Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 526 (3.1.1936)
- Date
- 1936-01-03
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 DIE NEUE WELT Nr. 526 vom 3. Jänner 1036 Jakob -— allein Der Hintergrund der Makkabäerkämpfe Von Prof. Dr. Armand Kaminka (Schluß.) Man zieht sich schließlich in die Einsamkeit zurück •.us Pflichtgefühl, wenn man sich gedrängt findet, mehr als andere zu leisten, Aufgaben zu erfüllen, die andere nicht kennen oder nicht für -wichtig erachten, und nicht abgelenkt oder gestört sein will. In diesem Sinne mag es verstanden werden, daß die alten Erklärer zu dem Worte der Bibel „und Jacob blieb allein zurück" — indem die Frage sich aufdrängte, wie dies möglich war, da er doch eine große Familie und Scharen von Knechten besaß — eine originelle Deutung fand: Er war, nachdem alle bereits über die Brücke gezogen waren, allein zurückgekehrt, um von jenseits des Flusses winzige, dort vergessene, den Knechten offenbar unwichtig erschienene Hausgeräte — ,pachim ketanim' — herüberzuholen. Ist das nicht ein symbolischer Hinweis auf die zahlreichen Bräuche und minutiösen religiösen Verrichtungen, die der fromme Jude, sich das Leben unendlich erschwerend, mit einer seiner Umgebung unverständlichen Gewissenhaftigkeit und Pflichttreue täglich übt und heilighält? Natürlich sondert er sich dadurch von den anderen Menschen ab. Aber höherdenkende Menschen wissen diesen frommen Sinn und diese unerschütterliche Treue und unbedingte Ergebenheit an religiöse Pflichten . als etwas sehr Wertvolles und den edlen Charakter des Juden Bezeichnendes zu würdigen. Ein großer Philosoph und Staatsmann unserer Tage, der Gründer der tschechoslowakischen Republik, Thomas M a s a r y k, dem die Judenheit für sein unerschrockenes Auftreten im Kampfe für Gerechtigkeit und Gewissensfreiheit zu Dank verpflichtet ist, insbesondere für seine mutige, damals mit schweren Opfern an seinem politischen Ansehen innerhalb der aufgehetzten Volkmasse verbunden gewesene Stellungnahme gegen die Ritualmordbeschuldigung von Polna, erzählt in seinen Erinnerungen, auf welche Weise er schon in seiner Jugend zu einer ehrfurchtsvollen und wohlwollenden Gesinnung für das. Judentum gelangt ist. Er hatte als Schüler an einem Sommertage mit der ganzen Klasse, in der sich auch einzelne Juden befanden, einen Ausflug gemacht. Nachdem, der Tag angenehm verbracht war und gegen Abend sich alle, auf dem Rückweg in die Stadt befanden, wurde auf einmal ein jüdischer Mitschüler vermißt^ rNach langem Suchen fand man ihn im Eingang eines entlegenen Hauses allein in einer Ecker stehend und sein Gebet — das Minchagebet — verrichtend. Es machteauf Masaryk damals einen tiefen Eindruck, daß der jüdische Knabe sich von seinen frohen und übermütigen Genossen ohne Aufsehen zurückzog,. um in der'Einsamkeit sein Gebet an Gott zu richten-.-Darandachte er nach vielen Jahren, als eine zügellose Agitation es wagte, einen unaufgeklärt gebliebenen Mord in gewissenloser Weise einem armen jüdischen Landstreicher zur Last zu legen und mit jüdischen Ritualvorschriften in Verbindung zu bringen.. Die freiwillige Einsamkeit und Zurückgezogenheit eines Menschen, ebenso einer ganzen Menschengruppe, eines Stammes, eines Volkes, kann also etwas sehr Ehrenvolles und Rühmliches sein. Die anderen, oberflächlich denkenden und genußsüchtigen Menschen mögen eine derartige Absonderung mitunter verspotten, aber die höherkultivierten Geister werden sie zü würdigen wissen und ihr die größte Achtung entgegenbringen, namentlich wenn sie erkennen, daß das ganze Sinnen und Trachten 4er sich, selbst mit einer höheren Verantwortung und schwereren Sorgen belastenden Menschen auf das Wohl der Umgebung; oder, wie-im Falle des Judentums,'auf die Erlösung der gesamten Menschheit vom Uebel und die Verwirklichung der prophetischen Heilsgedanken unter allen Völkern .gerichtet ist. Die ganze Welt wäre nicht wert, daß sie bestehe, das Werk der sechs Schöpfungstage wäre ' eine * sinnlose Erscheinung, wenn nicht die Sehnsucht eines selbst .kleinen und schwachen Kreises von edlen und einsichtsvollen Menschen, ihren Mitmenschen zu helfen; bei den Besten aller Völker Würdigung finden würde. . . Wir kehren nun zu dem großen Rätsel des Alleinbleibens des Judentums im Zeitalter ■ '•der Religions* Verfolgung unter Antiochus Epiphanes zurück. Warum haben von allen Glaubensbekenntnissen und Kulturen der Völker Vorderasiens, mit denen die gebildete hellenistische Welt trotz der bereits verbreiteten philosophischen Vorstellungen und der Ideen eines Weltbürgerturas sich gut vertragen konnte, gerade die Bekenner der Lehre Moses' und der Propheten'—. welche in einer späteren Zeit von Philo den Griechen als Vorbilder allgemein menschlicher Gerechtigkeit und Edelsinnes dargestellt werden konnten — den grausamsten Druck erleiden müssen? Warum hat der in Jerusalem verehrte einzige Gott des Weltalls, Schöpfer des Himmels und der Erde, Lenker der Geschicke aller Menschen und Völker, im großen Seleuzidenreiche so wenig Ehrfurcht unter den kultivierten Hellenisten erweckt, daß man den entsetzlichen Frevel wagte, seinen Tempel durch ein Götzenbild SU profanieren und auf die Beobachtung der jüdischen religiösen Bräuehe die Todesstrafe zu setzen? Um das zu verstehen, muß man sich die kultui> ] historischen und weltpolitischen Zusammenhänge - vor j Augen halten und den Hintergrund der makkabäischen Erhebung klar erkennen. Es zeigt sich da, daß die Erben der großen prophetischen Ideen, nicht ohne Schuld des jüdischen Volkes, zu einem winzigen und mißachteten Häuflein zusammengeschmolzen waren und bis zu dem Aufstand der Hasmonäer, nicht nur physisch, sondern auch geistig, ohnmächtig einer feindlichen Außenwelt gegenüberstanden. Menschen und Völker, die Träger großer Gedanken sind und diese in der Welt ernstlich zur Geltung bringen wollen, müssen, um auf andere wirken zu können, eine ihrer großen Aufgabe entsprechende unbesiegbare Selbstachtung, oder im Falle der Völker, ein felsenfestes Kol 1 e kt i vbe wu ß ts ein besitzen, eine umfassende, natürliche, unverbrüchliche Treue zu ihrem eigenen geistigen Besitz, zum vollen Komplex ihrer historischen Ueberlieferungen. Wer diese uneingeschränkte Treue, die man als ideelle Identität der Persönlichkeit bezeichnen kann, nicht besitzt, der kann weder die Sympathie der Außenwelt erwerben noch Verständnis und Würdigung bei derselben finden; an ihm kann nicht in Erfüllung gehen das Wort: „Es werden die Völker der Welt erkennen, daß du.der Träger des göttlichen Namens bist, und werden Ehrftujßht vor dir haben." - Eine solche Ahnung in der Welt von der ethischen Hoheit, von der völkerverbindenden Kraft und von dem geistigen Ideal der mosaischen und prophetischen Lehren haben leider die Generationen von Esra bis. Juda Makkabi hervorzurufen nicht verstanden. Nicht nur das, sondern auch die kollektive Selbstachtung, die Treue der jüdischen Bevölkerung in Palästina zu sich selbst, das Verständnis für die Grundlagen ihrer Volkskraft, war durch viele Generationen fast ganz verr schwunden. Zunächst war die hebräische Sprache, über deren Vernachlässigung schon Nehemia geklagt hatte, in den folgenden zwei Jahrhunderten bei den breiten Volksschichten beinahe in Vergessenheit geraten. Ein lehrreiches Beispiel dafür, ist, daß der Dichter Ben Sira, der um das Jahr 200 v. Chr. gelebt und die hebräische Sprache doch beherrscht hat, für sein im biblischen Stile verfaßtes Buch keine Lesermehr. fand und nätür: lieh auch keine Abschreiber, so daß der hebräische Urtext ganz verschollen ist — erst in neuester Zeit wurden einige Fragmente aufgefunden — und von. dem Buche überhaupt keine Spur, geblieben wäre, wenn sich nicht eine griechische Uebersetzung desselben in den Apokryphen erhalten hätte. Der griechische Uebersetzer war übrigens der eigene Enkel des Verfassers, der in Jerusalem lebte, aber das Hebräische nur noch mangelhaft verstand. Es beruht auf einer leeren Phantasie und einer ungenügenden Kenntnis der Literaturgeschichte, daß manche nejiere Bibelkritiker geglaubt haben, einzelne Teile unseres Psalm e n b.u c h e s und anderer biblischer Schriften seien in der'Makkabfrerzeit entstanden. Selbst für das Buch Daniel ist :dies sehr zu bezweifeln und die Andeutungen,, die man darin für die Verfolgungen unter Antiochus findet, sind .. sehr anfechtbare Vermutungen. Keinen einzigen Schriftsteller, keinen Historiker, keinen philosophischen Denker, keinen religiösen Führer gibt es vom Jahre 400 v. Chr.- bis zum Makkabäer- Aufstand, von dem irgend etwas in hebräischer Sprache erhalten wäre, das Zeugnis ablegen würde von einer hohen Bewertung der eigenen Geistesgüter und dem Streben, sie in der Welt zur Geltung zu bringen. Chroniken aus jener Zeit wissen nur von einzelnen Steuerpächtern aus Ju;däa zu berichten, welche sich nach Alexandrien begaben, um dort einander zu überbieten und das Recht zu erlangen, sich auf Kosten der Bevölkerung zu bereichern. . Wie es an der Pflege der eigenen Sprache und an der Begeisterung für die historischen Ueberlieferungen * gefehlt hat, so hatte sich auch der seelische Zusammen- ' hang mit dem Heimatboden -gelockert.;Schon- #ur Zeit der ersten Ptolemäer waren viele Tausende jüdischer Familien freiwillig aus Jerusalem und Umgebung nach Alexandrien ausgewandert, das als Eldorado galt, da in der großen Welthandelsstadt viele Möglichkeiten waren, zu großem Wohlstand zu gelangen. Durch einen Streit in der Priesterfamilie brachte es einer der SJübne des berühmten Hohepriesters Simon des Gerechten fertig, nicht bloß nach Aegypten auszuwandern, sondern dort einen Konkurrcnztempel zu dem in Jerusalem zu grÜjbrien, den Onias-Tempel. Das Ptolemäerreich erstreckte, sich bekanntlich bis um das Jahr 200 v. Chr. von Aegypten über ganz Palästina und die Bewohner dieses' Lande« sahen in der Hauptstadt Alexandrien den kulturellen und kommerziellen Mittelpunkt. Als später das Land unter seleuzidische He?r£cha£t kam und von Antiochia aus verwaltet wurde, bildete »ich eine neue — wie wir heute sagen würden — A.S B jini- 1 a t i o n s p a r t e i, die nichts weniger anstrebte, als daß die Juden in J erusalem sich für Antiochjer erklären. Diese waren es auch, die durch ihre Würde* losigkeit, durch die Bewerbung um die Gunst des seleuzidischen Königs und durch die Dcnun?iati,on des kleinen Kreises der frommen, am Judentum festhältenden Mitbürger als verstockter, rückständiger und kulturfeindlicher Menschen die Gewaltmaßnahmen durch die heidnische Regierung gegen den jüdischen Kultui hervorriefen. Jason und Me ne l a os — nicht Griechen, aus Athen, sondern Nachkommen vom Geschlechte Ähron$ — die ihr eigenes Volkstum haßten und sich die Hohepriesterwürde kauften, um mit eigenen' Händen das Erbe Jakobs zu vernichten, waren nicht zufällig einzelne Verräter, sondern typische Vertreter einer breiten Schicht, vielleicht der Majorität des damaligen Judentums in Palästina, welche ihre Religion aufzugeben bereit und damit vollkommen einverstanden >vat. daß als äußeres Zeichen ihrer vollkommenen Verschmelzung mit den Griechen der ' Jupitcr-KultUS ' im Tempel in Jerusalem eingeführt werde. Was nun die weltpolitische Lage betrifft, so hatte sich nach der endgültigen Niederwerfung Karthagos, durch die Römer eine für den ganzen Orient bedeutsame Wendung vollzogen. Rom fing an, seine Einflußsphäre mit immer größerer Macht in den östlichen Ländern auszudehnen. Ende des zweiten Jahrhundert ständen die Ptolemäerkönige bereits in einem Abhängigkeitsverhältnis zum römischen Senat. Von den seleuzidischen Herrschern wurde Antiochus Epiphanes bereits in Rom erzogen und als er im Jahre .175 auf den seleuzidischen Thron kam, hatten die Römer auch in. seinem Lande schon viel mitzusprechen. Im Jahre 168 — es ist dasselbe Jahr, in welchem die Römer . sich durch den Sieg des Aemilius Paulus Mazedonien ganz unterworfen hatten.— hatte Antiochus mit seinem Heer in Aegypten eindringen wollen. Aber ein Abgesandter des römischen Senats, Popilius Laenas, brachte ihm einen Brief, in welchem ihm vom römischen Senat dringend empföhlen wurde, seinen Plan aufzugeben. Als er erklärte, daß er diesen Wunsch einem Kriegsrat vorlegen wollte, machte der Römer mit seinem Stabe um ihn im Sande einen Kreis und sagte ihm: „Entautha buleuu!" „Auf dieser Stelle mußt du dich entscheiden!" und der König Antiochus mußte sich sofort ergeben. Um so eher hielt er es nach seinem Rückzüge für notwendig, die Unifikation der Stämme und Völker in dem ihm verbliebenen Staate zu betreiben und sich, was Judäa betrifft, aufvdie' griechisch gesinnten Abtrünnigen in Jerusalem zu stützen. (Im Norden Palästinas gab es damals sehr wenige Juden und Jaffa und die ganze Meeresküste waren hauptsächlich von Heiden bewohnt.) So wurde damals das Wort zur Wahrheit: „Deine Zerstörer und Verwilster werden.au s deiner eigenen M i 11 e hervorgehen." Der großen Welt gegenüber, in der politisch und militärisch um die Macht über ganze Kontinente, ^gerungen wurde, hatte die winzige Gemeinde Jaköbs, der Rest der treuen Bewahrer der Lehre Moses', eine ganz verschwindende. Bedeutung. Im Reiche der Geister, unter den Denkern und den für metaphysische und ethische Probleme sich interessierenden Menschen hätten die Erben der Propheten die Führung erlangen . können und jene Verehrung erwerben, von dernoch Zacharias am Ende des babylonischen Exils geträumt hat: „Es werden zehn Menschen von allen Völkern .der Welt den Zipfel , eines Juden anfassen und zu ihm sprechen: „Mit euch wollen wir gehen, da wir gehört haben, daß Gott in eurer Mitte ist!" (Zach. 8, 23.) Dazu .gehört aber natürlich, daß die Verwalter dieses Erbes eine unerschütterliche Ueberzeugung von ihrer Berufung haben und sie mit viel Weisheit und mit Hingebung ihrer ganzen Kraft und Einsetzung ihres Lebens in. der Welt zu verkünden'und allein rechtschaffen und edel gesinnten Menschen deutlich zu machen wissen. Daran fehlte es. Und darum blieb der kleine Rest Israels damals nicht nur mit seiner Not allein — wo hohe ewige Ideale, fehlen, bleibt immer nur die physische Not , der für ihre Existenz kämpfenden Menschen übrig. — sondern auch g e r i n g g e s c h ä t z t und verachtet, als unnützes und störendes Element auf dem Wege einer Entwicklung der Staaten. Wer sich selbst erniedrigt und wegwirft, dem kann niemand glauben, daß er etwas Wertvolles in sich birgt. Wer. das Große und Erhabene,- dessen Sprachrohr er werden soll, selbst nicht kennt oder zu vergessen trachtet", wird von den Mächtigen nur mit Mitleid und Hohn behandelt, oder,, wo er als Hindernis erscheint, rücksichtslos niedergeworfen und zertreten. Die Rettung, .die Wiederaufrichtung, der Aufstieg aus der Tiefe, ein ruhmvolles Heraustreten aus der Vereinsamung war für den hartbedrängten Rest Israels möglich. Die Kraft dazu schlummerte in seinem Innern, in den von den wenigen Trquen und Frommen in der Stille gewahrten Ueberlieferungen der Väter und im Heiligen Schrifttum, das für den engen Kreis der Kundigen eine Quelle deö Trostes und der Zuversicht geblieben war. Es brauchte nur einer zu erstehen, der das Gewissen wa'chr rüttelte und deni Volke das Bewußtsein seines moralischen-Wertes und seiner großen Sendung wiedergab, um wie aus der Asche, eine neue Flamme der Begeisterung für die Erhaltung des eigenen Stammes und seinen glpr? reichen weiteren Kampf zu entfachen. Dieses wunderbare Erwachen wurde durch die Prlestwfamilie de» Haamonäer bewirkt, deren im engbegrenztem flippt t FniiLatiMfts. geführter Kampf und vollbrachte Ruhmestaten dairum von weltgeschichtlicher Bedeutung wurden. Jakob hörte auf, allein zu sein, und erfaßte wieder die Hoheit der von Jesaia gekennzeichneten Aufgabe, eine Leuchte der Nationen zu werden, und nach wenigen Generationen konnte sich an seinem Lichte die Glut der neuen Religion entzünden, welche auch einen großen Teil der heidnischen Welt auf den Weg de» Heils führte. Eigentümer, -Verleger, Herausgeber imd 'yerantwortllcbqr Redakteur: Oberbaurat Robert Stricker. - "■ ' IX., SJniversitätsstraße 6—8, DrycH: Corucfcerei» und .VeriagsrA.-G. Ignaz Steinmann, beide