Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 1 (1925)
- Issue
- 3 (14.4.1925)
- Article
- Josef als Ernährungsdiktator
- Date
- 1925-04-14
- Page
- Seite 42 (sequence 2)
- Language
- German
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42 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 3 und kauft dort an der Quelle". Wahrscheinlich ist auch Edikt II betr. Kontingentierung auf die gleichen Mißstände zurückzuführen, denn durch dieses Edikt wird der ausländische Handel von dem Einkauf ganz ausgeschaltet: das Korn kann nur mehr an die HauShaltSvorstände, d. h. an die Konsumenten selbst verkauft werden. Die jüdische Midrasch-Literatur unterstellt Josef bei Erlaß dieser Edikte wie auch bei Einführung des Paßwesens nicht allein die von uns angedeuteten wirtschaftlichen Beweggründe. Nach der Überlieferung zielten diese Maßnahmen gleichzeitig darauf ab, Josefs zehn Brüder, die von seiner, Josefs, Existenz nichts ahnten, zum Getreideeinkauf nach Ägypten zu veranlassen und damit die erschütternde Auseinandersetzung einzuleiten, die in Genesis Kap. 42 bis 45 von dem Aufbruch der Brüder aus Kanaan an bis zur großen Erkennungsszene im Palafte des Vizekönigs in so überaus dramatischer Weise geschildert wird. Von diesen familiären Gedankengängen aus wird auch dem Edikt II die Absicht Josefs unterlegt, durch Zulassung von nur einem Lastesel für jeden Käufer der Möglichkeit vorzubeugen, daß etwa nur zwei oder drei seiner Brüder als Sendboten der übrigen nach Ägypten aufbrächen und von dort das Getreide für die daheim in Sicherheit gebliebenen Brüder abholten. Auch die einzelnen Paßbestimmungen und ihre Durchführung werden in der Midrasch-Literatur auf ähnliche Beweggründe zurückgeführt. Da indessen über Motive bei Gesetzgebungsaktioncn nicht abgeftimmt wird und auch die kriegswirtschaftlichen Verordnungen des jüngsten Jahrzehnts in der Regel nicht mit weitschweifigen Motivenberichten ausgestattet waren, so braucht auf diese wahrscheinlich ineinanderfließenden wirtschaftlichen und familiären Gedankengänge des damaligen Gesetzgebers Josef hier nicht näher eingegangen zu werden. Dem Volkswirtschaftler muß immerhin die Tatsache befremdlich erscheinen, daß die ägyptische Regierung in jenen Zeitläuften höchster wirtschaftlicher Not nicht zur völligen Schließung seiner Grenzen schritt. Die Annahme, daß Josef nur durch diese partielle Ausfuhrmöglichkeil in die Lage versetzt wurde, seine Brüder zur Einkaufsreise nach Ägypten zu bestimmen, erscheint wenig überzeugend, wenn man sich vergegenwärtigt, daß die hungrige Bevölkerung, selbst einem mit noch so autokratischen Vollmachten ausgestatteten Lebensmitteldiktator gegenüber nicht ruhig geblieben wäre und mit Gewalt das völlige Ausfuhrverbot für Brotgetreide durchgesetzt hätte. Uns erscheint vielmehr die Annahme wahrscheinlich, daß in den ersten zwei Jahren der Hungersnot zwischen Ägypten und seinen Nachbarländern ein gewisser Kompensationsverkehr durch gegenseitigen Austausch der Lebensmittel bestand, wie er bekanntlich während der Blockade der Mittelmächte zwischen diesen und den neutralen Ländern zur Blüte gelangt war. Dieser Austauschverkehr war wesentlich durch den Umstand erleichtert, daß nur in Ägypten völliger Mißwachs herrschte, während in Palästina und Phönizien sich der Mißwachs lediglich auf das Brotgetreide beschränkte, so daß die Erzeugnisse der Obstzucht und die Viehfuttermittel nicht davon betroffen waren. Eine gewisse Stütze findet diese Hypothese nicht nur in dem Vorhandensein zahlreicher blühender Viehherden, die auch im 2. Hungerjahre nach den Berichten der Bibel den Brüdern Josefs in Palästina noch zu eigen waren, sondern auch durch die Stelle Genesis Kap. 43, V. 11, wonach der Stammvater Jakob seine ausreisenden Söhne anwies, Gewürze.aller Art, Honig, Feigen und Mandeln — im wesentlichen also Edelobst — als Geschenk für den ägyptischen Ernährungsdiktator auf ihre Esel laden. Ein vorbildliches Beispiel ftaatSpolitischer Klugheit und Voraussicht gibt in jenen schweren Zeitläuften der damalige König Ägyptens selbst (nach den neueren Forschungen Ramses I.), der nach der großen Erkennungsszene zwischen Josef und seinen Brüdern diese auffordert —, trotz der traurigen Wirtschaftsverhältnisse — mit ihrem Vater, ihren Familien und vor allem mit ihren reichen Viehherden nach Ägypten überzusi'edeln. Auf die naheliegende Parallele, daß trotz der wirtschaftlichen Not der Herrscher Ägyptens es im Interesse des Landes für wirtschaftlich richtig hielt, wohlhabende ausländische Hebräer mit ihren Viehherden ins Land zu ziehen, während dreieinhalb Jahrtausende später einzelne europäische Regierungspolitiker wirtschaftliche Katastrophen dadurch zu lindern vermeinen, daß sie vor allem die Juden ausweisen, soll im Rahmen eines Feuilletons nicht eingegangen werden. Zu Ehren des Altertums muß auch die Tatsache verzeichnet werden, daß RamseS, um diesem ftaatspolitischen Akt seinem Volke gegenüber einen besonderen Nimbus zu verleihen, eine Staatskarosse ausschickt, die den greisen Vater seines um das Vaterland verdienten Ministers mit fürstlichen Ehren einholen soll. Daß es dem Ernährungsdiktator Josefs trotz all dieser Ehrungen nicht beifiel, seine Angehörigen bei der Durchführung der zur Linderung der Hungersnot angeordneten drakonischen Maßnahmen irgendwie zu begünstigen oder zu bevorzugen, ergibt sich aus Genesis, Kap. 47, V. 12, wonach Josef strenge anordnet, daß auch die Haushaltungen seines Vaters und seiner Brüder nur „nach Maßgabe der jeder Familie zugehörigen Kinderzahl", mit anderen Worten: auf Grund ihrer Brotk a r t e n mit Mehl und Brot beliefert werden dürfen. Bleibt noch die Frage zu erörtern, wann diese Paßvorschriften und Ernährungsdekrete aufgehoben wurden, bezw. ihren Abbau erfuhren. Die Bibel enthält darüber keinerlei Andeutungen, wenn man nicht Exodus, Kap. 1, V. 8, „Und es stand ein neuer König über Ägypten auf, der den Josef nicht kannte" in dem landläufigen Sinne deuten will, daß unter dem neuen Pharao (nach den neueren Forschungsergebnissen Amosi'S I.) eine vollständige Abkehr von der Josefschen Regierungspolitik und seinen wirtschaftlichen Maßnahmen erfolgte. Wie immer dem auch sei, nach dem Berichte der Bibel und nach den ägyptischen Inschriften steht jedenfalls fest, daß einige Jahrhunderte nach der Übersiedlung der siebzig Personen umfassenden Familie des ägyptischen Vizekönigs die Nachkommen eben dieser Familie zu Parias und Heloten geknechtet und mit strengsten Ausreiseverboien bedroht wurden, bis in einer lauen Frühlingsnacht unter dem Drucke der zehn Plagen die Führer eben dieses Volkes auf Grund der endlich von Pharao erteilten Generalausreiseerlaubnis: „Macht Euch auf und ziehet aus der Mitte meines Volkes" an der Spitze ihres Volkes obne alle anderen Paßlegitimationen und Unbedenklichkeitszeugniffe „die Lenden gegürtet, die Schuhe an ihren Füßen, den Wanderstab in ihrer Hand", ihren von der Bibel ausführlich geschilderten und besungenen Auszug aus Ägypten antratcn. Nus der Semeinde. Vorkrag Prof. Dr. Goldsiein-Darmstadk. Am 18. und 19. März sprach, wie bereits angekündigt, Prof. Dr. Goldstein-Darmstadt über „Buddhismus und Judentum" und „Ehrfurcht als Forderung des Judentums". Die Vorträge waren