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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1925-10-07 · 9 (7.10.1925) · p. Seite 179

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
1 (1925)
Issue
9 (7.10.1925)
Article
Artur Schweriner, "Ein verpfuschtes Leben?" [Rezension]
Date
1925-10-07
Page
Seite 179 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 9 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 179 ein dickes, kräftiges Fragezeichen beizusetzen. Wir bringen nachstehend einige Proben. Motto: Wandelhalle Bad Kissingen 1924. Er: Wissen Sie noch, wie wir vor 20 Jahren in Lippe gegen den Antisemitismus gekämpft haben? Ich: Ich weiß. Er: In der Jugend hat man noch Ideale. Heute bin ich glücklich, daß ich rechtzeitig Schluß gemacht habe. Ich habe ein gutes Geschäft (öffnet ein dreiteiliges Medaillon), eine liebe Frau ... I ch: Eine entzückende Frau... E r: Einen zwölfjährigen Jungen und ein zehnjähriges Mädchen — zwei bildhübsche, aufgeweckte Kinder... Ich: Ganz der Vater. E r: Und lebe mit meiner Familie in schönster Harmonie. Jetzt mögen andere kämpfen! — Welche Branche haben Sie? Ich: Ich kämpfe immer noch. Ich war usw. und ich bin heute usw. E r: Alle Hochachtung, aber — nehmen Sie es mir nicht übel — vom wirtschaftlichen Standpunkt aus gesehen ist Ihr Leben als Kämpfer doch ...ein verpfuschtes Leben. Aus der Vorkriegszeit. Freiherr v. G. in einer kleinen Dorfversammlung. Thema: Agrarische Zollpolitik. Die Liberalen weisen in der Aussprache auf die Belastung der Massen durch LebensmittelzöUe hin. Da zahlreiche Ziegler anwesend sind, mache ich ihnen klar, daß sie, die in der Zieglersaison hauptsächlich auf Bohnensuppe und amerikanischen Speck angewiesen sind, den Zoll auf ausländischen Speck am „eigenen Leibe" mehr als andere Konsumenten spüren. Freiherr v. G.: „Ich kann — äh! — meine Verwunderung nicht unterdrücken, daß der — äh! — jüdische Herr sich besonders für eine Frage zu interessieren scheint, die ihm — äh! — nach seiner Abstammung — äh! — doch durchaus fern liegen müßte." Äch: „Dann darf ich den Herrn Baron als meinen Glaubensgenossen begrüßen. Wenn jeder ein Jude ist, der noch keinen amerikanischen Speck gegessen hat, dann sind — äh! — Herr Baron auch ein Jude... Die Ziegler lachten, die Bauern schmunzelten. Der Herr Baron entzog mir „wegen frechen Gebarens" das Wort. Ein antisemitischer Amtsrichter hält seine Jungfernrede. Nach dem zweiten Satz stockt er. Die Linke ruft immer wieder laut: Hört! Hört!, wenn er weiter sprechen will. Der Arme ringt mit seiner Stimme, ringt mit sich und tritt leichenblaß ab. Der schlaue Liebermann von Sonnenberg erkennt die Situation, stützt den Lampenfieberkranken und führt ihn unter dem Gelächter der Linken aus dem Saal. Liebermann v. Sonnenberg, in den Saal zurückgekehrt, zur Geschäftsordnung: „Mein Fraktionskollege 3E. P. ist soeben von einer Herzbeklemmung auf der Tribüne ereilt worden, die es notwendig machte, daß er sich sofort in ärztliche Behandlung begeben mußte. Ich nehme an, daß die Herren dort drüben, die vorhin gelacht haben, sich jetzt ihrer Handlungsweise schämen werden!" (Eine Stimme aus dem Hintergrund): „Det is doch keene Herzbeklemmung, wenn einem det Herz in de Hose fällt, det is — Herzaweiterung!" In der reichstagslosen Zeit halte ich Vorträge über den „A n - teil der Juden an der Politik der letzten 50 Jahr e". Mein Weg führt mich nach einem schönen, weingesegneten Städtchen Bayerns. Nachmittags 3 Uhr erscheint eine Deputation bei mir: der Vorstand des Vereins für jüdische Geschichte und Literatur. „Ihr Wunsch, meine Herren?" „Heute abend wird uns in unserem Literaturverein", führt der Obmann des Vorstandes gewichtig aus, „eine große Ehre zuteil, die größte seit Bestehen des Vereins. Unser Bürgermei st er wird Ihrem Vortrage beiwohnen. Da ist uns so in den Sinn gekommen, Sie könnten in Ihrem Vortrag etwas über — Antisemitismus sagen." „Allerdings, meine Herren!" „Das dürfen Sie keineswegs, sonst müßten wir Sie bitten, über ein anderes Thema zu sprechen. Unser Bürgermeister weiß nämlich gar nicht, was Antisemitismus ist, und wir möchten nicht, daß ein Herr aus Berlin kommt und ihm klar macht, was Antisemitismus bedeutet." Während der Kriegsjahre gab es keine Parteien, es gab nur Deutsche. Ausbildung in einem weinseligen Rheinstädtchen. Notausbildung für Garnisondienstfähige. In Erwartung einer Besichtigung. Die Rekruten erhalten einzeln den letzten Schliff. Ich werde vor die Front gerufen. Der Herr Feldwebelleutnant: „Denken Sie, halt bin ich der General! Verstehen Sie?" Ich schweige. Dreimal wiederholt der Herr Vorgesetzte vermeintlich witzig die Frage und setzt schließlich hinzu, ob ich schwerhörig sei. „Ich verstehe nur deutsch, Herr Feldwebelleutnant!" „Also: Denken Sie, ich bin heut der General! Verstehen Sie jetzt?" „Jawohl, Herr Feldwebelleutnant!" „Was sind Sie von Beruf?" „Redakteur, Herr Feldwebelleutnant!" Ich hatte seitdem einen anständigen, wohlwollenden Vorgesetzten. Ein einziges Mal habe ich sonst recht Schweigsame redselig gesunden. An den Berliner Litfaßsäulen waren über Nacht von Bubenhand Sonderdrucke aus Knüppel-Kunzes „Deutschem Witzblatt" in Manneshöhe angeklebt worden. Da die Anschlagsäulen an ein Berliner Unternehmen verpachtet sind, das damit alleiniges Verfügungsrecht hat, war das Ankleben der Schmutzzettel strafbar. Am Halleschen Tor fand ich in aller Herrgottsfrühe drei jüdische Berliner, die ekel- und zornerfüllt das schändliche Gebaren solcher feigen Buben geißelten und berieten, was zu tun sei, Der eine meinte, man müsse einen Sipomann holen, damit dieser polizeiliche Feststellungen treffen lasse, wer das Plakat angeklebt habe. Der andere war der Ansicht, das wäre nicht genug;; man müsse sich direkt an die Staatsanwaltschaft wenden. Das Schmutzbild sei ein typischer Fall von Aufreizung zum Klassenhaß. Der Dritte wollte seinen Lehrling beauftragen, nachts schwarze Farbe über das Schandblatt zu streichen. Ein beherzter junger Mann traf hinzu und riß das Bild ab. Die Debatte war beendet. Die drei gingen schweigend von dannen. Vereine. Jüdischer Gesangverein München. Der I. G.-V. begeht das diesjährige Simchas Torahfest am 17. Oktober abends 8 Uhr im „Bayerischen Hof" durch einen „Bunten Abend" mit Tanz. Als Abschluß des Programmes, aus dem nur der rasch bekannt und beliebt gewordene Rezitator Bernhard Renka genannt sei, gelangt „Fortunas Lied", Oper in 1 Akt von Halery, Musik von Offenbach, zur Aufführung. — Da besondere schriftliche Einladungen diesmal nicht ergehen, verweisen wir auf die im Inseratenteil der heutigen Nummer erschienene Einladung, die sich an alle jüdischen Kreise Münchens richtet und der recht zahlreich nachzukommen auffordert die Vorstandschaft. Israel. Iugendhilse E. V. Einladung zu der am Dienstag, 20. Oktober 1925, nachm. 5 Uhr im Sitzungszimmer des Zentralvereins, Herzog-Max-Str. 5/1 Rg., stattfindenden Ordentlichen Mitgliederversammlung. Tagesordnung: 1. Entgegennahme des Jahres- und Kassenberichtes. 2. Entlastung der Vorstandschaft. 3. Neuwahl der Vorstandschaft. 4. Anträge. Die Vorstandschaft.

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