Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 1 (1925)
- Issue
- 6 (6.7.1925)
- Article
- Waisenhäuser
- Date
- 1925-07-06
- Page
- Seite 98 (sequence 2)
- Language
- German
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98 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 6 Iudenheit Anteil an ihrem Ergehen nehmen, an ihrer Erhaltung und an ihrem Fortbestand. Diese Last kann aber nicht den wack-eren Männern des Kuratoriums allein aufgebürdet werden. Ich möchte den Ruf an alle bayerischen jüdischen Gemeinden und an ihre Mitglieder ergehen lasten, stch der Ehrenpflicht gegen das einzige jüdische Waisenhaus unseres bayerischen Vaterlandes zu erinnen und an der Pflege des Fürther „Israelitischen Waisenhauses" tatkräftigen Anteil zu nehmen. Es gibt so viele gute und ernste Anlässe im Leben des einzelnen, daß er der Waisenpflege immer eine reiche Spende zuwenden könnte. Sie wird auf fruchtbaren Boden fallen und reiche Frucht tragen. Es gilt einen Einnahme-Ausfall von „Fünfzigtausend Mark" wieder einzubringen. Das kann nur in zäher Arbeit und harter Mühe geschehen, aber es kann nur ein Werk der Gesamtheit sein, wenn eine dankbare und große Aufgabe kein kleines Geschlecht findet. Wo ein Herz schlägt für Menschenliebe und Waisenpflege, für jüdische Pflicht und milde Herzensregung, da wird, so hoffen wir, dieser Appell nicht vergebens erklingen. Spenden und Jahresbeiträge werden erbeten an Israelitisches Waisenhaus, Fürth i. B. oder auf Postscheckkonto Nürnberg Nr. 32 084. erster Veroandstag des preußischen Landesverbandes jüdischer Semeinden. Der erste Verbandstag. Berlin (J.T.A.). Am Sonntag, den 21. Juni 25 nachmittags trat der aus der Wahl vom 1. Febr. d. I. heroorgegangene erste Aerbandstag des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden im ehemaligen Herrenhause zu einer ersten Session zusammen. Vorher hatten die einzelnen Parteifraktionen Sitzungen abgehalten, dann fand eine interfraktionelle Beratung statt, in der man sich über die Zusammensetzung des Präsidiums einigte. Kurz vor 4 Uhr eröffnete der Vorsitzende des Vorstandes der Berliner Jüdischen Gemeinde, Kammergerichtsrat Leo Wolfs,, mit einer feierlichen Ansprache die Tagung. Im Namen des Berliner Gemeindevorstandes, der laut der Verfassung des Preußischen Landesverbandes vom 25. Juni 22 Art. 36 bis zum Zusammentritt des Rates die Geschäfte zu führen hat, begrüßte er die erschienenen Delegierten, sowie den Vertreter des Preußischen Kultusministeriums, Ministerialrat Paul, den Vertreter der Stadt Berlin, Stadtrat Tr eitel, den Vertreter des Jüdischen Gemeindebundes von Sachsen-Anhalt, Salinger, und den Vertreter des Hessischen Jüdischen Gemeindebundes. Cohn. Er führte dann ungefähr aus: Wir haben uns hier zu gemeinschaftlicher Arbeit vereinigt; wo uns Meinungsverschiedenheiten trennen, wollen wir diese von einer höheren Warte aus zum Austrag bringen. Es ist hier Platz für jede Richtung. Wir wollen hier eine Stätte schaffen, in der für das Wohl des Judentums gearbeitet wird; nicht allein für das materielle Wohl, sondern für die Erhaltung und Förderung von Religion, Ethik, Wissenschaft und Geistesbildung; eingedenk der ehrenvollen Geschichte der deutschen Juden. Diese Versammlung verkörpert die preußische Iudenheit; das ist aber noch lange nicht genug. Das Ziel ist der Zusammenschluß aller deutschen Juden in einer großen deutschen Organisation. Hierfür ist der Unterbau noch nicht vollendet, hoffen wir, daß dies bald der Fall sein wird, denn eine solche Zusammenfassung tut bitter Rot. Der Redner erinnerte an seinen Besuch beim Reichspräsidenten von Hindenburg vor wenigen Tagen, bei welcher Gelegenheit der Reichspräsident die Gleichberechtigung und gleiche Behandlung aller Bekenntnisse als Grundsatz aufftellte. (Bravorufe.) Das ist ja nur eine Selbstverständlichkeit, aber daß es ausgesprochen wurde und durch den ersten Beamten des Reiches, war gut. Man erfuhr, wie ein wahrhaft deutscher Mann über Juden und Judentum denkt. Wir werden darauf antworten, indem wir als ein Bestandteil der deutschen Volksgesamtheit zum Wohl des Ganzen arbeiten werden. Der Landesverband wird als eine öffentlich-rechtliche Körperschaft auch die Vertretung der preußischen Iudenheit nach außen hin sein. Als wir den Landesverband vor drei Jahren gründeten, waren wir überzeugt, daß die erste Tagung bald zustande kommen würde. Zwei Gründe sind es, die eine so lange Hinausschiebung notwendig machten; erstens war die Fülle der vorbereitenden Arbeiten groß, zweitens warteten wir auf die öffentlich-rechtliche Regelung. Darüber wird aber noch einige Zeit vergehen, deshalb entschlossen wir uns die Tagung einzuberufen. Die Organisationsarbeit nach innen ist bereits getan, hoffen wir, daß die Arbeit mit den Reichs- und Staatsbehörden bald zum Abschluß gebracht werden wird. — Der Redner hob die Verdienste des Herrn Dr. Jsmar Freund hervor, dessen Können und unermüdlicher Eifer dem Werke dienstbar waren. (Bravorufe.) Der Verbandstag ist die erste jüdische Repräsentanz in Deutschland, die aus allgemeinen, geheimen und direkten Wahlen hervorging. Wir werden nach parlamentarischer Gepflogenheit öffentlich tagen. Die Aufgabe des Vorstandes der Berliner Gemeinde ist beendet, wir geben sie in die Hände des Landesverbandes zurück. Wir wollen den Blick richten auf das, was uns eint, nicht auf das, was uns trennt. Dann wird unsere Arbeit Bahn schaffen für die Zukunft und eine Quelle des Segens sein für alle Zeiten (Lang anhaltender Beifall). Der Präsident des Deutschen Rabbinerverbandes, Dr. B a e ck, richtete in einer eindrucksvollen Ansprache die Aufforderung an die Versammelten, sich von Schlagworten sernzuhalten und den Geist der wahren Einigkeit zu pflegen: „Aristokratie" und Demokratie" sind Worte, denen man erst einen Inhalt geben muß. Es gibt eine Aristokratie müder Erben und eine Demokratie der Plebejer. Es gibt aber auch eine Aristokratie des Geistes und Gewissens und eine Demokratie der Vornehmen. Auch die Einheit ist nicht zu wünschen als eine Einheit der Oberflächlichen, die die Mode züsammenbringt. Wir wollen eine höhere Einheit um Gottes Willen, eine Einheit aus Gewissen und Selbstlosigkeit. Möge diese Versammlung jüdischer Menschen zum Segen des Judentums sein. Im Namen des Bürgermeisters von Berlin, der seine Abwesenheit entschuldigen ließ, hieß Stadtrat T r e i t e l die Tagung willkommen. Der Vertreter des Jüdischen Gemeindebundes von Sachsen-Anhalt und der Vertreter des Hessischen Jüdischen Gemeindebundes begrüßten die Tagung im Namen ihrer Verbände und brachten zum Ausdruck, daß die Iudenheit ihrer Länder die Schaffung einer einheitlichen Organisation der gesamten deutschen Judenheit aus tiefstem Herzen begrüßen würde. Der Vorsitzende verlas dann ein Begrüßungsschreiben des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden (folgt am Schluß). In einem Begrüßungstelegramm der Badischen Landessynode, Karlsruhe, wird der gleiche Wunsch zum Ausdruck gebracht. Hierauf wird zur Wahl des Präsidiums geschritten. Herr Dr. Baerwald teilt mit, daß sich die Fraktionen auf folgende Herren geeinigt haben: Präsident Justizrat Sonnenfeld (Lib. Vereinigung), Vizepräsidenten RA. K o l l e n s ch e r (Jüd. Volkspartei), Dir. Ist Kahn (Konservativ). Die Wahl geschieht durch Zuruf. Die Gewählten nehmen ihre Sitze ein, worauf der Präsident Justizrat S o n n e n f e l d für die Wahl dankt und größtmögliche Unparteilichkeit der Geschäftsführung zusichert. Er erinnert an die friedlichen Worte des Reichspräsidenten v. Hindenburg an Kammergerichtsrat Wolfs, sowie an die berühmte Stuttgart-Rede Walther Rathenaus, dessen dritter Todestag sich dieser Tage jährt, und schließt, das Ziel sei: die Mitarbeit am Bau des Vaterlandes. Der Präsident schlägt vor, das Präsidium durch Rabbiner Dr. Braunschweiger zu ergänzen. Dr. Braunschweiger wird