Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 529 (17.1.1936)
- Date
- 1936-01-17
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seit« & DIE NEUE WELX Nr. 529 vom 17. Jänner 1936 *r Keine Bekakftokaß näi Ck. %. Von Scholcm A I e c h e m Jahrelang stand ich mit Biolik in Verbindung, ohne den größten unserer Dichter persönlich zu kennen. Wir wohnten von einander weit entfernt: er in Odessa, ich in Kiew. Dann kamen die Jahre des Exils, nach der russischen Konstitution, wo ich ins Ausland, in die Schweizyeschleudert wurde, und von dort, über den Atlantischen Ozean, nach Amerika. So hatte ich fast schon i'öllig die Hoffnung aufgegeben, irgendwo und irgendwann dem Riesen unter den Riesen zu begegnen. Was beschert aber der Allmächtige? Die Zionisten berufen im Jahre 1907 den Kongreß nach dem Haag in Holland ein und die amerikanischen Zionisten entsenden mich als Delegierten Also, auf nach Holland . . .! GRABSTEINE FRIEDLÄNDER & DEU1SCH Dien. /. Bez., Seilcnsleiiengasse 2, II Samstag Xt.. Zentraltriedhof, neb. d. 1, Tor. I I geschlossen Am Vorabend des Kongreßbeginns findet eine Kon ferenz der Hebräisten statt. Ich trete in den Saal. Voll gepackt' . . Vorsitzender ist A. L. Lewinski. Er klopft ■mit dem Kongreßhammer auf den Tisch. Das Publikum ist aufgeregt. Und aufgeregter als alle anderen gebürdet sich ein junger Mann ... Ich betrachte diesen jungen Mann genau und stelle fest: Das ist ein „Maskil",*) der eben seine „Kostzeit'"»*) beendet hat oder gar noch in deren Genuß steht. Und weil er ein „Maskil" und sein Schwiegervater ein begüterter Manu ist, haben ihn die Zionisten seines Städtchens zum Delegierten gewählt . . . Das ist mal ein Delegierter, der auf eigene Kosten zum Kongreß kommt . . / Und ich! Ich bin der festen Meinung, mich bei meiner Charakterisierung nicht geirrt zu haben, denn: ich bin ein Schriftsteller, ein jüdischer Schriftsteller, und welcher Schriftsieller ist kein Physiognomiker?! Ich kann kein Auge von dem jungen Mann lassen. Von Zeit zu Zeit springt er auf und schießt los: „Jawohl! . . '." — „Nein!" „Ich bin nicht einverstanden!" . . . Er ist nicht einverstanden . . Der Vorsitzende, Lewinski, klopft mit dem Hammer. Die Konferenz ist beendet. Die Delegierten debattieren noch erregter. Der Vorsitzende erhebt sich, kommt auf mich r.n. Wir küssen einander. Ich will gehen. Lewinski hält mich zurück, auf eine Minute . . . „Warte einen Augenblick! Ich werde dich mit unserem Bialik bekanntmachen." „Bialik ist auch da? Wo ist er*" „Da h<ist du ihn! Und er stellt mir den jungen Mann vor, Der da, das. war der große Bialik. Und ich sehe jetzt ein, daß ich doch kein so gediegener Physiognömiker bin . . . Im Haag hielt ich mich nicht lange auf. Aber die ganze Zeit waren wir mit Bialik zusammen. Feiner weißer Sand bedeckte das Ufer des silberweißen Meeres, und xoir lustwandelten dort stundenlang,, führten intime Gespräche. Es schien, als ob wir in der weit zurückliegenden Kindheit auseinandergegangen und einander wieder begegnet wären. Jeder von uns hatte zu erzählen und zu berichten: von der Vergangenheit und von Phantasien der Zukunft ■— und die Zeit ist so kurz! Bialik gab mir das Wort, auf dem Rückweg bei mir in Genf Station zu machen. Er hielt sein Wort. Nach einer kurzen Reise durch Italien kam er am Vorabend des Rosch Haschana zu mir nach Genf. * Damals war die Schweiz auch das Exil für den Sejde, für M endele M o che r S'f o r i m, und auchfür Ben A m i- Es versteht sich von selbst, daß jeder von uns dreien der großen Ehre und des Vergnügens teilhaftig werden sollte, den Gast bei sich zu haben. Du aber die Idee von mir stammte, fuhr der Gast sogleich bei mir vor. Ich Helt das streng geheim und wollte meine Freunde überraschen. Am nächsten Tag, am Rosch Haschana morgens, führte ich meinen Gast ins Bethaus. Dort waren pereits der Sejde und Ben Ami anwesend. Der Sejde •entbot Bialik einen herzlichen Willkommensgruß. Ben •Ami nicht . . . Er war Feuer, in ihm kochte es,'weil Bialik bei mir und nicht bei ihm, bei Ben »Ami, abgestiegen war. .Wer Ben Ami kennt, wird seine Eifersucht verstehen . . . Als es »ii7n Ausheben der Thora kam1 und < wir.' auf den Hof hinausgingen, konnte sich Ben*Ami nicht länger be- Jierrschen und ging den Gast an, weshalb er nicht bei ihm Logis genommen habe. Bialik fand keine andere Ausrede, $im sich uns der Verlegenheit au befreien, als diese: es sei ihm nichts anderes übrig geblieben, weil &r soeben von der Bahn gekommen sei. ... „Wann? Heute? Heute, am ersten Tag Rosch Hasclutmti De? größte jüdische Dichter ist am Rosch Haschww (jefahren??!! Und wer sagte ihm das? — *) „Aufgeklärter." Aufklärungsbewegung- (Haskalatü \n der zweiten Hälfte des vorigen Jhdts. Bestreben, europpälsche Kultur und Wissenschaften in hebr. Sprache dem jüd. Volk zuzuführen, Kampf mit dem Chassidismus. '•*) Brauch, Jungvermählte einige Jahre im Hause de» Brautvaters zu verköstigen. Bialik selbst?! Höre es der Himmel!!! Himmel, öffne; dich!! , Und je mehr es in BewAmi wühlte und brodelte , je mehr Feuer er spie, um so mehr lachte Bialik. Und je mehr Bialik lachte, um so mehr, ereiferte sich Ben Ami Es wurde rings um uns lebendig. Die' Leute umstanden uns undsahen zu. Da kam der Sejde. Als er sah, daß es in den Enkeln koche, der eine sich aufrege und die ande reu Idchcn, gab er sein Urteil über Ben-Ami an Ort und Stelle ab. Er lachte ihn aus, wie eben nur er, der Sejde ■ konnte: Was. icollt ihr hier in der Schweiz, die Rolle eine's Gotts-Wachtmeisters spielcnt daß ihr■ euch an den hohen Feiertagen seiner annehmt? Verlasset euch nur auf ihn — er kann seinem Städtchen allein vorstehen und es regic reu . . '" . / Und noch einmal, wer. das•< heiße Temperament Ben-Amis kennt, versteht gut, daß er nicht lange bös sein konnte. Und gar — auf Bialik!'Kann man denn lange auf einen so lieben Menschen'böse sein, auf einen, der so herzlich lachen macht? Bald einigten wir uns. Eines war entschieden: Logis nahm der Dichte,- bei mir, aber essen sollte er einmal da und einmal dort — auf daß er unser aller Gast sei! Und so verbrachten wir mit dem großen Gast eine gute Wophe. Eine unvergeßliche Woche. Wir ließen uns ge meinsam photographieren, unter dem schönen blauen Himmel, am stillen Genfersee, gegenüber den hohen, mit ewigem Schnee bedeckten, Schweizer Alpen, Und .Dinge wurden wiedergegeben, einzigartige, merkivürdige Erleb yiisse, die jeder von uns in seinem Leben hatte. Mit einem Wort: das 'war eine Bialik-Woche! Und noch einmal: Bialik! und immer wieder: .Bialik! *' Zu Ende ging die erlebnisreiche Woche, der Gast fuhr weg — es entschwand Bialik. Still wurde es in der Schweiz. Die hohen, mit ewigem Schnee bedeckten Berge spiegelten sich wie der blaue Himmel im schönen stillen Genfersee wider. Aber das Schicksal war uns hold und machte uns glücklich — durch eine „Kleinigkeit". Eines schönen Tages erhielt ich von Bialik einen Brief, loorin mir der große Dichter kundtat, er habe irgcndxoo auf dem Weg ein Puar Hausschuhe vergessen . . . vielleicht — bei mir. Wenn ja, dann möge ich sie ihm gütigst nachsenden. Und so begann eine Unterhaltung, ein fröhliches Fest: Hausschuhe! Ein Brief flog nach dem andern und das goiigeiobte Wort „Hausschuhe" Wurde hundertmal erwähnt, wiedergekaut . . .! Ja, schrieb ich, ich fand Hausschuhe, aber woher soll ich1 wissen, ob das seine Seien? So nahm ich denn einen photographischen Apparat, fertigte ein Bild an, sandte es 'ihhnein, seiner Antwort gewärtig. Da kam ein Brief: „Ja, es sind meine, an der Photographie habe ich sie erkannt, ich kann es beschwören! . . . Also: schicken!'Daratcf antwortete ich in einem Schreiben, er möge verzeihen; aber so gut sein, mir eine Empfangsbestätigung über die Hausschuhe einzusenden,'dann erst könne ich sie abschicken! . . . Kommt ein Brief, mit'einem Spektakel: Hat man so etwas gehört und erlebt? Wie könne er mir den Empfang bestätigen, ehe er sie bekommen habe? . . . Ich .war aber nicht verlegen und antwortete: Es gibt einen Ausweg! Vorläufig wird von: mir ein Hausschuh abgesandt. Erhalte ich darüber die Empfangsbestätigung — sende ich den zweiten . . . ■; Und an den ersten Hausschuh, ■ der abgesendet wurde, heftete ich' ein Zettelchen: Fortsetzung folgt . , ■ So, gelstreichelte man hin und %er und zwischen dieser Spielerei vollbrachte man sehr ernste literarische. Arbeit —man schrieb und übersetzte Werke aus dem Jiddischen ins Hebräische,^ man gab ganze Bände Erzählungen für ' jüdische Kinder heraus, man plante noch weiterer wichtige Ausgaben und Publikationen — bis der Gott der Rache böse xonnle und die sündige Erde in ein blutiges Tohuwabohu verwandelte , . Auch mich erfaßte der Strom und spülte mich nach Amerika hinüber. Bialik blieb dort, an den Ufern des Schwarzen Meeres, weit, weit von jenen,, die sich in seiner Seele spiegelten, sich' um Feuer seines Genies erwärmten, ihn unendlich liebten ... (Ins1 Deutsche Überträgen von M. S. Bratraann.) "•"^■ - - ' ' m*?#*? ^f^^fS^h /£. \JP VJ U * Von S 2 Wochanratafi ♦rhalten Sl« all« Ooejanatliitda In gröBtar ftutwonl und teattar Qualltttt bli ao Monat« Krallt JUsUmokt Bittet ßesttenommicrJe Küche "NP2> REICHHALTIOE MENÜS ä S 1.90 UNO 2.60 bCHWECIUTEK BRAU ll,Hammcr<Purg*ta!I.Gajse 3 Cnärfist SalztorbrBthe) aB TeL A-4t-0*25 GEQGSiIiäQGaQ DEMI!?] N|S|W|E|R T E VII, Burggaiit lia-1%4 Telephon B-3£,2-;24, B-35-6«5,ft Eigentümer* Verleger, Herausgeber und verantwortlich^ £e^aUteur;;.Oberbaurat Rpheft gtricker. — X&UüK.vJDrückefcel«' und Verlags-A.-G, Ignaz Steinmann, beide Wien, ° / IX., üatversitätagtraße j Restaurants, Cafes etc. A. Harschak, IL, Groß© Üchiffgasse 3. Streng llM.Vof» zUgliche Küche. Billige Preise. 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