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Die neue Welt · 1936-11-10 · Heft 607 (10.11.1936) · page 1

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Journal
Die neue Welt
Volume
10 (1936)
Issue
Heft 607 (10.11.1936)
Date
1936-11-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis fO Groschen Dienstags den W# November t#36 10* Jahrgang Nr* 607 V.b.bi nie UEiir II IE HEUL. Zeitimg vom Verlege« versendet „Journal exp6dt6 par l'editenr" 186 THl Vniv^tshiblioth EVU HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN; Oesterreich monatlich S 1.40, vierteljährig S 4.—, granzjährtg S 16.—; Polen monatlich Zloty 1,50, vierteljährig Zloty 4.50; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 18.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—; Kumänien monatlich Lei 40.—, vierteljährig Lei 120.—; Deutschland monatlich Mark X.—, vierteljährig Mark 3.—: Bulgarien monatlich Lewa 30.—, vierteljährig Lewa 80.—{ Italien, monatlich Lire 6.—. vierteljährig Lire 14.—; Schweis und die übrigen Länder monatlich Schweizer Franca 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50, Mit B bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich, Redaktion U.Verwaltung: IX, Universitätsstr. 8, Tel. A-20-2-78 — Erscheint Dienstag u. Freitag Roosevelts Triumph ' In einer für die amerikanische Geschichte beispiellosen Weise hat Franklin Roosevelt über seinen Gegenkandidaten Landon triumphiert. Der objektive Betrachter des eben abgelaufenen Wahlkampfs kann mit vollem Recht sagen: der Erfolg Ropsevelts ist um so höher einzuschätzen, als die Partei Landons mit den verwerflichsten Mitteln, mit dummen Lügen und aufreizenden Schlagworten, gearbeitet hatte. Auf Roosevelts Seite stand das gesunde, ehrliche, freiheitliche Amerika, auf Seiten Landons die gefährliche Hearst-Presse, eine ebenso furchtbare wie finstere Macht. Alle bösen Instinkte, unzählige Dollarmillionen von Wallstreet wurden mobilisiert, um Roosevelt zu Fall zu bringen. Es ttalf nichts. Wir könnten — abgesehen von dem Anreiz einer «jpeltpolitischen Betrachtung — von einer Analyse dieses gigantischen ■ Wahlkampfes absehen, hätte nicht ein bisher in U. S. A. ungekannter Alarmruf die Straßen durchgellt: der Alarmruf „Jud", ausgestoßen von den amerikanischen Nazis und ihren diversen Helfershelfern. Landon verschmähte es nicht, mit antisemitischen. Schlagworten zu arbeiten. Die gesamte Hearst-Presse mit ihren Millionenauflagen . setzte nach Berliner und Nürnberger Muster die abscheulichsten Lügen in die Welt, um Roosevelt und seine Freunde zu diffamieren. Und als Roosevelts überwältigender Sieg verkündet wurde, da wußte die vom reichsdeutschen Hakenkreuz geführte, bezahlte und korrumpierte Presse und Gesellschaft nichts anderes zu sagen als: „Judenknecht!" . Schon dieser Umstand allein, ...das Mißbehagen nämlich der Nationalsozialisten angesichts des Wahlsiegs des Demokraten Roosevelt und die weitere Beschimpfung des amerikanischen Staatsoberhaupts läßt uns den Wahlausgang mit Befriedigung betrachten. Die Juden Amerikas (und auch außerhalb Amerikas) sehen in Roosevelt einen Mann des Rechts, der Gerechtigkeit, der Objektivität, der Fairneß. Zahllos sind die Fälle, wo Präsident Roosevelt seine Stimme für Gerechtigkeit gegenüber dem jüdischen Volk erhoben hat. Zu jedem Rosch Haschana erhielt die amerikanische Judenheit, Glückwünsche von ihrem Präsidenten; alle Versuche, die Juden zu Bürgern zweiten Grades zu degradieren, scheiterten an Roosevelt und seiner Regierung. Die Hetze, des offiziellen amerikanischen Hakenkreuzorgans („Der deutsche Weckruf") das sieh nicht entblödete, zu verlangen, ■ „Roosevelt, der Mann Moskaus und der Juden", müsse bis aufs Messer bekämpft werden, beantwortete dieser mit schweigender Verachtung. Es kann bei dieser Gelegenheit auch noch daran erinnert werden, daß Präsident Roosevelt, bzw. die führenden Senatoren der Vereinigten Staaten, das zionistische Aufbauwerk in Palästina mit bewundernder Sympathie begleiteten und mehreremals schon der britischen Mandatsmacht zu .verstehen gaben, daß sie die Förderung der jüdischen Bestrebungen in Palästina als eine Sache des Rechts und der Humanität ansehen. Der Sieg Roosevelts ist aber auch ein Sieg der Friedensidee über die Anbeter der Gewalt und Diktatur. Ein kleiner Hoffnungsschimmer durchbricht den trüben Horizont. Noch haben die dunklen Mächte nicht überall Über das Gefühl menschlicher Verantwortung gesiegt. Die westliche Zivilisation ist noch nicht untergegangen. Ein Hort des Rechts, das große Amerika, ist demhakenkreuzlerischen Ansturm nicht erlegen. Die Mosleys, de la Roques und Degrelles haben in — U. S. A. eine vernichtende Niederlage erlitten. Hierin erblicken wir ein günstiges Symptom für die Zukunft. o. r. , Im Mai 1936 hat Präsident Roosevelt einer JUdischen Versammlung in New York durch den Innenmlnister Ickes, der persönlich anwesend war, eine Botschaft Ubermittelt, in der es heißt: „Präsident Roosevelt hat mich beauftragt, Ihnen als einem wertvollen Element der Nation zu sagen, daß er der Ueberzeugung ist, daß eine wahre, dauernde Verständigung zwischen den Nationen nicht möglich ist, so- , lauge Minderheiten unter ihnen das Recht, ein normales Leben zu fUhrcn, entbehren. Der Präsident bringt durch mich Ihnen, als den Vertretern einer großen, mannhaften Rasse, den festen Glauben zum Ausdruck, daß die Regierung der Vereinigten Staaten als Vollstrekkerin des Volkswillens den Innerhalb ihrer Grenzen lebenden Minderheiten stets achtsame Obhut widmen und jene vitalen Rechte unverletzt aufrechterhalten wird, die die Verfassung auch dem bescheidensten unserer jBürger. g^ährletetet/' ' Der große zionistische Wahlsieg in Zahlen 19*196 zionistische gegen ll«633 unionistische Stimmen — 23 Zionisten und 13 Unionisten gewählt Im Durchschnitt ergab sich eine 70prozentige Wahlbeteiligung.!. Trotzdem die Zahl dej* Wähler um 5000 kleiner war als bei der letzten Wähl (im Jahre 1932), stieg die Zahl der abgegebenen gültigen Stimmen von 26.178 im Jahre 1932 auf 31.829 aii 8. November 1936. Zuwachs an zionistischen Stimmen: Im Jahre 1932 wurden 12.143 zionistische Stimmen abgegeben, jetzt 17.466, also 5323 Zuwachs. Ini Jahre 1932 wurden110.214 unionistische Stimmen abgegeben, jetzt 11.633, also 1412 Zuwachs. Im Jahre 1932 wurden 2777 Stimmen für „Arbeitendes Palästina" abgegeben, jetzt 2730, also Abgang 47. Insgesamt stehen jetzt 20.196 zionistische Stimmen (Zionistische Liste, Standklub, „Arbeitendes Palästina") 11.633 unionistischen Stimmen gegenüber. Also fast doppelt soviel. Im Jahre 1932 erhielten die vereinigten zionistischen Gruppen 17 Mandate, jetzt (Zionistische Liste plus Standklub). 20 Mandate — Zuwachs 3 Mandate. Im Jahre 1932 erhielt die „Union" (plus „Werktätige") 15 Mandate, jetzt 13 Mandate — Verlust % Mandate. ..... Im Jahre 1932 erhielt das „Arbeitende Palästina" 4 Mand at e, jetzt 3 Mandate — Verlust 1 Mandat. Die „Union" hat in sämtlichen Wiener ^ßemeindebezirken die M a j o r i t ä t v e r lo re n. Auch in ihrem bisherigen unbestrittenen Machtbereich, im ersten Bezirk (Innere Stadt). In der Inneren Stadt stehen 1143 unionistischen Stimmen 1224 zionistische gegenüber. Lediglich imkleinstenaller Bezirke, in Ploridsdorf, hat die „Union" die Majorität. Dort wurden insgesamt 214 unionistische und 173 zionistische Stimmen abgegeben. Die Behauptung der „Union", daß alle „bodenständigen" Elemente für sie und die „Zugereisten" und „Ausländer" für den Zionismus stimmen, ist zusammengebrochen. In allen westlichen Bezirken und in den Rayons, in welchen die „bodenständige Intelligenz" wohnt, ist die zionistische Majorität überaus stark. So sieht beispielsweise eine Zusammenstellung der Wahlresultate in den sogenannten Bezirken der „Intelligenzler, Bodenständigen und der gutsituierten Bürgerschaft" so aus; Bezirk Zionisten Unionisten in . •i > 1651 956 IV , 4 * 611 392 V , t «i 444 334 VI . 4 « «' 968 546 VII , ' 4 ' ■* ' « 1102 667 vm . 'i " 4 < * ----- 784 429 IX . m 5 2646" 1558 " xn . 4 4 s : 292 125 xm < 4 « 640 328 xvin „ 4 i * 698 448 XIX . » K 4 620 397 Eindrucksvolle zlonlstIsche Mehrheit Ein Sieg der jüdischen Ehre Wie immer sie auch über den Wahlausgang denken mögen, die tausenden Wiener Juden, die zur Urne gegangen oder zu Hause geblieben sind, so werden sie alle zweifellos ihre Gefühle in die Worte pressen: Gott sei Dank, es ist vorüber! Bis auf jene vielleicht, deren politisches Lebenselement es ist, Schändlichkeiten zur verüben und Haßinstinkten zu frönen. Sogar bei Betonung der Tatsache, daß politische Leidenschaften immer und überall zu Uebertreibung und Mangel an Maßhaltung führen, müssen wir in bezug auf den Kultuswahlkampf feststellen, daß selbst die wildeste Phantasie auf die von der „Union" vorgeführten Orgien der Verhetzung, Verleumdung, Irreführung nicht gefaßt war. In der Geschichte der jüdischen Gemeindepolitik könnte das, was die Wiener Assimilation in der Werbung für ihre Liste verübte, als ein Schandkap i t e 1 sondergleichen figurieren — es sei dehn, daß. alle feinfühligen jüdischen Menschen derzeit nur den einen Wunsch haben: es möge sich nie mehr wiederholen! Das Wahlresultat selbst gibt, wäre es nicht aus höchst sonderbaren Motiven zustandegekommen, zu keiner tiefgründigen Betrachtung Anlaß. Ziffern sprechen zwar, wie es im allgemeinen heißt, eine beredte Sprache, aber hier sind die Ziffern stumm, wenn man ihnen nicht das Geheimnis der Wahlmathematik $ I M P L I, Wollselle 94 sonntac mm»m* Vs5 und V%9 Telephon 26-4-31 V»9 Uhr abtnds Ali Parkas «i 40 Grünbäume Tausend und ein« Naohtgesuhictve n 20 Näohten von Kar' Parkas und Fritz GrUnbaum Muitk: Robert Schwarz, Regle: Karl Farkas, Ausstattung: Alfred Kum FRITZ GRÜNBAUM, KÄRB. PARKAS entreißt. Das Geheimnis lag in den Wahlparolen dep werbenden Parteien. Die zionistische Liste ersparte sich jeden Trommelwirbel. Das Judenschicksal in den meisten Ländern der Welt und sein schöpferischer Reflex, das jüdische Aufbauwerk in Palästina als Zeugnis wiedererwachten, seiner Kräfte und seiner Ehre sich bewußten Judentums, das war das Schild, das die Zionisten vor sich trugen. An den Zionismus muß man glauben; zu ihm muß man sich durchringen; ihm muß man dienen. Keine leichte Aufgabe, kein bequemes Unternehmen. Wer die zionistische Liste wählte, mußte sich einer großen Verantwortung bewußt sein. Die Assimilanten hatten es leichter. Sie verlangten vom Wähler nichts anderes als Unwissenheit, Uninformiertheit, Gleichgültigkeit, Feigheit. Und da die Assimilation an sich nichts anderes ist als die Furcht vor der Wirklichkeit, so hieß es, den jüdischen Wähler mit irgendwelchen Schreckparolen ins Bockshorn jagen. Der Mensch, fern vom Getriebe der Politik und des Weltgeschehens, war beruhigt, als man ihm versicherte, daß er in Oesterreich werde ruhig weiterleben können, wenn er sich zur „Union österreichischer Juden" bekennen würde; man werde ihm kein Haar krümmen, er werde nicht nach — Polen, Ungarn, Rumänien, Mähren usw. zurückgehen müssen; denn die Zionisten besiegen heiße: gute Oesterreicher sein (!). Die Führer des unionistischen Wahlkampfes faselten der eingeschüchterten jüdischen Gasse vor, daß die Zionisten ein „Fremdenrecht" installieren wollen, das den Juden zu einem. Staatsbürger niedrigeren, minderen Rechts degradiere, und indem sie übrigens noch die Kandidaten der zionistischen Liste zu diffamieren versuchten, vernebelten sie die Hirne tausender ahnungsloser Wähler derart, daß schließlich ein Ruck genügte, um diese zu „Anhängern" der österreichischen Ueberpatrioten, der Unionisten, zu machen. Mit einem Wort: dem politisch ungeschultenj Durchachflittswähler wurde Angst eingejagt» Au«

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