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Die neue Welt · 1937-01-12 · Heft 622 (12.1.1937) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
11 (1937)
Issue
Heft 622 (12.1.1937)
Date
1937-01-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 622 vom 12. Jänner 1937 DIE NBtfiE WELT Seite 3 RUNDSCHAU **ie getarnte Kultur Seitdem ein Teil der reichsdeutschen Haken- Icreuzpresse ungehindert nach Oesterreich kommen kann, bekundet sie auffallend viel Teilnahme für österreichische Ereignisse; nicht gerade für das, was Oesterreich am Herzen liegt, sondern für die obskursten Dinge und Momente, die nicht einmal die österreichische Presse selbst der Erwähnung wert hält. Meisterin in dieser Spezialität ist vor allem die E3sener „Nationalzeitung", die sozusagen ein legaler Ersatz für die illegalen Nazizeitungen geworden ist und von diesem Monopol reichlich Gebrauch macht. Da vernünftigerweise nicht einzusehen ist, weshalb Essen und Umgebung für die kleinen östereichischen „Pikanterien" Interesse haben sollte, ist der Schluß zwingend, daß eben Wien und Umgebung mit diesen Mitteilungen gefüttert werden sollen. Gemeint sind natürlich . . . Antisemitica! So erzählt z. B. das Essener Blatt, daß immer noch in den Wiener Theatern und Kabaretts Juden zu Worte kommen, ein Zustand, den man im Dritten Reich abgestellt habe, und nennt hiebei auch den Namen des Schriftstellers S i 1 V a r a, dessen Bühnenwerke bekanntlich im Akademietheater aufgeführt werden. Dieser Jude Sil Vara ist den Essener Herren sowie allen Nazis ein Dorn im Auge. Sie vergessen allerdings, daß erst vor einem halben Jahr ein Schauspiel dieses Untermenschen in Deutschland, im Hitler-Deutschland, im rassebedachten, von der Asphaltliteratur gereinigten Dritten Reich verfilmt wurde, u. zw. „Mädchen jähre einer Königin". Allerdings erschien der Name des Autors nicht auf der Leinwand, der Film läuft getarnt — als Produkt germanischen Geistes, und Julius Streicher hat keine Ursache, seine blutige Nilpferdpeitsche zu schwingen. So leben wir, so leben wir alle Tage . . . /,Lukus des Sudenboykofts" Aus Budapest wird berichtet: Der Bürgermeister von Sopron (Oedenburg), Michael Sopronyi Thum er, hielt dieser Tage im Soproner Katholiken-Klub einen Vortrag über seine Eindrücke anläßlich einer Deutschland-Reise. In Leipzig, berichtete er, ist unter der Einwirkung dea offiziellen Antisemitismus die weltberühmte Kürschnerindustrie völlig zugrunde gegangen. Der verstorbene ungarische Ministerpräsident Gömbös hatte sich bei den kompetentesten Stellen des Dritten Rcicnes seinerzeit darnach erkundigt, wieviel Deutschland der Judenboykott gekostet habe. Dem Regierungschef wurde eine phantastische Ziffer genannt. Gömbös habe geantwortet: „Diesen Luxus kann sich das verarmte Ungarn nicht erlauben." Bürgermeister Sopronyi Thurner schilderte die religionsfeindliche Agitation und den auffallenden Verfall des Geschmacks in Kunst und Literatur des Dritten Reiches. In Braunschweig habe der dortige Bürgermeister die Ungarn enthusiastisch gelobt und damit geprahlt, daß binnen kurzem die Hakenkreuzfahne auch auf dem Turm des Wiener St. Stephansdomes gehißt werden würde, die Ungarn würden schon sehen, welch gute Nachbarn die Deutschen seien. (J. T. A.) Shaw wieder einmal ,/geistreich" Die Unabhängige Arbeiterpartei Großbritanniens iiatte Bernard Shaw ein Exemplar des Berichtes ihrer Sonderkommission für Palästina-Fragen mit der Bitte übersandt, hierzu Stellung zu nehmen. In dem Bericht wird gesagt, das britsiche Mandat über Palästina sei ein imperialistischer Schachzug gewesen, um den Weg nach Indien >*t schützen usw. Hernard Shaw hat seine Stellungnahme zu dem Bericnt in drei dramatisierte Szenen gefaßt. Am Eingang seiner Antwort bezeichnet er in der ihm eigenen Art den historischen Teil des Berichtes der Kommission als Nonsens. Er wolle die wahre Geschichte von Artur B a 1 f o u r und den Zionisten dramatisieren. Der erste Akt dieser dramatisierten Antwort führt in das Foreign Office und spielt im Jahre 1917. Arthur Balfour unterhält sich mit einem jungen Attache" über die Kriegskosten; er fragt den Attache, ob die Chemiker nicht etwas erfinden könnten, was die Kriegsführung billiger mache. Der Attache" antwortet, daß es einen Chemiker in Manchester gebe, der dies tun könne. Lord Balfour verlangt, daß man diesen Chemiker ihm vorstelle. Der Attache sagt, es sei unmöglich; er sei ein Jude. Lord Balfour fragt, ob Sir Herebrt Samuel ein Jude sei oder nicht, und ob er im Kabinett sitze oder nicht. Er verlangt, daß innerhalb drei Stunden der Chemiker vor ihm stehe. Der zweite Akt spielt drei Stunden später. Doktor Chaim Welzmann, der von dem Attache" genannte Chemiker aus Manchester, unterhält sich mit Lord Balfour, der Dr. Weizmann eine sechsstellige Zahl nennt, um ihn zur Herausgabe seines Verf^Jrens zu bevegen. Dr. Weizmann antwortet, daß er nicht Geld v«wange. Lord Balfour sagt, daß hierbei vie'jfeicht ein Mißverständnis vorliegen müsse. Er sei dahin unterrichtet worden, daß Dr. Weizmann ein Jude sei. Dr. Weizmann antwortet, daß diese Information zutreffe, und er wiederholt, er wolle kein Geld haben. Lord Balfour fragt, ob er vielleicht **uen Titel wolle, Dr. Weizmann lehnt ab. Lord Balfour hx ^evzrnmn, was er denn nun endlich wolle. SAMSTAG 30. JÄHHER 23 UHR %6 wUoU Uwm totUs a&mi .JUGEND FÜR WINTERHILFE" die Ballnacht des „Jüdischen Klubs der Jungen" im Ronacher. Protektorat: Das Präsidium der Israelitischen Kultusgemeinde. Programm: Die komplette Ronaeher-Show, ferner eine Auswahl der beliebtesten Wiener Künstler ANSCHLIESSEND TANZ Karten ob S 2.— in allen Kartenbüros, im KlubSsim des J. K. J., I, Goldschmiedgasse 9, und Direktion Bernard, I, Schwarzenbergpialz 1 (U-17-2-83) I Das Reinerträgnis fließt dem Wintarhilfsionds der Israel. Kultusgemeinde IMMMMWMBMBMIIllim Letzte Nachrichten aus Palästina Die Araber und die Kommission Palcor meldet aus Jerusalem: Die Einvernehmung arabischerZeugen wird vermutlich Anfang nächster Woche beginnen. Als erste werden der Mufti, Auni Abdul Hadi, Nashashibi, Sidkey Dajani, Emil Ghory, Jamal Husseini und der Bürgermeister von Nablus Aussagen machen. Wie Palcor erfährt, ist die arabische Delegation von ihrem Besuch bei den arabischen Königen mit emem Brief für den Mufti von König I b n Saud und König Ghazi zurückgekehrt, die dem Mufti darin empfehlen, sich auf die Gerechtigkeit der Engländer zu verlassen und die arabische Sache vor die Kommission zu bringen. Das Oberste Komitee erließ heute einen weiteren Aufruf, in dem alle Araber, die Beschwerden haben, aufgefordert werden, dieselben nur durch das Komitee der Kgl. Kommission zu unterbreiten. Das Arabische Oberste Komitee entwickelt eine fieberhafte Tätigkeit in der Vorbereitung der Aussagen seiner Vertreter und dem Studium der Bekundungen jüdischer Zeugen. In der Frage der von den Arabern zu vertretenden L i n i e ist es jedoch noch nicht zu einer Einigung gekommen. Eine Gruppe besteht auf der Forderung nach Abschaffung des Mandats und der Balfour-Deklaration, obwohl angesichts der beschränkten Kompetenzen der Königlichen Kommission keine Aussicht auf Erfolge vorhanden ist; die andere vertritt eine realere Politik, in der Hoffnung, die größtmöglichen Konzessionen zu erzielen. Höchstwahrscheinlich werden beide Standpunkte vorgetragen werden. Die Mehrzahl der Aussagen werden öffentlich erfolgen, wobei ein doppelter Zweck verfolgt wird, nämlich Propaganda und Ausschließung der Möglichkeit von IntrigenderarabischenPührer gegeneinander, wozu das Erscheinen in geschlossenen Sitzungen der Kommission Gelegenheit bieten würde. Emir Abdullah ^roht Aus London meldet die J. T. A.: „Daily T e 1 e g r a p Ii" veröffentlicht ein Interview seines Jerusalemer Korrespondenten mit dem Emir Abdullah von Transjordanien, der verschiedene Bemerkungen im Zusammenhang mit der Lage in Palästina gemacht hat. Emir Abdullah drückte zunächst seine Zufriedenheit darüber aus, daß das arabische Komitee den Boykott der Königlichen Kommission aufgegeben habe, und erklärt weiter, daß England die Araber nicht enttäuschen dürfe. Es ist absolut sicher, erklärte Abdullah, daß, falls die Königliche Kommission in ihre Empfehlungen an die englische Regierung nicht die Forderungen der Araber aufnehmen werde, I im kommenden Sommer wiederum Unruhen in Palästina ausbrechen werden. Die Königliche Kommission müsse der Forderung der Araber nach Einstellung der jüdischen Einwanderung nachkommen. Riesenbrand In Haifa. Aus Haifa meldet „Palcor": Am 9. Jänner ist unweit von Haifa ein riesiger Brand ausgebrochen. Wie es sich herausstellte, ist der Brand infolge einer Brandlegung bei der Petroleumleitung der Irak-Petroleumkompagnie entstanden. Die ganze Nacht war Haifa in dichten Rauch gehüllt. Zur Rettungsaktion wurden die Matrosen aller Kriegsschiffe, welche im Haifaer Hafen lagen, herangezogen. Abreise der KqL KommfcsBOvt versdrofren Aua Jerusalem meldet „Palcor": Da die Araber den Boykott der Königlichen Kommission eingestellt haben, wurde offiziell bekanntgegeben, daß die Abreise der Königlichen Kommission, welche für den 12. Jänner angekündigt war, auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werde. Fortsetzung der Vernehmungen in London Aus London: Die „Times" berichtet aus Jerusalem, daß die ersten Vernehmungen arabischer Zeugen am Montag vor der Kgl. Kommission in öffentlicher Sitzung stattfinden werden. Eine andere englische Tageszeitung behauptet, daß die Kgl. Kommission die Vernehmung von Zeugen nach ihrer Rückkehr aus Palästina in London fortsetzen werde. Es würden Winston Churchill, Lord Swiuton, der Minister für die Dominien und ehemalige Kolouienminister Malcolm MacDonald sowie Sir Herbert Samuel, ehemaliger High Commissioner von Palästina, als Zeugen erscheinen. (J. T. A.) Aufruf des Obersten Arabischen Ausschusses durch Radio verbreitet Aus Jerusalem: Allgemeines Erstaunen rief in Palästina die Tatsache hervor, daß der Aufruf des Obersten Arabischen Ausschusses an die arabische Bevölkerung, in welchem die Einstellung des Boykotts der Kgl. Kommission angekündigt wurde, durch das palästinensische Radio, welches m der Regel nur offizielle Mitteilungen der Regierung gibt, verbreitet worden ist. (J. T. A.) Und Weizmann erwiderte: „Ich will Jerusalem." Lord Balfour sagt — es gehöie ihm. Der dritte Akt zeigt Bjrnard Shaw selbst, wie er die Meldung von dem Erlaß der Balfour-Deklaration erhält. Bernard Shaw sagt: „Noch ein Ulster! Als ob eins nicht genug wäre! Ulster ist bekanntlich eine Provinz Irlands, der Schauplatz historischer Auseinandersetzungen zwischen Engländern und Iren. Shaw, will die „Errichtung des Jüdischen Nationalheims in Palästina" als eine Gefahr für den Frieden bezeichnen. Palästina ist also in seiner Auffassung eine Art Großbritannien, das durch Schaffung einer jüdischen Provinz zu dauernder Unruhe verurteilt wäre. Die Araber sind demnach die Briten, die Juden — die Ulsterleute. Shaw hat mehrfach schon durch seine Sucht nach blendenden Antithesen — sagea .wir milde — ungereimtes Zeug gesprochen und geschriaben, hauptsächlich im Bereich der Politik, und man hat es folgerichtig ad acta gelegt. Auch seiner „Ulster"-Prophezeihung wird dasselbe Los geschieden sein. j Urteifcbegrundunjf im FranlifurferfProzeß Aus Bern wird bericht „Das Bündische Gericht schriftliche Begründung des Frankfurter, das Zuchthaus lautet, aus. Es wirl nach den Aussagen des Angel t: in Chur gibt soeben die Urteils gegen David ltlich auf 18 Jahre darin festgestellt, daß lagten die Ueberlegung zum Mord bei Frankfurter vorlag. Der Angeklagte habe auch zugegeben, er habe das Verbrechen allein geplant und ausgeführt. Die Begründung führt dann die strafmildernden Umstände — unbescholtener Lebenswandel, Selbststellung und depressive Reaktion — an, wendet sich aber gegen die Ausführungen der Verteidigung, die auf eine aus gerechter Ursache entstandene heftige Gemütsbewegung entscheidend hinweist. Als strafverschärfend wird die „Bösartigkeit und Gefährlichkeit des Willen s", der Frankfurter zur Tat bestimmte, verzeichnet. Ob die Tat als politisches Verbrechen zu werten sei, spiele nach dem örtlichen Gesetz keine Rolle." Uns liegt der genaue Wortlaut der Urteilsbegründung nicht vor. Wir stützen daher unsere Betrachtung auf einzelne, in Schweizer Blättern erschienene Stellen der Urteilsbegründung, die über den oben zitierten Text weit hinausgehen. Es heißt darin, daß die Judenverfolgungen in Deutschland darnach angetan sind, das Gemüt eines jungen Menschen zu erschüttern und aus dem Gleichgewicht zu bringen. Nichtsdestoweniger erscheint uns die Begründung äußerst matt und einseitig und der tatsächlichen Lage nicht entsprechend. Eine Kritik des Urteils wäre überholt und könnte an dem wirklichen Zustand nichts ändern. Wir begnügen uns daher mit dieser kurzen Feststellung. Am 24. November schrieben wir: „Das Gericht wird sprechen und wir werden den Spruc'h hinnehmen." Das Gericht hat gesprochen. Das weitere überlassen wir dem Urteil der Geschichte.

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