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Die neue Welt · 1935-04-17 · Heft 457 (17.4.1935) · page 12

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 457 (17.4.1935)
Date
1935-04-17
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
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Seite ff DIE NEUE WELT Nr. 4SI Aus dem Qketta katk fuuätuith Von H. W.Katz (Lyon). Nahe bei Lyon, der drittgrößten Stadt Frankreichs und weltbekannten Seidenmetropole, liegt das kleine St. Fons. In dieses St. Fons sind in den unvergeßlichen Jahren 1914 bis 191S marokkanische Juden eingezogen. So wie man in jenen Jahren des entfesselten Wahnsinns Zehntausende von Ostjuden aus Rußland und den Provinzen des späteren Polen nach Deutschland transportierte und sie in die fieberhaft fabrizierenden Munitionswerke unterbrachte, so erging es ähnlich diesen marokkanischen Juden in Frankreich, also auf der anderen Seite des Weltkrieges. Und so begann für sie, die bisher in den engen Ghettogassen Marokkos gewohnt, das neue Leben in Europa: sie drehten Tag und Nacht Granaten, sie gössen im Schweiße ihres Angesichts Gewehrkugeln, sie stanzten und zogen mit jagender Hast alle jene kleinen Teilchen, die, zusammengesetzt und ihrem grausigen Zweck zugeführt, so manches Leben verlöschten. Doch Krieg ist Krieg und jeder hat an seinem ihm zugewiesenen Posten zu stehen . . . Eines Tages ging der Krieg zu Ende. Die marokkanischen Juden aber blieben. Um die Wahrheit zu sagen: eie blieben ganz gern, denn erst hier hatten sie gemerkt, wie weit man in Marokko als Jude vom Menschsein entfernt ist. Aber sie blieben nicht nur, weil ihnen St. Fons gefiel, sondern weil die französische Industrie jener Zeit jede Arbeitskraft, auch die marokkanische, auch die ausländische, brauchte. Damals, nach dem irrsinnigen Zerstörungswerk, herrschte Konjunktur. Heute durchquert eine lähmende Krise alle Staaten. Auch Frankreich bleibt nicht verschont . . . In St. Fons leben jetzt etwa 135 marokkanische und 15 algerische jüdische Familien. Davon sind ungefähr 20 Familienväter arbeitslos. Dazu kommen natürlich die Nichtverheirateten. 32 Familien besitzen heute die französische Staats- Pagehörigkeit. Die anderen stehen, als Marokkaner, unter dem Protektorat Frankreichs. * Lyoner Wohlfahrts- und Frauenorganisationen der Israelitischen Gemeinde versuchen schon seit langem, den in Not geratenen Marokkanern in St. Fons zu helfen, ihnen mit Mitteln und Rat beizustehen. Die Familien der Arbeitslosen werden regelmäßig besucht. An einem regnerischen Februartag kommen wir hin und betreten eine Wohnung nach der anderen. Es tut mir weh, diese traurigen Löcher als Wohnungen zu bezeichnen. Welch eine Armut, welch ein Gestank! Welch trostlose Stätten, angefüllt mit Hoffnungslosigkeit, nie trockener Kleinkinderwäsche und schleichendem Siechtum! Man muß wissen, daß diese 150 Familien mehr als 500 Kinder unter 14, Jahren haben; daß es viele, viele Familien mit mehr als 8 und 9 Kindern gibt, und daß dies keine Seltenheit ist; und daß eine „kleine Familie" hier aus „nur" 6 Personen besteht. Man tritt durch eine niedrige Tür und zieht erschrocken den Atem an vor diesem Arme-Leute-Geruch, der einem entgegenschlägt. Da sitzen, im naßkalten Februar, halbbekleidete Kinder auf bloßem Boden — zwei, drei, vier, fünf — und spielen mit Holzstückchen, Papier, Lumpen, mit Resten von Puppen, mit altbackenem Brot. Ihre Gesichter fallen durch wunderschöne, übergroße, dunkelblitzende Augen auf. Sonst sind sie, leider, von oben bis unten beschmutzt. Mit wenigen Ausnahmen. An einem asthmatisch flackernden Ofen sitzt eine Frau. Ich schätze sie auf Anfang vierzig, später erfahre ich, daß sie 25 Jahre alt ist. Sie geniert sich nicht vor dem fremden Mann. Sie reicht dem Jüngsten ihre hängende Brust. Dabei erzählt sie von ihrem Mann, der seit einem Jahre ohne Arbeit ist. Das Kind schmatzt laut und schreit, wenn e3 die Brust verliert. „Und wo ist Ihr Mann?" „Er ist soeben fortgegangen. Unterstützung holen." Wir fragen nach der Höhe der Arbeitslosenunterstützung. Familien bis zu zwei Kindern erhalten 17 Francs, Familien mit mehr als zwei Kinder bekommen 20 Francs. „Ich habe 20 Francs. Pro Tag. für neun Personen .. Ein Arbeitsloser ee^ählt traurig und stolz: „Ich habe in der Leimfabrik gearbeitet. Von den 550 Arbeltern waren 400 Juden. Am Jörn Kippur. am Rosch Haschana und am ersten Tag des Pessachfestes hatte die Leimfabrik geschlossen ..." „Geschlossen? Ist der Besitzer ein Jude?" „Nein, das nicht. Aber wir jüdischen Arbeiter haben an unseren Feiertagen nicht gearbeitet..." Unsere nordafrikanischen Brüder sind fromm und sie sind es auf eine fanatische und kindliche Art zugleich. Keine Wohnung, kein Zimmer, wo nicht Bilder von Moses, von Aron, von den heiligen Gesetzestafeln, wo sie nicht ein uraltes Chanuka-Oellämpchen oder ein sonstiges Symbol unserer Religion und unseres Volkes befände. Selbst bei den allerärmsten sieht man erschüttert auf solche eingerahmte Farbendrucke und auf die „Mesusas", die, in den verschiedensten Formen, an die Türrahmen geheftet sind. Untereinander sprechen sie meist ein Gemisch von Judäo-Arabisch. Ueberhaupt ist der arabische Einschlag in ihren Sitten und Gebräuchen unverkennbar und vermischt sich auf originelle Art mit den jüdischen Religionsgesetzen. Die meisten Mädchen heiraten mit knapp 16 Jahren, sie warten gerade noch das französische Ehefähigkeitsalter (15 Jahre, 4 Monate) ab. Sie verlieren auch sonst keine Zeit. Jedes Jahr ein Kind. Manche bringen mit einer fast maschinellen Regelmäßigkeit und Zuverlässigkeit Zwillinge auf die Welt. Der „Mohel", den sie mit großer Hochachtung ihren „Chacham" nennen, hat hier viel zu tun, denn es gibt weit mehr männlichen Nachwuchs als weiblichen. So mancher heiratsfähige Jüngling fährt deshalb nach Marokko, um in der Ferne ein Weib zu freien, wie einst Jakob, um dann als Ehemann mit der Erwählten wieder nach St. Fons zurückzukehren... Bei jeder „Bris Mila" ist der ganze Ort in Aufregung. Enggedrängt stehen die Männlein und Weiblein In dem viel zu kleinen Festzimmer, alle tragen lustig flackernde Kerzen in den Händen und stoßen wie besessen heulende Freudenschreie aus: „You — you — you — you!!" Wer am lautesten schreit, bekommt den größten Anteil der vorhandenen Bonbons und sonstiger eßbaren Kostbarkeiten. Und inmitten dieses ohrenbetäubenden Lärms flüstert der glückliche Vater dem Kiddusch-sagenden „Chacham", dem „Mohel" also, den Namen des neunten und erst vor acht Tagen geborenen Kindes ins Ohr, während die Einheimischen lächelnd die Achseln zucken und halb erstaunt, halb belustigt: „De moeurs arabes" (arabische Sitten) murmeln... Sie sind unsagbar arm, aber sie haben dennoch etwas, was ihnen immer wieder Kraft zum Leben und zum Hoffen gibt: ihr Judentum. Btot det Atmd Ein paar Sätze aus dem Sohar Sagt Israel zu Ihm, gelobt sei Er: Herr der Welt! Auch dies Brot der Armut, die Mazzoth, die wir essen — der eine oersüßt sie sich und der andere hat sie nicht einmal trocken. Wie denn! Sind nicht unser aller Väter aus Mizrajim gezogen? Antwortete Er, gelobt sei Sein Name: Wie sie reich hinausgezogen sind, so werden sie auch alle reich wieder heimkehren. Und nicht nur das, bei Nacht sind sie gegangen und bei Tage werde ich sie zurückführen. Solange sie aber in der Zerstreuung sind, habe ich es in eure Hand gegeben, Frieden zu machen zwischen den Oberen und den Unteren. Fragte Israel: Wie ist das? Gab Er den Bescheid: Der Arme murrt: Bin ich schlechter als jener, lind doch, er schläft auf der Schlafstatt in seinem Haus und ich schlafe hier, er sitzt in seinem Gewölbe und ich an der Straßenecke! Steht nun einer oon euch auf und gibt ihm — ist es, als ob er Frieden gemacht hätte zwischen Mir und ihm. Auch wird gelehrt:. . Es brüslete sich Israel uor den Völkern der Welt und sagte: Ich bin Sein Volk, denn es heißt: „Und ich erwählte mir dich zum Volke." Kam eine Stimme oom Himmel und rief: Lüge! Denn wer ist Sein Volk? — Die Armen. Wie geschrieben steht: Getröstet hat Er Sein Volk, sich erbarmt seiner Armen. Jüdische Ftyuc&t Aus der Jeschiwah Dem Kost-Bocher geht es gut. Er studiert an der Jeschiwah, der „jüdischen Hochschule", und unterrichtet Kinder. Dafür wird er vom Vater der Kinder verköstigt. Chaserbocher heißt der Korrepetitor. Chaser kommt nicht von Chasir. sondern vom aramäischtalmudischen Ausdruck Chasarah, was so viel wie Wiederholung des Stoffes bedeutet. Es gibt in der Jeschiwah junge Leute, die Tag und Tag lernen, sich sozusagen im Studium verlieren und die reale Welt vergessen. So eine Figur heißt Malmid oder Leserl Boche r. Biallk hat ihr ein Denkmal gesetzt. Einen Rabbinatskandidaten nennt man scherzhaft Erew Raw, d. i. Vorabend des Rabbi. Dieser Ausdruck ist aber vepönt, da er mit Erewraw, d. i. Pöbel, gleichlautend ist. In Preßiburg (Bratislava) heißt der Schneider in der Jeschiwah Himmelsflicker oder Gottesschneider. Denn er flickt den armen Bochurim um einen lächerlich geringen Preis die zerschlissenen Hosen, indem er sich mit der Freude, etwas für eine heilige Sache getan zu haben, begnügt und Genugtuung über die ihm zukommende himmlische Belohnung empfindet. Von Zeit zu Zelt pflegten die Jeschlwoth Boten auszusenden, um in den Großstädten Geld zur Erhaltung der Lehrstätten zu sammeln. Diese Boten hießen Scheda r (Schehiach d'rabbi — Gesandter des Rabbi. Solch ein Schedar pflegte, in der Stadt angekommen, einen Menahel (Führer) aufzusuchen, der gewöhnlich ein Bettler war und die Vermögensverhältnisse der einzelnen Juden genau kannte. Für seine Auskünfte erhielt der Menahel vom Schedar eine perzentuelle Beteiligung. D. J. Z. K a n n e r. JUstoütud Bittet Bestrenommierte Küche REICHHALTIGE MENÜS * S 1.90 UNO 2.00 SCHWüCHATEk BRAU ll,Hammer-Purgstcill-Gasse 3 (nächst Salzlorbrütke) Tel.A-41-0«25 Empfehlenswerte Firmen Restaurants, Caf6s etc. Motel-Bestaurant „Stephanie", II., Taborstraße 12. Vor« zUgliche Wiener KUche. Speisen am Rost. Menü ab S 1.60. Täg« lieh frische Fische. Cafe-ftestaurant Espresso, i., Kotenturmstraße l. Inter* nationale kalte und warme Küche. Menüs zu billigen Preisen. Caf6 Schottentor, I., Ring des 12. November 10, Telephon ü-26-5-90, vis-ä-vis der Universität Caf6-Konditorel Neumann, II., Gredlerstraße 2 (Telephon A-42-3-81). III.. Löwengasse 47 (Tel. ü-10-5-78). „Vegetarla", Kestaurant. Dlätkücne, Milchspeisen, II.» Obere Donaustraße 89 a: IX.. Wflhringerstraße 21. Restaurant „Spritzer", früher „Hotel National", jetzt II., Hammer-Purgstallgasse 7. Vorzügliche Wiener und international« Küche, Tel. A-45-5-42. 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