Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 596 (25.9.1936)
- Date
- 1936-09-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite S DIE NEUE WELT Nr. 596 vom 25. September 1936 A, Reisen dee klasseätfyet. .. Berl — eigentlich müßte man das so schreiben: Berrl! — war bei uns daheim im Städtel Wasserträger. Nicht „bejeruschah", .ererbt von seinem Vater, nein, keiner im ganzen Städtel wußte etwas von seinen Vorfahren. Zu uns kam er als „fertiger" Mensch ... Es war Kriegszeit. Die Russen fielen über uns her. Berl war unter ihnen. Er war russischer Soldat. Berl allein war eine ganze Armee: groß, stark, mit Händen, die einen Bären in Stücke zerreißen konnten, mit einer Stimme, die . das Städtel erzittern machte ... Das war Berl, der Soldat. Einen Gang hatte dieser Mensch — wie ein Löwe: große, breite, schwere Schritte, mit vornübergebeugtem * Oberkörper, die Fäuste stets geballt, gleichsam zürn Sprung auf sein Opfer bereit, mit Augen, aus denen feurige Blitze zu kommen schienen ... Sah man ihn so über den leeren Marktplatz gehen, so gefror das Blut in den Adern ... Am Eosch-Haschanah hatte unser Städtel eine Ueberraschung. Es kam zutage, daß Berl ein jüdisches Kind ist. Erew Rosch Haschanah kam er zum Rosch-Hakahal, dem Gemeindevorsteher, und erklärte ihm, er sei Jude und wolle ins Beth Midrasch kommen. Ob es erlaubt und recht sei ... So kam er mit uns Chederbachurim zusammen und wir gewännen Zutrauen zueinander. Ganz Rosch-Haschanah saß er stillschweigend in einer Ecke vor einem aufgeschlagenen Siddur. Am Jörn Kippur hörte man ihn sogar weinen und schluchzen ... Als die Russen abzogen, blieb Berl im Städtel zurück. Und da geschah ein „Wunder" ... In diesem starken Menschen: ging eine eigenartige Umwandlung von. Berl wurde ein anderer. Berl fing , an, seinem Götzen Kraft und Stärke untreu zu werden, Berl schämte sich fast seiner mächtigen Hände,. Berl verbarg seine kraftvollen Fäuste, verheimlichte sie, wie eine' Schande ... Das alles kam so: Wir Chederbachurim sahen in der ersten Zeit zu Berl auf wie zu einem Helden, einem Gibbor! — aber dann, als wir sahen, daß er nur das sei, sonst ein „grobber Jing", der weder „davenen" (beten), noch „Gemarrah" lernen konnte — verblaßte sein Glanz, und schließlich „erbarmten" wir uns seiner, beschlossen in geheimer" Beratung, aus Berl einen „Menschen" zu machen, dies Holz ein wenig zu veredeln ... Eines Tages nahmen wir Berl mit in unseren Cheder und ließen ihn zuhören bei unserem Thoralernen. Da sahen wir, wie 'er sich in einen Winkel setzte und still vor sich . hinweinte. Uns alle befiel Trauer. Erinnerungen, Bilder einer fernen Vergangenheit schienen in ihm wach zu werden ... Nach einer Weile kam er auf uns zu und sagte, so sanft solch ein Bär es sagen konnte: ,,Kinderlech, ich bet eich, lernt mit mir ..In seinen Augen standen Tränen. Wir begannen ihn zu unterrichten. Mit großer Mühe brachten wir ihm das „Alefbeth' bei, dann saß er stundenlang vor einem Thülim und lernte beten. Er konnte auf. sich furchtbar wütend werden, wenn etwas ihm nicht gelang, aber nach solchem Aufbrausen wurde er bald ganz ruhig und still. Er begriff — daß es zu spät sei... Von diesem Tage an war Berl ein anderer. Er erklärte, Wasserträger bei uns werden zu wollen, und gab seinem Wunsche solchen Nachdruck, daß er es auch wurde. Aber etwas geschah mit ihm: er sprach kein Wort mehr, er wurde ein stiller, in sich gekehrter Mensch, pflegte mit niemandem Umgang. Tag für Tag geht er mit seiner Stange frühmorgens zur Quelle und schleppt seine Eimer voll frischen, klaren Wassers in alle Stuben. Ohne ein Wort zu sprechen, ohne auf der Straße die Kinder zu necken, ohne sich an der Quelle mit anderen Wasserträgern um den Vorrang zu zanken ... Seinen Lohn, das „Wassergeld", fordert er nicht. Hat er sechs Eimer in ein Haus gebracht, gießt er sie in den Bottich, der im Vorhaus steht, und stellt sich auf die Schwelle nieder — warten, warten, bis die Hausfrau kommen und ihm seine paar Kreuzer geben wird ... Vergißt sie herauszukommen oder' ist sie irgendwie beschäftigt und hat für Berl keine Zeit, geht er ruhig weg, ebenso wie er gekommen, ohne zu murren, ohne zu fluchen, ohne das nächste Mal, wenn er kommt, zu erinnern, daß man ihm einen Tageslohn schulde ... Nein, ihm, Berl, war man niemals etwas schuldig; gab man ihm einige Kreuzer, war es eine gute Tat; gab man ihm nichts, so war es auch gut, er hatte ja nichts gefordert ... Aber wenn die Dämmerung hereinbricht, wenn die Sonne untergegangen ist, dann schleppt Berl die letzten zwei Eimer Wasser ins Beth-Midrasch. Er bringt sie umsonst, mit Freude und Liebe zu uns Chederbachurim und den anderen Chassidim, die um den großen Tisch sitzen und lernen, in jenem süßen, melodischen Gesang, der auch die düsterste Stube hell und heimlich macht. Da setzt sich Berl in einen Winkel und neigt sein Ohr zu uns — zu unserem Lernen, zu unserem Gesang, zu den Chassidim, die von ihrem Rebben, vom heiligen Zaddik erzählen ... Da lebt Berl auf, seine Augen leuchten, sein Gesicht strahlt glücklich. Abend für Abend, Winter und Sommer, stets dasselbe ... Aber heute — heute ist Berl, der Wasserträger, überglücklich! Niemand kann es erfassen, nur er selbst, in seiner tiefen Brust, verspürt dieses Glück, in seinem Herzen wird es ihm fröhlicher, seine Seele jauchzt: „... der Rebbe, der heilige Rebbe, so erzählen die Chassidim, hat gelehrt: auch* der einfache, ungelehrte ' Mensch, welcher .Lernende' bedient, hat einen Anteil an ,jener lichtigen Welt' ..." Hört ihr? Damit meint man unseren. Berl .;. (Frei nacherzählt von M. S. Br af m ann.) Predigten in den Gemeinder und Bezirkssynagogen sowie in den temporären Betlokalen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien am Versöhnungsfeste. Am Freitag, den 25. September 1936 (Vorabend des Versöhnungsfestes, Beginn 5 Uhr 40 Minuten abends): V., Siebenbrunnengasse; la, Rabbiner Dr. M. G. Mehrer; VTIi., Neudeggergasse 12, Rabbiner Dr. M. Bauer; X., Humboldtgasse 27, Rabbiner Dr. A. Weiner; XILT., Eitelbergergasse 22, Rabbiner Dr. M. Lewin; Xvlll., Schopenhauerstraße 39, Rabbiner Dr. A« Z. Schwarz; XLX., Dollinergasse 3, Rabbiner Dr. A'. Frankfurter; XX., Kluckygasse 11, Rabbiner Dr. B. Murmelstein. — Am Samstag, den 2 6. September 1936 (Versöhnungstag, Beginn 8 Uhr früh): I., Seitenstettengasse 4 Oberrabbiner Dr. I. Taglicht; I., Dumbagasse 3 (Großer Musikvereinssaal), Rabbiner Dr. A. Kaminka; I., Fleichmarkt 24 (Festsaal des Hotel „Post"), Inspektor I. Oehler; II., Tempelgasse 5, Rabbiner Dr. M. Rosenmann; IL, Pazmanitengasse 6, Rabbiner Dr. Z. Landau; III., Untere Viaduktgasse 13, Rabbiner Dr. K. Kupfer; III., Marxergasse 17 (Großer Sophiensaal), Rabbinatskandidat Dr. Z. Kanner; V., Siebenbrunnengasse la, Rabbiner Dr. M. G. Mehrer; VI., Schmalzhofgasse 3, Rabbiner Dr. J. Drobinsky; VIII., Neudeggergasse 12, Rabbiner Dr. M. Bauer; IX., MUUnergasse 21, Rabbiner Dr. A. Z. Schwarz; X., Humboldtgasse 27, Rabbiner Dr. A. Weiner; XV., Turnergasse 22, Dozent Dr. H. J. Zimmels; XVI., Hubergasse 8, Rabbiner Dr. J. M. Bach; XIX., Dollinergasse 3, Rabbiner Dr. A. Frankfurter; J£X., Kluckygasse 11, Rabbiner Dr. B. Murmelstein; XXI., Holzmeistergasse 12, Rabbinatskandidat Dr. A'. Bandler. Schulbücher für Volks-, Haupt- und Mittelschulen* neue und antiquarische, in der Buchhandlung M. Rath, II., Taborstraße 20 A. Hoffmeisterstelle sucht junger, guter Pädagoge. Hebrä^ isch, Französisch, Klavier und allge* meine Nachhilfe. 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