Mannheim
Compact Memory

Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1925-05-09 · 4 (9.5.1925) · p. Seite 72

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
1 (1925)
Issue
4 (9.5.1925)
Article
Leopold Rotter [Nachricht]
Date
1925-05-09
Page
Seite 72 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
correspondence
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2727810-2727811-2727815--00203-2728677
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

72 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 4 besaß die besondere Fähigkeit, sich in den Gedankengang der Jugend hineinzuleben und ihre Herzen zu gewinnen. Gar viele Schüler hat Rotter gehabt und jeder einzelne betrauert in ihm heute nicht nur den Lehrer, sondern auch den väterlichen Freund. Und wenn er sich die Seele der Kinder im Lehrhaus zu eigen gemacht hat, so haben ihn die Großen lieben und verehren gelernt, wenn er als Vorbeter in der Synagoge stand und mit der erschütternden Inbrunst seines Gebetes sie mit sich riß, oder wenn er seine bezwingende Liebenswürdigkeit im persönlichen Verkehr entfaltete. Treue seinem Gott, Treue seiner Gemeinde, Treue seinor Pflicht, das war das Leitmotiv in Leopold Rotter's Wirken. Mit dem Verein Ohel Jakob trauert die Gesamtgemeinde an der Bahre dieses musterhaften Beamten, der Landesverband an der Bahre seines Tagungsabgeordneten. Man klagt wohl bei plötzlichen Todesfällen, daß der Verblichene unvorbereitet vor dem Thron seines Schöpfers erscheinen mußte. Menschen wie Leopold Rotter erscheinen nie unvorbereitet vor dem Höchsten; denn ihr ganzes Leben war eine Vorbereitung auf das Jenseits. Gesellschaft für jüdische Familienforschung. Wir werden um Veröffentlichung folgender Zuschrift ersucht: In Berlin hat sich im Vorjahre die Gesellschaft für jüdische Fa-- milienforschung gebildet. Bei genügender Beteiligung ist beabsichtigt für München bezw. Bayern eine Orts- oder Landesgruppe zu bilden. Damit alle, die daran Interesse haben, zu einer Besprechung eingeladen werden können, bitte ich um gesl. Mitteilung der Adressen. Perusastraße 2 Eduard S ch ö p f l i ch. vücherschau. „Der soziale Geist und die sozialen Einrichtungen des Judentums nach Bibel und Talmud." Im Jahrbuche der jüdisch-literarischen Gesellschaft 1924, S. 87— 121 hat der allverehrte Distriktsrabbiner Dr. Stein in Schwinfurt 2 Vorträge unter obigem Titel vereinigt, deren Kenntnis in weiteste Kreise dringen sollte. Der jüdische Gelehrte zeigt uns im Kampfe gegen die theologische Ethik Paulsens, wie das Vorbild der Bibel für das Zusammenleben der Menschen im Zusammenfallen von Liebe und Gerechtigkeit besteht und wie aus diesem biblischen Ideal die grundsätzlichen heutigen sozialen Forderungen erwachsen sind. Wenn Ben Asai den Satz Rabbi Akibas: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst", als Grundsatz der Thora mit der Schöpfungsgeschichte in Beziehung bringt, so brauchen wir in der Tat nur die Schöpfungsgeschichte der Bibel mit derjenigen ihrer babylonischen Nachbarn zu vergleichen, um zu sehen, wie das grausame, aus Vielgötterei beruhende babylonische Epos sich in die wunderbare, höchste Menschlichkeit verkündende Erzählung vom Paradies, vom Sündenfall des Menschen und von seiner Wiederaufrichtung durch die Arbeit verwandelt. Und so ist es auch vor allem der Glaube an den Einen Gott und der Kampf für den Einen Gott, der die Kultur Israels von der verwandten Kultur Hammu-, rabbis in Babylonien wesentlich unterscheidet; wenn Delitzsch in „Babel und Bibel" und anderen Abhandlungen versucht hat Hammu Babi auf Kosten der Bibel zu erhöhen, so mußte das scheitern, weil dem hohen Ideale des Monotheismus mit all seinen Auswirkungen der babylonische Götzendienst nicht an die Seite gestellt werden konnte. Durch den Monotheismus hat die Bibel die Lehren der gleichzeitigen Völker übertroffen und das soziale Ideal für alle Zukunft aufgestellt, wie Stein im einzelnen an Sabbat- und Sonntagsruhe (auch hier ist das babylonische Vorbild zu etwas anderem geworden), an Sabbatjahr und Jubeljahr, den Erntevorschriften, vor allem in den goldenen Worten der Propheten und später des Talmuds zeigt: „Laste dem Hungrigen Zuströmen Deine Seele und die gequälte Seele mußt Du erquicken!" „Almosen findet seinen Lohn nur entsprechend der Liebe, die sich damit verbindet". Diese religöse Ethik im Judentum, die Vorschriften über die Fürsorge für Arme, Kranke, Witwen, Waisen usw. kennen, wie Stein zum Schlüsse ausführt, keine Beschränkung hinsichtlich des Bekenntnisses, der Stammeszugehörigkeit, der Raste und des Standes. In der Tat sind eine Reihe von echischen Vorschriften zu Rechtsvorschriften des heutigen Rechts geworden, die, insbesondere im Arbeitsrecht, eine große Ähnlichkeit mit den auf Grund der Bibel entstandenen talmudifchen, meist im Trakat Baba Meziah zusammengestellten, Lehren zeigen. Der Arbeiter hat Anspruch aus Lohn nach geleisteter Arbeit. „Du sollst nichts den Lohn vorenthalten einem Mietling, einem Armen und Dürftigen von deinen Brüdern, oder einem Fremdling, der in Deinen Toren wohnt. An demselben Tage gib ihm seinen Lohn, daß nicht die Sonne darüber untergehe, denn er ist arm." Drukoon 24, 14 f. Nach talmudichem Recht entscheidet heute mangels Vereinbarung die Ortsüblichkeit. Überschreitung der ortsüblichen Arbeitszeit ist auch gegen Überstundenlohn ausgeschlossen. Das Trustsystem, Hingabe von Waren usw., statt Lohn, war, wie nach § 115 Gew.O., ausgeschlossen, nur durfte, wie heute, bezahlt werden, was der Arbeiter für Rechnung des Arbeitgebers bei einem Krämer schuldig geblieben war. Der Arbeiter, der sich mehrere Tage verdungen hatte, durste, was heute wieder gefordert wird, nicht dazwischen, etwa nach Schluß der Arbeitszeit, für andere tätig sein, weil dadurch seine Arbeitskraft sich erschöpfte. Während der Arbeitgeber vom Vertrage nur so lange zurücktreten konnte, als der Arbeitnehmer nicht mit der Arbeit begonnen hatte, konnte der Arbeiter stets vom Vertrage zurücktreten. Der Talmud begründete das mit dem Satze: „Ihr sollt nur Knechte Gottes sein, nicht Knechte der Knechte!" Der Talmud hat die soziale Bedeutung der Arbeit, die das einzige Erwerbsmittel des Armen ist, voll erfaßt, waren doch feine Urheber meist selbst Arbeiter. So quillt soziale Ethik und soziales Recht in breitem Strom aus Bibel und Talmud. Herrn Distriktsrabbiner Dr. Stein aber gebührt das große Verdienst, in geistvollen Ausführungen auf diese Tatsache hingewiesen zu haben. Besonders anziehend sind die sprachlichen Ausführungen, die vielfach zur Beweisführung herangezogen werden, so der Hinweis , auf die hebrä-. ischen Ausdrücke für Menschen — Kinder Adams, Almosen — Gerechtigkeitspfege, Arbeit — Engelstat, Werk-Dienst, Gottesdienst, Zins — Biß usw. So sind wir für diese Gabe zum herzlichstem Danke verpflichtet. Silberschmidt. Neuerscheinungen und empsehlenswerle Bücher: S. M. Dubnow, Weltgeschichte des jüdischen Volkes in 10 Bänden. Bd. I (erscheint in Kürze). Subskriptionspreis Leinen 12.—, Halbleder 15.—. „Die Juden", Mensch und Gesellschaft. 2 Bände. Ein Handbuch des Rastenproblems. In Verb. m. zahlr. Gelehrten herausgegeben von Dr. med. M. I. Gutmann, München. Band l: Biologie und Pathologie der Juden (erscheint in Kürze). Subskriptionspreis je 8.—. Feuchtwanger, Lion, Jud Süß. Roman. Broschiert 6.— Leinen 7.50. S. I. Agnon, Und das Krumme wird gerade. Neue Ausgabe mit Bildern von Budko. Gebunden 3.—, Halbleinen 3.80. Ludwig, Emil, Napoleon. Mit 21 seltenen Napoleonbildnissen. In Leinen gebunden 14.—. Burckhardt, Jakob, Die Zeit Konstantins des Großen. Dünndruckausgabe. Leinen 9.—. Clemenceau, Georges, Jüdische Gestalten. Gebunden 3.50. Teweles, Heinrich, Goethe und die Juden. Gebunden 3.50. Püschel, Ernst, Die Juden von Kronburg. Roman. Leinen 5.—. Diehl, Ludwig, Ahasver. Leinen 6.—. Die Lehren des Judentums. 4. Teil: Die Lehre von Gott. 4.50. Nomberg, Flügelmann. Novellen aus dem Jüdischen. Geb. 1.50. Löw, Immanuel, Die Flora der Juden. Band III. Broschiert 18.—. Gaster, M. The Ketubah (engl.) with illustrations. 3.50. Die Doktorschule. Unter diesem Titel hat der Münchner Frauenarzt und Schriftsteller Dr. Max Nassauer ein Büchlein erscheinen lassen, das eine Zusammenfassung der beiden früher erschienenen, nunmehr vergriffenen Schriften „Der Arzt der großen und der kleinen Welt" und „Die hohe Schule für Ärzte und Kranke" darstellt. In heiterer Weise, jedoch in ernster Absicht behandelt der Verfasser hier Fragen des ärztlichen Berufes, indem er uns kleine Episoden von Ärzt und Patienten erzählt. Für den Arzt wie für den Laien wird die Lektüre Gewinn und Genuß bedeuten. 8.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.