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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1925-10-07 · 9 (7.10.1925) · p. Seite 175

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
1 (1925)
Issue
9 (7.10.1925)
Article
Sukkot
Date
1925-10-07
Page
Seite 175 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 9 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 175 n i 3 o Der große Tag der Sühne, welcher die schwere Last der Sünde, welche Herz und Gemüt bedrücken, auslöft, fteht hinter unö; ihm folgt ein Fest, daS in der Schrift als ein Fest der Freude bezeichnet wird. Doppelte Freude bringt es uns: Neben dem Segen der vorangegangenen Versöhnung die Befriedigung über den Ertrag der Ernte. Mehrere Verordnungen sind es, welche die heilige Schrift an diesem Feste uns auferlegt. Wir sollen in Hütten unser Heim aufschlagen, mit der Begründung: „Damit es eure Geschlechter erfahren, daß ich in Hütten habe wohnen lassen die Kinder Israels, wo ich sie herausführte aus Mizrajim." Was uns hier vor Augen geführt wird ist so klar zum Ausdruck gebracht, daß wir nicht näher darauf einzugehen nötig haben. Dagegen erscheint es angebracht, die anderen Feftesgebräuche eingehender zu würdigen. Vier Fruchtarten sind es, welche unseren Feftesstrauß bilden. Esrog, Myrte, Palme und Bachweide; eine Zusammenstellung, welche uns ein treffliches Bild als Mahnung bietet. Die schöne hohe Palme und die mindere einfache Bachweide, eine Lehre für Jeden, möge er noch so hoch im Leben daftehen, den weniger beglückten Bruder nicht hochmütig zu behandeln. Zu ihnen gesellt sich das liebliche Esrog und die sanfte Myrte, welche beide durch ihren wohltuenden Duft ein Symbol der Milde und des Wohlwollens darftellen. Gibt es ein herrlicheres Bild, als diese Zusammenstellung? Einigkeit im Volke, gegenseitiges Verstehen ist die Deutung des Feftstraußes; die Forderung und Lehre, welche wir daraus ziehen sollen. Ein weiteres herrliches Symbol führte uns eine Feftesvorschrift vor Augen, eine Vorschrift, welche jedoch nur zur Zeit, als der Tempel bestand, zur Geltung kommen konnte. Am Hüttenfeste wurden siebzig Stiere als Opfer der gesamten Gemeinde auf dem Altar des Heiligtums dargebracht. Diese siebzig Sttere wurden geopfert für das Wohlergehen, das zeitliche Glück und ewige Heil aller Nationen, wie unsere Weisen erklären. Bei allen Verfolgungen, unter allen Bedrückungen hat Israel immer dem Wohle des Landes, das seine Heimat war, gedient. Im Gegensatz zu anderen Religionen bekennen wir, daß jeder wahrhaft Gerechte Teil hat an der künftigen Seligkeit. Sehr schöü drückt dies Iehuda Ha-Levi im Kusari aus: „Wir sind nicht so grausam irgend einen Menschen, von welcher Nation er auch sei, den himmlischen Lohn für seine guten Taten abzusprechen." Mit solchen Gedanken beschließen wir die Reihe unserer Feste im Tischri. Möge ein fruchtbarer Regen, um welchen wir am Schlußfest bitten, der Menschheit zum Segen gereichen und als Symbol einer glücklichen Zukunft gelten. Amitai. Vas vegräbnis Sigmund §raenkels Herbstlich leuchtete das Laub im alten Sendlinger Friedhof, als maü Sigmund Fränkel zur letzten Ruhe geleitete. Eine große Anzahl von Trauernden hatte sich eingefunden, sowohl aus dem engeren Verwandten- und Freundeskreis, wie auch aus dem weiteren Kreis der Gemeinde und darüber hinaus aus dem großen Kreis, mit dem der Verblichene durch seine unermüdliche Tätigkeit auf so vielen und mannigfaltigen Gebieten in Beziehung getreten war. Unter den Trauergästen fand sich auch der Staatsminifter v. Meinel deö Handelsministeriums ein. Rabbiner Dr. Ehrentreu wies in seiner Gedächtnisrede darauf hin, daß binnen kurzem das Fest der Freude, das Laubhüttenfest, gefeiert werde. Kurz vorher habe man nun einen der Besten verloren. Das Religionsgesetz verbiete, in diesen Tagen eine Trauerkläge anzuftimmen, eS gebiete Äußerungen der Trauer zu unterdrücken. Auch liege es nicht im Sinne des Verstorbenen, eine Trauerfeier an dieser Stelle zu veranstalten. An der Stätte dagegen, wo der Verstorbene so oft gewirkt habe und die als seine eigentliche Gründung anzusprechen sei, in der Synagoge Ohel Jacob, beabsichtige man eine Trauerfeier zu veranstalten. Heute wolle er mit einem kurzen Gebete schließen. Anschließend ergriff im Namen der Israelitischen Kultusgemeinde München und des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden Oberlandesgerichtsrat Dr. Neumeyer das Wort. Er führte etwa aus: Dem Verblichenen bringt seine Gemeinde den letzten Gruß. Sigmund Fränkel war eine Persönlichkeit, eine Willensstärke, geiftesgewaltige, schöpferische Persönlichkeit, getragen von einer hohen sittlichen Idee. Wenn wir versuchen, diese Persönlichkeit zu entfalten nach der Seite ihrer Betätigungen, so drängt sich uns eine Fülle der Erscheinungen entgegen, die wir kaum zu meistern vermögen: Der große Kaufmann, der weitblickende deutsche Wirtschaftspolitiker, der Gelehrte, der Schriftsteller und Redner, der treubesorgte Hausvater, der eine blühende Familie sein Eigen nannte, der Menschenfreund und soziale Helfer, der sich einen eigenen Sekretär halten mußte, um die Menge der an ihn herantretenden Anliegen bewältigen zu können. Und doch fehlt in dieser Zeichnung noch die bestimmende Linie, es fehlt der Wirkungskreis, dem er mit seinem ganzen Herzen angehangen ist — die Arbeit, die Fürsorge für seine Gemeinde. Fränkel war Mitglied des Vorstands der Gemeinde, Vorsitzender des Ritualausschusses, Mitglied deS Finanzausschusses, Mitglied des Rats im Verbände der Kultusgemeinden deS Landes. Er bekleidete Ehrenstellen in zahlreichen Körperschaften und Vereinen. Es gab Zeiten, in denen er geradezu als Revräsentant der Gemeinde und der bayerischen Juden anzusehen war. Durch vier Generationen mit dem Münchener Boden verwachsen. in angesehener beruflicher Stellung, ein tteuer und erfolgreicher Berater deutscher Wirtschaft, stellte er die Synthese zwischen dem deutschen Staatsbürger und seiner Bekenntnisgemeinschaft dar, ein Einklang, der uns Männern der älteren Generation natürlich und selbverftändlich ist. Von diesem Standpunkt war er im besonderen Maße berufen, die Fahne seines Glaubens bochzuhalten und zu verteidigen, mochte er auck persönlichen Verunglimpfungen dabei ausgesetzt sein. Schon ftühzeitig, noch unter der Herrschaft des alten StaatSkirchenrechtes, erkannte er die Notwendigkeit einer Organisation der bayerischen Iudenheit und leistete hierbei die wertvollsten Arbeiten, insbesondere auf dem Gebiete des Finanzrechtes. In den Körperschaften, denen er angehörte, streute er eine verschwenderische Fülle von Anregungen aus, die vielfach zum Er-

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