Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 446 (12.3.1935)
- Date
- 1935-03-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Steite « DIE NEUE WELT Nr. m jüdUdce Ttyucei* Von Dr. I. Z. Kanner (Wien) Eine Reihe von Gestalten — Typen und Individualitäten — Ist in der jüdischen Gasse populär geworden. Ein Stück jüdischen Lebens steckt in ihnen. Viele sind ausgestorben, einzelne tauchen noch hier und dort auf. Man konnte sie in den Rahmen einer Komödie, eines Purimspiels, eines Volksstückes zusammenfassen, um eine Lebersicht Uber die absterbenden Figuren des ostjüdischen Alltag» zu bekommen. Im jüdischen Volkstum entstehen neue Formen von Menschen, die den Juden von gestern verdrängen: Chaluz, Kablan, Zabre... Aber bevor jene gänzlich verschwinden, sollen sie noch einmal an unserem Auge vorüberziehen. Dr. Israel Kanner hat eine Sammlung dieser jüdischen Figuren angelegt. Wir veröffentlichen Im nachstehenden einige seiner folkloristisch interessanten Helden der jüdischen Gasse. (Die Schreibweise entspricht der jiddischen Aussprache. Anm. d. Red.) Haccctt Jedes Städtchen hat seinen Stadtmeschuggcnen oder Stadtnarren. Den Einfältigen nennt man einen Mittel-Menschen: Er ist kein großer Chochem und kein kleiner Narr. Ein armseliger Narr heißt auch D a 1 f e n und Wajssosso. So hießen nämlich zwei Söhne Hamans, die in ihrer Narrheit den Vater zur Beraubung der Juden aufhetzten. Sie sind notorische arme Schlucker, wie 3ie „im Buch" stehen. Der Name D a 1 f e n klingt an das Wort dal arm an. Von allen Söhnen Hamans besitzt jeder in seinem Namen ein Alef (Alef 1000), nur Dalfen nicht. Wajssosso, der jüngste Dumme, war der Legende nach so dumm, daß er, obwohl er sah, wie seine neun Brüder getötet werden, nicht davonlief, sondern wartete, bis die Reihe an ihn kam. Kamzan (Ameise) heißt jeder, der mehr zusammenklaubt, als er verbrauchen kann, also ein dummer Geizhals. Kunni Lemmel (Elkanan — das Lämmchen) wird ein Narr genannt, der lügt und aufschneidet und sich selbst übertölpeln läßt. Abraham Goldfaden, der Vater des jüdischen Theaters, verewigte den Typ in einer Posse „Die beiden Kunni Lemmel". Von der jüdischen Bühne herab wurde Kunni Lemmel populär. Lekkisch Bär (Lecke -f- Küsse ~ Bär) Ist ein Mensch, der alles tut, was man ihn heißt, ohne vor etwas Ekel oder Widerwillen zu empfinden. Wenn Kinder beiderlei Geschlechts in ein Bett gelegt werden, verspotten die anderen Kinder sie als Chamoresel. Chamoresel heißt nämlich ein lüsterner Mensch, wahrscheinlich abgeleitet von Chamor (Esel), der als lüstern gilt. ScUletniUU Der jüdische Pechvogel heißt S c h 1 e m i h 1 oder Schlimesalnik. Schlemihl ist ein deutsch-hebräisches Bastardwort: schlimm -f masel (Unglücksstern). Der Schlemihl kommt verschuldet oder unverschuldet in Verlegenheit und wird zum Besten gehalten. Ein anderes Wort für Pechvogel, bzw. unbeholfener Unglücksmensch ist Umgelumpert ganz plump. Bei den Westjuden hat Ich für den Begriff „Unglückseliger" das Wort Nebochant eingebürgert. Die Herkunft dieses Wortes ist nicht klar. Vielleicht liegt hier eine Zusammenziehung des deutschen „Wie bei euch" vor oder hängt es mit dem Hebräischen nawuch gedrückt, verwirrt zusammen. Eine andere Deutung weist auf das slawische „Nebohy" — ohne Gott, von Gott verlassen hin. Lemach oder Gelähmter Terk ist ein Mensch, der so ungeschickt, läppisch und nachlässig ist wie der Türke in seiner Verwaltung. Ein ähnlicher Begriff ist der Lampert (Lampe Hase), ein ungeschicktes Geschöpf, das alles umkippen läßt, was ihm zur Hand kommt. Plumpe und schwerfällige Menschen werden mit Anspielung auf Weingefäße (in Form eines Bären) gläserner Bär oder bleierner Vogel oder lehmener Golem genannt. Lemeschke (Maisbrei auf Polnisch) ist die scherzhafte Bezeichnung für einen unentschlossenen, weichlichen Charakter. Etwas anstößige Bezeichnungen für schlemihlhafte Taugenichtse sind Schmock, Potz, Loiluni (hebr. „Nicht uns gesagt") und Juki, Jankel, Jeke (vielleicht von Jakob, der sich 14 Jahre lang von Laban narren ließ). Wenn jemand auffallend gekleidet geht, heißt es von ihm, „er geht wie a tok in schmattes" (Puppe in Fetzen). Bei einem herausgeputzten und geckenhaft geschniegelten Menschen wird die Redensart „an almen nach schlojschim" angewendet, d. i. wie ein Witwer, der nach Ablauf der vorgeschriebenen dreißig Trauertage nach einer neuen Braut Ausschau hält. Schmojte Fune (Schmatte [Fetzen] Fahne) ist ein Mensch, der sich geschmacklos kleidet und dummes Zeug spricht. Ihm ähnlich ist der „Jankel Kak mit die blecherne Hojsen", ein dummer und aufgeblasener Mensch. Wenn jemand zerfetzt und zerrissen dahergeht, nennt man ihn Orcheporchenik. Der Talmud bezeichnet nämlich rasch durchreisende „fliegende" Gäste mit Orchei w'parachai. Später wurde das Wort „parachai" (fliegend) verballhornt und mit dem ruthenischen Wort „pruch" (Staub) verwechselt. Heute bedeutet dieses hebräisch-ruthenische Mischwort (Staubgast) einen so rasch wie Staub kommenden und wieder abziehenden Gast. Jungen. Mehrere Trupps von je 20 bis 30 uniformierten Knaben zogen durch die Straßen, drangen in die Vorgärten der jüdischen Villen und Häuser ein, zertrampelten die Blumenbeete, beschädigten mit ihren Dolchen, Bäume, Türen, Fensterrahmen usw., brachen Zäune nieder und schlugen zahlreiche Fensterscheiben ein. Die Uebeltäter konnten ungestört ihr Unwesen treiben. Zoppot steht, wie Danzig, unter der Kontrolle des Völkerbundes. Der letzte jüdische Theaterdirektor vertrieben Aus Prag (J. T. A.): Aus Frankfurt a. M. wird gemeldet: Direktor Artur Hellmer, Eigentümer und Leiter des Frankfurter Neuen Schauspielhauses, war der letzte nichtarische Theatermann, der sich bis jetzt in einem, künstlerischen Privatbetrieb in Deutschland gehalten hat. Nun ist auch er aus seinem eigenen Hause hinausgetrieben worden und darf es nicht mehr betreten. Der Vorgang war sehr einfach. Eine von Direktor Hellmer engagierte Schauspielerin behauptete, von ihrem Chef belästigt worden zu sein. Diese nicht nachgeprüfte Denunziation genügte, Herrn Direktor Hellmer das Betreten seines eigenen Theaters zu verbieten. Jüdische „Frechheit" Aua Berlin: Zu dem von der Deutschen Arbeitstront veranstalteten Reichsberufswettkampf teilt die Presse- und Propagandastelle des Reichsberufskampfes mit: „Jüdische Ladeninhaber haben die Frechheit besessen, ihren Lehrlingen die Dekoration anderer, nichtjüdischer Schaufenster zu verbieten und sie damit praktisch an der Teilnahme am Reichsberufswettkampf zu verhindern. Eine so offenkundige Sabotage einer Aktion, hinter der das ganze deutsche Volk steht, und der die Sympathie und volle Unterstützung der Reichsregierung und der Parteileitung gilt, dürfte bei dem Reichsberufswettkampf vom 18. bis 24. März überall im Reich von den örtlichen Stellen mit den notwendigen Gegenmaßnahmen beantwortet werden ..." Jüdische Geschäfte sind nämlich vom Schaufensterwettbewerb ausgeschlossen. Sie haben es nicht dulden wollen, daß ihre Angestellten die Auslagen der Konkurrenz ordnen und schmücken. Für diese „Frechheit" werden sie bestraft. Die MaimonidesaFeiern in Wien Am 30. März jährt sich zum 800. Male der Geburtstag des Religionsphilosophen Rabbi Mose ben Maimun, dessen Werk und Name (latinisiert „Maimonides", in hebräischer Abbreviatur „Rambam") weit über den Bereich des jüdischen theologischen und philosophischen Denkens hinausragt. Die Judenschaft der ganzen Welt wird den Gedenktag ihres großen Sohnes in außerordentlicher Weise begehen. In einer von der Wiener Kultusgemeinde einberufenen Pressekonferenz würdigte Oberrabbiner Doktor Feuchtwang die Persönlichkeit Rambams als Philosophen, Theologen und Arzt. Die Wiener Kultusgemeinde hat zur Begehimg des Maimonides-Gedenktages eine Reihe von Veranstaltungen vorgesehen, ferner die Herausgabe einer von Dr. Feuchtwang gemeinsam mit dem bekannten jüdischen Forscher Prof. S. K r a u ß verfaßten populärwissenschaftlichen Gedenkschrift über Leben und Wirken des Maimonides für Erwachsene und für die reifere Jugend und eines Gedenkbüchleins für die Schüler der Haupt- und Untermittelschulen. Am ersten Pessach-Tag werden in allen Synagogen Wiens von den Rabbinern und Predigern Gedenkreden gehalten werden. Mitte April findet im großen Leopoldstädter Tempel eine allgemein zugängliche Gedenkfeier statt. Schließlich wurden die jüdischen Religionslehrer aller öffentlichen und Privatschulen beauftragt, im Monat März einige Unterrichtsstunden dem Gedenken an Maimonides zu widmen und alle jüdischen Vereine und Bünde Wiens veranlaßt, an einem Abend Gedenkfeiern für Maimonides abzuhalten. Durchreiso eines Sonderzuges mit 600 Palästina- Auswanderern aus Polen. Laut eingelangtem Aviso fährt ein Sonderzug mit etwa 600 Palästina-Auswanderern Donnerstag, den 14. ds., nach dem Einschiffungshafen Triest. Die Ankunft erfolgt in Wien um 2 Uhr nachmittag auf dem Nordbahnhof, die Weiterfahrt um halb 3 Uhr. Den Durchreisenden schließen sich Palästina-Auswanderer aus Wien an. Die Durchreisenden werden vom Wiener Palästina-Amt mit Unterstützung einiger Glaubensgenossen der Z. M. V. Mirjam mit einer Jause bewirtet werden. Todesfall. Samstag, den 9. d. M., ist O. S. R. Professor Moritz A n t s c h e r 1 im 85. Lebensjahre plötzlich verschieden. Der Verblichene wirkte 50 Jahre in den öffentlichen Schulen. Das Leichenbegängnis findet Dienstag, den 12. d. M., um 11 y3 Uhr vormittags am Zentralfriedhof, IV. Tor, statt. Legitimistischcr jüdischer Frauenbund! Donnerstag, den 14. März 1935, um 8 Uhr abends im Cafe" Habsburg-Exceisior (Zugang durch das Hotel Excelsior), L, Adlergasae 2, monatliche Vollversammlung. LeoPerutz liest aus eigenen Werken! Gleichgesinnte Gäste willkommen! Erscheinen der Mitglieder Pflicht! uiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiifiiiiiiiiiiiitiuiiii^t j Palästina - Reisen I 5 1. Einzelrciscn jede Woche zu Original- * ~ preisen. S 5 2. Gesellschaftsreisen zu Purim, zur Makka- $ SS biade und zu Ostern. 5 E E Reiseleitung: N. M. Racker 5 | Nordisches Reisebüro,Wien I, Graben IOJel.R-24-2-31 E nllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllinilllllllllllllllllllllll^ Der Reichsverband jüdischer Legitimistcn Oesterreichs ersucht um folgende Verlautbarung: Sonntag, den 17. März 1935, um 11 Uhr vorm. findet im Militärkasino, I. , Schwarzenbergplatz 1, die Feier der Ueberreichung dea Kaiserlichen Handschreibens durch Seine Hoheit Herzog Dr. Max von Hohenberg statt, worin Kaiser Otto das Ehrenprotektorat über die Legitimistischen, jüdischen Frontkämpfer im „Eisernen Ring" übernimmt. Zu diesem Festakt .sind alle gleichgesinnten jüdischen Männer und Frauen herzlich eingeladen. Die Saaltüren werden um 10 Uhr 55 Minuten geschlossen. Punkt 11 Uhr erfolgt die feierliche Einholung des Herzogs. Zuspätkommende finden keinen Einlaß! Uniform oder dunkle Kleidung erbeten. Au§triffe aus dem Judentum Seidl, geb. Dreikurs Lina, geb. 14. VI. 1899 Czernowitz, ger. getr., XX., Helgolandgasse 11. — Badjuza Henrik (Heinrich), geb. 23. IV. 1887 Sitija, verw., IL, Stuwerstraße 43. — Berger Julius, geb. 25. I. 1889 Pirawarth, verh., VI., Gumpendorferstraße 103. — Schedel Schmelka, geb. 26. VI. 1898 Rewa, verh., V., Kohlgasse 19. — Schedel, geb. Neufeld Therese, geb. 19. VI. 1887 St. Pölten, verh., V., Kohlg. 19. — Preinsberger Josef, geb. 6. V. 1906 Wien, verh., TL., Tandelmarktgasse 7. — Askonas Lisbcth Ruth, geb. 13. VIII. 1913 Wien, led., I., Zelinkagasse 4. — Inwald Gertrude, geb. 20. VI. 1909 Wien, led., XVII., Hauptstraße 118. — Braun Irene, geb 17. IV. 1910 Wien, led., IX., Porzellangasse 4. — Hahn Alexander, geb 4. III. 1910, Wien, led., XXI., Voltagasse 65. — Kauders, geb. Gold- Schmidt Erna, geb. 23. V. 1893, ger. getr., IX., Wasagasse 4. — Mogany Jenö, geb. 18. III. 1905 Györ, led., II. , Große Schiffgasse 4. — Schwarz Hans, geb. 4, X. 1S90 Wien, verh., XIX., Nottebohmstraße 4. gSoKftjffe: $i'C3C0 tfBoiit m;t sdbt) für giü$» jat|rJrieiber, 100 cm.......S 9toppem(Shct>£im für ftoftflme, in OToiegraii, 185 cm Breit. S 111*1 C=9t0l)rtl mobente Sinbuufl, reine SBoDt, fflt JMeibtr, 100 cm.......... S tyep\t(l ttiM «Hoffe, baö fteucfle für griitfirfjr«» Melber, 100 cm.................5 $80UCl$<£$a$pe moberntS 3Ietf)lße»tÖt, «ineSSoIIe, für CapeS unb fßaletol«, ßetg« unb grau, 140 cm.....S ®fyetUnb'&iaQoml für Rojlüme unb UeBttgcngStnäutcr, 140 cm......S üBaitmtootfftaffe: wmmaat&^*mmummMMmma^m—matam (Schotten — bie gtujje 2ftt>bc (£ttpe>tytinatita für fceraben unb SMufen» 80 era................ S SiritM'3ty(iw ftrapajfäljtge» öiemefie..................... S ftletbcrV^oUe u. 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