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Die neue Welt · 1936-11-24 · Heft 611 (24.11.1936) · page 1

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Journal
Die neue Welt
Volume
10 (1936)
Issue
Heft 611 (24.11.1936)
Date
1936-11-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Preis 10 Groschen Dienstag» den 24. November IM« NEUL 10* lahrgang Nr* 611 V« b* b# Zeitung vom Verleger versende! ..Journal expedle par l'edlteur4* 186 Ti«. Universitätsbibliothek REVUE HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.41), vierteljährig 8 4.--, ganzjährig 8 16.—; Pole» monatlich Zloty 1,60» Schweis und die übrigen Länder monatlich Schweizer Franca 1.60, vierteljährig Schweizer Francs 4.60. Mit B bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion U.Verwaltung: lX,Universitätsstr.8,7et.A-20-2-78 - Erscheint Dienstag a. Freitag Sl^Vml „ORBIS"-Sonderfahrt nach POLENBBERLIN Abfahrt: 22. Dezember 1936 Anmeldungen: Polrl. Reisebüro „ORBIS" l. KarntncrttraOc 41, R-SM'7i Oesterreichisches VerkehrsbUro l. FrledrlehitraOe 7. B.17-I00, 1. graben 20, U»m-o-»s Unter arabischer Herrschaft Gegenüber der Forderung nach Lösung der 'Judenfrage durch Errichtung eines sich selbst verwaltenden jüdischen Gemeinwesens, also eines Judenstaates in Palästina, tauchen immer wieder Gegenvorschläge der „Gemäßigten" auf, darunter solche, welche von einer „durch Verträge geschützten jüdischen Minderheit" in einem großarabischen Reich sprechen. Durch Worte lassen •'sich diese Plänemacher nicht darüber belehren, daß das Schicksal einer jüdischen Minderheit im arabischen Asien sich noch unendlich .trauriger gestalten, müßte . als dasjenige jüdischer Minderheiten in Europa. Aber jetzt sind Tatsachen zu verzeichnen, welche "dem verbissensten Anhänger einer arabisch-jüdischen Föderation die Augen öffnen. ' . ' In unmittelbarer Nachbarschaft Palästinas haben jetzt zwei arabische Staaten ihre Unabhängigkeit erlangt. I r a k und Syrien, und schon zeigt sich, wie die Araber als Hausherren mit Minderheiten verfahren.. Im Irak und in Syrien sind blutige Christenverfolgungen ausgebrochen und parallel dazu — Ju denverf ol'gungen.. Ueber die Vorgänge im Irak hatte, besonders in letzter Zeit, die europäische Presse ausführlich berichtet. Ueber das, was in dem gerade jetzt durch den französisch-arabischen Vertragunabhängig werdenden Syrien im Gange ist, berichtet der Korrespondent.' der „Jüdischen Rundschau" wie folgt: „Wenn da>s Minderheitenproblem beiden französischsyrisch-libanesischen Verhandlungen eine wachsende Rolle spielt,'so'ist von dem Schicksal:einer großen und aktiven Minderheit,' den syrischen Juden, bisher kaum die Rede gewesen. In Syrien leben zirka 25.000 Juden, die jetzt'den Machthabern des neuen Staates ausgeliefert sind. Nach den Vorgängen in Palästina und vielleicht mehr noch nach den letzten antijüdischen Exzessen im Irak ist die Nervosität unter den Juden in ^yrien sehr groß. In der französisch-jüdischen Zeitschrift „Samedi" veröffentlicht Pierre Pöral einen Mahnruf an die französischen Juden, ihrer Glaubensgenossen in Syrien nicht zu vergessen. „Die Juden, die für ihre eigene Befreiung kämpfen, können und wollen keineswegs gegen den französisch-syrischen Vertrag und die syrische Unabhängigkeit Stellung nehmen. Aber es steht zu befürchten, daß in Syrien wieder einmal die Juden der Sündenbock für alle Schwierigkeiten wer. d e n. Schon jetzt wird in Syrien die jüdische Minderheit von der . arabischen Mehrheit terrorisiert, Im Jahre 1931 zählten D a m a s k u s und A1 e p p o 18.000 Juden. Heute ist die Zahl auf 8000 gesunken, da die anderen infolge des Terrors und des Boykotts abgewandert sind. Wie wird ihr Schicksal nach dem Abzug der französischen Truppen sein?" Und Pierre Peral veröffentlicht in diesem Zusammenhang den Brief eines ungenannten Juden aus Beirut: „In Beirut wird der Boykott gegen die jüdischen Kaufleuta usw. organisiert. In Damaskus und Aleppo verlassen viele jüdische Familien die Stadt. Das jüdische Viertel in Damaskus ist in letzter Zeit mehr als zehnmal von der fanatisierten Menge angegriffen worden. Nur der bewaffneten Macht und den Mahnungen der in Paris verhandelnden arabischen Führer, die ein Scheitern der Verhandlungen verhindern wollten, ist es gelungen, die Juden zu retten. In Sidon mußte die Polizei auf die Menge schießen, um einen Pogrom zu verhindern. Zu der physischen Bedrohung treten die physische Demütigung und der wirtschaftliche »uaammenbruoh, Die Gemeinden verarmen immer Rings um den Fall Frankfurter Von A bis Z erlogen Der „Völkische Beobachter" (Nr. 324 vom 19. November 1936) berichtet aus Wien: „Seit voriger Woche findet in Wien eine Tagung der ,Neu-Zionisten' statt, an der 84 Delegierte aus allen Ländern Europas sowie aus Palästina und Amerika teilnehmen. Die Delegierten, die eine Reihe von Sitzungen hinter verschlossenen Türen abhielten, stehen unter der Führung des bekannten Zionisten Jabotinsky. Wie wir hiezu erfahren, befaßte man sich in den vertraulichen Sitzungen mit einer Reihe aktueller politischer Fragen, an denen das Weltjudentum interessiert ist und über deren Behandlung man aus begreiflichen Gründen nichts. an die Öffentlichkeit dringen lassen möchte. So erstattete der Leiter der sogenannten Informationsabteilung der Wiener Zionisten, der Wiener Rechtsanwalt Dr. Grünbaum, ein Referat über den Fall Frankfurter, und t man beschloß, an die Schweizer Juden zu appellieren, alle Hebel in Bewegung zu setzen, um die öffentliche Meinung im Hinblick auf den bevorstehenden Prozeß entsprechend zu beeinflussen. Ferner wurde . eine bedeutende Summe an den Frankfurter-Fonds nach Zürich überwiesen../' Wir stellen fest, daß die Meldung von A bis Z erlogen ist. Zur Charakteristik dieser „Berichterstattung'» sei festgestellt: " . ' Eine zion.Informationsabteilung gibt es nicht. Einen Wiener Rechtsanwalt Dr. Grünbaum, der „Neu-Ziönist" ist, gibt es nicht. Der Wiener Rechtsamvalt Dr. Grünbaum ist Führer des Verbandes der „Allgemeinen Zionisten"4 und steht als solcher in schärfster Opposition zur „Neuen Zionistischen Organisation". Er hat daher an den Tagungen dieser Organisation nicht teilgenommen, geschweige denn dort ein Referat erstattet. Ein Referat über den Fall Frankfurter wurde nicht abgehalten, ein Beschluß nicht gefaßt. Kein Groschen wurde nach Zürich überwiesen. Lauter Lügen,' die nun ihren Weg vom Hitler-Blatt durch die antisemitische Weltprosse nehmen werden. -' Je mehr man sich dem Termin der Gerichtsverhandlung gegen den Attentäter David Frankfurter nähert, der bekanntlich im heurigen Februar den nationalsozialistischen Gauleiter für die Schweiz, Wilhelm Gustloff, in Davos niederschoß, desto nervöser werden die Kreise, die sich hier irgendwie berührt fühlen. Vor einigen Monaten erschien das Buch eines reichsdeutschen Nationalsozialisten Diewerge („Der Fall Gustloff"), worin versucht wird, eine von Juden geführte sozialistische Verschwörung gegen Hitler-Deutschland zu konstruieren. Die Schweizer Richter/werden zweifellos dieser Stimmungsmache nicht erliegen., Auch einem zweiten, kürzlich erschienenen Buch wird hoffentlich dasselbe Schicksal zuteil werden, dem Buch „Der Mord in Davos" von Emil Ludwig. In diesem Buch untersucht Emil Ludwig die psychologischen Motive, die einen völlig unpolitischen, unnervösen und sittlicheinwandfreien Menschen zur Mordtat getrieben haben. Derlei Schriften hat es jederzeit, zumal als Illustrationen großer politischer Prozesse, gegeben. Aber , diesmal wird mit einem Sentiment gearbeitet, das bis jetzt schon mehr Schaden gestiftet hat, als die Schrift je hätte nützen können. Emil Ludwig schildert nämlich ein angebliches Erlebnis David Frankfurters bei seiner Durchreise in Berlin, wo er mit seinem Onkel Rabbiner Salomon Frankfurter spazierenging, wobei der 60jährige Rabbiner von jungen Burschen angerempelt und am Bart gezerrt Wörden sei/Nunmehrwurde: Rabbiner^ Salompn Frankfurter in das Berliner Polizeipräsidium geladen, wo er veranlaßt wurde, „eine Erklärung zu ■ unterzeichnen, in der Emil Ludwigs Schilderung als unrichtig hingestellt wird. Der „Völkische Beobachter" vom 17. November gibt diese Erklärung wieder,, dieunter anderem lautet: „Es ist nicht wahr, daß während eines Besuches meines Neffen David in Berlin ich mit ihm einen Spaziergang durch die Straßen machte, wobei ich Belästigungen ausgesetzt worden wäre. Noch weniger wahr ist es, daß ein junger Bursch mich am Bart zerrte und ,Hepp,-hepp!' rief. Mein Neffe hat keine Aeußerung getan, die auch nur im geringsten so hätte gedeutet werden können, daß er über die Art, wie ich behandelt wurde, empört sei. Weder mir noch einem Mitglied meiner Familie in Deutschland wurde vor oder nach Machtantritt des jetzigen Regimes, vor oder nach dem Mord in Davos eine Unbül zugefügt. Wir sind persönlich nicht belästigt worden. Ich bin bereit, falls dies gewünscht wird, diese meine Erklärung vor einem ausländischen Gericht zu wiederholen." Wie weit die Erklärung des Rabbiners Salomon Frankfurter freiwillig erfolgte, beziehungsweise ob sie unter einem Druck der Gestapo zustandekam, wollen wir zur Zeit nicht untersuchen, nehmen sie vielmehr als einwandfrei an. Und darum müssen wir bekennen, daß mehr. Die syrischen Juden gehen dem Untergang entgegen. Die syrischen Führer werden — auch bei gutem Willen — nicht imstande sein, die fanatisierte Menge von Angriffen gegen die Juden zurückzuhalten.'* So und nicht anders liegen die Dinge. Tatsachen, an denen nicht zu deuteln ist. Der Weg zum Judenstaat ist ein schwerer und leidensreicher, aber er muß gegangen werden. Kein Umweg führt zum Ziele. Das sollten, diejenigen bedenken, die durch Projekte vom „binationalen" Staat und sonstige gequälte arabischjüdische Konstruktionen die Situation verworrener machen, die Araber nicht befriedigen, die Juden nur schwaph und verzagt machen und das jüdische Recht verdunkeln. Diese Verdunklung ist um so gefährlicher, als gerade jetzt im Orient eine Machtverschiebung, eine Aufteilung der Interessensphären im Gange ist, welche auf lange Zeit hinaus die Lage bestimmen kann. Wer einen Anspruch anzumelden hat, muß es jetzt tun. Nie war es notwendiger, die Forderung nach dem Judenstaat mit allem Nachdruck und ganz offen zu erheben. Wer jetzt zögert und schweigt,'wird schließlich mit leeren Händen dastehen. rt st« Die Lage in'Syrien Aus Jerusalem: Die christliche Bevölkerung in Beiruth hat infolge der dortigen Vorgänge eine Sclbstwehr organisiert und außerdem in Telegrammen an den französischen Premier Leon Blum und an den Völkerbund um Schutz gebeten. Jn Beiruth herrscht Ausnahmezustand. Die Spannung hat nicht nachgelassen. Es wurde festgestellt, daß bei den Ueberfällen der Mohammedaner auf Christen etwa 50 Personen verwundet wurden, von denen 15 ihren Verletzungen erlegen sind. Rückwirkung auf Palästina Aus Jerusalem: Der ernste Konflikt zwischen Mohammedanern und Christen in Beiruth hat auf die christlichen Araber in Palästina den peinlichsten Eindrupk gemacht. Die in Jaffa ansässigen Marontten haben eine Erklärung veröffentlicht, in der die Handlungsweise der Mohammedaner im Libanon aufs Schärfste verurteüt wird. In bestimmten Vierteln Jerusalems und Jaffas macht sich eine bedeutende Spannung zwischen Christen und Mohammedanern bemerkbar. Ea verlautet, daß die christilchen Araber in Palästina geheime Ausschüsse gebildet haben, die im Notfall ihre Interessen gegen mohammedanische UebergrJffc teldigen sollen. (Fajcor,),

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