Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 503 (11.10.1935)
- Date
- 1935-10-11
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite & "W DIE NEUE WELT Nr. 503 JMistUe Bauern m 4t§€HÜn'm Per Fremde Von Jakob B a 11 c r Empfehlenswerte Firmen Restaurants, Caffea etc. Ein feuchter Wind strich über die Kolonie mul schlug an die Fenster des kleinen, weißgetünc'uten Häuschens. Rasch wurden die Tropfen größer und ein mächtiger Regen ging nieder. Die Herde Schafe auf der Futterwiese streckte die ausgetrockneten Hälse und trank durstig den herabfalle^rt Regen. Die Pferde wurden vor Freude lebhalt und Wieherten und stampften laut. Bald aber lichtete sich der Himmel über den hochstehenden Feldern, welche nach dem Regen noch schwellender wurden. Ueber den lehmigen Boden ging jeder Kolonist za seinem Stück Feld und blickte mit stummer Freude auf die Spitzen der grüngoldenen Achren. Auch das Nachbarstädtchen bekam ein neues Gesicht. Die Kaufleute blickten in ihre Geschäftsbücher und betrachteten zufrieden den Umsatz und lächelten... Und am Morgen, wenn die Sulkis (Zweiräder) der jüdischen Bauern stolz und mit Würde ins Städtchen hineinfuhren, riefen die Kaufleute ihnen einen breiten Gruß zu: Ihr seid schon lange nicht bei uns im Laden gewesen. Vielleicht kein Geld? Tut nichts, ihr könnt auf Borg nehmen! Ein glänzender Schnitt heuer. In der Kolonie begann man sich zum Schnitt vorzubereiten. Es zeigten sich auch die ,,Gäste", welche schon längere Zeit von der Kolonie abwesend gewesen waren. Ganz unauffällig wie Schuldbewußte schlichen sie sich in die Kolonie ein. Es kamen jene, welche in der Stadt ihr Glück versucht und irgendwo in den Gassen von Buenos Aires hausiert und an die Türen geklopft oder gar Zigaretten verkauft und nach Hause geschrieben hatten, daß es ihren gut gehe. Es kamen auch junge Leute, die in den Städten studierten, die glühendheißen Mauern von Buenos Aires verächtlich hinter sich ließen und sich in die Kolonien begaben zu den Getreideschobern, welche frische, gesunde Luft ausatmeten. Heuer kamen ganz neue Gäste an. Das waren die „Grünen", die erst Angekommenen, welche die „Ica", die Kolonisationsgesellschaft, kolonisieren will und unter die Kolonisten verteilt hat, um sie zu lehren, wie man Herr auf der eigenen Scholle werden soll. Zu Leiser aus Odessa kam einer von den Grünen, ein junger Mann aus gutem Haus, ein weitläufiger Verwandter. Wie er selbst erzählte, studierte er in Odessa und Feldarbeit war ihm fremd, und als er nach Buenos Aires kam, ward 'r sogleich des städtischen Lebens überdrüssig und ging bei der ersten Gelegenheit in die Kolonie. Jetzt will er ganz einfach Bauer werden. Unter den jungen Leuten der Kolonie begann der „Grüne" eine Rolle zu spielen. Zunächst blickte man auf ihn als auf einen Idealisten: Ein Mensch, der das städtische Leben aufgibt, um ein einfacher Bauer zu werden, der gebildet ist und so viel Neues von Gottes schöner Natur zu erzählen weiß. Während der Regenzeit kamen in Leisers Wohnung die jungen Kolonisten zusammen und hörten an, was der „Grüne" von Rußland erzählte. Leiser selbst warf von Zeit zu Zeit ein paar hebräische Worte ins Gespräch, um zu beweisen, daß er, wenn er auch schon mehr als 25 Jahre fern von der Welt in der Steppe lebe, die lieben hebräischen Buchstaben noch nicht vergessen habe. Schlojme wiederum, ein Kolonist einer zweiten Gruppe, ein gewesener Nikolajewer Soldat, konnte sich gar nicht genug über das wundern, was der „Grüne" von dem neuen Rußland erzählte. Die Ernte war heuer nicht schlecht, fast gut geraten im Vergleich zur vorjährigen Dürre. Man zahlte etwas Schulden ab, kaufte Kleider und Hausgeräte ein und war darum ein wenig heiterer. Die Mädchen wuchsen auf, wurden höher und kräftiger, sonnverbrannt, mit starken Muskeln. Die Eltern hackten schon in aller Früh Stämme von Bäumen vor der Tür ab, ein Zeichen, daß hier heiratsfähige Mädchen zu finden sind und die jungen Männer kommen und ihre Pferde an den Stämmen anbinden können. Und die Musikanten bereiteten sich schon auf Festesfreuden vor. Man spielte alljährlich Amateurtheater und beschloß, heuer ein literarisches Stück aufzuführen. Jeden Abend kamen die Amateure zusammen, in Leisers Wohnung, und machten Probe. Leisers Wohnung war schon seit langem der Haupttreffpunkt der Kolonistenjugend; erstens weil Rebekka, Leisers ältere Tochter, die Hauptrolle spielt; zweitens weil er ein Kolonist mit bereits ausgezahlten Grundstück ist und drei wohlgeratene Töchter hat. .. Söhne gibt es im Haus keine, so daß die Mädchen die ganze Wirtschaft führen und auch den Haushalt bestreiten. Unter den Burschen der Kolonie gibt es einen geheimen Krieg um die Mädchen. Man weiß, daß es bei der jüngsten Balgerei nicht um das „Coreros" (Pferdereiten) ging, und man weiß auch, warum Berl, Schlojmes ältester Sohn, seine zwei Pferde gegen ein Reitpferd eingetauscht und neues, silbernes Geschirr beim „Estanziero" (Gutsbesitzer) gekauft hat. Sobald am Sabbat-Nachmittag sich alles in Leisers Wohnung versammelt hatte, stellte Rebekka zunächst den „Grünen" vor. Viele der Mädchen wurden rot und ließen die Augen sinken und blickten gelegentlich verstohlen auf den großstädtischen Gast. „Nun, Leute, warum plötzlich so still geworden?" rief Berl, der die Hauptrolle spielte. „Ihr schämt euch vor dem Städter? Er wird gewiß in der Stadt erzählen, wie unbeholfen wir sind." l'nj die Ticbe begann ijpäter erzählte der Fremde, wie men in Rußland Theater spiele. Alle hörten ernst zu. Nur Berl drehte nervös die Peitsche in der Hand. Es gefiel ihn; nicht, daß Leisers ältere Tochter Rebekka kein Auge von dem fremden Gast ließ. Rebekka war, das wußte die ganze Kolonie, im Begriff, seine Braut zu werden. Er hatte bereits mit ihrem Vater gesprochen und dessen Pferde auf seine P^uttcrweidc genommen, während Rebekka seiner Mutter beim Brotbacken geholfen hatte — und jetzt, sonderbares Interesse für den Gast aus Odessa . . . Am nächsten Sr.obat beschloß die Jugend, dem Gast zu Ehren ein Picknick zu veranstalten. Berl putzte sich fein heraus, legte seine neuen Reithosen mit der gelben Ledereinfassung an, verwendete das neue silberne Geschirr und flugs — zu Leiser. Dort traf er bereits die ganze Gesellschaft versammelt. Er wartete einen günstigen Augenblick ab, stellte Rebekka in der Küche. „He, Rebekka, was soll das heißen? Du siehst mich gar nicht an? Wie als ob ich gar nicht da wäre!" „Was soll' ich tun? Was willst du?" „Ich seh', du läßt kein Aug' von ihm! Er gefällt dir besser . . ." Dann schlug Berl die Tür zu, daß das ganze Haus vom Schlag widerhallte, und verschwand. Eines Abends, als er nach der Arbeit auf dem Feld an Leisers Haus vorbeiritt, sprang er vom Pferd, schirrte es ab und ließ es nach Hause gehen, kroch über die Alambra (Drahtzaun) von Leisers Feld und traf Rebekka, wie sie Fohlen über die Weide trieb. „Sag", Senorita, bist du wirklich bös?" „Ich?" antwortete sie. „Du bist doch bös, weil man dich schon so lange nicht geseh'n hat!" „Sag', Rebekka", begann er ein wenig weicher, „ist es wahr, daß du die Braut des grünen Gastes bist?" „Der Vater .. . und die Mutter wollen es", sagte sie mit gesenkten Augen. „Ha, was? Deine Eltern wollen es? Aus mir als Schwiegersohn machen sie sich nichts, und den Fremden wollen sie haben? Wir wollen sehen! Dem Grünen zerbreche ich die Knochen! Siehst du?" Berl zog ein Messer aus dem Gürtel. „Kalt werde ich ihn machen, wenn er hinkriecht, wo er nichts zu tun hat." Er knirschte mit den Zähnen, spuckte ein paarmal aus, kroch über die Alambra zurück und verschwand. Drei Tage wartete Berl auf den „Grünen", verbarg sich hinter dem Galpon (Getreidespeicher), bis er ihn eines Abends reitend antraf. Von ferne stand Rebekka und staunte darüber, wie rasch der grüne Fremde das Reiten erlernt hatte. Voller Wut stürzte sich Berl auf ihn und riß ihn vom Pferd. Es begann eine Schlägerei. Rebekka schrie vor Schreck auf und Leiser kam mit zwei Peons (Knechten) dahergelaufen und riß den blutiggeschlagenen Fremden aus Berls gesunden Händen.. . Am Sabbat, im Bethaus, kam es erst zum richtigen Tanz. Leiser schwor, er werde, so war ein Gott im Himmel ist, Berl umbringen. So ein Mörder! So ein Bandit! Berls Vater seinerseits schwieg nicht, und es entstand eine Schimpferei. Man schlug sich herum und einer warf dem anderen vor, aus wie „vornehmer Familie" er stamme. Die Menge teilte sich in zwei Lager. Leisers Nachbarn von der dritten Gruppe hielten zu Schlojme, Berls Vater, mit der Ueberlegung, daß es genug brave Burschen hier gebe und man keinen „Grünen" erst hereinzuholen brauche. Berl habe richtig gehandelt. Hingegen v/aren Schlojmes Nachbarn auf Leisers Seite. Sie erklärten, Prügel seien keine jüdische Tätigkeit, und man müsse mit ihm ein andermal abrechnen. Ein Wort gab das andere. Hiebe und Ohrfeigen flogen. In der Kolonie erfuhr man auch von der Prügelei, und schon setzten sich die Jungen aufs Pferd, um ihren Vätern zu helfen. Auch Berl kam angeritten, schlug sich durch den Menschenknäuel durch und teilte mit seinen kräftigen Händen rechts und links tüchtige Hiebe aus. Als die Prügelei schon im richtigen Gang war, rief jemand plötzlich, daß der Kommissär mit zwei Vigilanten (Polizisten) unterwegs sei. Daraufhin wurde es ruhig. Die junge Bande setzte sich auf die Pferde und ritt davon, und die älteren Leute beteten weiter. 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