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Die neue Welt · 1935-02-08 · Heft 437 (8.2.1935) · page 8

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 437 (8.2.1935)
Date
1935-02-08
Page
– (sequence 8)
Language
German
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DIE NEUE WELT Nr. §37 Zfe ScAwut, du lugend (des Bundes Make) 6) Von Perez Smolenskin Deutsch von Dr. J. L. Landau nr. Nun ist er nieder zu Hause, um einige freie Tago 1»ei seinen Eltern zu verbringen. Hier findet er aber nicht mehr den alten, heiteren Sinn wieder, nicht mehr die gewohnte Gemütlichkeit; alles scheint von einem Schatten umdüstert zu sein. Sein Vater hat sich wohl ganz erholt, aber nur von seinen physischen Verletzungen. Ein Gefühl der Angst und der Unbehaglichkeit will ihn seit jenen Schreckenstagen nicht mehr verlassen. Beim geringsten Geräusch späht und lauscht er um sich und beim Anblick Reiner Tochter entringt sich jedesmal ein Seufzer seiner Brust. Das wäre aber noch nicht das Schlimmste. Es ist eine Gemütsumdiisterung, die noch erträglich scheint und derrn Aufhellung früher oder später doch zu erwarten ist. Ein viel größeres Uebel, das der Mutter ITngars sehr weh tut, mehr als alle Widerwärtigkeiten, die sie in jüngster Zeit erfahren hat, ist ihres Mannes Rückkehr zum Judentum, mit dem er sich jetzt ohne Unterlaß beschäftigt. Was wird aus der erträumten Zukunft werden, wenn Männer, die stets als leuchtendes Beispiel vorangeschritten sind, nun zu den alten, überwundenen Torheiten zurückkehren? Was soll ein so gebildetes, intelligentes, emanzipiertes Mädchen anfangen, das wie geschaffen scheint, sich umwerben und bewundern zu lassen, übrrall dabei zu sein und überall mitzusprechen, wenn ihr die Tür vornehmer Nichtjuden verschlossen bleibt? So wühlte der Gram in der Brust der Mutter, wenn er. c'rr Gatte, nicht zugegen war, und immer tiefer seufzte der Vater, wenn er allein war. Und selbst Recha, die Konst wie eine behende Elfe durchs Zimmer schritt, der stris ein Freuden Schimmer aus den dunklen Augen leuchtete, seufzte jetzt wiederholt beim Anblick ihres Vaters und wie ein dünn»»* Nebelflor schwamm es über ihre Stirn und vor ihren Blicken. Das schmerzte ihn, den jungen Ungar, sehr tief. Am meisten verstimmte ihn die Nachricht, daß viele seiner Kollegen einen jüdischnationalen Verein gebildet hatten, dessen Aufgabe es sei, Gelder zu sammeln zum Wiederaufbau einer nationalen Zionsstütte, und daß der Verein selbst von vielen Alten Herren warm unterstützt werde. Im Haus seines frommen Großvaters hörte er eifrig darüber sprechen; ja es wurde hier ein ansehnlicher Beitrag für diesen Zweck bestimmt. Die Trümmer Zions sollten also aus tausendjähriger Verwüstung wieder aufgerichtet werden! Welch schrecklicher Gedanke! So sehr ist man in die Barbarei zurückversunken, daß man sich nicht schämt, das öffentlich auszusprechen. Neunzehntes Jahrhundert, wie tief bist du gesunken, mit all deinen Priestern und Propheten! Er klagte seiner Mutter, der einzig verständnisvollen Seele, sein Herzleid. Sie riet ihm, im Hause des Grafen N. Zerstreuung zu suchen. Dort würde er wieder Beruhigung finden. Es war für ihn wie eine göttliche Offenbarung. Pflegte er doch als Kind sehr oft in dieser adeligen Familie zu verkehren. Die Söhne behandelten ihn wie einen leiblichen Bruder. Das kleine Töchterchen nannte ihn auch Bruder. Jenes kleine Wesen ist inzwischen ein großes Mädchen geworden, ist zur reifen Jungfrau herangeblüht — hatte er sie ja fast fünf Jahre nicht mehr gesehen. Er war sehr neugierig, wie sie ihn jetzt empfangen und behandeln würde. Ob sie ihn wieder einmal bei der Hand fassen würde, um zu einem Wettlauf anzutreten! Die erwartete Beruhigung zog bei ihm ein, als das schöne Mädchen mit strahlendem Gesicht ihm entgegenkam, ihm schwesterlich die Hand reichte und sich über seine männliche Stattlichkeit in lebhaften Ausdrücken äußerte. Die Gräfin behandelte ihn ebenfalls sehr freundlich und hid ihn ein, einige Tage zu bleiben, bis zur Rückkehr ihrer Söhne von der Jagd. Am zweiten Tag lud ihn das angebetete junge Fräulein zu einer Reitpartie ein: mit ihr allein über Berg und Tal, Feld und Wald zu jagen. Seine Freude kannte keine Grenzen. Sein Herz schlug zum Zerspringen. Hatte er ja lange schon die wunderbaren Felder, all die Herrlichkeiten der Natur nicht gesehen! Sonnenschimmer überflutete die Aehren, die gleich Uchtwellen hin und her wogten. Wie ein unendlicher, buntgewirkter, von reichem Diamantenschmuck aufblitzender Teppich weiteten sich die Felder vor seinen freudetrunkenen Blicken. Das Blöcken der Herden, das Flöten eines Hirten und das Murmeln eines Baches flössen in seiner Phantasie zu einer stimmungsvollen Melodie zusammen, die von Liebe sang. Seine Lippen bewegten sich erregt, wie die eines Kindes, das gehörte Töne nach zulallen versucht. Während er so allein mit ihr, unbelauscht und weltvergessen, dahintrabte, beschäftigte Ihn ununterbrochen ein Gedanke, den er ihr mitteilen wollte, wozu ihm aber der Mut fehlte und wofür er nicht den Ausdruck fand. Er ritt deshalb schweigend weiter an ihrer Seite, berauscht von seinen Empfindungen, die ihn nun nicht mehr verließen. Selbst nach ihrer Rückkehr bei Tische, und nachdem sie ihn im Garten allein ließ, in ihr Zimmer sich zurückzog, um kurze Zeit auszuruhen, konnte er Beine Hemmungen nicht Uberwinden. Der Garten hatte sich In ein Paradies verwandelt, in dem der Baum des Lebens und des Wissens in reicher Blüte emporragt, wo die alte Schlange nun keinen Raum mehr hat. Was ist es aber, das ihm ins Ohr zischelt: „Was nun, wenn das Mädchen dich ernstlich liebt, wenn sie dir ihre Hand schenkt und auch ihre Eltern einverstanden sind?" Nein, daraus, dachte er, kann kein Herzenskonflikt, kein Familienstreit entstehen. Es Ist ja das Ideal aller Weisen, die Prophezeiung aller Friedensapostel. Iß vom Baum des Wissens, sei ein Gott, ein nachahmungswürdiges Beispiel deiner jetzt verirrten und geistesverwirrten Brüder... Das ist nicht die Stimme der Schlange, sondern des neunzehnten Jahrhunderts, die ihm zuruft: Sei kühn, pflück die Frucht vom Lebensbaum... Und wie träumend streckte er selno Arme aus, um nach ihr zu greifen. Sie aber stand nicht vor ihm, sie lag jetzt sinnend auf ihrem Sofa und machte ihren Empfindungen in einem unhörbaren Selbstgespräch Luft. Er ist wahrhaftig schön, ein liebenswürdiger Mensch — — aber doch ein Jude! Was würden meine Brüder dazu sagen, was mein Kavalier Sabamowicz? Eifersüchtig würde er werden. Ausgezeichnet! Ich muß Ungar weiter so liebevoll behandeln. Das beste Mittel, um die Eifersucht Sabamowicz' zu schüren! Auf dem Boden der Eifersucht erblühen die schönsten Liebespflanzen. Wie schön gerundet sind seine Lippen — zum Küssen. Und seine Hände so zart, wie die eines Mädchens. War das nicht das Zischeln der Schlange? O nein, die Stimme des neunzehnten Jahrhunderts war es, die durch das Laub des Erkenntnisbauin'f, tönte... War es aber auch nicht der Biß einer Schlangenzunge, so fühlte er doch in seinem Herzen etwas wie schleichendes Gift, das Kochen seines Blutes wie zehrende Glut, die seinen ganzen Organismus durchwühlt, ihm bald zum Kopf steigt, bald ins Herz zurückkehrt. Ein ununterbrochenes Auf- und Niedersteigen. Wie ein Träumender sitzt er da, um sich blickend, bald seufzend, bald lachend, um wieder bald vor Schreck zusammenzufahren. So sitzt er, tief im Innersten erregt, bis er endlich in das Speisezimmer gerufen wird, wo das geliebte Mädchen seiner harrt, in ihrer ganzen Schönheit strahlend und blendend. Es war ein geräumiger Salon, mit getäfeltem Plafond und kostbaren, geschmackvollen Dekorationen. Auf dem in der Mitte stehenden langen Tisch dampfte der Samowar, der die Kerzenlichter, die in großer Anzahl strahlten und den Salon hell erleuchteten, vielfältig reflektierte. Ja selbst die großen Untertassen und alle blinkenden Geräte am Tisch erblitzten, umflutet vom reichlich ausströmenden Licht. Sie saß auf einem Stuhl, den Kopf graziös nach hinten gelehnt, und winkte ihn, sobald sie ihn Antreten sah, liebevoll an sich heran. Als er ihr kleines Händchen in der seinigen hielt, fühlte er einen warmen Strom seinen ganzen Körper durchrieseln. Bevor er aber noch Zeit fand, ein Wort hervorzubringen, öffnete sich die Tür und ihre zwei Brüder traten ein, von Sabamowicz begleitet, der vor Jahren zu seinen Kollegen und Freunden zählte. Ungar, noch immer wie berauscht, erwiderte kaum den Gruß der Eintretenden und merkte auch nicht den peinlichen Eindruck, den seine Anwesenheit auf sie gemacht hatte, den Unwillen, der sich auf ihren Gesichtern deutlich malte. Sabamowicz wechselte wiederholt seine Gesichtsfarbe. Seinen Gruß würgte er mit Mühe hervor und reichte Ungar eine frostige Hand. Dieser aber merkte nichts davon. Seine Augen saugten alle Blicke des geliebten Mädchens leidenschaftlich auf. Sie schenkte ihm ja auch besondere Aufmerksamkeit. Sabamowicz folgte den beiden mit vor Zorn glühenden Blicken. Je mehr das Mädchen es beobachtete, um so größere Aufmerksamkeit heuchelte sie Ungar gegenüber, ihm wiederholt zulächelnd. Ihre Brüder sahen nichts davon. Sie erzählten von ihren Jagderlebnissen, freuten sich über die glücklichen Erfolge und führten die Mutter aus dem Zimmer, um ihr die erjagte Beute zu zeigen. Sabamowicz mußte nun, wie unlieb es ihm auch war, ihrem Beispiel folgen. Und so blieb Ungar wieder mit dem geliebten Mädchen allein, das sich sofort erhob, was auch er tat, um zu folgen. Da fiel sein Blick plötzlich auf einen Gegenstand, den er jetzt zum erstenmal an ihr entdeckte, und er erbleichte tief. Ein heftiges Zittern ging durch seinen Körper; er schien einer Ohnmacht nahe. Sie erschrak einen Augenblick bei diesem Anblick, beruhigte sich aber rasch wieder, lächelte und winkte ihm beruhigend und liebeverheißend zu, um ihm sein Liebesgeständnis zu entlocken. (Fortsetzung folgt.) Seit 15 Jahren bin ich auf Gasthausküche angewiesen. Da ich gleich vielen anderen Feinachmeckern die Erfahrung gemacht hatte, daß die Küche des Restaurateurs W. Spritzer bei zeitgemäßen Preisen besonders schmackhaft und verläßlich ist, bin ich Herrn W. Spritzer als Gast im „National" und dann bei seiner Uebersiedlung ins „Stefanie" treu geblieben. Jetzt bin ich Herrn Spritzer in die Hammer-Purgstall-Gasse 7 gefolgt, wo er das ehemalige Restaurant Zollner führt, und bin nach wie vor mit der guten und abwechslungsreichen Küche außerordentlich zufrieden. S. R. SBctt übet 6000 Sickte öeftättgen bic Ijerüor« rogenbe färncraftitTcnbc unb ^cilenbc Sßtrfuttö bes XoqclI bei tljeumatifefien imb Qtd)ttfcf)eu Sefdjmcrbeit aller 2Irt. 2Iud) bei (Erfältiuißsfrantfjeiteii ftnb XoQaUZahkttcn attücmcifjrt. Sie SBirfunß tritt unmittelbar ein. Sogal i\t in jeber 2rpotI)efc 311 liabcit. E Jüdischer Angestelltenverband „Emnnah", I., Biberstraße Nr. 17. Samstag, den 9. d. M., 8 Uhr abends: Rezitationsabend: „Ernstes und Heiteres". Gäste herzlichst willkommen! Sonntag, den 10. d. M., 7 Uhr abends: Heimabend mit Tanz und Jazzmusik. Ferner finden folgende Kurse statt: Hebräisch für Anfänger, nach modernster Sprechmethode: Leitung: Ben Chaviv. Englisch für Anfänger; Leitung: Gisa Broczyner. Esperanto; Leitung: Dr. Emil Pfeffer. Französisch für Anfänger, mit Schallplatten; Leitung: Frau Ella R'udna-Pfeffcr. Ilaschomcr llndati. Eltern-Vortragsabend». Sonntag, den 10. d. M„ um 4 Uhr nachmittags, findet im Heim des Haschomer Hadati. II., Kl. Mohrengasse 6, eine Zusammenkunft der Eltern statt, bei welcher der Obmann des Elternrates, Herr Ehrenfeld, über „Das jüdische Kind und seine religiöse Erziehung" referieren wird. Empfehlenswerte Firmen Restaurants, Cafes etc. . Holcl-Kcstanrnnt „Stephanie", II.. Taborstraße 12. Vorzügliche- Wiener Küche. Speisen am Rost. Menü ab S 1.60 Täelieh frische Fische. * tt „ Restaurant Billet, vorzügliche streng orthodoxe Küche. II., Hammer-Purgstall-Gasse. bei SalztorbrUcke. Cafe-Restaurant Edison, VIII., Alserstraße 9, Tel. B-43-0-47. ■t>~4d"0~86. 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Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Oberbaurat Robert Stricker. — Druck: Druckerei- und Verlags-A.-G. Ignaz Steinmann, beide Wien. e IX., Universitätsstraße 6—8.

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