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Die neue Welt · 1936-12-15 · Heft 616 (15.12.1936) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
10 (1936)
Issue
Heft 616 (15.12.1936)
Date
1936-12-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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tfr. 616 vom 15. Dezember 1936 DIE NEÜE WELT Seite S zelle. Er berichtet, daß der Angeklagte sich einer frommen Lebensführung befleißigt, nur rituelle Kost zu sich nimmt, dreimal am Tage Gebete verrichte und fleißig in der hebräischen Bibel liest. Am Montag und am Donnerstag jeder Woche fastet er. Sein Gesundheitszustand war in den letzten Wochen ein schlechter, hat sich aber wenige Tage vor Beginn des Prozesses etwas gebessert. (J. T. A.) .Die Well soll es hören!" Aus Prag: Die tschechoslowakische „Union für Recht und Freiheit" veranstaltete am Mittwoch, 9. Dezember, dem Tage des Beginnes des Prozesses Frankfurter In Chur, eine Pressekonferenz im Rathaussaal des Prager Repräsentantenhauses, die dem Ziel gewidmet war, die Tat David Frankfurters in das richtige Licht zu setzen, nachdem das Gericht in Chur offenbar es vermeldet, znr Erklärung der Tat Frankfurters das traurige Schicksal der deutschen Juden vor dem öffentlichen Forum der Welt aufzurollen. Den Vorsitz führte Universitätsprofessor Doktor Oskar Fischer. Hauptredner war der Abgeordnete der Jüdischen Partei Dr. Chalm Kugel. „Drei für die heutige Zeit sehr bezeichnende Bücher", sagte er, „haben mir vorgelegen: ,Der gelbe Fleck1, ,Das braune Netz', ,Da« schwarze Buch'. Das sind Dokumente einer Hölle auf Gottes Erde. Seit der spanischen Inquisition war das jüdische Volk nicht so erniedrigt und beleidigt, wie im Dritten Reich Adolf Hitlers. Die demokratische Welt ist fast waffenlos einer beispiellosen geistigen Korrumpierung ausgesetzt. 262 Millionen Mark werden vom Dritten Reich für Propaganda In allen Ländern der Welt ausgegeben, viele Tausendo besoldete Propagandisten stehen ihm zur Verfügung. 2400 Agenten waren allein dem schweizerischen Landesführer Gustloff unterstellt, ihnen wurde die Instruktion gegeben, in erster Reihe die öffentliche Meinung gegen die Juden zu vergiften. David Frankfurter hat, als er die Schüsse auf Gustloff abgab, die Tragik des ganzen jüdischen Volkes vor Augen gehabt. Abg. Dr. Kugel verlas mit Augenzeugen eidesstattlich aufgenommene Protokolle über die Erlebnisse in den Konzentrationslagern Dachau, Sachsenburg usw. und gab einen Rückblick auf die deutschen Judengesetze, die den Juden zum Untermenschen herabwürdigen. Dagegen wollte Frankfurter protestieren. Der Prozeß hätte zu einem polltisch hochwichtigen werden und einen Weltprotest gegen die Barbarei des 2 0. Jahrhunderts entfachen sollen. Allein in diesem kleinen Orte Chur scheint man daraus eine kriminelle Angelegenheit machen zu wollen. Zum Schluß gedachte Dr. Heller der Tat des Stephan Lux und gab der Hoffnung Ausdruck, daß die von Frankfurter und Lux in die Welt gestoßenen zwei großen Rufe nicht ungehört verhallen und die Welt aus Ihrer Lethargie erwachen werde. (J. T. A.) ' * 1 Die reidisdeufsdie Presse Die „Neue Zürcher Zeitung" läßt sich von ihrem Berliner Korrespondenten melden: Für . die deutsche Presse, die über den Verfassungskonflikt in England noch immer mit souveränem Stillschweigen hinweggeht, ist der Prozeß gegen Frankfurter das zentrale Weltereignis, auf das sich, wie ein in hunderttausend Exemplaren erscheinendes Boulevard- Matt 3tUhn behauptet, die Blicke der ganzen Menschheit konzentrieren. Das, Leitmotiv ist die vom Judentum verfolgte deutsche Nation, die Sühne heischt, weil Wilhelm Gustloff nicht, als eine Privatperson, sondern, als eine Inkarnation der deutschen Seele gilt... In den Presselberichten tritt die Polemik gegen die Schweizer Presse erheblich zurück, um dafür um so mehr gegen das Weltgudenfcum gerichteten Beschuldigungen Platz zu machen. Bei der Ausprägung der antisemitischen Note dient die Schrift des gleichfalls nach Chur gereisten deutschen Staatsbeamten Wolf gang Diewerge, „Der Fall * Gustloff", als Vademekum der Berichterstatter, aus dem sie ausgiebig schöpfen. Die Forderung nach einer Aufdeckung der „Hintermänner" der Tat Frankfurters wird auf der ganzen Linie betont... Den Sprengstoffanschlag auf die Synagoge in der Löwenstraße in Zürich interpretiert der „Angriff" als einen Trick, den die Juden Inszeniert ihätten, um Propaganda für David Frankfurter zu machen. Ich gebe bekannt, daß ich JflVP nArCIHlAC1' übernommen habe. Um zahlreichen Zm ab heutigem Tage das |V%HrE IIUIIEIlllllr spruch bittet 0atll6l MtftOWKl _II, PRUTIRSTRASSE 70 (Besitzer des „1. Kaffeehaus", Prater Hauptallee) Die Rolle der zion. Exekutive vor der Kommission Von Meir Großmann (Tel-Aviv). Verb« der Judensraalszi'oiu'sten Österreichs Vortragskalender Sektion XX. Am 15. d., 8 Uhr abends, im Heim, XX., Staudingergasse 16, JMakkabäer-Feier. Reichhaltiges Programm. SoktlonPrator, II., Erlafstraßo 5, Donnerstag, den 17. d. M., i/20 Uhr abends, Vortrag Dr. Salomon Wolf: Parität oder Judenstaat, Sonntag, den 20. Dezember, um 4 Uhr nachmittags, Im Restaurant Lustig Kindor-Chanuka-Feier. Unter Leitung der Fuhrerinnen der Kindergruppe und der Frauengruppe „Deborah" bringen Kinder nachstehende von Frau Fanny Katz verfaßte Stücke zur Aufführung „Die lobende Menorah", „Das kleine Treuderl", „Das große Treuderl", „Jcruscholaim", „Der Makkabäersieg". Sektion XIII./XV., Schanzstraße 32, Dienstag, flen 15. d., 1/28 Uhr, Vortrag. Theodor Grubner: Parität oder Judenstaat. Donnerstag, den 17. d., a/j» Uhr, Besprechung der Frauen. Referentin Dr. Rachel Offner. Frauciigruppc Deborah. Mittwoch, den 16. d., "i/sjO Uhr abends, im Heim, IX., Erlafstraße 5, Vortragszyklus Josef Fränkel: Geschichte des Zionismus. — Am 15. d. beginnen die Turnkurse für Frauen und Kinder. Anmeldungen und Auskünfte täglich im Heim, II., Erlafstraße 0. — Am 20. Kinder-Chanuka-Felor in der Restauration Lustig, H., Veuedigerau. Judenstaatsjugend. Hebräischkurse: Montag, von 8 bis 10 Uhr abends, II., Erlafstraße 5; Mittwoch von J/aö bis -Vsll Uhr abends, II., Untere Augartenstraße 3. Kursleiter Rabbiner Dr. Zwi Schächter. — Montag von bis 8 Uhr abends, VII., Halbgasse 1. Kursleiter: M. S. Brafmann. — Jeden Dienstag Zusammen« fcunüt der JugenO, JI.t Untere Augartenstraße 38. Je genauer ich die Berichte über die Sitzungen der Kgl. Kommission lese, desto weniger verstehe ich den Zweck der lange«. Reden, welche unsere offiziellen Vertreter dort halten. Dr. Weizmanns geschichtliche Uebersicht hatte noch einen Sinn — als belehrende Introduktion und propagandistisches Material. Auch ihr fehlte die Hauptsache: die Anklage und die Forderung. Aber wozu Lord Peel und seine Kollegen gerade die Einzelheiten des Einwanderungsmechanismus kennen sollen, ist mir rätselhaft. Was für Bezug hat die Organisation der Hachschara auf die blutigen Unruhen und auf die Verletzung des Mandats? Was für Zusammenhang besteht zwischen den Handlungen der Administration und der Rolle der Nichtzionisten in der Agency? Der größte Teil der Juden mit gesundem Sinn für Realitäten versteht es sicher nicht. Was überflüssig ist, das ist schlecht, und in ihrem bisherigen Auftreten haben sich die drei Vorsteher der Agency mit unnützen Details, langen Erklärungen und zu großer Bereitwilligkeit, alles, was bei uns los ist, einzuplaudern, hervorgetan. Dadurch sind auch die gesunden und wichtigen Kernpunkte verlorengegangen. Im Meer von Material und im Redestrom sind die Hauptsachen ertrunken. Wenn man die stenographischen Protokolle . liest, kommt es einem vor, daß die Mitglieder der Kommission eine gewisse Freude über das haben, was die Juden nicht zur Sache selbst sagen. Man hat sie damit geschreckt, daß die Juden stets mit Beschwerden kommen und die Kommission mit Anklagen und Einwänden überschütten werden. Anstatt dessen halten sie lange Lektionen über die Jewish Agency, ihre Beziehungen zur Regierung, über die Technik der Alijah, die Arbeitsverteilung usw. Gewiß interessant und nützlich; oft auch ganz pikant. Hat man dazu die sechs älteren, ein wenig müden, klugen und sehr erfahrenen Herren aus London hiehergeschickt? ■■■■■■■■■■■■■.....Illlllll HUI.........U% Unsere bekannt billigen Winterreisen nach POLEN Abreise: 22. Dezember 1936 und 5. Jänner 19i7. Auskünfte Dr. S. Tocker Verlangen Sie Prospekte über unsere Ski-und sonstigen Gesellschaftsreisen nach dem In« und Ausland. W. N. Renner, IX, Liechtensteinstraße Nr. 2, Telephon A-14-504 DIE WELT Die breite Masse ist mit Dr. Weizmanns Rede zufrieden, sogar von ihr begeistert. Die Juden haben so wenig Freude an der zionistischen Politik und deren Führern, daß sie schon mit einer guten Rede vorlieb nehmen. Daß Dr. Weizmann ein kluger Mann ist und in seiner Art ein glänzender Redner, wissen alle.' Weshalb soll der Präsident der Zionistischen Organisation nicht eine echt zionistische Rede halten, die Geschichte der Entwicklung der nationalen Bewegung erzählen, die Judennot schildern? Dies scheint bei uns letztens eine Art Sensation zu sein. So hungrig ist man nach einem Wort, das der Lage entspricht — Man hat lange über „Parität" geschrieben und gesprochen, über Brith Schalom, Kompromisse und ähnliche moderne Begriffe, so daß schon die Tatsache, daß Dr. Weizmanns Rede frei von solchen Dingen war, Befriedigung verursacht hat: „Eine historische Rede!" Nicht so sehr deswegen, was er gesagt, sondern hauptsächlich deswegen, was er nicht gesagt hat und wovor man Angst hatte. Daß Dr. Weizmanns politische Freunde mit seinem Auftreten zufrieden sind, ist selbstverständlich. Daß die breiten Massen, die nervös und eingeschüchtert sind, aufgeatmet und sogar von der Beschreibung unserer Nöte eine Freude haben, ist ebenfalls natürlich. Aber die übertriebene vorzeitige Begeisterung gewisser zionistischer Kreise, welche erst gestern auf Dr. Weizmann und seine Richtung Schwefel und Pech geschüttet haben, ist mir ganz und gar unverständlich. Es ist ein wenig sonderbar: Freitag verdächtigt man Menschen fast nationalen Verrats und am Montag schickt man ihnen Begrüßungstelegramme. Als ob wirklich ein großer politischer Erfolg erzielt worden wäre. Diese nervöse Ueberspannung und falsche Einschätzung, welche besonders für die bürgerlichen Gruppen bezeichnend ist, kommt uns sehr teuer zu stehen. Dr. Weizmann hat ein sehr gutes Referat gehalten, obwohl darin eine Menge unklarer Sätze vorkommen, welche falsch gedeutet werden können; es geht allerdings nicht an, sich darauf zu versteifen, da solche „Lapsusse" stets einer schlechten Ausdrucksweise als einer bösen Absicht zugeschrieben werden sollen. Und doch soll offen gesagt werden, daß Dr. Weizmanns Rede einen grundsätzlichen, organischen Fehler hatte, der darin bestand, daß der Präsident der Agency vergaß, vor wem er spricht, aus was für Menschen die Kgl. Kommission besteht und zu welchem Zweck sie nach Palästina geschickt worden ist. Wenn man Dr. Weizmanns Rede liest, kann man glauben, daß der Zionismus, die zionistische Bewegung, das Mandat — nein, mehr noch, das ganzt jüdische Volk — vor dem Tribunal des Lord Peel stehe. Diese Auffassung ist falsch und schädlich. Die Kommission hat eine ganz bestimmte, begrenzte und spezifizierte Kompetenz. Es ist nicht unsere Aufgabe, sie zu vergrößern und zu verbreitern. Es ist kurzsichtig, der Kommission einen größeren Wirkungskreis einzuräumen, als ihr in der Wirklichkeit zukommt. Ihr Zweck besteht hauptsächlich darin, den Anklagen der beiden Parteien nachzugehen, die Gründe der letzten Unruhen auszuforschen und festzustellen, wie weit das Mandat richtig angewendet wird. Ob die Juden Palästina brauchen, ob der Zionismus die richtige Lösung der Judenfrage ist oder ob das Nationalheim uns zugesagt wurde — das ist nicht ihr Problem. Dr. Weizmann hat sich leider vom äußeren Glanz und der übertriebenen Wichtigkeit, welche wir Juden der Kommission geben, verführen lassen. Er hat zuviel mit allgemeinen Begriffen operiert und melodramatische Effekte benützt, während es seine Aufgabe gewesen wäre, mehr zur Sache zu sprechen: Bruch des Mandats, schlechte Administration, Unruhen, arabische Hetze. Anstatt vom ersten Augenblick an eine Offensivstellung einzunehmen, bei aller Freundschaft und Höflichkeit, anstatt der jüdischen Unzufriedenheit Ausdruck zu geben, gab sich Doktor Weizmann einem Strom rührender Apologetik hin. Damit hat er dem jüdischen Auftreten und der jüdischen Stellungnahme gegenüber der Kommission eine falsche Richtung gegeben. * Dr. Weizmann hat von seiner Rolle als erster jüdischer Advokat schlechten Gebrauch gemacht; er hat sich in Allgemeinheiten verirrt. Seine Kollegen; Shertok und Senator haben einen zweiten Fehler begangen; sie sind in ein anderes Extrem verfallen: sie haben die Kommission mit Einzelheiten überschüttet, besonders in nebensächlichen Dingen. Und auf diese Weise hat man den gleichen, schlechten Weg beschritten. Ich kann noch verstehen, daß man auf gestellte Fragen antwortet. Aber zur Kommission mit stundenlangen Referaten kommen, um fremden Menschen alles zu erzählen, was bei uns los ist, ist mehr als Leichtsinn: ist lächerlich. Was haben die Details unseres inneren Mechanismus mit dem Hauptproblem, den Unruhen und ihren Ursachen, zu tun? Die Zionistische Exekutive verfällt in einen ungeheuren Fehler: Anstatt mit exakten, kurzen, gut durchdachten Forderungen und Anklagen zu kommen, verliert sie ihre Zeit und die Zeit der Kommission mit nebensächlichen Dingen und läßt sich in die Defensive drängen, als würde der Zionismus und das jüdische Volk auf der Anklagebank sitzen. Der wahrhaft schuldige Teil, der Mandatsbrecher, steht daneben und lacht sich ins Fäustchen. Ein trauriges Bild, eine ärmliche Strategie. * Beide, sowohl Shertok wie Senator, haben sieli nach meiner Meinung sehr brav gehalten. Man darf sie nicht für die Art verantwortlich machen, wie Lord Peel sie behandelt hat. Das ist die englische Antwort auf übertriebene Höflichkeit. Jeder kann in Verlegenheit geraten. Nicht alle besitzen die Fähigkeit, prompt zu antworten. Wir sind mit ihren Ausführungen hauptsächlich' deshalb nicht zufrieden, weil sie Dr. Weizmann nachgeplappert, weil sie eine Defensivstellung eingenommen und ihre Rolle vor der Kommission falsch aufgefaßt, hauptsächlich aber deshalb, weil sie sich in einem Wald von Details und Details verloren haben. Mangel an Würde Der famosen „Erweiterung" der Jewish Agency durch Nichtzionisten ist es zu danken, daß in der Zionistischen Exekutive auch Männer sitzen, die der Zionistischen Organisation nicht angehören. Ein solcher ist Dr. Maurice H e x t e r, der jetzt vor die Kgl. Kommission berufen wurde. Zu seinem Verhör meldet „Palcor" aus Jerusalem: „Zur Fra#e von Huleh gab Dr. Höxter der B cfriedigung der Jewish Agency über die Uebertragung der Konzession an die Juden Ausdruck. Er bemerkte, daß die Juden nicht nur Klagen vorbringen, sondern auch das, was für sie getan wird, zu schätzen wissen. Der Vorsitzende Lord Peel warf ein, daß die Kommission nur für die Beschwerden Interesse habe. Dr. Hextor fragte, ob denn die Kommission nicht gern auch Gutes über die Regierung vernehmen möchte, worauf Lord Peel entgegnete, daß ihr dies ziemlich gleichgültig sei." Hier hat Ghetto-Servilitftt eine verdiente Abfuhr erfahren. Leider auf Kosten der Zionistischen Organisa-« tion, in deren Namen Herr Dr. Hexter sprechen durftei

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