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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1925-02-27 · 1 (27.2.1925) · p. Seite 2

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
1 (1925)
Issue
1 (27.2.1925)
Article
Gemeinde und Landesverband
Date
1925-02-27
Page
Seite 2 (sequence 1)
Language
German
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2 Bayerische- Israelitische Gemeindezeitung Nr. 1 Semeinde und Landesverband. Gedanken zur Einführung der Gemeinde- und Verbandszeitung. Von Dr. Neumeyer. 1. Gemeinde. Der Verband hat die Wende der Zeit vorausgenommen, er ist Die Gemeinde ist die Urzelle des religiösen Lebens. Wenn sie Bestand hat, können andere Organisationen zur Not entbehrt werden. Sie vermittelt die Vergangenheit mit der Gegenwart und erstreckt ihre Wurzeln in die Zukunft. In ihr wirken alle religiösen Kräfte zusammen und Pflicht der Gemeindeleitung ist es, diese Kräfte zu sammeln und in ihrer Eigenart zu erhalten, zu sorgen, daß sie sich wohl fühlen in dem Ganzen und den Frieden achten, damit die Gesamtheit keinen Schaden leide. Irreführend waren die Wege des Kulturkampfes. In Gewissensfragen gibt es keinen Mehrheitsbeschluß. Die Gemeinde München ist stolz, daß dieser Grundsatz in ihr Geltung erlangt hat, daß alle Kräfte, ihrer selbst sich bewußt, immer mehr sich zusammenfinden, dem Ganzen zu dienen, daß ihr Wirkungskreis sich immer mehr erweitert nach der religiösen, der religiös-kulturellen und sozialen Seite, daß sie, getragen von der Liebe und dem Interesse ihrer Mitbürger, ihre Pflichten zu erfüllen imstande ist, zugleich als aufbauendes Element ihrer geliebten Stadt und des bayerischen und deutschen Vaterlandes. 2. Landesverband. Der Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden wurde vor 4 Jahren gegründet. Seit mehr als hundert Jahren von Staat und Gesellschaft begehrt, vorbereitet in der Zeit vor dem Kriege, ist er unter der Herrschaft der neuen Verfassung als Körperschaft des öffentlichen Rechts mit Steuergewalt erstanden. Er sammelt die Kräfte des Landes und bringt sie zum Ausgleich. Er dient der Fürsorge für Rabbiner, Lehrer und Beamte, der Erhaltung leistungsschwacher Gemeinden, der Förderung der Wohlfahrt der Gemeinschaft und dem Schutz ihrer Glieder gegen Beeinträchtigung der staatsrechtlichen Stellung. Er ist geschaffen zur Linderung materieller Rot, zur Erfüllung sozialer, vom Staate uns ernstlich vorgestellter Pflichten, die Wurzeln seines Wachstums aber, welche die Dauer verbürgen, sind tiefer gelegen. kin Wort der Dr. Eugen Durch schwere Zeiten sind wir hindurchgeschritten. Eine Wendung zum Besseren scheint eingetreten zu sein. Angenehm ist, wie ein altes Wort sagt, die Erinnerung an überstandene Gefahren. Denn sie stärkt die Zuversicht und gibt neue Kraft. In schwerster Zeit hat sich der Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden konstitutiert; daß nunmehr die Kultusgemeinde München und der Verband daran gehen, sich ein eigenes Organ zu schaffen, ist ein Zeichen der Kraft. Immer mehr steigert sich der Einfluß der Presse. Sie ist das notwendige Korrelat unserer Zeit mit Eisenbahn, Automobil, Flugzeug und Radio. o Es ist kein Zweifel, daß alle diese Dinge die Menschen einander näher gebracht haben. Aber es ist ein Nähersein nur in räumlichem Sinne. Dies genügt nicht. Zunächst schafft die größere Nähe nur größere Konfliktsmöglichkeiten. Solche zu verhindern, kann nur gelingen, wenn zu dem Gefühl des räumlichen Naheseins geboren aus der Selbstbesinnung und Selbstachtung, aus dem jüdischen Gedanken, der die zerstreuten Kräfte sammelt, daß sie vereint uns die Stellung verschaffen, aus die unser uraltes Erbe Anspruch hat, aus Liebe zu diesem Erbe, daß wir seinen Wert klar erkennen und es einstellen in den Zusammenhang der Gesittung und Kultur des Vaterlandes. Drohende Angriffe gegen unsere staatsbürgerlichen Rechte hat der Verband abgewehrt. Mit größerem Stolz aber verzeichnet er in der Zeit des Zusammenbruchs und der Auflösung, daß er aufbaut und zusammenfaßt, schöpferisch wirkt und mit Liebe erfüllt, daß er in den Grenzen des Landes den Weg weist, unsere religiöse Gemeinschaft geschlossen und sicher hinüberzutragen in bessere Zeiten. 3. Reichsverband. Wir begrüßen mit Freude die Schaffung des preußischen Landesverbandes, der größten Zusammenfassung jüdischen Lebens in deutschen Landen. Auf den Gemeinden bauen sich die Organisationen der Länder natürlich auf und sie streben zum Zusammenschlüsse im Reiche. Wir sind gerne bereit mitzuarbeiten mit den Verbänden im Norden und den Gemeinschaften im Süden zur Bildung eines das Reich umfassenden Verbandes, der die Aufgaben erfüllt, welche die Länder nicht zu lösen vermögen: die Ausbildung unserer Rabbiner und Lehrer, die Pflege der Wissenschaft,' dir zentrale Förderung der Wohlfahrt, die Errichtung und Unterhaltung von Anstalten zur Fürsorge für Hilfsbedürftige aller Art, die Vertretung im Reich. 4. Möge dieses Blatt ein geistiges Band schlingen um die Anhänger unseres Bekenntisses, daß sie mit Liebe und Interesse an dem Gemeinschaftsleben teilnehmen, daß sie das religiöse Leben schauen, das m sere Zeiten durchflutet, daß sie aus ihren eigenen Quellen schöpfen und ihr Eigenes beibringen zur Erweckung des sittlichen Geistes, auf den allein unsere Zukunft sich gründet. Schriftleitung. Schmidt. das Gefühl des geistigen Naheseins, das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit, das Gemeinschaftsgefühl tritt. Dieses zu schaffen, ist die Aufgabe der Presse in gutem Sinne. Mit den alten Mitteln der persönlichen Aussprache und der freien Rede lassen sich heute keine hinreichenden Wirkungen mehr erzielen, zu groß ist die Zahl derer, aus die eingewirkt werden muß, zu schwach die Stimme, um die Entfernungen zu überbrücken. So ist die Presse ein Hauptfaktor geistigen Lebens geworden, eines der wirksamsten Mittel, um geistig zu wirken und Geistiges neu zu beleben. Angesichts dieser Tatsache muß es geradezu Wunder nehmen, daß religiöse Gemeinschaften nicht schon viel früher und in viel stärkerem Maße sich dieses Mittels bedient haben, da sie sich doch das Geistige zur Aufgabe gestellt haben. Kein Zweifel: Diese nunmehr erscheinende Zeitung der Kultusgemeinde München und des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden entspricht einem unabweisbaren Bedürfnis. Sie erst wird imstande sein, zu schaffen, was uns not tut, eine wahrhafte Gemeinschaft.

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