Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 616 (15.12.1936)
- Date
- 1936-12-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Ifcfte 4 DIE NEUE WELT Nr. 616 vom 15. Dezember 1930 RUNDSCHAU Blonder Vollbart Erdgerudt Und Erdgeruch — könnte man fortsetzen — ist gleich: Bodenständigkeit ... Und wer keinen Erdgeruch besitzt, der ist ein Zugereister, also einer, der zur „Ueberfremdung" beiträgt. Wir verzeichnen eine im Grunde tragische Köpenickiade. Ein Schauspieler, der wegen seiner jüdischen Abstammung kein Engagement bekommen kann — nicht in Nazideutschland, nicht in Oesterreich — läßt sich einen schwarzen Vollbart wachsen, dann auf blond färben, nimmt Blubo-Manieren an, riecht sozusagen nach Kuhmist, um Theaterdirektoren, Regisseure, Kritik, Publikum täuschen zu können, bis er schließlich unter der Wucht des Mißtrauens seitens einiger alter Freunde sich zum Geständnis seines wahren Ichs bequemen muß. Ein Leidensweg, ein Theaterspiel innerhalb und außerhalb der Bühne! Uns scheint, daß in diesem Spiel nicht der Komödiant, der — wie man ihn auf der jiddischen Bühne nennt — Versteller, der Unterlegene, Blamierte ist, sondern der Kreis, der alles auf „deutsch-christlich" geeicht sehen will, insbesondere bei uns in Oesterreich, wo von verantwortlichen Stellen das Schlagwort vom „Zugereisten" und „Bodenständigen" ins bengalische Licht des Antisemitismus gerückt wird. Herrn Leo Reuss, der sich Caspar Brandhofer nennen mußte, um engagementfähig zu werden, können alle diejenigen dankbar sein (auch außerhalb des Theaterbereiches), die wünschen, daß endlich mit dem scheinheiligen Bodenständigkeitsmotiv Schluß gemacht werde. Judenreine Kataloge Nicht nur der Philosoph Moses Mendelssohn, auch sein Enkel Felix Mendelssohn ist in Hitler- Deutschland verfemt. Was geht es die Machthaber des Dritten Reiches an, daß er das Leipziger Konservatorium gründete, das Musikleben Berlins schuf und durch die Aufführung der Matthäus-Passion den großen deutschen Johann Sebastian Bach wiederentdeckte? Die jüdischen Komponisten sind in den neuen deutschen Musikkatalogeh nicht mehr zu finden. Herr Dr. Goebbels hat die Verleger gezwungen, alle jüdischen Namen und deren Werke zu streichen. Mendelssohn und Offenbach sind vorläufig noch ausgenommen. Geschah dies in einem Anfall von Scham oder aus geschäftlichen Interessen? Alle lebenden jüdischen Komponisten und Musikpädagogen fehlen in den Katalogen. Verkaufen dürfen die Verleger den verfemten Juden, aber a nzeigen dürfen sie ihn in ihren Verzeichnissen nicht mehr. Daß dies eine Verletzung geschlossener Verträge ist, macht den hitleristischen Gerichten kein Kopfzerbrechen. Denn die Anwendung eines Rechtsmittels wäre aussichtslos. Die deutschen Verleger senden jetzt ihre Schachkataloge, aus. Auch diese stehen — sollte man meinen — unter Arierparagraph. Wer aber glaubt,, daß darin die großen jüdischen Namen fehlen wie Steinitz, Lasker, Nimzowitsch, Tartakower, Spielmann, Botwinik, Fine, Reschewsky, Reti, der irrt. Ohne diese Schachgrößen wäre eine Uebersicht über die Schachliteratur eine Farce. Die Herren Maier und Müller und Blumke und Piefke sind nur der Rahmen für die jüdischen Schachmeister. Diese sind es, die man begehrt und um derentwillen man die deutschen Schachkataloge liest. Hier ist Geschäft noch Geschäft. Wie lange noch, weiß niemand. Wir sind auf jede Ueberraschung gefaßt. Man darf die Mutter an den Pranger stellen •*n Hitler-Deutschland können von nun ab Sprößlinge aus der Ehe einer arischen Frau und eines jüdischen Mannes die eigene Mutter zwingen, sich als Ehebrecherin zu bekennen. Der Sohn kann die Mutter vors. Gericht zitieren und ihr dort Geständnisse über ihr geschlechtliches Vorleben abpressen lassen, um so' seine „rein arische" Abstammung zu beweisen. Die „Deutsche Juristen-Zeitung" behandelt zwei solcher Fälle. „Mit einem Fall dieser Art hatten sich die Gerichte in Stettin und Stargard zu beschäftigen. Der Kläger ist der Sohn einer unverehelichten Frau, die sechs Jahre nach seiner Geburt einen Juden geheiratet hatte. Bei der Eheschließung hatte dieser den Kläger als von ihm erzeugt zum Heiratsregister bekanntgegeben. Da der Ehemann inzwischen verstorben ist, richtete der Kläger gegen seine Mutter die Klage auf Feststellung, daß er nicht von dem späteren Ehemann seiner Mutter erzeugt sei. Hier haben beide Gerichte diese Klage, entgegen der bisherigen Rechtsprechung, für zulässig erklärt. — Mit einem weit schwierigeren Fall ähnlicher Art hatte sich das Gericht in Hamburg zu befassen. Hier handelte es sich nicht um die Wiederherstellung eines früheren, biologisch richtigen Familienstandes, sondern um die Feststellung, daß der als ehelich geborene Antragsteller in Wahrheit einer außerehelichen (hier überdies rassengleichen) Zeugung entstamme. Die Klagemöglichkeit konnte hier in Frage gestellt sein. Wenn das Gericht im Gegensatz zur bisherigen Rechtsprechung die Zulässigkeit der Personalstandsklage für die negative Feststellung (daß der Antragsteller nicht aus der Ehe der Antragsgegnerin — seiner Mutter — hervorgegangen sei) auch gegen die Mutter des Antragstellers befürwortete, so muß ihm hier unbedingt Recht gegeben werden. Nach nationalsozialistischer Auffassung dürfte die Klarstellung der blutsmäßigen Beziehungen in den meisten Fällen wichtiger sein, als die Aufrechterhaltung einer auf gesetzlichen Fiktionen beruhenden und damit, lebensrechtlich gesehen, nur scheinbaren Familienordnung." Es steht also fest, daß man die eigene Mutter vor deutschen Gerichten Spießruten laufen lassen darf. eine der von Eine faschistis »V. Organisation in Palästina Aus Jerusaleu, Hier wurde vor kurzem faschistische Organisation gegründet, die mit Mosley-Bewegung in England verbunden ist, der sie Propagandamaterial erhält. Die Organisation betreibt antijüdische Agitation unter englischen Polizisten und Soldaten, und verspricht den Arabern, daß, wenn Mosley in England zur Herrschaft kommt, die Balfour-Deklaration annulliert werden wird. Der Leiter der neuen Organisation ist ein christlicharabischer Jerusalemer Kaufmann namens Albina. (Palcor.) Antichristlicher Boykott Aus Jerusalem: Ein von mohammedanischen Chauffeuren unterzeichneter Aufruf, an * die Mohammedaner, die von christlichen Arabern geleitete Nationale Autobus-Gesellschaft zu boykottieren, wurde in Form von Flugblättern in Jerusalem, verbreitet. Es handelt sich um eines der größten arabischen Unternehmen im Lande. - . In Jerusalem kam es an zwei Stellen zu Zusammenstößen zwischen Mohammedanern und Christen. Junge Mohammedaner, die vor christlichen Geschäften in der Altstadt Streikposten standen, verursachten Störungen vor dem Gebäude des Vereins für Christliche Junge Männer und hinderten Araber am Betreten des Gebäudes, worauf es zu einem Handgemenge kam. Konflikt zwischen revisionistischen und sozialistischen Arbeitern Aus Jerusalem (J. T. A.); Revisionistische Arbeiter wollten beim Bauplatz der Universitätsklinik auf dem Skopus-Berg Posten..aufstellen, weil sie behaupteten, die Arbeit sei unter den. verschiedenen Arbeiterorganisationen nicht g e r e cht aufgeteilt worden. Mitglieder der „Histadrut" wollten das Aufstellen von Posten nicht zulassen, und es kam zu einem Zusammenstoß, bei dem drei revisionistische Arbeiter, einer von ihnen schwer, verwundet wurden.;Polizei trennte die Streitenden. Später zogen die revisionistischen Arbeiter1 2u dem Hauptbüro der „Hadassa", mit derem Gelde gebaut wird, wo sie eine Kundgebung veranstalteten ind die Fenster zertrümmerten. Der Leiter des Jerusalemer Hadassa-B^iros, Dr. Yasski, lehnte es ab, mit den rey^ sionistischen Arbeitern unter Druck zu verhandeln. Kundgebung wurde von der Polizei unterdrückt. Jüdische Wohlfahrtsanstalten werden besteuert Aus Berlin: Das Realsteuergesetz geändert worden. Bisher lautete Absatz 1, § 18: „Mildtätig sind solche Zwecke, die ausschließlich und unmittelbar darauf gerichtet sind, bedürftige, im-v Inland befindliche Personen oder bedürftige Deutsche Volksgenossen im Ausland zu unterstützen." Dieser Absatz hat nunmehr folgende Fassung erhalten: „Mildtätig sind solche Zwecke, die ausschließlich und unmittelbar darauf gerichtet sind, bedürftige deutsche Volksgenossen zu unterstützen." ■■'♦>. Damit ist. die Voraussetzung für die Mildtätigkeit bei jüdischen Einrichtungen nicht mehr gegeben. Flur die jüdischen Wohlfahrtsorganisationen und -Institutionen, welche jetzt die Steuerfreiheit verlieren* bedeutet die neue Bestimmung einen schweren Schlag. Kurt Sonnenfelds „Schopenhauer — heute". Der Versuch einer Zeitkritik, in der Gegenwartsprobleme mit Schopenhauers Weltbild konfrontiert wer* den, ist soeben im Europäischen Verlag, Wien-Leipzig, erschienen. Aus dem Inhalt: Persönlichkeit und Masse, Deutung der Geschichte, Der Jahrmarkt der Eitelkeit, Der Kampf ums Recht, Okkultismus, Psychoanalyse, Dasr künstlerische Schaffen, Ueber den Tod. Prof. Dr. Emmerich Kohn gestorben. Vor einigen Tagen verschied hier Prof. Dr. Emmerich Kohn, der sich in Wiener zionistischen Kreisen einer großen Beliebtheit und Ansehens erfreute. Das Begräbnis fand unter starker Beteiligung Sonntag, den 13. d., statt. KINO*PROGRAMME * KREUZ-KINO I, Wollzeile 17 Telephon K -24-2-16 Vorstellungen s *, %*, VtB, VtlO__ SCH AFFER Sie und der n Kammerdiener deginn: %«•, Vtt, fts, y*io William Powell, Carola Lombard mit Boris Karlolf STAFA, VII Mari ahilf erstraße 120 Telephon B-38-0-68 WochentaRS: s, 7, 9 Uhi DE mit Boris Karlolf VOTIVPARK DFMRPANDT IX, Währingerstraße 12 ■* E rl P Bl M M 1/ ■ . Telephon A-18-3-96 ■■■■■■■■■■ ßeginm m, Vni, Vt9, ttio cnaries Langinon ff. Was ein jüdisches Kind lesefi soll Vor kurzem hielt die Jugendbibliothekarin Frau Hedwig Zip ser-Markhe im eine Reihe vielbeachteter Vorträge über das aktuelle Thema: „Was soll ein jüdisches Kind lesen?" Die Vortragende zeigte die Gesichtspunkte, unter welchen die Auswahl der Kinderlektüre vorgenommen werden sollte, und gab einen Abriß über ältere und moderne internationale Kinderliteratur, um sich dann mit dem jüngsten und wichtigsten Zweig der.■ Judaica auf diesem Gebiete zu beschäftigen. Sie berichtete über interessante jüdische Kalender und Jugendzeitschriften und behandelte eingehend die neu erschienenen Kinderbücher. Frau Zipser-Markheim ging von der Bibel aus und kam über die hebräische Fibel zu den Erzählungen für kleinere Kinder. Jüdische Märchen und Sagen führten ia die weitere Entwicklungsstufe des Kindes. Sie berichtete auch von den Kinderbüchern des Keren Kajemeth und vom jüdischen Abenteuerbuch und führte lesenswerte Sammel-Jugendwerke im besonderen an. Das. zahlreich erschienene Publikum bewies durch Beifall für die ausgezeichneten Ausführungen und durch die lebhafte Diskussion, daß für dieses Thema erfreulicherweise das lebhafteste Interesse besteht. \ ^ih/xSdw&i, GESCHENKE jffcAMu l^äÜ'üäiM SCHIFMANS o* ^-$e,lV* 11 r irj rrrtTiM n i m Ti^ jliiiJMfijfTifrTffiiirffriifrjMitfiMitliMtftiiifiiitJcKifftctiittitfiEiiEKciiiiitittd^itKtt tj untn . Taborstrasse 48 Eigentümer, Verleger, Herausgebet und verantwortlicher Redakteur; Oberbaurat Robert Stricker. — Druck; Druckerei« X&t IZnlveraltatHBtsaße 6—8, und Verlag3-A,-G, Ignaa Steinmann, beide W.lfco,