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Die neue Welt · 1934-11-30 · Heft 418 (30.11.1934) · page 7

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Journal
Die neue Welt
Volume
8 (1934)
Issue
Heft 418 (30.11.1934)
Date
1934-11-30
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nr. 41$ DIE NEUE WELT Seite 7 l/l/a* ist CUamUa? Von ftfcndele Älocfter SfOrim „Am. Chanuka ist mir ein großes Wunder ge* schelten!" „Warum sagst du .mir', Schmitt? Warum nicht ,uns? ist es denn nicht mein Wunder ebenso wie deines?" ...Ja, lieber Isaak, ein großes Wunder ist mir? am Chanuka geschehen, m i r und. nicht dir!" „Geh' einer her und rede mit solch einem Beth- M (drasch-Juden! Ihr glaubt ja, daß mir moderne Juden gar keine Juden sind und daß nur jene, die die Bänke im Beth-Midräsch drücken, einen Vertrag mit dem Herrn der Welt haben, eine Art Privileg auf Jüdisclikeit." „Was du da sagst, Isaak, hat nicht das ge ringste damit zu tun, was ich dir erzählen will. Auch ist heute nicht der richtige Tag für derlei Debatten. Heute gibt es Wichtigeres: Kartenspielen, Littkesessen und sich, mit seinen Freunden belustigen. Dazu hab' ich. dich auch eingeladen, Bruder mein. Da aber die anderen Gäste noch nicht da sind und du eine schwierige Frage angeschlagen hasl. muß ich dir eine erschöpfende Antwort geben. Verstell mich wohl. Wir alle, die Frommen und die Au)geklärten, die Goltesgläubigen und die Feigeister, sind Juden. Idi beispielsweise habe meine ganze Kindheit in den Zellen des Herrn' oerbracht, in Chedurim und Jeschiwuhs, und du hast die städtische Volksschule besucht, ohne eine Ahnung, was das Joch der Thora' ist. Und doch, sind wir beide — Juden. Worin besteht jedoch, der Unterschied? Bei mir sitzt die Jüdischkeit tief im Herzen drin, im. Hirn und in allen zweihundertachtundvierzig Gliedern. Unsereiner hat für jüdische Bräuche eine ganz eigene Einstellung; uns liegt sie in den Knochen, ob wir uns dessen bewußt sind oder nicht. Und wenn wir auch, abirren vom Wege, wenn wir uns Göll behüte sogar laufen lassen, das Gefühl der Jüdisclikeit können wir niemals vergessen. Aber Menschen deiner Art, die sich niemals mit dem Dienst und der Lehre befaßten, reuige Sündige, die die Traglast des Judentums oon Kind auf nicht kannten — solche Menschen können niemals den richtigen Sinn für einen jüdischen Brauch, für ein jüdisches Gebot haben, selbst wenn sie noch so fromm und brav werden und alle Gebole mit der tiefsten Inbrunst erfüllen." „Hör auf, Schumi! So reden doch nur die allen Batlonim im Belh-Midrasdi hinterm Ofen. Leeres Geschwätz, ein Sinnieren ohne Zweck und Ziel. Derlei muß man doch nicht beweisen." „Beweisen? Gerne! Ich kann mit zahllosen Beispielen und Tatsachen beweisen —" „Guten Abend, guten Abend! Was seid ihr so aufgeregt, was soll der Lärm? Ihr seid wohl so tief in der Kartengelahrtheil drin, daß ihr gar nicht gehört habt, wie wir eingetreten, sind. Schon zweimal haben ioir euch ,Gulen Abend' gewünscht." ..Gesegnet, wer da kommt, panje Todres. panje }:'orack, panje Gimpl, punje —" .,— Halt. Am Chanuka gibt es keinen panje, um Chanuka ist es üblich, Heb Todres, Heb Gimpl und so weiter zu sagen. Aber das ist Nebensache. Uns interessiert bei weitem mehr, zu hören, worüber Juden mit solchem Eifer streiten. Vielleicht haben wir euch unterbrochen, Rcb Schmull Laßt euch nicht, stören. Und ist's ein Geheimnis, wollen wir ins Speisezimmer gehen und der Hausfrau ,Gulen Abend' sagen." „Behüte Gott! Es sind keine Geheimnisse. Nehmt. Platz, Juden, und hört zu. Ich. hab' eben zu erzählen begonnen, was für ein Wunder mir am Chanuka zuteil geworden ist."'. „Gut. Erzählt, erzählt. Wir wollen gern zuhören. Zieht aber Eure Erzählung nicht, allzu sehr in die Lange. Heul' ist doch Chanuka auf der Well und Juden müssen Karten spielen. Jede Minute ist einen Dukaten wert Die Geschichte ist gar nicht limg. Das Wichtigste liegt eigentlich in den Folgen ,die sie später für mich halle. Darum hat es sich bei mir eingebürgert, sie jedes Jahr am Chanuka zu erzählen: Damals — vielleicht ist's heut' noch so —, damals gab es für die jüdischen Jungen, die von frühmorgens bis neun Uhr abends im Glieder wie die Hühner im Käfig eingesperrt außen, keine schönere Zeit, als die acht Tage Chanuka. Fürwahr keine Kleinigkeit! Dus Lernen entfällt, man bekommt von Vater, Mutter, von Onkeln und Tunten, von Großvätern und Großmüttern Chunukugeld, man macht Spiele, allerhand Tauschgeschäfte, man .schneidet aus halben Kartoffeln Chanukulampen für den Vater, kurz und gut, man lebt wie der Herrgott in Odessa, Damals, sehr gut kann ich mich, noch daran erinnern, war ich am achten Tag Chanuka in besonders gehobener Stimmung. Die acht Chanukalichtlein, die neben der Tür auf der Fensterbank brannten, erschienen mir als Flammen des goldenen Leuchters im alten Heiligtum; c/it Dochte funkeln und blinken wie acht strahlende Sterne. In der Stub' ist*a hell und warm, die Mulier läßt Gänsescfüftalz aus und der Duft, der Grieben und Zwiebeln juckt in der Nase. Der Vater sitzt am Tisch mit den Gästen und bespricht Fragen der Thora. Die Leute reden mit allen Gliedern, machen mit den Händen, drehen die Daumen und lärmen. Es geht echt jüdisch zu . . . Und worüber debattiert man? Immer wieder hört man die Frage: Was ist Chanuka? Die Menschen legen die Stirn in Fallen, schneiden Gesichter und beißen an den Bartspitzen. Es ist klar, daß keiner von ihnen diese schwierige Frage zu beantworten oersteht. Einer aus dem Kreis erhebt sich, zitiert eine Stelle aus dem Talmud, vertieft sich in das Thema, findet immer wieder eine neue Auslegung, predigt mit großer Begeisterung und läßt seinen. Scharfsinn glänzen, lern all den schönen und verwickelten Dingen hab' ich nur das eine verstanden: Meiden halten den ganzen Vorrat an Oel, das sich im Tempel befindet, verunreinigt und nachdem die Husmonüer sie besiegt, und verjagt hatten, fand man bloß einen einzigen Krug Oel, der mit dem Siegel des' Hohepriestern versiegelt war. Der Vorrat, konnte nur für einen Tag reichen. Da aber geschah ein Wunder — und das Oel reichte für volle acht Tage.' Weil ich aber an diesem Abend sehr erdu wiest dmHuuUik Umt'dieJUcIdez zünden. .. Du wirst den Kindern heut' die Lichter /.imden Und dich am stillen Glanz des Feste» freu'n, Durch's Fenster fällt ein milder Abendschein — Heut' sollst du ihnen unsere Wunder künden; Heut' ist die Nacht, da all die zauberbunten, Die Träume unserer Kindheit aufersteh'n, Mit leisen Schritten durch das Zimmer geh'n, Heut' alle Märchen tmsrer Dämmerstunden... Lehr' deine Kinder unsre Märchen lieben, Sag' ihnen: Jakob diente zweimal sieben Fronjahre schwer als ein geringer Knecht, Und immer, wenn d6r Lörtz ins Land gegangen, Trieb er die Schafe singend durch das Tal Und trug der Knechtesarbeit harte Fron Und trug der Sehnsucht glühendes Verlangen Mit krummem Rücken und in stiller Qual — Und Rachel war des Harrens hoher Lohn. — Sag's ihnen nicht, sie werden'» nicht versteh'», So wie du's selfter nicht verstanden hast — Dooh siehst du draußen einen bleichen Gast, Mit heißem Blick durch deine Scheiben späh'u, So ruf ihn in dein lichterhelltes Haus Und laß ihn deines Glückes Zeuge sein. Und breitest du* die Arme segnend aus, Das Fest der Lichter gläubig einzuweih'n, Dann zünd' an der Menorah letztem Ast , Fern von den Kerzen; die das Fest geboten, Ein kleines Licht — für einen Toten... Hugo Z u c k e r in a n n. regt war und das Chanuka fest zu meinen liebsten Festen gehört, platzte ich, obwohl ich ein kleiner dummer Junge war, in aller Enfalt und ohne Füivhl vor dem. Vater und vor den fremden langbärtigen Männern heraus: „Was ist daran? Daß der Krug für acht Tage gereicht hat, ist gar kein Wunder. Hätte er für ein ganzes Jahr gereicht und Chunuka würde ein ganzes Jahr dauern, das iväre ein Wunder! Dann wäre, man den Melamed mit seinen. Ohrfeigen und Nachenstößen für immer los —" Ich hatte kaum zu Ende gesprochen, als mein Vater mir eine mächtige, schreckliche Ohrfeige versetzte. „Esel du! Denkst nur ans Faulenzen. Das könnte dir passen, den ganzen Tag müßig herumlaufen wie en Christen junge! Du willst wohl als Goj aufwachsen!'1 So schrie mein Vater, und ich hätte gewiß noch einen zweiten Schlag übers Gesicht bekommen — aber da geschah mir ein Wunder. Von der ersten Ohrfeige fiel mir die Kappe vom Kopf. Bevor ich mich zum Aufheben bücken konnte, mußte ich mir doch den bloßen Kopf mit dem Hockende zudecken. Inzwischen aber halte sich der Zorn meines Vaters gelegt ... Worüber lächelst du, Isaak, machst dich wohl lustig über mich!" „Im Gegenteil. Ich sehe jetzt ein, wie ungerecht ich mit meinen Einwänden war, und darum hab' ich gelächelt." ..Du kannst es mir glauben, lieber Isaak: Du bist immer ungerecht, wann du mir derlei Dinge vorwirfst. Und weshalb? Weil du ein reuiger Sünder bist. Und in jedem reuigen Sünder steckt ein Fanatiker, der an den anderen etiuas auszusetzen hat und außer sich ist vor Freude, wann er an seinem Nächsten — und sei's sein Vater oder sein Großvater oder sonst jemand vom älteren Jahrgang — einen Makel findet. .Niemand gerät, wegen jeder Khwngkeit m solche Aufregung, niemand ist so unduldsam Wie ein reuiger Sünder', l ud weil jede Nachsicht 'ihm fremd ist, meiden ihn alle und 'vollen nichts mit ihm zu tun haben." „Es würde sich aber gar nicht lohnen", setzte Schmu! fort, ..jene Ohrfeige zu erwähnen, wenn sie mich nicht gründlich geändert und auf neue Gedanken gebracht hätte." „Laßt doch euren Streit auf ein andermal", mischten sich die ('äste ein. „und erzählt die Geschichte zu Ende." ..Kurzum: die Ohrfeige, die ich damals von meinem l'aler lr*kam. ist nicht ohne Wirkung geblieben. Das ganze Gespräch über Chunuka. der Zorn des Vaters und die unerwartete Ohrfeige, all das prägte sich mir tief ein und brachte mich seit meiner frühesten Jugend dazu, mich unausgesetzt .mit der Frage: Was ist Chanuka? zu beschäftigen. Anfangs wußte ich. wie alle Jungens. nur. daß man. am Chanuka ins Morgengebet den Absatz .AI hanissim' einfügt und daß es darin heißt: .In den Vagen des Maltathias, des Sohnes Jochunuuns, des Hasmonäers und seiner Söhne der Priester, erhob sich das böse Reich Ionieu gegen das Volk Israel, um es zu zivingen der heiligen Thorn untreu zu werden. Und der Ewige, gepriesen sei er, tat ein Wunder und überlieferte die Starken den Händen der Schwachen, die Bösen den Händen der Frommen, die Mutwillgen den Händen der Thorugetruueiu Dann reinigte man. den Tempel, zündete Lichter an und führte die acht Tage Chanuka ein.' Das legte ich mir so aus: Die Starken sind die Jomunim (Ionier Griechen), die.Schwächen aber — Maltäthias mit seinen Söhnen' und die übrigen frommen Juden die Gebet- und Lernbeflissenen wie die heutigen. Melamdim und Uebbvnim, die den ganzen Tag im Beth- Midrasch hocken und Thora lernen, Die feindliche Partei ist wohl mit Waffen und Streitrossen, in den Kampf gezogen, wir aber mit Buße, Gebet-und milden Werken, Daß es aber einen Judu -Makkubi gegeben hat und seine Brüder und daß s/'.; tapfere Helden gewesen sind, hatte ich damals noch nicht gewußt, denn mein Melamed erzählte mir niemals ein Wort davon, Und als ich später bei uns zu Hause hörte, wie wieder einmal die Frage: ,Wus ist Chunuka?' besprochen wurde, sagte ich mir, daß die Geschichte, die im Gebet ,Al hanissim' erzählt wird, nidit ganz klar ist, jedenfalls die Frage nicht, erschöpft. Die Geschichte vom Krug Oel, der nur für einen Tag reichen konnte und doch für acht Tage reichte, konnte ich unmöglich gelten lassen. Wenn es sidi wirklich so verhielt, so dauerte doch das Wunder nur sieben Tage und nicht acht — warum feiern ioir dann acht Tage? Und ich grübelte so lange darüber nach, bis mich, der bohrende Trieb auf den Gedanken brachte, in die Bücher der jüdischen Geschichte hineinzuschauen. Da erst gingen mir die Augen auf und ich. fand Antwort auf meine Frage. Jetzt, meine Freunde, weiß ich ivas Chanuka ist!" Juda IflakkaU in Anti&cUi&* E i ne Legende Und es geschah, daß der junge Held Juda Makkubi, der die Hellenen bezwang, noch vor Ausbruch der glorreichen Kämpfe nach. Antiochien ging, um dort mit der Jugend seines Volkes bekannt zu werden. Die jungen Hellenen forderten - schon damals Judüus Söhne durch ihr Benehmen, heraus. Insbesondere der Pöbel in den Spelunken von Antiochien zeichnete sich, dadurch aus,, daß er zu nücht~ lieber Stunde die ahnungslos heimkehrenden Judäer hinterrücks überfiel und sie in frechem Ton fragte, ob sie Zeus opfern oder nicht. Die Feigen unter den. Judäern legten hellenische Gewänder an und ließen in. den Straßen Antiochiens Hymnen zur Ehre Zeus erschallen, um auf diese Weise den Verdacht. Juden zu sein, von sich abzuwälzen. So ivurden sie in Frieden gelassen. Juda Makkubi aber gub sich solcher Lüge nicht hin. Mit zweien seiner Freunde aus Antiochien begab er sich in die Straße der Hellenen. Johlend und gröhlend umdrängte ihn eine Schar und fragte ihn höhnend, ob er Zeusanbete: f'. ' v „Nein," ivar die klare Antwort:! „Warum nacht?" fragten die Jünglinge weiter. i „Weil ich die Götzen der Heiden hasse. Ich bin Jude und kenne nur den Einig Einzigen Gott." i Die Hellenen rissen ihre Schwerter aus der. Scheide, um sich auf den unbewaffneten J.udu Muk-? kubi und - seine ziveierschreckten Begleiter zu stürzen. Juda aber erhob seine gewaltigen kraftstrotzenden Arme und schlug mit ihnen, wie luenn sicr Hämmer wären, auf die frechen Angreifer ein, so daß sie auseinanderstoben. '■' Nun wandte er sich, an seine unt.iochis.chen- Freunde und sagte: „Diese hellenischen Burschen sii}d, scheint's, noch nicht an einen wahren Juden geraten. Jetzt -werden sie wissen, daß die jüdische Faust auch zu schlagen vermag." Eigentümer Verleger Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Oberbaurat Robert Stricker. — Druck: Druckerei- und Verlags-A.-G. Ignaz Steinmann, beide Wien, 6 ' IX., Universitätsstraße 6—8.

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