Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 1 (1925)
- Issue
- 8 (10.9.1925)
- Article
- Der Tischri-Monat
- Date
- 1925-09-10
- Page
- 154 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2727810-2727811-2727819-2728991--00449-2729021- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
154 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 8 Versöhnung. „Vor dem Ewigen, Eurem Gott sollt Ihr rein werden." Es zeugt von tiefstem Verständnis für das Seelenleben, wenn die Feiertagszeit mit diesen erhabenen Tagen nicht beendet ist, vielmehr die neu erworbene Reinheit der Seele nun in der Freudenzeit des Laubhüttenfestes gewahrt werden soll. Es ist leichter, seelische Höhen zu erringen und innezuhalten an den Tagen, die uns von dem Treiben der Welt fern halten als dann, wenn daS Leben mit all seinen Freuden und Lockungen uns umrauscht. Für uns liegt das Paradies denn doch nicht nur in der Vergangenheit oder in der stillen, weltfernen und weltfremden Klause; die Freuden des Lebens sittlich zu adeln und mitten im Leben die Reinheit der Seele zu erhalten, das ist der Sinn der Sukkaus-Feier nach Iaum Hakippurim. Darum klingt der Tischri-Monat im SimchaS Tauro auS: sittlich-religiöser Ernst mitten in der höchsten Freude und höchste Freude eben nur deswegen, weil und wenn sie von sittlichem Ernst durchleuchtet ist; das ist Endziel jüdischen Strebens. Es ist nicht verwunderlich, wenn das Gedankenwerk der Tischri-Zeit immer noch auf breite Kreise unserer Gemeinschaft tiefe Wirkung ausübt und viele von denen in unsere Gotteshäuser führt, die sonst vergebens in ihnen gesucht werden. An diesen Tagen erwacht doch in vielen das letzte Restchen Mischen Fühlens, das in ihnen lebt und treibt sie der Gemeinschaft zu, der sie sich sonst im Laufe des Jahres entfremden... Ein schweres Problem harrt in der deutschen Iudenheit feiner Lösung. Ich meine nicht die Sorgen, die die Außenwelt uns auferlegt; Erhaltung der Iudenheit, Fortpflanzung jüdischen Geistes ist Gegenstand ständigen Mühenö für die, denen Judentum und jüdische Art am Herzen liegt. Wohl ist eö in unserer Mitte in mancher Hinsicht bester geworden; neues Leben ist in einem großen Teile unserer Jugend erwacht; in unseren Organisationen ist manch Keimchen segensreicher Zukunft erwachsen. Dennoch dürfen die fortschreitenden Niedergangserscheinungen nicht übersehen werden, die den Körper der Iudenheit bis ins Mark angreifen. Möge der kommende Tischri uns nicht nur als Einzelpersonen, sondern auch in unserer Gesamtheit ein wenig weiter führen auf dem Wege zur Wiedererringung der reinen jüdischen Seele. Der jüdische Kalender Von Dr. Josef P r y s in München. Die Elemente, aus denen sich der jüdische Kalender zusammensetzt, sind der Tag, der Monat, das Jahr und der Iahreszyklus (IahreskreiS, IahreSreihe). Jeder Monat kann nur aus einer bestimmten Anzahl voller Tage, jedes Jahr nur aus einerbestimmten Anzahl voller Monate bestehen, während sich ein Iahreszyklus aus einer bestimmten Anzahl voller Jahre zusammensetzt. Keine Einheit des Kalenders sind Stunden, Minuten u. s. w., sowie die Woche. Teile des Tages (Stunden usw.) werden vielmehr nur durch Rechnung gewonnen und dienen auch nur rechnerischen Zwecken, finden aber im Kreislauf der Gestirne keinen sichtbaren Ausdruck. Wochen hinwiederum bilden eine religiöse, keine kalendarische Einheit, der Kalender schreitet über sie hinweg, ohne sie zu bemerken: weder der Monat, noch das Jahr muß eine bestimmte. Zahl voller Wochen enthalten, wenn auch, wie wir sehen werden, hauptsächlich aus religiösen Gründen der Wochentag, auf den ein bestimmtes Datum oder kalendarisches Ereignis fällt, eine Rolle spielt. Monate finden wir auch in unserem bürgerlichen Kalender, dem das reine Sonnenjahr zugrunde liegt, und wie schon der Name sagt, werden sie dem Grunde nach so wie der jüdische Monat durch den Mondumlauf bestimmt. Allein während der bürgerliche Kalender die Differenz eines Sonnenjahres von 365 Tagen gegenüber 12 Mond-Monaten mit insgesamt 354 Tagen, also 11 Tage, auf die 12 Monate verteilt und sie statt abwechselnd mit 29 und 30 Tagen mit 30 und 31 Tagen ausstattet, muß im jüdischen Kalender der Mond-Monat beibehalten werden. Andererseits aber müssen anders als bei den Mohammedanern einzelne Zeiten des auf diese Weise entstehenden Mond-Jahres aus später zu erörternden Ursachen in bestimmte Jahreszeiten des Sonnenjahres fallen, sodaß eine Angleichung des jüdischen Kalenders an das Sonnenjahr notwendig wird. Mit anderen Worten: nach dem Monde richtet sich die Länge der Monate, nach der Sonne aber die Länge der Jahre. Das System unseres Kalenders ist somit ein gemischtes, wie es sich aus dem verschiedenen Kreislauf des Mondes und der Sonne ergibt. Sem Problem ist ein doppeltes: 1. Wieviel Tage müssen die einzelnen Monate und 2. wieviel Monate müssen die einzelnen Jahre zählen? Zunächst der M o n a t und seine Grundlage, die Umlaufözeit des Mondes. Des leichteren Verständnisses wegen betrachtet man dabei, nachdem rechnerisch dasselbe Ergebnis zutage tritt, die Erde als feststehend, Sonne und Mond bewegen sich um sie. Dann vollzieht sich der Umlauf des Mondes um die Erde langsamer als der der Sonne. Wenn heute z. B. Sonne und Mond gleichzeitig untergehen, so bleibt der Mond innerhalb der nächsten 24 Stunden, während also die Sonne eine Umdrehung um die Erde macht, bereits so weit hinter der Sonne zurück, daß er erst ungefähr 50 Minuten später untergeht. Nach zwei Tagen beträgt der Unterschied bereits gegen 100 Minuten, nach 14 bis 15 Tagen geht dann der Mond etwa 700 Minuten oder ungefähr 12 Stunden später unter als die Sonne, d. h. wenn die Sonne untergeht, geht der Mond auf. Sonne und Mond stehen sich gegenüber, wir haben Vollmond. In der zweiten Hälfte des Monats geht dann der Mond erst nach Sonnenuntergang auf, gegen Ende des Monats erst gegen Morgen, bis nach Ablauf von ungefähr 29*/-' Tagen die Sonne den Mond „eingeholt" hat. In der Gegend der Erde, für die die Überholung bei Tag ftattfindet, sieht man den Mond nicht, weil die Sonne gleichzeitig scheint und zwar steht sie bekanntlich in viel größerer Entfernung von der Erde als der Mond, so daß die von der Sonne beleuchtete Seite des Mondes, der sein Licht ja nur von der Sonne erhält und nur als ihr Spiegel wirkt, uns abgekehrt ist. Die Antipoden dagegen, für die es Nacht ist, sehen beide Gestirne nicht, weil sie unter ihrem Horizont stehen. Der Mond ist unsichtbar — es ist N e u m o n d. Mit diesem Naturvorgang hängen übrigens Sonnen- und Mondfinsternisse aufs engste zusammen. Sollte nämlich im Augenblick des Neumonds der Mond so stehen, daß er auf einer geraden Linie zwischen Erde und Sonne steht, so wird die Sonne mehr oder weniger verdeckt: Wir haben Sonnenfinsternis. Eine solche kann also nur zu Monatsanfang (Rosch Chodesch) stattfinden, wogegen eine Mondfinftern i S nur in der Mitte des Monats eintreten kann, wenn Sonne