Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 1 (1925)
- Issue
- 3 (14.4.1925)
- Article
- Das Sagen der Pessach-Haggadah
- Date
- 1925-04-14
- Page
- Seite 41 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 3 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 41 ferin der Tetrachordik sowoh wie der siebenftufigen Skala, in folgendem Beispiel aus der Haggadah hervor. folgendem Beispiel aus der Haggadah hervor. Chä-ßal sid-dur peß-ach ke-hil - cho-ßo | Ke-chol misch-po-to \ve-chukko-ßo ( le - ßadder o - ßo ken nis - keh la - a - ßo - ßo Diese wenigen typischen Beispiele einer bestimmten Gattung mögen genügen, um eines der im Altertum wurzelnden Urelemente aufzuzeigen, aus denen im Laufe vieler Jahrhunderte unser süddeutsches Chasonus, der traditionelle Synagogengesang sich entwickelt hat. E. Kirschner. lofef als ernahrungsdiklator. Eine wirtschaftliche Plauderei zum Pessachfest. Von Komm.-Rat Sigmund Fraenkel (München). Wenn die großen Wirtschaftsorganisationen, an ihrer Spitze die Handelskammern Deutschlands, in den jüngsten Monaten energisch den Abbau aller in den Kriegszeiten geborenen und aus der Kriegspsychose heraus verständlichen, verkehrspolitischen Hemmungen und Bindungen unseres Wirtschaftslebens und insbesondere unseres Reiseverkehrs forderten und wenn diesem stürmischen Begehren durch die ab 1. Januar erfolgte Aufhebung der Bestimmungen über Ausreiseerlaubnis, Unbedenklickkeitsvermerke usw. wenigstens teilweise entsvrochen wurde, so gelanat den wenigsten von uns bei einem Rückblick auf diese unerquickliche Periode unserer Wirtschaft die Tatsache zum Bewußtsein. daß die Bibel bereits interessante Andeutungen über das Vorhandensein ähnlicher, den internationalen Reisenden- und Warenverkehr reaulierender Bestimmungen enthält. Die großzügiae Aullveicherungs- und Thesaurierungspolitik für Getreide aller Art. die kn Äavpten während der ..sseben fetten Jahre" der damalkae Vizeköniq und Ernährungsdiktator. der Hebräer Josef, in Erwartung der kommenden Hunaerperiode betrieb, ist durch die Bibel (Genesis Kav. 41, V. 26 bis- 46) jedermann geläufig. Weniaer bekannt dürfte es aber selbst den Volkswirtlchastlern von Beruf sein, daß eben dieser Ernäbrungsminister Josef rur Durchführung seiner Maßnahmen. Anordnunaen traf, auf Grund deren er ohne Zweifel als Erfinder des Paßwesens anrusvrecken ist. Nach Bereschith Rabba zu Genesis Kap. 42. V. 6. ordnete Josef zu Beginn der Hungerperiode durch ein besonderes Edikt an. daß jeder nach Ägyvten einreisende Fremde amtliche Belege über seine eigene Person, über den Namen seines Vaters und Großvaters beibringen müssei). Wie wichtig Josef diese Organisation des Fremdenverkehrs in der damaligen Lebensmittelnot erschien, ergibt sich aus der Tatsache, daß er seinen ältesten Sohn Manasse zum Direktor des Paßwesens bestellte und daß sich nach dem oben erwähnten Kommentar in Manasses Bureau auf Grund i) Da im Altertum keine Familiennamen existierten, so war aur Ermittlung der Personalien die Beifügung der Namen von Vater und Großvater unerläßlich. Übrigens bestand auch auf dem Höhepunkt der hinter uns liegenden Verkehrsbeschränkungen in einzelnen Kronländern Österreichs die Vorschrift, daß die Vornamen der Eltern, bei der Mutter sogar deren früherer Mädchen? name in die Fremdenlisten einzutragen sind. der Auszüge der an den Grenzorten vorgezeigten Pässe eine förmliche Kartothek aller zum Aufkauf von Korn aus dem Auslande eintreffenden Fremden automatisch aufbaute. Nach der Überlieferung zu der Bibelftelle: „Und Josef war es, der über das Wirtschaftsleben und den gesamten Getreideverkauf frei verfügte" soll aber Josef zu Beginn der sieben mageren Jahre noch drei weitere volkswirtschaftlich lehrreiche Edikte erlassen haben. Edikt I bestimmt, daß kein Unbeschäftigter, kein Dienstbote bezw. Sklave nach Ägypten einwandern dürfe. Edikt II kontingentiert das Quantum der zur Ausfuhr in die Nachbarländer (Palästina, Mesopotamien, Phönizien usw.) zugelassenen Getreidemengen dadurch auf das strengste, daß jeder einreisende Aufkäufer nur seinen eigenen Esel (andere Beförderungsmittel gab es damals natürlich nicht) als Transportmittel für die Rückfracht milnehmen dürfe. Die Mitnahme eines weiteren Esels war unter keinen Umständen gestattet. Edikt HI regelt den Verkehr auf den im Inland, also in Ägypten selbst, gestatteten Getreidemärkten nach der Richtung hin, daß die dem freien Verkehr überlassenen kleineren Mengen stets nur dem nächftgelegenen Provinzmarkte zugesührt werden dürfen. Hierdurch sollte verhindert werden, daß habsüchtige Produzenten ihr Korn an die Großstädte verluden, woselbst natürlich wesentlich höhere Preise zu erzielen waren. Die Motive zu diesen drei staatlichen Verordnungen bedürfen keiner weiteren Erläuterung. Wie Edikt I darauf abzielt, einer Vermehrung der Erwerbslosen, bezw. der hungrigen Mäuler im Lande entgegenzuwirken, so sollte Edikt III einer Entblößung der Provinzmärkte von genügenden Kornzufuhren Vorbeugen und die heimischen Produzenten auf den heimischen Absatz beschränken. Die Ausfuhr aus Ägypten sowie die Belieferung der Großstädte behielt sich die Regierung aus ihren eigenen in den „sieben fetten Jahren" wohlgefüllten Getreidespeichern vor. Diese Getreidesilos waren aber nicht etwa nur in den Hafen- und Handelsplätzen des Landes vorhanden, sondern in den zehn Provinzen Ägyptens dezentralisiert, so daß die Belieferung der Bevölkerung stets an Ort und Stelle erfolgen konnte. Auch ließ Josef als genauer Kenner der Psyche eines durch eine elementare Heimsuchung seelisch stark erregten Volkes gemäß Genesis, Kap. 41, V. >6, diese wohlgefüllten Getreidemagazine täglich mehrere Stunden zum freien Eintritt für die Bevölkerung öffnen, um hierdurch der Letzteren die Menge des aufgespeicherten Kornes vor Augen zu führen, allen lügenhaften Gerüchten kleinmütiger Pessimisten entgegenzutreten und das Volk zum „Durchhalten" anzufeuern. Auch über die Art und Weise, wie das aufgespeicherte Getreide auf Jahre hinaus in guter Beschaffenheit konserviert wurde, enthält der Midrasch interessante Andeutungen. Von „Höchstpreisen" enthalten die Bibelkommentare keinerlei Andeutung. In Ägypten selbst war jedenfalls während der sieben Hungersnotjahre ein einheitlicher Verkaufspreis für das von der Regierung aufgeftapelte Korn für alle Käufer festgesetzt. Damit zerfallen die in der antisemitischen Literatur vielfach -erhobenen Anwürfe, als ob Josef mit dem thesaurierten Getreide „Kornwucher" getrieben habe, von selbst in nichts zusammen. Es scheint aber, daß im ersten Jahre der Hungersnot die aus dem Auslande einreisenden Händler das in Ägypten vorhandene Getreide zu Überpreisen losgeschlagen haben. Darauf dürfte zurückzuführen sein, daß laut dem Berichte der Bibel der Stammvater seine Söhne anweist: „Ziehet selbst hinab nach Ägypten