Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 1 (1925)
- Issue
- 5 (6.6.1925)
- Article
- Inhalt
- Date
- 1925-06-06
- Page
- 77 (sequence 1)
- Language
- German
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Rachrichtenblatt öer Israelitischen Kultusgemeinöe in München unü Ües Llerbanües Bayerischer Israelitischer Gemeinden Erscheint am ersten Samstag jeden Monats. Verlag: S. Heller, München, Bezugspreis für öle nicht durch öie Isr. kultusgemeinöe München eingewie- Herzog Marstraste 4, Kernsprecher 93099/ Postscheckkonto Rr. zpST' München, senen Bezieher: Mk.4.— für öas Jahr. Anzeigenpreis: Oie 4gesp.nun- Schcistleitung: vr. Lugen Schmidt/ Rechtsanwalt in München, kaclstraste 6. Keile 40 Pfg./Kamilienanzeigen,Stellengesuche unö ähnliche Angebote 15 Pfg. München^ 6. Juni ipzf Kr. 5 Inhalt: Ruth — Ghetto in Venedig — Zur Geschichte der Juden in Bayern — Soll man hebräisch lernen — Fritsch der Talmudfälschung überführt Aus der Gemeinde — Aus dem Verbände — Bücherschau — Vereine — Amtlicher Anzeiger: Bekanntmachungen des Verbandes — Bekanntmachungen der Gemeinde—Personalnachrichten—Kalendarium Alle Mitglieder der Israelitischen Kultusgemeinde München, sämtliche Lehrer und Gemeindevorsteher, sowie die Delegierten des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden erhalten die Bayerische Israelitische Gemeindezeitung dauernd gratis zugestellt. Sollte in einem einzelnen Falle die Zusendung unterblieben sein oder die Adressierung nicht stimmen, so bitten wir, dies dem Verlag sofort zu melden. — Wer nach Vorstehendem nicht zum Gratisempfang berechtigt ist, kann die Gemeindezeitung gegen eine Gebühr von Mk.4.— für das Jahr beim Verlag abonnieren. Verlag B. Heller, München, Herzog Maxstraße 4 Alles Zeitliche führt zur Ewigkeit, wenn es den richtigen Weg geht. Und dieser richtige Weg ist der des Friedens. Der Friede ist die'Tugend der Ewigkeit. H. Cohen. Rel. d. Äern. 544. Ruth. Eine Betrachtung zum Wochenfefte. Von Rabbiner Dr. Sigfrid. Behrens-Fürth. Das Fest der Offenbarung nimmt in der Religionsgeschichte Israels einen hervorragenden Platz ein. Der Tag vom Sinai ist recht eigentlich der Ausgangspunkt der religiös-sittlichen Gesetzgebung Israels. Mit der ihm eigenen intuitiven Sicherheit hat Goethe, wenn auch in anderem Zusammenhang, das Wort geprägt: Im Anfang war das W 0 r t. Das Wort vom Sinai war aber zugleich die schöpferische Tat., die dem menschlichen Geist die Richtschnur gewiesen, dem sittlichen Ideal den Weg vorgezeichnet, der menschlichen Leistung die Grenzen errichtet. Das Wort vom Sinai ist von unendlichem Segen gewesen und hat reiche Frucht getragen. Wo immer Menschen sich vereinen, da pulsiert doch ihre Gemeinschaft um die Kraft des jüdischen Geistes, da baut sich die sittliche Welt bewußt oder unbewußt auf diesem Grunde auf, da ist die innere Welt des menschlichen Seins undenkbar ohne die Botschaft, die Wahrheit und Forderung harmonisch in sich verknüpft. Das GotteSvolk Israel war der Träger der göttlichen Verkündigung. Wenn es nichts weiter getan hätte, als dem Worte vom Sinai Geltung zu verschaffen, dann hätte es schon eine Mission von ungeheurer Tragweite vollbracht. Das Zehnwort wendet sich an das Leben, in das es hineinwachsen soll, um von den Höhen zu den Menschen hinabzufteigen, deren natürliche Beziehungen es ebenso sehr regeln soll, wie es die Bindungen verschaffen muß, ohne die eine Gemeinschaft ihre Zukunft nicht sichern kann. Die Tafeln von Stein, diese uralte Form der Gesetzgebung, haben sich nach der uralten jüdischen Sage deshalb immer wieder zusammengefügt, weil ihre Sprache den Weg fand zu den Tafeln der Menschenherzen. Das Wort, das einmal ausgesprochen, den sicheren Verließ des Schöpfers überschreitet, rüttelt ja alle Generationen auf, die — ob zuftimmend oder abweisend — mit ihm sich auseinander setzen müssen. Darum bedeutet das Wort vom Sinai die Urform des Erwachens des religiösen Bewußtseins, das in allen Gesetzgebungen der Kulturstaaten sich widerspiegelt. Das Wort abex ist in Israel niemals bloße Theorie geblieben, sonderst es hat zur Tat, zur Gesinnung gedrängt, die dem Gebot des Sittengesetzes gehorcht, in ihrem Bezirk wurzelt. Alle Schöpfungen des religiösen Geistes haben in Israel die natürliche Form der lebendigen Verwirklichung gesucht, haben in allen Wandlungen der Zeiten der Bejahung des Daseins gedient, unerschüttert durch die Stimmungen und Strömungen des wechselnden Geistes der Zeiten. Diese Richtung der jüdischen Gedankenwelt zeigt sich in der Auslese der biblischen Schriften, die den Festen beigegeben werden. Dem Feste der Offenbarung wurde die schlichte Erzählung von der Moabiterin Ruth beigegeben, die in der Lehre Israels ihren Frieden, den Frieden ihrer