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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1925-06-06 · 5 (6.6.1925) · p. Seite 78

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
1 (1925)
Issue
5 (6.6.1925)
Article
Ruth
Date
1925-06-06
Page
Seite 78 (sequence 2)
Language
German
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78 Bayerische Israelitische Gemeindezettung Nr. 5 Seele gefunden hat. Dieses Idyll, das auch dann wirksam wäre, wenn es nur Dichtung und niemals ein Spiegel der Wirklichkeit wäre, beweist am nachhaltigsten, wie reich und wie reif das Wort vom Sinai weit über die Grenzen Israels hinaus auf unbefangene, herzensfromme Gemüter Einfluß gewonnen hat. Ruth hat aus freier Wahl dem israelitischen Bekenntnis sich angeschlossen, aus tiefer Überzeugung hat sse ihm die Treue gehalten, in ihrem Wandel hat sse die edelsten Gaben des jüdischen Geistes, das Mitleiden und Mitempfinden, die Opferwilligkeit und die Selbftverleugung zu geradezu idealer Höhe emporgeftergert, die Menschenliebe durch den Adel der Tat besiegelt, die selbst nach Jahrtausenden noch achtunggebietend erscheint. Ruth kam aus der Fremde, in einem Zeitalter, in dem man an Ausbreitung des Glaubens durch Bekehrung schwerlich dachte. Von Na^mi, der Mutter ihres früh vollendeten Gatten, sprach sie mit höchster Verehrung. In der Ehrfurcht hatte sie die natürliche sittliche Bindung gefunden. Der Fremden aber taten sich die Pforten der religiösen Gemeinschaft weit auf, denn sie hatte den Anschluß an das Gottesvolk nicht nur durch das Wort der Lippen gefunden, sondern durch die überzeugende Kraft ihrer Taten vorbildlich erhärtet. Mit dieser Erzählung von der frommen Ruth hat das Judentum ohne viel Rühmens den stillen Beweis erschlossen, daß es auf die Erfassung des religiösen Geistes ankommt, in dem Mmschen sich und ihr Schicksal aneinander knüpfen. Denn er überwindet gemeinsam die Härten dieser Welt, wie die Ruth entschlossen war, mit Na«mi die Armut zu teilen und zu tragen. Die Armut schreckt nicht, wenn sie die edelsten Gaben des Menschenherzens zu offenbaren vermag, wenn sie an der Wiege eines höheren Lebens der Gesinnung, des Geistes und der beglückenden Tat steht. Der Aufstieg des Menschengeschlechtes muß immer wieder bei der äußeren Armut beginnen, um zu den Höhen -des sittlichen Geistes zu gelangen, der allen unvermeidbaren Verirrungen im Leben der Völker ein Paroli zu bieten vermag. Darauf dürfen wir'unS in der Gegenwart wieder besinnen. Den hochfliegenden Hoffnungen, mit denen die gegenwärtige Generation einst ihre Laufbahn begann, ist ein niederschmetternder Abstieg durch unser geschichtliches Schicksal mit allen seinen Begleiterscheinungen gefolgt. Wir schreiten durch ungeahnte Bezirke des menschlichen Erlebens, durch Not und Druck und tiefes Leid. Wir erkennen die Wahrheit des Wortes, das einst Herzheimer ausgesprochen, daß die Völker noch immer buchstabieren an der Lapidarschrift des Zehnwortes. An dem Wiederaufbau der Welt bauen, heißt auch zugleich an dem Wiedererwecken unserer Welt bauen. Die Jugend, die ihre Weihe durch die Weisheit, durch das Wort der Gotteslehre empfangen soll, muß erkennen, daß nicht die äußeren Gaben des Lebens unser Glück begründen und umschließen, sondern daß wir die äußere und die innere Armut nur überwinden, wenn wir uns das reiche Erbe der Väter wieder zu eigen machen, wenn wir ohne Schrecken und Verstimmung über die Verkennung des jüdischen Geistes in unseren Tagen uns selber die Treue halten, die Treue, die den Sinn, den Inhalt und das Glück des Lebens und der Aufgabe sieht in dem Gedanken Ruths: „Wo Du hingehft, da will auch ich hingehen, Dein Volk ist mein Volk, Dein Gott ist mein Gott". Ghetto in Venedig Von Dr. Eugen Schmidt. Wenn sich leise die Nacht über Venedig herniedersenkt, sind Elnyrimische und Fremde auf dem schönsten Platze versammelt, den Europa aufzuweisen hat, auf der Piazza di San Marco. Ausgehend von den die ganze Fläche bis auf eine Schmalseite umziehenden Arkaden, haben die Cafes ihre Tische weit hinausgeschoben. Auf dem freien Raum und unter den Arkaden flutet dir Menge. Müßiggänger aus aller Herren Länder, dunkle schlanke venezianische Frauen, junge gebräunte Matrosen, die in ihren Augen noch die Unendlichkeit des Weltmeeres tragen, lebensfrohe Offiziere, die ZeitungSverkäufer der italienischen und ausländischen Presse, ein Zigarettensammler in trippelnden» Gange, hin und wieder ein zur Erde gefallenes Stümpchen aufhebend, geschäftig hin und her eilende Kellner, Bürger, Gassenjungen. Die beiden ehernen Riesen auf dem Uhrturm schlagen mit ihren Hämmern auf der frei hängenden Glocke die Zeiten an. Weithin schallen die wuchtigen Klänge, für kurze Zeit schmeichelndes Geigenspiel übertönend. Der mächtige Öuaderbau des Campanile ragt mit seiner gedrungenen Spitze hinein in die schwarze fternenreiche Nacht. Zu einer gewaltigen Einheit umfassen den Platz auf drei Seiten die langgestreckten Prokurazien, in zwei Stockwerken über den Arkaden aufsteigend. Bei aller Reichheit der Struktur im einzelnen, als Ganzes einfach und ruhig wirkend, duldet ihre streng gezeichnete Linie keine Finsternis und verbreitet siegreiche Klarheit. Zugleich weisen sie das suchende Auge in ihrer Geschlossenheit und Undurchdringlichkeit auf die offene Seite des Rechtecks hin, wo durch die Strategie der Bauführung und durch ihre Anlage selbst die Markuskirche zum architektonischen Mittelpunkte wird. Nicht so ruhig und klar wie ihre Umgebung, vielmehr mit ihren vielen Zacken und Türmchen im Dunkel nach oben verschwindend, leuchten ihre Goldmosaiks und ihre Gallerie eindrucksvoller beinahe wie am Tage. Zauberisch steht sie da, wie ein orientalisches Märchenschloß. So wird sie zum Symbol Venedigs. Denn Venedig ist wie ein Märchen. Wie ein Märchen sind sie an uns vorübergezogen; der Dogenpalaft mit den Werken Tintorettos, Paolo Varonese's und der anderen Meister, die kraftstrotzende, kühne Reitergestalt des Colleoni, das Bild Bellini's in der Frarikirche, süß wie der Friede selbst. Kirchen, Paläste, Kunstsammlungen, jener Blick auf die blaue Lagune an der Insel St. Giorgio vorbei zum Lido, wo der Frühling die Gärten mit Blüten in allen Farben geschmückt hat, jene Bilder von Glanz, Reichtum und Schönheit. Aber das Leben baut sich in Gegensätzen auf, zur Freude gehört die Trauer, zur Luft das Leid, zürn Reichtum die Armut: Gettho in Venedig... Vom Markusplatz durch die enggewundene und lädenreiche Merceria gehend, besteigt man am Canal Grande das Dampfboot. In einem einzigen weiten Bogen den östlichen und westlichen Stadtteil verbindend, überspannt die Rialtobrücke den Kanal. Zur Rechten gelagert sehen »vir den Fandaeo bei Tedeschi, in dem früher die deutschen Kaufleute ihre Waren aufstapelten. Zur Linken ist der Fischmarkt in offener pfeilergetragener Halle mit einem Trubel von Händlern und Käufern. Daneben der

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