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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1925-08-18 · 7 (18.8.1925) · p. Seite 115

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
1 (1925)
Issue
7 (18.8.1925)
Article
Antisemitischer Sturm im Reichstag - Ablehnung des völkischen Antrags auf Abbau aller Juden im Reichs- und Staatsdienst [Nachricht]
Date
1925-08-18
Page
Seite 115 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 7 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 115 Kurt (Steuer und Lewin aus Moskau. Alles waren Juden. Die Mißwirtschaft in den Kriegsgesellschaften und jetzt in den Deutschen Werken ist hauptsächlich aus jüdische Drahtzieher zurückzuführen." (Scharfe Protestrufe links.) Dr. Frick stellte im Namen der völkischen Fraktion den Antrag auf Abbau aller Juden und anderer Beamten, die aus parteipoli-, tischen Gründen in ihre Stellung gelangt seien. Der Antrag wurde abgelehnt. Der demokratische Abgeordnete Schuldt-Steglitz nahm das republikanische Beamtentum gegen die völkischen Angriffe in Schutz und wies u. a. daraus hin, daß Frick selbst Beamter in der Republik als Polizeipräsident von München gewesen ist. Frick habe sich durch seinen Vorstoß gegen die sittliche Pflicht des deutschen Beamtentums vergangen, daß der Beamte zu dem Staate stehe, dem er diene. — Im Verlaus der Debatte befleißigten sich die Abgeordneten fortwährender antisemitischer Zwischenrufe wie „gehen Sie nach Palästina" usw. Nach Ablehnung des völkischen Antrags rief Abg. v. Graefe: „Sieg des Terrors des jüdischen Heimkriegerbundes". Iudenausrokkungspläne der Völkischen in Mecklenburg. Berlin (J.T.A.). Die gesamte demokratische Presse Deutschlands fordert die Veröffentlichung des Protokolls über den in Mecklenburg geheim durchgeführten Feme-Mordprozeh, der bekanntlich mit der Verurteilung von 4 Völkischen zum Tode wegen Feme- Mords und anderer zu Gefängnisstrafen geendet hat. Es wird darauf hingewiesen, daß durch die Geyeimverhandlung vor Gericht die Öffentlichkeit in Unkenntnis bleibt über gefährliche Umtriebe, gegen die sie sich schützen muß. Die sozialdemokratische Reichstagsfraktion hat eine Interpellation an den Reichskanzler eingebracht, in welcher der Herr Reichskanzler aufgefordert wird, dem Reichstag den dem Urteil zugrunde liegenden Tatbestand bekanntzugeben. Das „Berliner Tageblatt" vom 18. Juli bringt ein ausführliches Telegramm ihres Korrespondenten in Wismar, der einiges Licht in die Angelegenheit bringt. Es heißt u. a.: Die Vorgänge im Herbst 1923 waren Gegenstand eingehender Erörterung in der zehntägigen Verhandlung hinter verschlossenen Türen vor den Schweriner Geschworenen. ... Es sind bis ins kleinste organisierte Formationen, sogenannte „Arbeiterkolonnen", im hiesigen Volksmund als „schwarze Reichswehr" bez. „Roßbacher", geschaffen worden, die hier in Mecklenburg auf das „Signal des Losschlagens" warten sollten. Im Programm stand: „Unter Losschlagen ist zu verstehen: Entfesselung des Bürgerkrieges, Ausplünderung der Kaufmannsläden, Niedermetzelung der Juden usw." Robert Kahn 60 Jahre all. Berlin (J.T.A.). Professor Robert Kahn, der angesehene Berliner Tonkünstler, wurde am 21. Juli 60 Jahre alt. Kahn, ein Schüler von Brahms, wurde von Joachim nach Berlin berufen und hat sich im deutschen Musikleben, als auserlesener Pianist und als Lehrer an der Berliner Hochschule, eine große Stellung errungen. Sein Bruder ist der in der ganzen Welt bekannte New Parker Bankier Otto H. Kahn, sein Nesse der Leipziger Generalmusikmeister Gustav Brecher. Nationalsozialistische Plakate durch den Rektor der Universität Jena entfernt. Berlin (J.T.A.). Aus Weimar wird gemeldet: Eine kleine Anfrage der Nationalsozialistischen deutschen Arbeiterpartei im Thüringer Landtag wendet sich gegen die Entfernung von öffentlichen Einladungen der Nationalsozialistischen Studentengruppe durch den Rektor der Universität Jena, der die Entfernung mit seiner Pflicht die jüdischen Studenten zu schützen, begründet hat. Professor Dr. Adolf Lazarus gestorben. Am 21. Juli abends ist in Berlin nach längerem schweren Leiden Professor Dr. Adolf Lazarus gestorben. Prof. Lazarus war in wissenschaftlichen Kreisen wegen seiner erfolgreichen Forschungstätigkeit sehr geschätzt und in weitesten Kreisen des Publikums als glänzender Arzt verehrt. Er war 1867 in Prenzlau geboren, hatte in Breslau und Leipzig studiert. Von 1891 bis 1892 war er Assistent bei Paul Ehrlich in Berlin, dem er bei der Erforschung von Krankheiten des Blutes half; wegen dieser Forschungen erhielt er zum Unterschied von anderen bedeutenden Ärzten seines Namens den Beinamen „Blut-Lazarus". — 1900 habilitierte er sich an der Berliner Universität als Privatdozent für innere Medizin, 1907 erhielt er den Professor-Titel. Er veröffentlichte eine Anzahl wissenschaftlicher Untersuchungen über Cholera-Epidemie und über Blutkrankheiten, 1898 in Nothagels Handbuch mit Paul Ehrlich zusammen den Band „Normale und pathologische Hystologie des Blutes", von dem mehrere Auflagen erschienen sind. Er veröffentlichte später noch viel beachtete Schriften über „Klinik der Anämien" und „Mycloide Leukämie", sowie „Physikalische Therapie bei Anämie, Chlorose und Skrofulöse", und für die deutsche Klinik „Blut und Blutuntersuchung". Weiteste Beachtung fand seine im Ricola-Verlag erschienene Biographie seines berühmten Lehrers Paul Ehrlich. Die Bestattung des hervorragenden Klinikers fand am 24. Juli, 10 Uhr vormittags, von der alten Halle des Jüdischen Friedhofs zu Weißensee statt. Max Liebermann's 78. Geburtstag. Berlin (J.T.A.). Auf seinem Sommersitz in Berlin-Wannsee hat Prof. Max Liebermann seinen 78. Geburtstag begangen. Von der schweren Erkrankung des letzten Winters und ihren Folgeerscheinungen hat sich der Künstler wieder völlig erholt, so daß er seiner künstlerischen Tätigkeit weiter obliegen kann. katholikenhehe auf Borkum in Ermangelung von Juden. Berlin (J.T.A.). Das „Berliner Tageblatt" schreibt: „In einem seiner Hergeret-Romane berichtet Anatole France von einer antisemitischen Vereinigung, die an einem kleinen französischen Orte gegründet wurde und sich, da es an diesem Orte keine Juden gab, zunächst der Bekämpfung der Protestanten widmete. Entsprechendes begibt sich jetzt aus Borkum. An die Stelle der Judenhetze tritt dort jetzt eine Art Katholikenhetze. Der bekannte Pfarrer Münchmeyer hielt kürzlich wieder einen Vortrag. Einleitend behauptete er, es sei unzutreffend, daß er nach Vertreibung der Juden von der Insel jetzt die Katholiken forthaben wolle und deshalb eine Hetze gegen sie betreibe. Tatsächlich war aber sein Vortrag nichts als eine fortgesetzte Schmähung der katholischen Kirche und des Papstes. Münchmeyer führte aus, Frankreich arbeite im Bunde mit Rom an der Zerstückelung Deutschlands. Bei der Besetzung Oberschlesiens und im Abstimmungskampf habe die Kirche bewußt polnische Propaganda getrieben. Der Kardinal Ratti sei als der größte Polenfreund und Deutschenhasser in ganz Oberschlesien bekannt. Zum Dank dafür sei er jetzt Papst geworden." Dazu ist zu bemerken, daß verschiedene katholische Vereinigung ■: auf der Insel Borkum eigene Erholungshäuser haben und am') ein Erholungsheim für katholische Pfarrer dort besteht. Zenlralwohlfahrtsslelle der Deutschen Juden. Von der Zentralwohlfahrts stelle der deutschen Juden wird uns folgendes mitgeteilt: Die neue Fürsorgegesetzgebung und deren praktische Bedeutung für die jüdische Arbeit, sowie die innere Ausgestaltung der jüdischsozialen Fürsorge selbst, stellen heute große Anforderungen an die Träger der jüdisch-sozialen Arbeit. Um diese zu schulen und über alle bestehenden Einrichtungen und alle Zuständigkeitsfragen möglichst eingehend zu informieren, hat die Zentralwohlfahrtsstelle sich entschlossen, vom 6.—9. September 1925 einen Kursus für praktische soziale Arbeit in Berlin zu veranstalten. Sie will mit diesem Kursus vielfach geäußerten Wünschen und Anfragen entgegenkommen. Der Lehrplan sieht Vorlesungen und Besprechungen über die Organisation der allgemeinen Wohlfahrtspflege vor. (Die Durchführung der Verordnung über die Fürsorgepflicht in den Großstädten. Die Durchführung des Reichsjugendwohlfahrtsgesetzes auf Grund vorliegender Satzungen. Die Mittelbeschaffung.) Die Organisation der jüdischen Wohlfahrtspflege. (Aufbau und Zusammensetzung eines jüdischen Wohlfahrtsamtes und eines Provinzialbezw. Landesverbandes für jüdische Wohlfahrtspflege. Ausbildung und Anstellung jüdischer Sozialbeamter. Wirtschaftliche Fürsorge, Gesundheits- und Erholungsfürsorge, Gesährdetenfürsorge und Berufsfürsorge unter Berücksichtigung der örtlichen Verhältnisse. Die Durchführung von überlokalen jüdischen Organisationen.)

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