsein, daß ihre Existenzberechtigung allein in der Pflege und Wahrung einer jüdisch-geistigen Kultur besteht. Ja, die Gemeinde wäre ein ganz zweckloses Gebilde, alle ihre Einrichtungen glichen leerlaufenden Maschinen, wenn sie nicht ihren Sinn und ihre Bedeutung in der Erhaltung und Bewahrung der religiösen Kultur sähe. Und gerade die Kreise, die immer wieder darauf Hinweisen, daß wir Religionsgemeinden und keine Volksgemeinden bilden, sie haben die doppelte Pflicht, nun durch die Tat zu erweisen, daß wirklich für sie das Religiöse, das Geistig-Kulturelle im Mittelpunkt ihres Denkens und Tuns steht. Synagoge und Schule sind das Zentrum der jüdischen Gemeinden von jeher gewesen, sie werden es auch künftig sein. Und doch, sie genügen dem heutigen Bedürfnis nicht mehr. Die Schule legt den religiösen Keim, sie vermittelt die ersten und unentbehrlichen Kenntnisse, aber daraus soll nun eine Frucht erwachsen, die elementaren Kenntnisse sollen erst Grundlage eines wirklich vertteften geistigen Erfassens werden. Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen — dieses Faustwort gilt ganz besonders für uns, gilt doppelt in jenen Jahren, da der Mensch aus eigener Einsicht .seine geistige Bildung mehrt und die verschiedenen Kulturströmungen in einer höhern Einheit zusammenfassen will. Die Synagoge kann diese Aufgabe nicht lösen, ihre Bedeutung liegt auch nicht darin. Für uns ist die Synagoge das Bethaus, die Stätte, in der die jüdische Seele in ihrer eigenen und besonderen Weise sich zum Letzten und Höchsten erhebt. Aber damit das überhaupt möglich ist, damit überhaupt so etwas erhalten bleibt, wie eine jüdische Seele und eine jüdische geistige Art, bedarf es einer vorbereitenden geistigen Arbeit, bedarf es eines Wissens. Das erkannten unsere Vorfahren sehr wohl und deshalb spielte für sie das „Lernen" eine so große Rolle. In jeder Gemeinde gab es und gibt e§ vielfach heute noch ein Beth-Hamidrasch, ein Lehrhaus, in dem die Erwachsenen in die religiösen Quellen eindringen. Die Zeiten haben sich geändert. Das, was unser» Vorfahren das Wesentliche war, das „Lernen", das Eindringen in den Talmud, ist aus dem Intereffenkreis der meisten geschwunden. Das Beth-Hamidrasch ist in unsern großen Gemeinden verschwunden und fristet sich nur noch im kleineren Kreise. Aber nun gilt es, diesen Beth-Hamidraschgedanken wieder lebendig zu machen, lebendig zu machen in jener Form, die dem jüdischen Bildungsbedürfnis der Gegenwart entspricht. Neben Synagoge und Schule ist das Lehrhaus das Dritte, was einer jüdischen Gemeinde den Stempel einer jüdischen Gemeinde gibt, was das Werk der Schule vollenden, was zugleich den geistigen Unterbau der Synagoge darstellen soll. Das Lehrhaus soll es jedem Erwachsenen ermöglichen, sein jüdisches Wissen zu erweitern, soll aber darüber hinaus, und das ist seine grundsätzliche Bedeutung, der geistigen Einheit der jüdischen Persönlichkeit dienen, dem jüdischen Külturelement den ihm gebührenden Platz im Ganzen der geistigen Bildung geben. Aber vergessen wir eines dabei nicht. Neben den ideellen Gründen, die zur Neubildung jüdischer Lehrhäuser drängen, sind es eminent praktische Motive, die auf dasselbe Ziel Hinweisen. Wie können wir als Minderheit, die wir laut polternden, oder was vielleicht noch schlimmer ist, unausgesprochenen Angriffen ausgesetzt sind, wie können wir vor uns selber bestehen, wie können wir den andern gegenüber bestehen, ohne das Wissen um uns selbst und um unsern Wert? In dem inneren und äußeren Kampfe, der keinem Juden erspart bleibt, ist das Wissen sein bester Panzer und sein bestes Schwert zugleich. Durch unsere Jugend geht ein Wille zu jüdischem Wissen und zu jüdischem Leben. Muß man den jüdischen Vätern und Müttern sagen, daß sie sich des Einflusses auf die Bildung und Gestaltung ihrer Kinder begeben, wenn sie ihnen nicht mehr auf den Wegen folgen können, die jenen die teuersten sind?! Nein, die Zeit drängt und fordert von allen Seiten nach einer neuen und vertieften Bildungsmöglichkeit für die Erwachsenen, nach dem jüdischen Lehrhaus. Die großen Gemeinden sind sich wohl ihrer Pflicht bewußt. In Berlin, Breslau, Frankfurt gibt es unter verschiedenen

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