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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1925-10-07 · 9 (7.10.1925) · p. Seite 178

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
1 (1925)
Issue
9 (7.10.1925)
Article
Denkmalsenthüllung in Kleinsteinach
Date
1925-10-07
Page
Seite 178 (sequence 1)
Language
German
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178 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 9 Aus dem Verbände. Denkmalsenlhüllung in Kleinsieinach. Unter zahlreicher Beteiligung der Distriktsgemeinden, der hiesigen Gemeindebehörde, des hiesigen Kriegeroereins und des Kriegerverems von Westheim b. Haßfurt mit Fahnen fand heute auf dem hiesigen Distriktsfriedhofe die feierliche Enthüllung eines zu Ehren der im Weltkriege 1914—18 gefallenen 17 Heldenföhne der Distriktsgemeinden Kleinsieinach, Haßfurt, Hofheim, Schonungen und Westheim statt. Nach Absingen des „Enofch kechozir jomoo"-Psalm 103, B. 15 bis 17 durch Lehrer Blumenthal aus Hofheim hielt der Distriktsrabbiner Dr. Ksinski aus Burgpreppach die tiefdurchdachte, eindrucksvolle Gedächtnisrede, in welcher derselbe die Vaterlandsliebe und den Heldenmut der Juden zu allen Zeiten, trotz vielfacher Schmähungen und Zurücksetzungen besonders hervorhob unter Zugrundelegung der Textworte: Ech noflu gibaurim.... Daran schloß sich das Seelengebet für die Gefallenen an, vorge-. tragen durch Lehrer Löw, dahier. Hierauf folgte die Übernahme des Denkmals für den Friedhofsbezirk durch Lehrer Blumenthal mit dem Gelöbnis, dasselbe zum Tröste der schwergeprüften Familien der Gefallenen — darunter die 2 Söhne und Ernährer einer greisen Witwe aus Hofheim — stets in Ehren zu halten. Zum Schluffe brachte noch der 2. Bürgermeister, Lehrer Bertig dahier die besonderen Sympathien der hiesigen Gemeinde für die unter ihr lebenden jüdischen Glaubensgenossen und die hervorragenden Leistungen der Gefallenen zum Ausdrucke unter Zugrundelegung der Worte: „Wenn Tote schweigen, reden Steine und schloß mit der Mahnung, das gute Einvernehmen unter den hiesigen Konfessionen auch fernerhin stets aufrechtzuerhalten. üitzingen. Herr Distriktsrabbiner Dr. Wohlgemuth, Kitzingen, hat den ehrenvollen Ruf an die Berliner jüd. Gemeinde nicht angenommen, wie ursprünglich gemeldet war, sondern abgelehnt Am 10. September veranstaltete die israelitische Kultusgemeinde Kitzingen einen Festabend zu Ehren des Herrn N a p h t a l i Bamberger, der fein 25jähriges Ortsjubiläum als Religionslehrer und Kantor feierte. Der 1. Vorstand, Herr Isidor Ullmann, gedachte in herzlichen Worten des Jubilars und überreichte ihm als äußeres Zeichen der Anerkennung ein wertvolles Ehrengeschenk der Gemeinde. Herr Distriktsrabbiner Dr. Wohlgemuth ging in längerer Rede auf die vorbildliche und gewissenhafte Amtsführung von Herrn Bamberger ein. Vorträge und theatralische Darbietungen brachten den Abschluß des schönen Abends. vücherfchau. Die sittliche Welt des Judentums. Von Dr. A. Eckstein (Bamberg). Es gibt Faknilien, in denen ein Kleinod mit wärmster Liebe und Pietät aufbewahrt und gleichsam als Talisman vererbt wird von Geschlecht zu Geschlecht. Mehrhunderljährige Erinnerungen knüpfen sich an ein solches Erbgut und Empfindungen werden wach bei seinem Anblicke, die.zu >den schönsten und edelsten des Menschenherzens gehören. Je älter ein solcher Gegenstand geworden, desto höher ist sein Wert gestiegen, und je mehr die Zeit gedunkelt'hat seinen Glanz, desto glänzender ist der Nimbus geworden, der auf ihm ruht. Wir Israeliten sind eine Familie, welche eins der köstlichsten Kleinodien der Menschheit besitzt, dessen Alter hinaufragt bis in die Kindestage der Menschheit und bis zu den Ursprüngen derjenigen Völkergemeinschaften, von denen die ersten Lichtstrahlen -er allgemeinen Geistesbildung ausgegangen, und das ist die B i b -e l, das von unseren Vorfahren ererbte Geiftesgut, das am meisten unter allen Werken der Weltliteratur beigetragen hat zum allmählichen Aufbau einer religiös-sittlichen Welt, jene altehrwürdige Krone, deren Hoheit und Erhabenheit alle Angriffe anftürmender Aufklärer und alle Umwälzungen der Welt- und Geistesgeschichte nicht haben herabsetzen und herabmindern können. Kant schrieb im Jahre 1796 folgende Worte: „Die Bibel ist mein edelster Schatz, ohne welchen ich elend wäre. Zuverlässige Regeln, wie Menschen und ganze Staaten zu aller möglichen Glückseligkeit gelangen können, sind nur in der Bibel zu finden. Richtet euch nach der Anweisung der Bibel ein, so werdet ihr zu Bürgern eines euch treulich versorgenden Vaterlandes werden, ja nicht nur das Vaterland eurer Mitbürger, sondern auch alle Erdenbewohner werdet ihr brüderlich lieben und euch ihre Gegenliebe zu versprechen haben...." Wie verhält sich nun die israelitische Familiengemeinschaft der Gegenwart zu ihrem uralten Erbgut? Verdient es Israel noch, da6 Volk der Bibel genannt zu werden? Darauf antwortet Prof. Ziegler- Karlsbad im Vorwort einer unlängst von ihm erschienenen Schrift mit folgender Äußerung: „Die Bibel ist dem modernen Juden ein Buch mit sieben Siegeln geworden. Er besitzt sie nur selten in seiner Bücherei, ließ sie noch seltener, ein Mentor seines Lebens ist sie ihm nicht mehr." Diese Behauptung ist geradezu erschreckend. Denn, wenn die Bibel dem modernen Juden ein Buch mit sieben Siegeln geworden ist, wenn wir nicht mehr die Erhalter und Verwalter eines geistigen Erbgutes für die Menschheit sind, wozu dann das Martyrium des Judeseins und was nützen uns dann die großen Opfer, welche die ins Leben gerufenen Verbände bringen zur Erhaltung leistungsschwacher Gemeinden und ihrer kulturellen Einrichtungen? Glücklicherweise kann ja diese Behauptung in ihrer Verallgemeinerung eine ungeheuerliche Übertreibung genannt werden. Zahllose Juden gibt es noch auf dem Erdenrunde, die so modern sind, die Bibel nicht bloß in ihrer Bücherei zu besitzen, sondern sie noch als eine -Quelle des Lebens zu benutzen, aus der sie Erbauung und Belehrung schöpfen. Aber es ist leider auch eine unbestreitbare Tatsache, daß eS viele und allzuviele Juden gibt, die auf allen Gebieten des Wissens und der Bildung sich heimisch fühlen und denen das Erbgut rhrer Familie eine terra incognita ist. DaS ist aber nicht bloß ein Mangel an Allgemeinbildung, ein Verlust an Gemütswerten, das bedeutet bei allem sonstigen Reichtum eine Verarmung des Geistes, -eine Verödung des Innenlebens, die bedenklichste Verfallserscheinung im neuzeitlichen Judentum. Da ist jeder Versuch, der unternommen wird, um den Ewigkeitswert der biblischen Kronjuwelen in ihrem nimmer bleichenden Glanze darzustellen und sie dadurch denen näher zu bringen, denen sie einst zur Obhut anvertraut wurden, dankbarst willkommen zu heißen, und diesem Zwecke dient der 1. Teil einer auf 3 Bände berechneten Schrift, die Prof. Ziegler unlängst hat erscheinen lassen: „D i e sittliche Welt des Judentum6?) Arkur Schweriner, „Ein verpfuschtes Leben?" Wenn jemand sein Leben im politischen Kampfe zugebracht hat und sich die Dinge nicht bloß vom grünen Tisch aus betrachtet, sondern sie in praktischer Arbeit aus unmittelbarer Nähe mit allen Häßlichkeiten und Unannehmlichkeiten gesehen hat, wenn Artur Schweriner dabei Mut und Humor nicht verlor, hat er ein Recht, dem Titel seines Buches „Ein verpfuschtes Leben?" (erschienen im Verlag „Der silberne Leuchter", Berlin-Tempelhof, Preis 3.— J() H Herausgegeben von der Grahloge X 1. U.O.B.B. für den tschechoslowakischen Staat Verlag von W. M. Kaufmann, Leipzig.

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