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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1925-06-06 · 5 (6.6.1925) · p. Seite 79

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
1 (1925)
Issue
5 (6.6.1925)
Article
Ghetto in Venedig
Date
1925-06-06
Page
Seite 79 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 5 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 79 Landeplatz der Obst- und Gemüseschiffe, zu dem sich schwere Barken, mühsam vorwärts gestoßen, hinbewegen. Ein reges Treiben herrscht auf der Wasserstraße, der die prächtigen Renaiffancepaläfte, durch gothische anmutig unterbrochen, edelste Umrahmung geben. Schwarze Gondeln mit blinkend metallischem Bug, von einem einzigen auf Widerhaken ruhenden Ruder bewegt, eilen leicht vorbei. An der zierlichen Fassade der Ca d' Oro vorüberfahrend, gewahren wir links den mächtigen Bau des Palazzo Pesaro, der in einer breiten. Freitreppe aus dem Kanals aufsteigt. In erhabener Einfachheit steht gegenüber der Palazzo Vendramin-Calergi, in dem im Jahre 1883 Richard Wagner sein bewegtes Leben beschlossen hat. Eine Gedenktafel erinnert daran, deren Text Gabriele d'Annunzio verfaßt hat. Weiter oben ein rötlicher, beinahe feftungsartiger Bau mit stark vergitterten kleinm Fenstern, die einstigen Kornspeicher der Republik. Wir steigen am Bahnhose aus, gehen an der S. Geremia- Kirche und dem Palazzo Labia vorbei zum Cannaregio, dem großen Seitenarm des Canal Grande, über den eine Brücke hinüberführt. Ein kleines Stück noch dem Canareggio entlang und wir stehen am Eingang des Ghetto Vechio. Schon hat sich ein Führer angeboren, uns den Weg durch das Ghetto zu zeigen. Ein niedriger, stark gemauerter, gefängnisartiger Torbogen gewährt Einlaß. Noch stehen die Angeln hervor, in denen sich das schwere Tor bewegte. Aber das Tor ist fort, der Eingang ist frei. In der engen Gasse, in die Mauer eingelassen, finden wir die Gedenktafel an Napoleon I., der das Ghetto aufgehoben hat. Es ist viel Altes in Europa gewesen, das dem Genius dieses Mannes nicht ftandzuhalten vermochte. Daß die Gaffen sehr eng sind, ist für italienische Gaffen nichts Bemerkenswertes, auch vergitterte -Fenster sind allerortens in Italien üblich. Aber hier ist eö finsterer, unfreundlicher. Sonst mag wohl der blaue Himmel versöhnen, der sich dem Blicke von der Gasse aufwärts darbietet. Vermag doch unter diesem Himmel nicht leicht etwas finster auszusehen. Aber hier ist der Ausgleich nicht ganz gelungen. - An kleinen Kaufläden! kommt man vorbei, an überaus starken Gittern der Fenster; hier die schwere Eisentür des Hauses scheint jedem Eindringen ftandzuhalten. Fünf Synagogen seien im Ghetto, berichtet der Führer. Die größte, die wir eben betreten, ist die der spanischen Juden. Von außen ist sie unscheinbar und wenig von den Häusern der Umgebung abftechend. Im Innern wird man überrascht durch die glänzende Ausstattung, die an künstlerischer Feinheit nicht leicht ihresgleichen hat. Man spürt sofort, daß dieser Raum unter dem Einflüsse der Kultur Venedigs entstanden ist. Hat doch kein Geringerer als Longhena, der Erbauer der Kirche S. Maria della Salute den Innenraum gestaltet. Der Altar ist nicht merklich erhöht, wirkt aber durch seine reichen korynthischen Säulen, das Vorbeterpult ist einfach gehalten;eine geneigte Platte, auf zwei gewundenen Holzsockeln ruhend. Von der Decke, nahe der sich die Galerie für die Frauen entlangzieht, hängen vielarmige bronzene Leuchter. Der Raum ist hoch und frei und edel. Inmitten dieser Umgebung, die Elend, Kummer und Pein durch Jahrhunderte getragen hat, ist er wie der Glaube, der in aller Not unbesiegbar ist. Die in heller Eiche gehaltenen Betstühle sind nach vorne drehbar zu öffnen, so daß jeder Platz der ersten Reihe vom Mittelgange aus direkt erreicht werden kann. Kleine Schilder zeigen uns die Namen der Inhaber. Haupffächlich sind es Namen, die auf spanische Herkunft deuten, doch finden sich auch einige deutsche darunter. Spanische Juden waren es, die Ende des 15., Anfang des 16. Jahrhunderts in größerer Zahl nach Venedig auSwanderten. Ursprünglich auf der Insel Giudecea angesiedelt, wohnten sie später im Ghetto. Seit der Aufhebung des Ghettos ist die Zahl der in diesem Viertel wohnenden jüdischen Familien aber nur mehr gering, sie sind nun in anderen Stadtvierteln zerstreut. Die nächste Synagoge, die wir besichtigen, wird von dem Führer als tedesca (deutsch), bezeichnet. Sie liegt in einem Winkel eines weiten Platzes mit hohen vielftöckigen alten Häusern, an Häßlichkeit den Hinterhäusern großer Mietskasernen gleichend. Durch enge Treppen geht es hinauf, durch das Schlafzimmer des Schammes hindurch, in einen kleinen intimen- Raum. Wie in der großen spanischen Synagoge ist in der Mitte ein breiter Gang, zu dessen beiden Seiten sich die Sitzreihen, Front gegen Front, anordnen. Thoraschrein und Kanzel, hier erhöht, liegen sich getrennt an den beiden Schmalseiten gegenüber. Die blaue Decke wird von einem Fries vergoldeter Stukkaturen nach unten abgegrenzt. Ein kleiner Chor gibt der Kanzel Licht. In seiner Stille und Abgeschiedenheit ist der Raum eine Zufluchtsstätte aus Sorgen und Mühen in eine ruhigere Welt. Augenblicklich ist er in Dämmerlicht gehüllt, da der größte Teil der Läden geschlossen ist; bei offenen Läden muß eine Flut von Licht den Beffaal mit hellem Glanze übergießen. — — — — — Als ich zum Samötagabendgottesdienft durch die Pforte des Ghetto Vecchio schreite, liegt die Ruhe deö Wochenendes in den Gaffen. Die Kaufläden schließen. Männer sitzen an einer Gaffenschenke um eine Buddel Rotwein und spielen. — Die große spanische Synagoge ist geschlossen, der Gottesdienst findet in der kleinen levantinischen Synagoge gegenüber statt. Nur wenige Personen, darunter auch Frauen und Kinder, sind im Gotteshause erschienen, dessen Wände mit rotem Damast bespannt sind. Dunkelgetönte Holzschnitzereien verleihen ihm eine anheimelnde Wärme. Die Kanzel liegt außerordentlich hoch für die kleinen Ausmaße. Die Physiognomien der Anwesenden entsprechen dem Typ des europäischen Juden. Der SchammeS, der seine Berufsbezeichnung in hebräischen Lettern und den Zusatz tempio levantino in lateinischen Lettern auf einem Messingschild an der Brust trägt, versorgt mich väterlich mit einer Tefillah. Man hat die Empfindung von den Versammelten nicht als Fremder, sondern als zugehörig bettachtet zu werden. — Die Gebete sind mit kleinen' Abweichungen die üblichen. Nach dem Auslöschen der Hawdolohkerze reicht der Schammes das Zimtbüchschen herum, an dem zu schütteln und zu riechen die kleinen Jungen nicht genug bekommen können. — Dann führt der Weg zurück, hinaus auf den Cannaregio. Ehedem war um diese Zeit das eiserne Gittertor geschloffen. Nun ist die Pforte frei. DaS Dampfboot fährt durch den Canal Grande zum Ponte di Rialto. In den alten Adelöpaläften dem Kanal entlang brennt kein Licht. Das alte Venedig ist tot. Aber Iungitalien ist auf dem Wasser und zieht in Gondeln mit Musik und Lampions vorbei. Ein Tenor singt sehnsüchtige Lieder in die Nacht. Ihn lösen wohl ein Dutzend Guitarren, Mandolinen und TambourinS ab, die die luftigen rhythmisch lebhaften venetianischen Weisen spielen. Die Jugend lebt. — Venedig!

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