Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 1 (1925)
- Issue
- 1 (27.2.1925)
- Article
- Ein Wort der Schriftleitung
- Date
- 1925-02-27
- Page
- Seite 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 1 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 3 Eine Fülle von Ausgaben ist es, zu deren Lösung diese Zeitung berufen ist. Durch Aussätze namhafter Autoren über religiöse, kulturelle und soziale Fragen wird es ihr gelingen, das Interesse der Allgemeinheit für diese Probleme zu erwecken. Sie wird Ausschluß geben über die Angelegenheiten der Gemeinde und des Verbandes durch Veröffentlichung von Gesetzesentwürfen, durch Berichte über Sitzungen und Tagungen. Sie wird dadurch dem einzelnen Gelegenheit verschaffen, aus Grund eigenen Urteils Stellung zu nehmen. Auch das Literarische wird sie pflegen durch Hinweis aus wertvolle Neuerscheinungen, unter besonderer Hervorhebung einzelner Werke durch ausführliche BesprechungM. Sie wird regelmäßig auf Vorträge und sonstige Veranstaltungen aufmerksam machen und dadurch zur Hebung des kulturellen Niveaus beitragen. Sie wird die wichtigsten Nachrichten aus Gemeinde und Verband dem Leser übermitteln und dadurch einen engeren Konnex Herstellen. So wird sie ein Spiegelbild des Lebens der Gemeinde und 'des Verbandes fein und gleichzeitig dieses Leben intensiver gestalten. Wir hoffen, daß es diesem Blatte gelingt, seine schönen Aufgaben zu erfüllen und wünschen, daß es viele Freunde finden möge! öefallenengeöenhfeier. In einträchtigem Zusammenwirken der Kultusgemeinde München mit dem Bund Jüdischer Frontsoldaten sind dank der Unterstützung opferbereiter Kreise, gefördert nicht zuletzt durch die Werbetätigkeit hilfsbereiter Frauen, nunmehr der Erinnerung an die im Weltkriege gefallenen 180 Söhne der Israelitischen Kultusgemeinde München würdige und eindrucksvolle Gedenkzeichen errichtet worden. Dem Frontbund stand in seinen eigenen Reihen in dem Kriegsteilnehmer Bildhauer Arnold Zadikow ein feinsinniger Künstler zur Verfügung, der schlicht und wirksam zugleich die ihm übertragene Ausgabe zu lösen verstand. Sein Werk: eine mit edlem Formsinn gestaltete und bildhauerisch durch einen besonders gelungenen heraldischen Löwen belebte Gedenkplatte ist in den Südturm der Synagoge an der Herzog Maxstraße eingelassen. Anders geartet war die Aufgabe, welche die Kultusgemeinde dem Schöpfer des auf dem nördlichen Friedhof errichteten Ehrenmals gestellt hatte. Hier galt es, eine Lösung zu finden, die gleichzeitig einen geeigneten Zentralpunkt für die seit einiger Zeit im Gang befindliche gärtnerische Aus- und Umgestaltung des nördlichen Friedhofes schuf. Architekt Fritz Landauer, der begabte Schöpfer der Augsburger Synagoge, wählte diesen Zentralpunkt an der Stelle, an welcher er gewissermaßen naturnotwendig erwartet wird: gegenüber der Trauerhalle. Ihr gegenüber ist ein auch im Ausmaß bedeutender, vertiefter rechteckiger Ehrenplatz entstanden. Ein gewaltiger Sarkophag mit der Aufschrift: „Den Gefallenen 1914—1918", in Muschelkalk ausgeführt, von Bildhauer R e sch mit eindrucksvollen Symbolen geschmückt, bildet die Dominante. An den Längsseiten des Rechteckes stehen je 4 Steintafeln. Sie tragen die Namen unserer auf dem Felde der Ehre gebliebenen Brüder. Durch die mit der Geldentwertung verbundenen Schwierigkeiten ist dem längst bestehenden Wunsch nach Ehrung unserer Gefallenen erst spät Erfüllung geworden. Am 11. Januar 1925 konnten endlich Gemeinde und Frontbund an einem vom herrlichen Sonnenschein begünstigten, klaren Wintertag die feierliche Enthüllung vollziehen. Bei diesem Anlaß ist die Kultusgemeinde München wieder zum erstenmal seit langem nach außen mit einer größeren Feier in die Öffentlichkeit getreten. Es verstand sich für alle Beteiligten von selbst, daß der Festakt der zu Ehrenden würdig verlaufen sollte und daß schon ob der Hehrheit ihres Gedächtnisses jedem Mißklang vorgebeugt werden mußte. Die Gemeinde als Veranstalterin der Enthüllungsfeier wollte daher vor allem der Feier jeden politischen Beigeschmack nehmen. Das machte insbesondere hinsichtlich des Kreises der offiziellen Einladungen eine wohlüberlegte Beschränkung vor allem nach der Richtung nötig, daß auf die Zuziehung allenfalls als politisch anzusprechender Vereinigungen verzichtet werden mußte. In erster Linie waren Einladungen ergangen an die obersten Heerführer der bayerischen Armee: Kronprinz Rupprecht und Prinz Leopold von Bayern, sowie Generaloberst Graf Bothmer. Im übrigen waren die in Betracht kommenden Militär- und Zivilstellen geladen worden, auch an das Präsidium des bayerischen Kriegerbundes war in Erwiderung einer an die Vorstandschaft gelangten Aufforderung zur Anteilnahme an der Enthüllungsfeier vor dem Armeemuseum eine offizielle Einladung ergangen. Die Enthüllung der Frontbund-Gedenkplatte vollzog sich in und vor der Synagoge. Im Gegensatz zu der anschließenden Feier auf dem Friedhof war der Akt mehr als interne Feier gedacht und durchgeführt. In der Synagoge hatten sich um 7->9 Uhr vormittags mit dem Frontbund, den Gemeindeverwaltungskörpern, den Abordnungen von Studentenkorporattonen die zahlreichen Hinterbliebenen der Gefallenen und viele Gemeindeangehörige zu einem eindrucksvollen Gedächtnisgottesdienst zusammengefunden. Rabbiner Dr. Baerwald verstand es, in einer ebensosehr von warmem Gefühl wie von tiefer Religiosität getragenen Predigt den ernsten Grundton der gesamten Feier anzuschlagm. Die Gesänge des Synagogrnchors, und der Vortrag des Psalms 103 durch Kantor Müller umrahmten die Ansprache des Rabbiners. Andächtige Trauerversammlungl Jahr um Jahr haben wir uns hier versammelt, um eine Stunde des Gedenkens denen zu widmen, denen dieser Tag in ganz besonderem Maße gilt. Eine wehmütig liebe Gewohnheit ist es uns geworden. Wir haben sie nicht als Pflicht empfunden, sondern als innere Nötigung. Heute wiederum haben sich des Gotteshauses Pforten geöffnet, um unsere Gedanken in weihevoller Stimmung zu denen zurückzuführen, denen wir so unendlichen Dank schulden. Ein Tag von bebesonderer Art ist es. Außen an der Mauer des Gotteshauses mahnt ein Stein an die, deren wir nicht nur hier denken sollen, sondern zu jeder Stunde, an jedem Ort. Nicht nur auf dem Friedhof, auf dem wir nachher uns versammeln wollen, wo der Gedanke an die, die dort im Grabe schlummern, uns auch mit denen verbindet, deren Gräber weit verstreut sind in Ost und West, nein, mitten im Gewühl der Stadt soll an des Gotteshauses Wand ein Zeichen der Erinnerung stehen und den Gedanken verkünden: Das Gotteshaus nimmt ihr Andenken in seinen bergenden Schutz: so heilig ist uns ihr Gedächtnis, daß wir keine würdigere Stätte wissen als die des Gebetes, der Verehrung des Höchsten; aus dem Heiligtum heraus soll aber auch die Sprache ihres Todes eindringlich in das flutende Leben tönen.