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Die neue Welt · 1936-11-24 · Heft 611 (24.11.1936) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
10 (1936)
Issue
Heft 611 (24.11.1936)
Date
1936-11-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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wr. «I vom 24, Kov#mt>er 1936 uns ksvb wwk Seitel Die fraget Sind wif vorbereitet? Die Kgl. Kommission ist bereits im Land. Die ersten offiziellen Reden Wurden gehalten. Die Arbeit der Kommission, die der Oberkommissär für eine „historische" Arbeit hält, hat begonnen. Wir, ein altes Volk, schätzen solche Erscheinungen bedeutend bescheidener ein; wir blicken auf sie durch die Brillen der historischen Perspektive. Kommissionen kommen, Kommissionen gehen. Das Judentum und seine nationalen Aspirationen bleiben. Es war ein großer Irrtum, die Forschungen des Lord Peel (des Vorsitzenden der Kommission) zu übertreiben. Man darf sich nicht in der täglichen Arbeit stören lassen. Kurzum: man darf nicht alles beiseitelegen, bis die Kommission ihre Arbeit beendet hat. „Es wird noch viel Wasser durch den Jordan fließen, bis die Beschlüsse der Kommission in Staatsakte verwandelt werden. Inzwischen muß die Losung des Tages heißen: Das Leben des Jischuws geht seinen gewohnten Gang. Man muß allerdings hiebei die Augen offenhalten, um ruhig und still die Schützengräben für einen eventuellen Positionskrieg vorzubereiten. * Die Zionistische Exekutive hat erklärt, daß sie vor der Kommission das ganze jüdische Volk vertreten wird. Sie wird nicht allein im Namen des Jischuws, sondern aller Juden sprechen, deren Forderungen und Auffassungen sie zum Ausdruck bringen wird. Damit ist nicht notwendigerweise verbunden, daß nicht auch Wieder der Haupttreffer der Klassenlotterie bei der „Gludcstelle Stein" an der // Hohen Brücke"! In der Haupt-B-Ziehung 1. Klasse der Winter-Klassenlotterie wurde der Haupttreffer von S 30.000.— auf Lös Nr. 48.200 8/s wieder von den glücklichen Kunden der „Glückstelle Stein" an der „Hohen Brücke" gewonnen. III die Stimmen der verschiedenen Schichten, Gruppierungen und Parteien gehört werden, an welchen das Judentum gottlob so reich ist. Ein ganz vernünftiger Standpunkt. Das einzige, was die Exekutive will — so erklärte man vor einigen Tagen — ist, daß eine gewisse Koordinieruung bestehe und vor allem eine Linie in der Auffassung der zionistischen Grundsätze. Andernfalls würden wir wie ein lärmender Haufen aussehen. Auch dieser Standpunkt ist richtig. Die Frage ist bloß: Was wird seitens der Zionistischen Exekutive getan, damit eben diese gewünschte Koordinierung und einheitliche Linie erreicht werden? Es ist in dieser Richtung fast nichts geschehen. Die Vorbereitungen der Exekutive sind in mysteriöse, geheimnisvolle Schleier gehüllt. Ich befürchte, daß hinter diesen Schleiern nicht alles in bester Ordnung ist. Wie skeptisch man sich auch zu der Kgl. Kommission stellen mag, so ist doch klar, daß man, wenn man schon mit ihr kooperiert, unbedingt in jeder Hinsicht gerüstet sein muß: politisch, ideologisch, ökonomisch und taktisch. Man muß rechtzeitig wissen, worüber sich der Jischuw beschwert, was die Zionistische Organisation fordert und vorschlägt, um eine Lage zu ändern, welche für beide Bevölkerungsschiohten des Landes unhaltbar ist. Nicht weniger wichtig ist es, im vorhinein zu wissen, wer und wie man im Namen des Zionismus sprechen wird. Die besten Ideen werden verzerrt, wenn beispielsweise Herr Leonhard Stein (der gewesene Sekretär der Agency) oder Herr Werner Senator (Exekutivemitglied) die Vertreter des jüdischen Staatsgedankens sein sollten. Wieweit auch ein Mitglied des Aktionskomitees informiert sein mag, so muß ich offen sagen: Von Meir Or<»ßm«itn <Te!*Aviv) Es fehlt mir jede Sicherheit dafür, daß die Zionistische Exekutive wiridlch genügend Vorbereitet ist, vor dem Tribunal des Lord Peel za erscheinen. Im Verlauf von sechs Wochen haben drei Sitztin« gen des engeren Aktionskomitees getagt, das eine politische Kommisison ersetzen sollte. Man hat dort in aller Breite die Hauptprobleme des Zionismus erörtert, Die Debatte stand auf ernstem und hohem Niveau. Ea haben sich bestimmte Meinungen herauskristallisiert, In einigen Fragen — gegensätzliche. Gewiß, eine nützliche und belehrende Debatte. Was aber die prakti« sehen Angelegenheiten und die konkreten Fragen anlangt, tappen die Mitglieder des Aktionskomitees genau so im Dunkel wie der gewöhnliche Zioniat, der immer, wenn man von einer Sitzung kommt, fragt: Nun, was hört sich? * Bisnun weiß man nicht, wer im Namen der Zio« nistischen Organisation sprechen wird. Bisnun ist es nicht klar, ob die Zionistische Organisation bloß aus Männern bestehen wird, die ein und dieselbe Auffassung über die zionistischen Aspirationen haben. Wird man der zionistischen Opposition einen Plate in der zionistischen Delegation geben, um auf entsprechende Weise den judenstaatle fischen Standpunkt zum Ausdruck zu bringen, oder wird man sie, die Opposition, zu einem selbständigen Schritt zwingen? Und wie liegt die Sache bezüglich des Jischuws mit seinen vielfältigen sozialen, religiösen und ökonomischen Schattierungen? Wenn man will, daß nicht nur die offizielle Stimme gehört werden soll, welche wegen verschiedener Umstände gewissermaßen gebunden ist, dann muß man rechtzeitig einen Kontakt mit diesen Kreisen schaffen und ihr Auftreten vorbereiten. Soweit mir bekannt ist, wurde auf diesem Gebiet bisher sehr wenig getan. Die Vorbereitungen befinden sich noch im Anfangsstadium. Nicht besser ist die Lage bezüglich des gesammelten statistischen Materials und der konstruktiven Pläne, welche man der Kommission zu unterbreiten hat.-Erst jetzt ist man darangegangen, die Enquete* zu bearbeiten. Erst jetzt werden die Vorschläge formuliert; von denen einige von großer Bedeutung sind. Üeberdies hängt über allem 'die Wolke der „Politischen Parität" — eine Angelegenheit, welche plötzlich ganz grundlos hereingetragen wurde. Auch sie ist vorläufig nicht erledigt. Ein trauriger Zustand! Ein unzulässiger Leichtsinn in solch verantwortungsvoller Zeit! Alles kauft Klassenlose bei der „GLÜCKSTELLE STEBN" WIEN, 1.; WippllnBsrstraB* 21 . an dar „Hohen Brfloke" FILIALEN: I. KSrntnerttr. 84 - II. Taborstr. 90 VI. Mariahilferatr. 105 - X. Favorltenatr. 101 Sowohl die zionistische Bewegung wie der Jischuw irren in der Finsternis. Es fehlt jede, autoritative Interpretation, jeder aufrichtige, direkte Kontakt mit der breiten Masse. Ein merkwürdiger Mangel an Vertrauen zu der jüdischen gesellschaftlichen Meinung, welche mit Recht Ueberraschungen befürchtet. Man labt sich an allerlei Neuigkeiten und Gerüchten. In allen Sensationen findet sich, wie immer, ein Körnchen Wahrheit, entsprechend der alten Formel: Wenn es wahr ist, ist's nicht neu, und wenn es nicht neu ist, ist's eine Lüge. Die unnötige Geheimtuerei hat es möglich gemacht, daß z. B. die J. T. A die Nachzieht in die Welt gedrahtet hat, daß das engere Aktionskomitee mit 11 gegen 9 Stimmen den Vorschlag der Parität angenommen habe. Alles Luft» Ohne Zweifel vorläufig; und es gibt eine Hoffnung, daß diese Angelegenheit gänzlich von der Tagesordnung verschwinden wird wie eine Menge anderer, ähnlicher unglückseliger Meldungen. Diese Gerüchte und. die Ungewißheit schaffen aber Panik. Das ist schädlich. Das enerviert. Das drückt schwer aufs Gemüt. Ich will gerecht sein. Die Aufgaben der Exekutive im gegenwärtigen Moment sind groß und schwer. Man muß vor allem die laufenden Angelegenheiten der Bewegung erledigen, die mit neuen politischen und wirtschaftlichen Problemen als Folge der Unruhen belastet sind. Jetzt ist die Kgl. Kommission hinzugekommen, welche eine Menge Vorberei- Uc^M 2u selnm 56. Udetiaf, Am 23. November jährt sich zum fünfzigsten Male der Todestag Leopold K o m p e r t s, des „Vaters der deutschen Ghettogeschichte". Der Enkel des Vorbeters und Schächters der Münchengrätzer Judengemeinde starb, hochangesehen, in Wien als Landes« schulrat von Niederösterreich, k. k. Regierungsrat, Ehrendoktor der Universität Jena und Bürger der Stadt Wien. Schon der Vierundzwanzigjfthrige veröffentlicht 1846 in L. A. Frankls „Sonntagsblättern" kleine Ghettostudien, Kindheitserinnerungen aus der Münchengrätzer „Gasse". Zwei Jahre später erscheint seine erste Geschichtensaramlung „Aus dem G h e 11 o", die seinen Namen mit einem Schlage bekannt maofat Zum ersten Maie führt ein Dichter seine Lesjar in die schmutzige Enge eines böhmischen Kleine&dtghettos. Deutsche Ghettogeschichten hat es auch schon vor Kompert gegeben. Sie führen in die Abgeschlossenheit des mittelalterlichen Ghettos und wollen Sittengemälde aus vergangenen Jahrhunderten geben. Am Eingang dieser deutschen Ghettodichtung steht ein großer Name: Heinrich Heine. Sein Fragment „Der Rabbi von Bacharach", in dem der Dichter das Martyrium der Juden im Mittelalter darstellen wollte, ist die erste Ghettogeschichte in deutscher Sprache. Heine wollte einen historischen Ghettoroman schreiben, wie dies nach ihm Berthold Auerbach und andere versucht haben. Komperts Verdienst jedoch ist es, das freiwillige Kleinstadtghetto seiner Zeit geschildert zu haben. Er führt uns in ein Milieu, das bis dahin bei Schriftstellern und Leserpublikum keine Beachtung gefunden hatte, und zeigte Probleme, Tragödien und Idyllen in einer Umwelt, in der man sie bis dahin nicht vermutet hatte. Nicht zu Unrecht hat man Kompert oft mit Rosegger verglichen. Schon in der Sammlung „Aus dem Ghetto" findet sich neben zwei Geschichten aus dem Preßburder und dem Münchengrätzer Ghetto eine böhmisch-jüdische Dorfgeschichte, ohne Zweifel die beste der Sammlung: „Die Kinder des Randar s." Die Kinder des Randars, des jüdischen Pächters auf dem Lande, in christlicher Umgebung aufgewachsen, verlieren den Zusammenhang mit ihren Glaubensbrüdern in der Stadt. Ihr Wegstreben von der altjüdischen Enge bringt sie in Konflikt mit dem am Althergebrachten festhaltenden Vater. Auch die Sammlung Komperts „Böhmische Jugend" enthält zwei Dorfgeschichten, deren eine die Poesie des jüdischen Familienlebens, die andere die sittliche Kraft des Ackerbaues veranschaulichen. Doch bleiben sie beide hinter der Geschichte von dem jüdischen Schlosser T r e n d e r 1 zurück, der trotz aller Angst seiner der Arbeit und des Mutes entwöhnten Glaubensgenossen selbst den neuen Blitzableiter auf der Synagoge anbringt. Trenderl hat damit eine große Tat vollbracht, denn er hat die Furcht des Ghettojuden vor der Gefahr überwunden und damit ein Glied der jüdischen Sklavenkette abgefeilt. Ein Stück Prophetie im Rahmen des Ghettos... Im gleichen Jahre (1850) erscheint auch die große Erzählung „Der Pflug", in der Kompert von einer jüdischen Familie erzählt, die das Ghetto verläßt, um sich auf dem Dorfe auf einem eigenen Anwesen anzusiedeln. Der Dichter schildert uns, wie jeder einzelne der Familie sich erst nach schweren inneren Kämpfen seelisch akklimatisiert und schließlich am Pflug sein Glück findet. Das schönste Buch Komperts sind seine „Geschichten einer Gasse". Sie alle haben einen düsteren Charakter. In jeder wird eine schwere Schuld gesühnt, aber diese Sühne bringt Lösung und Erlösung zugleich.,In der „Jahrzeit" rührt die den „Kaddisch" sprechende Stimme seines Enkels das leidverhärtete Herz Jakob Löws. In diesem Gebet, das „der Hüter und Wächter dieses Volkes" ist, sagt Kompert, liege „die Bürgschaft seiner eigenen Fortdauer", In der „Seelenfängerei" klagt der Dichter zum ersten Male die Beschränktheit der Ghettobewohner an, aber gleichzeitig spricht er auch die seinerzeit vielzitierten Worte über das jüdische Herz, das „der Ausdruck der stärksten Zusammengehörigkeit, der geheimnisvolle Zug mitfühlender Teilnahme ist". In den „Neuen Geschichten aus dem Ghetto" überwiegen die heiteren Erinnerungen. Frisch und lebendig weiß uns der Dichter ergötzliche Sonderlinge der „Gasse" vorzuführen. Ein Meisterwerk ist der „M i n", dessen herzerquickende Werbung Kompert mit breitem, behaglichem Humor ausmalt. Komperts großer Ghettoroman „Zwischen Ruinen" gehört nicht zu dem Besten, was der Dichter geschaffen. Straffheit und Geschlossenheit der Komposition, die Kompert oft abgehen, wären hier gerade besonders nötig gewesen. Die schmäle Handlung zerfließt; allerdings wird der Leser durch psychologischen Ausbau der Charaktere und durch Situationen von poetischer Schönheit dafür entschädigt. Kompert glaubt an eine Reform und Vereinigung der jüdischen und christlichen Lehren und Sitten, die letzten Endes auf den Deismus des 18. Jahrhunderts hinauslaufen. Kompert ist dem Stoff kreis des Ghettos verwachsen. In fremder Umwelt ist ihm letztes Gelingen versagt. In seinem Roman zweier Wiener Schulkinder, „Franzi und Heini", ist ihm bezeichnenderweise am besten die mütterliche Gestalt der jüdischen Hausiererin geglückt. Er bringt für die Ghettogeschichte all das mit, wessen sie bedarf: Liebe und Verständnis für die beschränkte Welt der „Gasse", Bewunderung für das Feingefühl dieser Menschen und ihr jahrhundertealtes Martyrium und den altertümlich-behaglichen Ton, den diese untergehende Welt verlangt. Mit seltener Beobachtungsgabe versteht der Dichter Einzelheiten auszumalen. Er ist Genremaler, dem am besten Interieurs und Stimmungen gelingen. Er ist ein Träumer, dem das Kämpferische fehlt, ein Mensch voll Güte, der auch das Leid mit seinem. Lächeln verschönt. Er ist ein Dichter der leisen. Resignation, der Beschaulichkeit und der Behaglichkeit. Karl Emil Franzos, der Schilderer des östlichen Ghettos, hat treffend den Mangel erkannt, an dem das Schaffen des von ihm tiefverehrten Dichters leidet: „Seinen Werken fehlt der Pulsschlag wilder Leidenschaft." Vielleicht könnten gerade ob dieses Mangels viele Menschen unserer Tage friedvolle Stunden mit dem träumerisch-gütigen Kompert verbringen und vielleicht erkennen, daß Probleme, die man längst für überwunden gehalten, noch immer aktuell sind. Dr. Minna Lachs-Schiff mann.

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