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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1925-08-18 · 7 (18.8.1925) · p. Seite 110

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
1 (1925)
Issue
7 (18.8.1925)
Article
Im Monat Aw
Date
1925-08-18
Page
Seite 110 (sequence 2)
Language
German
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110 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Dur. 7 9. Aw die Römer in den Tempelbezirk eindringen. Ein römischer Legionär wirft die Brandfackel in den Tempel und so geht zum zweiten Male der religiöse Mittelpunkt des Volkes in Flammen auf. Das Judentum war damit nicht vernichtet, wie Titus und seine Römer wohl glaubten. In seinen Lehrhäufern hat es sein Leben weitergelebt, immer voller Hoffnung, daß der Tempel in absehbarer Zeit wieder aufgebaut werde. Und wirklich, Kaiser Hadrian gibt die Erlaubnis dazu. Doch er zieht fein Versprechen zurück, und Nun erhebt sich im Jahre 132 das Volk zum letzten Verzweiflungskampf unter der Führung des Bar-Kochba, in dem viele den Messias sahen. Was konnte das kleine Judäa gegen das mächtige Rom ausrichten? Nach jahrelangem, wechselvollem Kampfe gelingt es dem bedeutendsten römischen Feldherrn der damaligen Zeit, Julius Severus, den Rest des jüdischen Heeres unter Bar-Kochba in der Festung Bethar einzuschließen. Am 9. Aw des Jahres 139 fällt Bethar und die harte hadriamsche Verfolgung setzt ein, die das Judentum mit Stumpf und Stiel ausrotten sollte. Auch diese Verfolgung hat das Judentum überftanden, aber der 9. Äw des Jahres 135 hat das geistige Gepräge der Religion doch tief beeinflußt. Nun erst war man sich klar, daß durch eigene Hilfe oder gar durch die Gewalt der Waffen die Unabhängigkeit und die Wiedererrichtung des Tempels nicht zu erreichen wären. Alle Hoffnung richtet sich auf den Messias, der dereinst das Werk vollenden soll. Die Schilderungen von den Nöten und Leiden und Kämpfen, die der messianischen Heilszeit vorangehen, schöpfen zum großen Teil aus den furchtbaren Erlebnissen der damaligen Zeit. Jetzt wird der 9. Aw zum Tag beständiger Trauer; man findet schon im ältesten Bibelwort eine Andeutung für seine Feier. Und doch, er ist-nicht bloß ein Tag müßigen KlagenS. Es ist bezeichnend für den Geist unserer Religion, daß für sie der Tag der Trauer zu einem Tag der innneren Selbstkritik wird. Man findet' schwerlich anderswo eine Gemeinschaft, die alljährlich an ihrem größten Unglückstage sagt: Wir sind die Schuldigen. „Was klagt der Mensch in seinem Leben? Wir wollen unfern Wandel erforschen und zu Gott zurückkehren. Wir wollen unser Herz samt unfern Händen zu Gott im Himmel erheben." (Klaget. 3, 39.) Nur aus einer solchen Gesinnung konnte jene Hoffnung erwachsen, die den Trauermonat zu einem Troftmonat gestaltet. Derselbe 9. Aw, an dem das Judentum von Unglück über Unglück heimgesucht wurde, soll zugleich sein höchster Freudentag werden. Am 9. Aw soll einst per Messias geboren werden und wenn er die Erlösung gebracht hat, dann soll der Fasttag wieder zum Freudentag werden. Sicherlich hat die Tatsache, daß — viele Jahrhunderte später (1626) — der Pseudomessias Sabbatai Zewi am 9. Aw geboren wurde, in ihm selbst und in seinen Anhängern den Glauben an seine messianische Berufung gestärkt. Auch die sabbatianische Bewegung, die vom fernen Smyrna bis in die kleinsten Städte Deutschlands reichte, verging, die Enttäuschung und die Ernüchterung waren um so größer. Die Zeit war noch nicht gekommen, da der Monat Aw in Freude zu feiern war. Ungefähr 170 Jahre vorher ist die Iudenheit wiederum lm selben Monat und am selben Tag von einem furchtbaren Unglück betroffen worden. Am 9. Aw des Jahres 1492 mußten 300 000 Juden Spanien verlassen, ein Land, in dem sie mehr als ein Jahrtausend gelebt batten und in dem sie eine unvergleichliche Blütezeit erlebt hatten. Im Januar 1492 hatte Ferdinand von Arragonien das letzte Bollwerk der Mauren in Spanien, Granada, erobert und nun sollte nach dem Wunsche der Inquisition der tödliche Schlag gegen die Juden geführt werden. Im März erging der Befehl, daß binnen 3 Monaten alle Juden, sofern sie nicht ihren Glauben wechselten, das Land zu verlassen hätten. Am 31. Juli 1492 war die Frist abgelaufen. Es gelang den Juden, die Frist um wenige Tage zu verschieben. Am 9. Aw war der letzte Termin. Nur wenige hatten ihren Glauben verraten. Nun zogen sie dahin, Mann, Frau, Greis und Säugling, in eine ungewisse Zukunft, die für die meisten von ihnen noch schrecklicher werden sollte, als es sich ihre Phantasie ausmalte.. Arm und verzweifelt verließen sie das Land; an der Spitze der Züge dröhnten die Trommeln und klangen die Pfeifen, um die Verzweifelten von ihren schlimmen Gedanken abznbringen. Das war der 9. Aw 1492. Auch wir haben den Monat Aw in besonderem Maße als Monat der Trauer kennen gelernt. Jener 2. August 1914, an dem der Weltkrieg begann, fiel auch auf den 9. Aw. Was dieser Tag für die Menschheit bedeutet hat, was er für Millionen von Juden bedeutet hat, das braucht hier nicht gesagt zu werden. So ist der Monat Aw in Wahrheit der Trauermonat unserer Geschichte. Aber wie unsere Väter wollen auch wir nicht die Hoffnung aufgeben, daß er einst zum Monat des Trostes werde und daß nach den Worten des Propheten „sein Fasten dem Hause Juda sich zur Wonne und Freude und fröhlichen Festzeit wandle." Neue Wege der Wanderarmenkürforge. Von L. B a e r w a l d zur Nürnberger Tagung v. 5. 7. 1925. Zu den Erscheinungen, die der Krieg jäh unterbrochen hatte, gehörte der jüdische Wanderbettel und auch jahrelang nach dem Kriege war vom Wanderbettel kaum etwas zu verspüren. Nun ist er seit Jahr und Tag von neuem wieder ausgetaucht und die mit ihm zusammenhängenden Probleme sind wieder genau so da, wie vor dem Kriege. Vielleicht noch dringender. Jedem, der mit der Armenfürsorge sich zu befassen hat, sind erschütternde Fälle bekannt, die umso mehr ans Herz greifen, als wir oft genug sehen müssen, wie Menschen aus einer gesicherten Existenz herausflüchten, zum Wanderstab greifen und an fremde Türen pochen müssen. - Aus keinem anderen Grunde als weil sie Juden sind. . — Aber auch die anderen uns so wohlbekannten Erscheinungen aus früherer Zeit treten alle wieder auf, des Schnorrers aus Gewohnheit, aus' Leichtsinn, auö betrügerischen Absichten. Sie alle, die seit langem daö jüdische Leben begleiten und manchmal ans Tragikomische streifen, sind wieder da, ja, wenn nicht alles trügt, in vermehrter Zahl. Die Not der Zeit, die heute so viele zum Wandern und Betteln treibt, dieselbe wirtschaftliche Not ist es, die viele, früher so gebefreudige Menschen verhindert, ebenso zu spenden wie in der Zeit vor dem Krieg.' Die ganze Welt, die 5 Jahre hindurch Werte nur vernichtet hat,.ist ärmer geworden — und auch wir deutschen Juden — wir wissen es leider nur zu gut — sind in erschreckender Weise in unseren wirtsckWlichen Verhältnissen zurückgegangen. Was Wunder, daß die^Bestrebungen, die schon vor dem Kriege eingesetzt hatten und die auf eine Besserung der Verhältnisse der Wanderarmen abzielten,

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