Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 439 (15.2.1935)
- Date
- 1935-02-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite L DIE NEUE WELT Nr. 439 De* Stimm det lu$md (Des Bundes JUuke) Von Pcrez Smolcnskin '> Deutsch von Dr. J. L. Landau i.Mein teure« Fräulein", rief er stammelnd, „was tragen Sie denn da an ihrer Brust?«« Sie blickte ihn verblüfft an. Solche Worte hatte sie in diesem Augenblicke von ihm nicht erwartet. Sie lächelte aber und antwortete mit der ihr eigenen Grazie: „Ein kleiner Goldrahmen für die Photographic eines Mannes." „Mein Fräulein", drang nun Ungar heftiger und bestimmter in sie, mit einer Stimme, aus der der ganze gehmerz seiner Verzweiflung herausklang, „reißen Sie dieses Medaillon von Ihrer Brust, werfen Sie es von sich. Oder nein, berühren Sie es gar nicht mit Ihrer reinen Hand. Zertreten sollten Sie es, daran haftet Fluch!" Sie blickte ihn voll Entsetzen an, forschend, ob er nicht den Verstand verloren habe, und stammelte: „Ich 1 begreife Sie wirklieh nicht, Sie sprechen ja in Rätseln. Oder meinen Sie etwa, es sollte hier das Bild eines anderen Mannes . . ." „Sie verstehen mich in der Tat nicht und es »chmerzt mich tief, es Ihnen jetzt sagen zu müssen. Dieses Medaillon wurde geraubt." Sie wich jetzt einige Schritt zurück. „Sie scheinen krank zu sein." „Ich wollte, ich wäre es, und sähe jetzt nicht diesen geraubten Gegenstand an Ihrer Brust. Mein Fräulein, dieses Medaillon hat man an jenen bösen Tagen einem jüdischen Mädchen vom Hals gerissen." „Gott sei Lob und Dank", antwortete sie erleichtert aufatmend. „Sie haben mich wirklich erschreckt.. : „Es ist buchstäblich wahr", fuhr Ungar fort, ohne ibrrn Zivischenruf beachtet zu haben. „Ich kenne jenes jüdis'-br Mädchen. Ich erkannte dieses Medaillon sofort und bezeuge, daß es am hellen Tage geraubt wurde.' „■Was kümmert mich jenes jüdische Mädchen, was der ursprüngliche Eigentümer? Ich erhielt es als Gc schenk aus der Hand eines vornehmen, eines adeligen Mannes." „Ich aber versichere Ihnen, daß es geraubt wurde ..." „Wovon sprecht ihr denn so eifrig", unterbrach die eintretende Gräfin, als sie Unmut auf dem Gesicht der Tochter, Schmerz und Entsetzen auf dem Ungars sah. „Herr Ungar behauptet", wandte sich das Mädchen zu den nun Eingetretenen, „daß dieses Medaillon an meiner Brust einem jüdischen Mädchen entrissen worden ist." „So ist es", rief nun Ungar, immer mehr seine Fassung verlierend, „werfen Sie es von sich. Wer es Ihnen gegeben hat, ist ein ganz gewöhnlicher Straßenräuber." Eine schallende Ohrfeige war die Antwort, die Ungar darauf orlüclt, und zwar von Herrn von Sabamowicz. Wie vom Blitz getroffen, stand Ungar einige Stunden betäubt, es sauste ihm in beiden Ohren und in bunten Farben blitzte es vor seinen Blicken. Mechanisch erhob auch er seine Hand, um die schwere Beleidigung zu rächen. Da erfaßten ihn sechs starke Arme, er rollte von der breiten Stiege hinab, begleitet von schallendem Gelächter, das selbst das Sausen in seinen Ohren übertäubte. „Jude", ertönte eine Stimme aus dem offenen Fenster, „ist dir dieser Treis recht oder wünschest du noch mehr?" und wieder erdröhnte schallendes Gelächter. Allein Ungar blieb jetzt gegen diese Beleidigungen unempfindlich. Er schleppte sich, wie an allen Gliedern zermalmt,- bis zu einem Baum, wo er einige Zelt regungslos, fast bewußtlos, liegen blieb. Er starrte ins tiefe Dunkel, das ihn jetzt umfing. Längst war im Haus alles Geräusch verstummt und kein Kerzenschimmer drang mehr aus den geschlossenen Fenstern. Er hörte und sah noch immer nichts und dachte noch immer nicht an Aufstehen, als wenn hier sein weiches, behagliches Bett gewesen wäre. Plötzlich erwacht« er wie aus einem harten Schlaf, aufgeschreckt vom heftigen Bellen eines Hundes, des Wächterhundes, der, wie allabendlich vor Torsperre, den weiten Gartenraum umkreiste. Schon war der Hund mit einem Satz an Ungar herangesprungen, als ihn der Wächter ebenso rasch zurückriß. Mit starker Hand griff er nach Ungar, einen Dieb vermutend, und wie überrascht und erschreckt stand er da, als er Ungar vor sich sah. Einige Minuten stammelte er etwas wie Entschuldigungen, kratzte an seinem Ohr und an der ausgedehnten Glatze, nach weiteren Worten verlegen suchend. Plötzlich aber durchzuckte ihn ein Gedanke, und er sprach: „Ich verstehe, gnädiger Herr, Sie warten gewiß ... ein geheimes Rendezvous ... aber nicht hier im Freien .... Bei mir Ist Platz genug und still wie im Grab ... Es steht Ihnen frei ..." Nun ging auch Ungar ein Licht auf. Er blickte den Wächter eine Sekunde prüfend an, erinnerte sich rasch an das letzte Ereignis, zitterte am ganzen Körper, sammelte sich wieder, drückte dem Wächter ein Geldstück in die Hand und winkte ihm stumm ab. Der Wächter schüttelte den Kopf und meinte noch, er würde doch nicht die ganze Nacht unter dem Baume bleiben. Als er aber auch darauf keine Antwort erhielt, ging er davon. Kaum hatte er sich entfernt; als Ungar nach, seinem Revolver griff und ihn schußbereit machte. Er war "*■< ■ nämlich, als er nach seinem Gelde griff, auf ihn gestoßen und frischer Mut zog in seine Brust ein. Er fühlte wieder den raschen rulsschlag seine» Hcrzms und spürte nun auch einen heftigen Schmerz am ganzen Leibe. Als er so eine Viertelstunde etwa im Finstern herumschlich, tauchten alle Einzelheiten der demütigenden Szene, in seiner Erinnerung auf, und er schwor sich zu: „Mit seinem Blut soll er es sühnen." Nach zwei vollen stummen Stunden begann der Redestrom hervorzubrechen. Er fühlte das dringende Bedürfnis, seinem gepreßten Herzen in Worten Luft zu machen, die immer in den Refrain austönten: „Mit seinem Blute soll er es sühnen." Und so oft er dies sprach, prüfte er den Revolver und richtete ihn gegen das gräfliche Palais. Stunden flössen so vorüber, ohne daß er irgend einen bestimmten Gedanken hätte fassen können. Immer wieder schritt er auf und ab, das erste Morgengrauen erwartend, um dann seinem Feind entgegenzutreten. Endlich kam der vielersehnte Tag. Der weite Gartenraum lag, von Tautropfen schimmernd, vor seinen Augen und ein kalter Lufthauch machte ihn leicht frösteln. Da erinnerte er sich, daß sein Ueberrock dort oben geblieben war, und jetzt endlich dachte er wieder an das Mädchen und versuchte, noch einmal alles zu durchdenken. Hatte auch ihre Stimme aus jenem Gelächter herausgeklungen? Unmöglich! Und doch... Aber Unsinn! Ein wunderbares Mädchen ... Und das Medaillon, das seiner Schwester entrissene Medaillon, warf sie doch nicht von sich ... Es sei ein Geschenk, „Herrgott noch einmal", rief er nun plötzlich, von seinem Platz in die Höhe emporschnellend. War es nicht die Versicherung seines Vaters, der mit eigenen Augen gesehen haben wollte, wie Sabamowicz dieses Medaillon seiner Schwester vom Halse, riß, woran seine Mutter zweifelte? Er also, Sabamowicz selbst, war jener Schuft, jener Straßenräuber! Und er darf noch immer dort verkehren, und aus seiner Hand hat sie das Geschenk entgegengenommen, ohne es von sich zu werfen — selbst nachdem sie erfahren, woher es stammte! Sie teilt also den Raub mit ihm. Alle sind samt und sonders niedrige Gesellen, undsie haben gewagt, mich von der Stiege herabzuschleudern! Sie, die. Räuber! Darf ich mich noch immer nicht rächen? „Rache! Rache!" schrie er nun in den jungen Tag lünein. „Sterben will ich, aber an diesen schändlichen, ehrlosen Schuften mich vorher gerächt haben ..." Immer stärker drangen die Strahlen der aufgehenden Sonne durch den dichten Nebelschleier. Eine sanfte, friedenatmende Ruhe herrschte bis in die weitesten Fernen. Ueberall, -wohin sein Blick schweift, waltete die milde Hand der Mutter Natur, die keinen Unterschied macht zwischen Familie und Familie, zwischen Volk und Volk. Und dieser friedliche Geist zog auch in die Brust Ungars ein, brachte den dort rasenden Sturm zur Ruhe Seine gespannten Muskeln lösten sich allmählich und seine Hände erschlafften. (Schluß folgt.) Die Blau«Weiße Hakoah sRedoutfe Am 23. Februar findet in den Sofien.sälen die dies jährige Blau-weiße Gschnasredoutc statt. Die Hakoah geht daran, auch heuer diese Redoute zu der großen, repräsentativen Veran staltung zu machen, dio sich der vorjährigem -würdig anschließen wird. Zum Tanz spielt die beste Jazzkapelle der Welt, dazu in einem auch eine jüdische Weltsensation, die Weintraub Syncopators, die von 12 Uhr bis zum Schluß der Veran staltung ihre Jazzbearbeitungen bringen werden. Weiters spielen Harry H e a d. die Kapelle Leo P 1 c s k o w. Die Ausschmückung des Saales, die Fred Straß obliegt, wird in grandioser Art die Tendenz der Hakoah und der Hakoah-Redoute darstellen: Die Reise der Hakoah mit der ..R o m a'* zur Makkabiah nach T e 1- A w i w. Der große Saal stellt die neue Hauptstraße von Tel-Awiw dar, der Hintergrund ein Panorama des neuerbaut.en Stadions in Tel-Awiw. Die Hakoah stellt forner einen Juxbasar auf, dessen Treffer geeignet sind, sich dem Rahmen des Festes würdig anzupassen. Der Preis der Eintrittskarten wurde mit S 6.— festgesetzt. Alle bevorzugen die mit Recht so beliebten ,,S c h m i d 1 - M a z z o t h". Dieses österreichische Qualitätserzeugnis ist mit anderen Mazzoth nicht zu vergleichen, weil diese sie in Hygiene, Bekömmlichkeit und erlesenem Geschmack nicht erreichen. Der ausgezeichnete Ruf, den die „Schmidl-Mazzoth" seit Jahrzehnten genießen, hat sich in den letzten Jahren zu einer Popularität und Beliebtheit gesteigert, die nicht nur alle Bezirke Wiens, sondern auch viele Provinzortc umfaßt. Es ist dies das Verdienst des neuen Inhabers der ,,Schmidl-Mazzoth"-Fabrik, Herrn Nathan Brodetzkis, den Wiener jüdischen Hausfrauen seit Jahrzehnten als der liebenswürdige und tüchtige Chef der großen Lebensmittelhandlung, II., Leopoldsgasse 43, bekannt. Herr Brodetzki hat seine große Fachkenntnis und vielseitige Erfahrung in den Dienst des neuen Unternehmens gestellt. Neue Rezepte, Verwendung nur erstklassiger Mehlsorten, Veredlung des Erzeugungsprozesses, neue maschinelle Vorrichtungen, strengste Reinlichkeit und Ausnützung der modernsten Errungenschaften haben dazu geholfen, ein Produkt zu schaffen, das an Qualität, Geschmack und Bekömmlichkeit einfach unübertrefflich ist. Elegante neue Badeanlagen, eine durchgehende Reinigung und Adaptierung der Fabriksräume bieten Gewähr für unbedingte Reinlichkeit und einwandfreies Kaschruth. Die religiösen Vorschriften werden unter Aufsicht des Herrn Oberrabbiners Babad strenge eingehalten. Die Wiener Juden werden heuer mit den beliebten „Schmidl-Mazzoth", insbesondere mit der bekannten Spezialmarke „N. B."-Mazzoth, -Grieß und -Farvcl, besonders zufrieden sein. G. W. GRABSTEINE FRIEDLÄNDER & DEUTSCH Wien, J. Bez., Seiienstettengasse 2, III Samstag XI., Zentraltriedhot, neb. d. 7. Tor. \\\ geschlossen Jlisrachi-.Tugcndmind. Die außerordentliche Generalversammlung der Zeirc-Wcheehaluz-Misrachi findet Samstag, den | 16. Februar, abends 8 Uhr, im Verbandsheim des ..Mlsrachi", IT., Praterstraße 60. statt. Zutritt und Stimmrecht baben nur Chawerim mit den neuen, mit Lichtbild versehenen Legitimationen. Anschließend Konstituierung der Leitung. Verlobung. Dr. Ladislaus Rudolfer. Advokat in Bratislava, verlobte sich mit Fräulein Nussi Reisz, Tochter des Abgeordnetem Dr. Julius Reisz in Bratislava. Hanmonea-Makkabi spielt Sonntag, den 17. Februac 10 Uhr am Lehersportplatz (Linie 43, V, II») gegen Gersthof- Währing ein, Freundschaftsspiel. — Sonntag, 20.30 Uhr im Klubheim, Cafe Lido. III.. Dampfschiffstraße 20. Tanzabend mit großer Akademie. — Dienstag, 10. Februar, 20.30 Uhr: Vollversammlung im Klubheim. — Jeden Mittwoch, 20 Uhr: Ping-Pong. _ Empfehlenswerte Firmen Restaurants, Cafes etc. Hotel-Restaurant „Stophanio", II., Taborstraße 12. Vorzügliche Wiener Küche. Speisen am Rost. Menü ab S 1.60 Täglich frische Fische. Restaurant Billet, vorzügliche streng orthodoxe Küche. II., riammer-Purgstall-Gasse. bei Salztorbrückc. Cafö-Restaurant Edison, VIII., Alserstraße 9, Tel. E-13-0-47, B-43-0-S6. Cafe-Restaurant Espresso, i.. Kotenturmstraße i. internationale kalte und warme Küche. Menüs zu billigen Preisen Caf6 Schottentor, I.. Ring des 12. November 10. Telephon ü-26-5-90, vis-ä-vis der Universität. Cafe-Konditorei Neumann, Ii.. Gredlerstraße 2 (Telephon A-42-3-S1). III.. Löwengasso 47 (Tel. U-10-5-78). 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