Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 524 (24.12.1935)
- Date
- 1935-12-24
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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~» E\}ite S Ulti NEUE WELX Jakob — allein Der Hintergrund der Makkabäerkämpfe Von Prof. Dr. Armand Kaminka (Nach einem Vortrag) Es kommt oft vor, daß. wenn wir eine Rede hören, eine Schrift lesen oder in einem Buche blättern, wir plötzlich durch einen einzigen Satz ergriffen werden, der uns nachdenklich macht, weil eine frappante Wahrheit zum Ausdruck gelangt, die mit dem. was wir im Leben vielfach wahrgenommen und bereits selbst in der Stille oft gedacht haben, genau übereinstimmt. So dürfte es heute vielen ergangen sein, die heute in der Thora-Vorlesung den ausführlichen Bericht über Jacobs Heimkehr vernommen haben, über die Vorbereitung die er traf, um sich mit seinem Bruder Esau zu versöhnen, wie er seine Familie und seine ganze Habe über den Fluß Jabok beförderte und auf einmal den im Hebräischen in gedrängten drei Worten epigrammatisch lautenden Satz hörten: „Und Jakob blieb allein zurüc k." Jakob blieb allem, merkwürdig, er blieb es ja durch tausende von Jahren, bis auf den heutigen Tag. Wir lesen immer die Geschichte vergangener Zeiten mit den Gefühlen, mit der Stimmung, mit den Erfahrungen der Gegenwart. Wir spüren es täglich, es nagt in unserem Innern der unerklärlich scheinende Gedanke, daß Israel in der Mitte der ganzen großen Menschheit, in der Mitte der zahlreichen großen und kleinen Nationen, die sich sogar scheinbar für Zwecke der Kultur und Gesittung vereinigen, mit seiner grenzenlosen Not g?.nz allein dasteht. Niemand hilft uns. Kein Volk, kein Staat läßt sich durch die Entrechtung, Bedrückung und niederträchtige Diffamierung unseres Stammes aus seiner Ruhe bringen und in seinen von politischer Opportunität diktierten Plänen beeinflussen. Ist es nicht sonderbar, daß selbst die private Humanität, Gerechtigkeit und Hilfsbereitschaft uns gegenüber In weitem Kreise der Nichtjuden aller Länder beinahe gänzlich versagt. Den es gehören viel Gutmütigkeit, eine ungewöhnliche Bescheidenheit und Einfalt dazu, die hie und da von nichtjüdischen, gewiß sehr ehrenhaften Menschenfreunden veröffentlichten Kundgebungen gegen das Unrecht, oder die etwa in Versammlungen von Juristen in Paris und von Bischöfen in London ausgesprochenen Verwahrungen gegen die Judenverfolgung als praktisch wirksame Hilfe zu betrachten. Es ist so, wie wenn ein Bestohlener, dem Diebe in der Nacht seine ganze Habe weggetragen haben, oder einer, den Räuber am hellen Tage gänzlich ausgeplündert und zum Bettler gemacht haben, sich damit tröstet, daß doch mancher vorübergeht und sagt: Schade um den Armen. Was ihm geschehen ist, ist doch eine Gemeinheit; es müßte ihm doch geholfen werden — wobei jeder seines Wges weitergeht und nichts, spontan aus eigenen Mitteln schon gar nichts, unternimmt, um dem unschuldig Beraubten zu helfen, oder auch nur die Verbrecher zu ergreifen und der gebührenden Strafe zuzuführen. Vor zwei Jahreil wurde vom Völkerbund, in welchem mehr als fünfzig Staaten vertreten sind, ein Oberkommissär zur Leitung der Fürsorge für die in allen Ländern Europas zerstreuten Flüchtlinge ernannt. Was haben alle Staaten und alle privaten nichtjüdischen menschenfreundlichen Organisationen zusammen für die als dringend erachtete Hilfe aus eigenen Mitteln für dieselbe beigetragen? Nichts. Nur von jüdischen Vereinen konnte der Oberkommi3äär die natürlich nicht im entferntesten aus» reichenden Mittel erhalten. Jakob blieb allein. Und als jetzt vor kurzem von human gesinnten Sportfreunden in Westeuropa und in Amerika angeregt wurde, daß gegen die Diskriminierung und Verfolgung einer wehrlosen Bevölkerung wenigstens dadurch Stellung genommen werde, daß man sich nicht an der zu Propagandazwecken mit großer Aufmachung veranstalteten Olympiade im Reiche des Rassenhasses beteilige, hat man in dem sonst in Kulturfragen wachsamen Amerika trotz aller Gewissensmahnungen diesen Antrag mit einer, wenn auch knappen Majorität der Delegierten der Sportvereine abgelehnt. Nicht einmal diese vielleicht wirksam gewesene Sympathiekundgebung für den in seinem Leben und in seiner Ehre bedrängten jüdischen Stamm wurde zustande gebracht. Von der Gegenwart wendet sich der Blick vergangenen Zeiten zu und eine ähnlich traurige Erscheinung taucht auf. In den nächsten Tagen werden wir das Chanukafest feiern und wieder der Heldenkämpfe der Makkabäer gedenken. Es sind genau 2100 Jahre, seitdem sie stattgefunden haben und wir erinnern uns ihrer noch immer, und gerade in Zeiten der Demütigung, mit berechtigtem Stolze. Aber wer die damaligen Vorgänge tiefer zu erfassen sich bemüht, ist wieder einmal durch die Wahrnehmung betroffen, daß auch damals, in der Mitte einer Menschheit, die sich in Bildung und Kultur bereits auf einer hohen Stufe befand, die um Juda Makkabi gescharte kleine Gruppe der für ihr Recht und ihre Freiheit, kämpfenden Juden ganz allein blieb. Seit Alexander dem Großen war der kosmopolitische Gedanke in der damaligen gesitteten Welt herrschend. Plato und Aristoteles hatten der Welt große Ideen gegeben. Das Trteal aller Gebildeten war — in merkwürdigem Gegensatze zu unserer Zeit — die Niederreißung nationaler Schranken, die Gleichwertigkeit, die Vereinigung aller Volker. Auch damals blieb Jakob allein. Für die idealen, menschlichen Bestrebungen des Judentums, für die großen Gedanken der Gesetze Moses, der prophetischen Reden, oder der Psalmengesänge, für all das weltumspannende und auf das Heil aller Völker gerichtete Streben das in späterer Zelt als unüberwindliche religiöse Macht in die Geschichte eindrang — war zur Zeit der Makkabäer offenbar, trotz der allgemeinen hellenistischen Bildung, kein Verständnis vorhanden und die Juden hatten keine Mitkämpfer für ihre geistigen Ziele, keine genügende Achtung für ihr Volkstum und keine Helfer und Stützen von außen bei der Verteidigung ihrer Unabhängigkeit gefunden. Die Tatsache der Einsamkeit und des Alleinseins Jakobs wiederholt sich also immer wieder in Vergangenheit und Gegenwart und es drängt sich die Frage nach der Ursache dieses eigenartigen Schicksals auf. Wie gelangt ein Mensch, oder wie gelangt eine Menschengruppe in eine Situation gänzlicher Einsamkeit? Es gibt eine quälende, unfreiwillig z Einsamkeit, Wie die eines Menschen, der zur Strafe für seine Missetaten der Freiheit beraubt und in einen Kerker gesetzt wird. Oder wie die des Aussätzigen, der wegen der Gefahr jeder Berührung gemieden wird. Es ist ein bitteres Gefühl des Armen und Unglücklichen, wenn er sich, wie in den biblischen Psalmen und Klageliedern, mit solchen im Kerker schmachtenden oder ängstlich von Freunden gemiedenen Menschen vergleicht. „Meine Freunde und Genossen bleiben ferne bei meinem Leide, und meine Verwandten kommen nicht in die Nähe." (Psalm 38, 12). Oder, wie es der Spruchdichter sagt: „Die Freunde eines reichen Mannes sind zahlreich, und der Arme sondert sich selbst von seinen Genossen ab"; ähnlich der römische Dichter: ..Donec eris felix, multos numerabis amicos, Tempora si fuerint nubila, solus eris." In eine solche Vereinsamung sahen sich die geächteten und zersprengten Juden nach dem Untergange ihres ersten Staates versetzt. „Verkriecht euch, Unreine! Keine Berührung mit euch!", rief man ihnen zu. (Klagelieder 4, 15), ebenso in den Zeiten ihrer tiefsten Erniedrigung im mittelalterlichen Ghetto. Es gibt aber auch eine freiwillige Einsamkeit. Man zieht sich zurück von den Menschen aus Groll und Zorn über die Unwürdigkeit ihres Verhaltens, ihre Verlogenheit und Böswilligkeit. „In der Wüste möchte ich mir eine Herberge suchen", ruft Jeremias in Stunden der Empörung über die Sittenlosigkeit seines Volkes. Maimonides gibt den Rat, in der Mitte charakterloser und lasterhafter Menschen keinesfalls zu weilen, lieber den Ort oder das ganze Land zu verlassen und sich in einen Winkel zurückzuziehen, wo man seine Anständigkeit und Reinheit bewahren kann. Man zieht sich in die Einsamkeit zurück, aus Stolz und im Gefühle der Ueberlegenheit. Mancher, der zu vornehm denkt, um sich in einen Kampf oder einen Wettbewerb mit niedriger Gesinnten einzulassen, oder der geistig von einer höheren Warte auf die Dinge schaut und es nicht der Mühe wert hält, zu der großen Schar der Beschränkten und Urteilsunfähigen hinabzusteigen, findet sich damit ab, in seiner Zurückgezogenheit allein zu bleiben und wehmütig von der Ferne den Lauf der Dinge zu betrachten. So meint es vielleicht' auch der Psalmist, wenn er sagt: „Wachen Sinnes stand ich da und schaute und verweilte; ich kam mir vor, wie der Vogel einsam auf dem Dache." (Psalm Nr. 1028.) Ein tragisches Bild: der Vogel in seiner Ohnmacht, von der Höhe des Daches in die Landschaft blickend und an den Vorgängen in derselben unbeteiligt. Man zieht sich zurück aus Leid und Trauer. Man will in seiner Qual und seinem Jammer nicht gestört sein. Auch das beruht auf einer Empfindung des Stolzes und der Ueberlegenheit. Man ist sich nämlich dessen bewußt, daß man ein unvergleichliches Heldentum im Ertragen des grenzenlosen eigenen Jammers bewahrt, und glaubt, daß kein anderer Mensch mit seinen schmerzlichen Erlebnissen würdig ist, einem solchen Heroismus im Dulden in die Nähe zu kommen und jede Aeußerung der Teilnahme nur wie eine profane Berührung das in der wunden Seele verschlossene Heiligtum entweiht. (Schluß folgt.) ____Nr. 524 vom 24. Dczemi»er 19.35 Satire „Chassidim prawen Silvester", zusammengestellt, und in Szene gesetzt von Direktor J. Goldflies, und weitere amüsante Ueberraschungen. Der Kartenvorverkauf hat bereits begonnen. Am 1. Jänner geht abends „Tanzt, J i d elach!" und nachmittags — bei ermäßigten Preisen — „Dem Tatens Sindel" in Szene. Am 2. Jänner wird „Hochzeit im Asyl" aufgeführt. M P FEH GfflBSE^iiQUCIß! HlGßnZlHHK Restaurants, Cafes etc. A. Barschak, iL, Große b'chül'gassc \i. Streng t«;. 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Die überaus .lustige Komödie, in der Sevilla Pastor als Josele, dem Rebbens Mesinekel, zu bewundern sein wird, ist mit .reizenden jüdischen Volksweisen und original chassidischen Tänzen ausgestattet. Die Novität wird vom 25. bis 29. Dezember täglich (abends) gespielt. Mittwoch, den 25. und Donnerstag, den 26. Dezember, nachmittags, bei ermäßigten Preisen der große Schlager „G e t z l Schlimas 1", Montag, den 30. Dezember, „D e r letzte Tan z", Sonntag, den 29. Dezember, nachmittags, „I% i k 1". „Literatur >>. m Karmelitermarkt". Unter dieser Devise findet in den „Jüdischen Künstler.splelen", iL, Praterstraße 34, am 31. Dezember, eine sensationelle Silvesterveranstaltung statt, in deren Rahmen zuerst die dreiaktige musikalische Komödie „Duwidl" mit Sevilla Pastor in der Titelrolle aufgeführt wird; hernach eine Installationen und Elektrowaren w Advokat & Fant), Beleuchtung, Glühlampen, Elektrowaren, Gasgeräte, Badeeinrichtungen, Beheizung, II., Taborstraße 8 b. Tel. R-48-2-42. 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