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Die neue Welt · 1937-01-12 · Heft 622 (12.1.1937) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
11 (1937)
Issue
Heft 622 (12.1.1937)
Date
1937-01-12
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seit« DIE NEUE WELT Nr. 622 vom 12. Jänner 1937 Balfour-Deklaration und Mandat verpflichten In erster Unie zur Errichtung des Jüdischen Nationalheims, in zweiter Linie zur Wahrung der Rechte der religiösen Gemeinschaften and Einzelpersonen, die vor der Deklaration in Palästina waren. Balfourdeklaralion und ludenstaal Nun entwickelte sich eine Dahatte über Jüdische Mehrheit und Judenstaat, die folgenden dramatischen Verlauf nahm: Lord Peel: Sie glauben, daß die Bildung einer jüdischen Mehrheit dem Mandat entsprechen würde? Leonard Stein: Jawohl. Lord Peel: Dann wäre Selbstverwaltung möglich. Dann würde die jüdische Mehrheit herrschen. Leonard Stein: Darum ist das Mandat notwendig, damit vermieden wird, daß ein Teil der Bevölkerung den anderen beherrscht. Lord Peel: Sie glauben, daß jüdische Mehrheit in den Rahmen des Mandats fällt? — Leonard Stein: Jawohl. Sir Laurie Hammond wies auf Artikel 15 des Mandats hin, in dem es heißt, daß keine Unterscheidung zwischen den Einwohnern Palästinas auf Grund der Rasse, Religion oder Sprache gemacht werden soll. Er fragte, ob die Regierung nicht berechtigt sein solle, den Arabern bestimmter Gebiete zu verbieten, Boden zu verkaufen. Leonard Stein meinte, daß die Regierung das Recht dazu nur bedingt habe. Sir Laurie Hammond fragte, wie die Regierung dies im Rahmen des Mandats ändern könne. Leonard Stein antwortete, es sei eine Frage der Regierungpolitik. Sie könne Bodenverkauf verbieten, aber nicht ausschließlich einen Verkauf an Juden. Sir Laurie Hammond: Halten Sie eine Kantonisierung für mandatswidrig? Leonard Stein: Es ist mir nicht bekannt, welche Rechte für die Kantonalbehörden vorgeschlagen werden. Zweifellos aber widerspricht der Plan dem Artikel 25 des Mandats, der vorsieht, daß Transjordanien, in das Gebiet des Nationalheims nicht eingeschlossen wird. Daher steht die Kantonisierung mit dem Mandat nicht im Einklang. Sir Harold Morris: Die Balfour-Deklaration enthält die Bestimmung, daß nichts getan werden solle, was die Rechte der Nichtjuden verletzen könnte. Daraus folgt, daß eine Verletzung dieser Rechte bei der Errichtung des Nationalheims möglich ist Leonard Stein: Man dachte daran, daß das Nationalheim sich zu einem Judenstaat entwickeln wird. Sir Harold Morris: Wollen Sie sagen, daß die Balfour-Deklaration einen Judenstaat in Betracht gezogen hat? Leonard Stein: Jawohl. Sir Harold Morris: Steht etwas hierüber in der. Präambel zum Mandat? Leonard Stein: Nein; das Weißbuch vom Jahre. 1922 hat die Balfour-Deklaration dahin interpretiert, daß sie nicht auf die Errichtung eines Judenstaates abzielt. Die Regierung ist schuld Zum Schluß der Sitzung wurde noch ein Vertreter der Linken, Poale Zion, Abrahamowltz, vernommen. Er erklärte, die Regierung trage die Schuld an den jüngsten Unruhen. Es sei ihr sogar der Tag bekannt gewesen, an dem sie ausbrechen wurden. Sie habe aber nichts getan, um sie zu verhindern. Die Regierung habe die arabischen Extremisten ermutglt und seinerzeit dem Mufti von Jerusalem, der der Hauptschuldige an früheren blutigen Ausschreitungen sei, zum Vorsitzenden des Obersten Moslemitischen Rates gemacht; die Regierung habe verhindert, daß es zu einer Verständigung zwischen Juden und Arabern komme. Nofionalheim und Judenstaaf Der Vorsitzende der Exekutive, David Ben Gurion^ wurde am 7. Jänner von der Königlichen Kommission vernommen. Zum erstenmal waren Araber als Zuhörer zu dieser öffentlichen Sitzung erschienen, nachdem tags zuvor der Oberste Arabische Ausschuß die Aufhebung des über die Kommission verhängten Boykotts verkündet hatte. Der Vorsitzende der Kommission, Lord Peel, stellte an Ben Gurion die Frage, welche Haltung die zionistische Bewegung gegenüber den Arabern einnehme. Ben Gurion betonte, daß die Juden in Palästina kraft eigenen Rechtes seien, „Wir führen unsere schöpferische Arbeit hier", so erklärte er, „nicht in erster Reihe und ausschließlich zu dem Zweck durch, Prosperität zu schaffen, sondern zu dem Zweck, das Jüdische Nationalheim aufzubauen. Der Anspruch der Juden, hier zu leben und frei zu sein, gründet sich nicht nur auf die Balfour-Deklaration und das Mandat; unser Mandat ist die Bibel. Unser Ziel ist es, das jüdische Volk zum Herrn seines Schicksals zu machen, ohne jemand zu beherrschen." Kein anderes Volk der Welt als nur das jüdische Volk, fuhr Ben Gurion fort, erhebt auf Palästina Anspruch als auf seine Heimat. Wir sind überall eine Minderheit und von der Gnade der Mehrheit abhängig. Wir besaßen und besitzen Palästina kraft Rechtes in der Ueberzeugung, daß durch das Mandat beabsichtigt war, einen historischen Beschwerdegrund der Juden gegenüber der christlichen Welt zu beseitigen. Der Zionismus, so führte Ben Gurion weiter aus, erstrebt eine durchgreifende Aenderung der Lage, jedoch ohne Beeinträchtigung der Rechte anderer. Wir haben dieses Land aufgebaut und bauen es weiter auf. Wir sind hergekommen und werden weiter herkommen, bis die Judenfrage gelöst ist. Zum Schluß erklärte Ben Gurion, die Formel eines Jüdischen Nationalhelms sei umfassender als die eines Judenst ates, denn durch die würden die jüdischen Rechte völkerrechtlich gesichert. Unsere Bewegung, sagte er, ist konstruktiv, währmd die Araber nur Politik betreiben. Die Sitzung wurde sodann unterbrochen. Später wurde die Vernehmung Ben Gurions untei Ausschluß der Oeffentlichkeit fortgesetzt. (J. T. A.) Kein Palästina-Visum für Jabctinsky Aus Jerusalem: Die Palästina-Regierung hat die Aasstellung eines Einreisevisums für den Präsidenten der Neu-Zionistischen Organisation, Wladimir Jabotinsky, der nach Palästina kommen wollte, um tor der Königlichen Kommission auszusagen, verweigert. (J. T. A.) Königliche Kommission wird ihren Aufenthalt in Palästina verlängern Aus London: Der „Manchester Guardian" teilt mit, daß nach Ansicht der polifischen Kreise in London der von der Königlichen Kommhsion in Aussicht genommene Termin ihrer Abreise am 12. Jänner nicht wird eingehalten werden können. Zur Vernehmung der Araber würden sonst nur fünf Taje aur Verfügung stehen, selbst wenn die Vernehmung, was zu bezweifeln sei, sofort aufgenommen werden löante. Fünf Tage wären aber kaum ausreichend, insbesondere wenn die Araber ungefähr ebenso viele Zeugen zu stellen hätten wie die Juden. Die Kommission werte es aber, so bemerkt „Manchester Guardian" hierzu; nicht zu bedauern haben, wenn sie ein wenig länger in lalaatina bleibt. Ihr Bericht hätte ohne Anhörung dei arabischen Standpunktes nicht zufriedenstö.end sein können. (J. T. A.) Die Vorgänge inj Polen Zur französischen Anlege Aua Warschau wird gsmeldei: In der Sitzung des polnichen fejm, in der der Außenminister Oberst Beck, ein pmtisches Expose" hielt, gab Abgeordneter Dr," S p,n m e r s^ e i n im Namen des Jüdischen Klubs die' folgere Erklärung ab: Das vorgelegte Gesetzßprojekt tber die französische Anleihe hat über se>en wirtschaftlichen Inhalt hinaus große Bedeutung, dem es bringt die erneute und vervollständigte Festigung-der Freundschaft zwischen Polen und Frankreich und de Möglichkeit zur Erhöhung der Verteidigungskraft Polhs zum Ausdruck. Wir Juden, Bürger des polnischen gaätes, unterstreichen freudig diese positiven Momente H sprechen die Hoffnung aus, daß die Aktion zur wijtsmaftlichen Belebung im Zusammenhang mit der ^alehe alle Bürger ohne Unterschied der Religion oder/der Nationalität in dem gleichen Maße umfassen und d^ ds Prinzip „gleiche Pflichten, gleiche Rechte", insbes<ndei! aber das Recht auf Arbeit, auch gegenüber , der / jüdi;hen Bevölkerung zur Anwendung gebracht we'den Ard. Die sfaatlfclö Winterhilfe An der Durcjführu» Lebensmitteln und Klei^ der Sammlungen von Geld, l für die staatliche Winterhilfe in Polen! haben die Juden in einem außerordentlich großen Maie teilgenommen. Die jüdischen Mitglieder der loljfen Komitees für die Winterhilfe erhielten schriftliche jüdischen Bedürftigen bei* «ichtigt werden würden. Es stellt sich aber jetzt heriu, daß bedürftige Juden von dem Genuß der durch dl ten Mittel überall in Polr Vinterhilfsaktion aufgebrachlusgeschlossen sind. Handhabung fo Schächtverbots In der Durchfühnug lusicherungen, daß auch die des Schächtgesetzes herrscht ein ungeheures Chaos. Otvhl das Gesetz seit 1. Jänner in Kraft ist, wurde z. Bji Lodz bis zur Mitte dieser Woche nicht geschächtet. fir gewöhnlich wurden bis zum Inkrafttreten des Gesetz» täglich in Lodz 4Ö0 Stück Rinder und 1000 Kälber gs hächtet, jetzt werden täglich etwa 20 Stück Rinder, ajer kein einziges Kalb geschächtet WiedeirL Exzesse In Polen vergeht Mi Tag, ohne daß es in dem I einen oder dem anderen tyh zu erheblichen antijlidischen J Ausschreitungen kommt, Sie sind eine derart normale Erscheinung geworden, dt auch die jüdischen Zeitungen sie kaum noch registriert.) In don letzten Tagen aber kam es in der Ortscha p z y z e w (Kreis Bialystok) zu judenfeindlichen Auss^wtungen, die einen pogromartigen Charakter hqen. Zahlreiche Juden wurden schwer verletzt. j Reglerungskomnsär in der Gemeinde Entgegen der in (lischen Kreisen gehegten Erwartung, die Regierungverde ihren Beschluß, einen Kommissär für die Jüdhe Gemeinde Warschaus einzusetzen, revidieren, wur<soeben offiziell mitgeteilt, daß der Wojwode Jaroszewi<;bereits das Dekret über Ernennung von Mauricy M tf e 1 zum Regierungskommissär der Warschauer Jüdisch! Gemeinde unterschrieben hat. Zu Mitgliedern des Beies wurden ernannt: Jakob Trokenheim, BernajD avido viez, Ing. Marek Lichtenbaum, Dr,| Solowejczlk, Advokat B. Sundelewicz, Ij Czerniakow, Hermann Schwarz, Dr. Boris Fb er, Meschulem Kamin er und Labendz. Aus aller Well Errichtung jüdisducfinstlidt er Klubs Aus London wird gemeldet: Der Rat der Bürge* Ostlondons hat in einer unter dem Vorsitz des Erzbischofs von Canterbury abgehaltenen Sitzung eine planmäßige Aktion gegen die Verbreitung von Antisemitismus in London East End beschlossen. Im Zuge dieser Aktion sollen zunächst gemischte jüdisch-christliche Klubs errichtet werden, um einen engeren gesellschaftlichen Kontakt der verschiedenen Bevölkerungsschichten zu erwirken. Der Beschluß des Rates wurde von seinem Sekretär, Dr. J. J. Mallon, bekanntgegeben, der bei der Ausarbeitung des Gesetzes zum Schutz der öffentlichen Ordnung Berater der Regierung war. In einer öffentlichen Versammlung erklärte Dr. Mallon, dem East End selbst sei Judenfeindschaft fremd. Der Redner gab einen kurzen Ueberblick über die Geschichte jüdischer Niederlassungen im East End, erklärte ferner, daß zwar die beiden dort lebenden Gemeinschaften noch geschieden seien, daß sie aber herzlichere Beziehungen zueinander anstreben. Dr. Mallon wandte sich sodann gegen die Tätigkeit der British Union of Fascists und ihres Führers, Sir Oswald Mosley, und erklärte, man könne nicht erwarten, daß die judenfeindlichen Unruhen sich nicht mehr wiederholen würden, doch würden die letzten Ausschreitungen auch ihr Gutes haben, denn sie hätten den Anstoß dazu gegeben, die Fremdheit zwischen Juden und Nichtjuden im East End zu beseitigen. Horst-Wessel-Lied im Haag Im Rahmen der Hochzeitsfeierlichkeiten im Haag fand in der Halle der Gesellschaft der Künste und Wissenschaften ein Gala-Konzert statt, auf dessen Programm, gleichsam als Höflichkeitsakt gegenüber Deutschland, das Horst-Wessel-Lied stand. Die zu dem Konzert geladenen Vertreter der holländischen Judenheit und der Haager Jüdischen Gemeinde blieben der Veranstaltung fern, um nicht die antisemitische Hymne der NSDAP, hören zu müssen. Der Dirigent des Konzerts Dr. van A nroby hatte sich geweigert, das Orchester zu dirigieren, während das Lied gespielt wurde. Amerika für Polens Juden Der von dem Verband der polnischen Juden in Amerika als Notstandshilfe für Juden in Polen zur Verfügung gestellte Betrag von 40.000 Dollar ist zu konstruktiver Hilfe für Handwerker, Kleinhändler und jüdische Bauern in Galizien, für die Darlehenskassen der religiösen Juden, Hachschara-Elnrichtungen, zur Unterstützung arbeitsloser Intellektueller, der durch das Schlachtungsgesetz arbeitslos gewordenen Fleischer und zur Förderung der Jeschiwot des Tarbut- Verbandes und der zentralen jüdischen Schü'prganisation bestimmt worden. Ernste Erkrankung Nathan Birnbaums Aus Amsterdam: Der seit einigen Jahren in Scheveningen lebende bekannte Führer des gesetzestreuen Judentums, Dr. Nathan Birnbaum, ist schwer erkrankt. Mit Rücksicht auf das hohe Alter Dr. Birnbaums gibt sein Zustand zu Besorgnissen Anlaß. Das Symphonie-Orchester Das Huberman-Symphonie-Orchester begibt sich demnächst nach Aegypten, um in Kairo und Alexandria Konzerte unter der Leitung Toscaninis zu geben. Huberman kehrt nach Europa zurück. (Palcor.) 64.385 Juden in Amsterdam Statistischen Daten der Amsterdamer Aschkenasischen Gemeinde ist zu entnehmen, daß Ende 1935 in Amsterdam 64.385 Juden (gegen 65.328 Ende 1934) lebten. Im Verlauf des Berichtsjahres zogen 2206 Juden in Amsterdam zu, 3337 zogen fort. 792 jüdische Kinder wurden geboren. Die jüdischen Schulen wurden von 1644 Kindern (gegen 1721 im vorangegangenen Jahre) besucht. Die Gemeinde nahm rund 300.000 Gulden an Steuern ein. Das Departement für soziale Hilfe der Gemeinde hatte ein Defizit von 30.000 Gulden. Die älteste Synagoge Hollands geschlossen Die älteste Synagoge in Holland, die aus dem 17. Jahrhundert stammt, Ist geschlossen worden. Die Synagoge gehört der aschkenasischen Gemeinde in Rotterdam. Sie besitzt als besondere Eigentümlichkeit einen Glockenturm. Die Schließung erfolgte, weil die Mehrzahl der Gemeindemitglieder in andere Stadtteile von Rotterdam verzogen ist. Die Juden Portugals gegen die antisemitische Agitation Die Führer der Juden in Portugal 'übergaben dem Ministerpräsidenten Dr. Oliviera S a 1 a z a r ein Memorandum, in welchem sie scharfen Protest erheben gegen die antisemitische Agitation eines großen Teiles der portugiesischen Presse, die nach dem Beispiel der von Deutschland her infizierten spanischen faschistischen Presse Judentum mit Kommunismus identifiziert. Es wird darauf hingewiesen, daß es für einen gläubigen Juden unmöglich sei, Kommunist zu sein, und daß die jüdische Religion ihren Anhängern gebietet, sich den Behörden und den Landesgesetzten zu fügen. Die Refierung wird in dem Memorandum ersucht, gegen die berhandnehmende antisemitische Propaganda wirksame Maßnahmen zu treffen, damit es den Juden möglich sei, ihre Pflichten loyal zu erfüllen, ohne ihrer Selbstachtung verlustig zu gehen. Juden in Deutschland das Golfspiel verboten Nach einer Meldung der „T i m e s" ist es seit dem 1. Jänner den nichtarischen Deutschen verboten, auf einem deutschen Golfplatz zu spielen. Oberrabbiner Hertzog demnächst in Palästina Raw Hertzog, der neue aschkenasische Oberrabbiner von Palästina, tritt am 8. Jänner von Irland rus die Reise nach Palästina an, wo er am 14. Jänner er* wartet wird. (Palcor.),

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