Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 414 (16.11.1934)
- Date
- 1934-11-16
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit^e 8 DIE NEUE WELT Nr. 414 SeUiMec und dec Judettstaat In unserer Ausgabe vom 9. November veröffentlichten wir einen Aufsatz „Schiller und das Judentum" zum 175. GoburUtag ck-3 deutschen Dichters. Untenstehend reproduzieren wir (entnommen der ,,Jüd. Rundschau", Berlin) einon Aufsatz von Dr. Willy Cohn (Breslau), der auf Schillere erste Fassung der „R äube r" hinweist, worin sich Anspielungen auf Palästina als einen Judenstaat finden. Der Gedanke Schillers, Palästina den Juden als Staat zu überlassen, hängt mit dessen Bibelstudium zusammen. Gern nimmt man immer wieder Schillers „Räuber" zur Hand und erfreut sich an dem ungeheuren Schwung des jugendlichen Feuerkopfs. Da fällt der Blick schon in der zweiten Szene des I. Aktes auf eine eigenartige Stelle. Karl von Moor und Spiegelberg sitzen in einer Schenke an der Grenze von Sachsen. Beiden ist die ganze Zeit, in der sie leben, gänzlich über, und sie ergehen sich in den schärfsten Kraftausdrücken gegen ihr Jahrhundert. Oft zitiert wurden die Worte von Karl von Moor: „Mir ekelt vor diesem tintenklecksenden Säkulum, wenn ich in m^i.iem Plutarch lese von großen Menschen". Aber die Antwort Spiegelbergs: „Den Josephus mußt du lesen", gibt zu denken. Der junge Friedrich Schiller hat also auf der Militärakademie in Stuttgart, die später den Namen „Hohe Karlsschule" führte, nicht nur Plutarch gelesen, das möchte innerhalb der humanistischen Ausbildung jener Zeit nicht weiter erstaunen, sondern auch den „Jüdischen Krieg" des Flavius Josephus kennengelernt und damit offenbar ein Interesse an der Geschichte des Judentums gewonnen. Daß er überhaupt viel von der Thora wußte, geht daraus hervor, daß schon in das Jahr 1773 — damals war er 14 Jahre alt — der Entwurf eines epischen Gedichtes „Moses" fällt. Doch zurück zu den „Räubern". Wie stark Josephus offenbar auf Schiller gewirkt hat, erhellt dsraus, daß Spiegelberg, als Moor über ganz andere Dinge spricht, noch einmal die Anregung energisch aufnimmt und sagt: „Lies, den Josephus, ich bitte dich drum." Als Moor und Spiegelberg gar nicht mehr wissen, was eigentlich beginnen, da springt Spiegelberg auf und ruft: „Ich will dir was ins Ohr sagen, Moor, das schon lang in mir umgeht, und du bist der Mann dazu — sauf, Bruder, sauf! — wie wär's, wenn wir Juden würden und das Königreich wieder aufs Tapet brächten?" Nun dürfte es aber den meisten Menschen, außer den eigentlichen Literaturhistorikern, nicht bekannt sein, daß der weitere Text in allen Ausgaben der „Räuber" nicht der ursprünglich von Schiller verfaßte ist. Während des Druckes der „Räuber" entschloß sich Schiller, nicht nur die ursprüngliche Vorrede zu unterdrücken, sondern U. a. die Fassung des zweiten Bogens gänzlich zu verwerfen. In dem früheren Text also — man vergleiche ihn mit der jedem zugänglichen Ausgabe der „Räuber" — heißt es weiter: Moor: Hahaha! Nun merk ich, warum du schon gegen Dreyviertel Jahr eine hebräische Grammatik herumschleifst. Spiegelberg: S—sskerl! Just deswegen. Aber sag, ist das nicht ein schlauer und herzhafter Plan? Wir wollen sie im Thal Josaphat wieder versammeln, die Türken au3 Asien scheuchen, und Jerusalem wieder aufbauen. Alle alten Gebräuche müssen wieder aus dem Holzbügel hervor. Die Bundeslade wird wieder zusammengeleimt. Brandopfer die schwere Meng. Das neue Testament wird hinausvotiert. Auf den Messias wird noch gewartet, oder du, oder ich, oder einer von beyden-- Moor: Hahaha! Spiegelberg: Nein! Lach nicht. Es ist, hol mich der Teufel, mein Ernst. Wir setzen dir eine Taxe aufs Schweinefleisch, das fressen kann, wer zahlt, und das muß horrend abwerfen. Mittlerweile lassen wir uns Zedern hauen aus dem Libanon, bauen Schiffe und schachern mit alten Borden und Schnallen, das ganze Volk. Moor: Saubere Nation! Sauberer König! Spiegelberg: Drauf kriegen wir die benachbarten Orthschaften, Amoriter, Moabiter, Türken und Jethiter, ohne Schwertstreich, unter den Pantoffel. Dann, mußt du wissen, wir sind mächtig im Feld, und der Würgengel n-:.'..'c vor uns her, und mäht sie nieder wie Spizgrrs. U.iJ haben wir erst um uns herum Feyerabend gedacht, so kemmrn wir uns selbst zwischen Jerusalem und Samaria in die Haare — du König Moor von Israel, ich König Spicf;elb«rrg von Juda, und hauen einander wacker herum im Wald Ephraim, und wer Sieger ist, geht her, läßt die Dächer abdecken und beschläft die Kebsweiber des anderen, daß da zugaffen alle zwölf Stämme Israel." Diese ziemlich ausführliche Unterhaltung wurde in der endgültigen Fassung in die folgende Rede Spiegelbergs in Erwiderung auf vorangehende Worte Moors zusammengedrängt : „S p i e g e 1 b e r g: Daß Dich, Bärenhäuter! Ich bin freilich wunderbarerweis schon voraus beschnitten. Aber sag, ist das nicht ein schlauer und herzhafter Plan? Wir lassen ein Manifest ausgehen, in alle vier Enden der Welt und citieren nach Palästina, was kein Schweinefleisch ißt. Da beweis' ich nun durch triftige Dokumente, Herodes, der Vierfürst, sei mein Großahnherr gewesen, und so ferner. Das wird ein Victoria abgeben, Kerl, wenn sie wieder ins Trockene kommen und Jerusalem wieder aufbauen dürfen. Itzt frisch mit dem Türken aus Asien, weil's Eisen noch warm ist, und Zedern gehauen aus dem Libanon und Schiffe gebaut, und geschachert mit alten Borden und Schnallen das ganze Volk. Mittlerweile —" Man fragt sich, wie Schiller auf diesen Gedanken gekommen ist. Schillers Lehrer und Freund, Prof. Abel, berichtet, daß der Plan Spiegelbergs, nach Palästina zu wandern, ein Gedanke gewesen ist, mit dem einer der Kameraden Schillers „oft und lange geprahlt hatte". Denn unmittelbar wird der junge Karlsschüler kaum Gelegenheit gehabt haben, mit Juden in nähere Verbindung zu treten, abgesehen von der schon erwähnten sehr gründlichen Kenntnis der Thora; außerordentlich zahlreich sind, wie überall, besonders auch in den „Räubern" die Stellen, die an die Bibel anklingen und die wörtlichen Zitate. Daß Schiller von dem damaligen Zustand Palästinas wie die meisten Menschen nichts wußte, geht ja schon aus der eigenartigen Zusammenstellung der Völker hervor, die man dort bekriegen will. Neben den zeitgenössischen Russen und Türken werden biblische Völker wie die Amoriter und Moabiter genannt. Es ist also eben doch nur das Bild, das aus Bibel und Flavius Josephus der junge Phantast sich gemacht hatte, dessen Gehirn eine ganze Welt ins Wanken bringen wollte. 5 (Hotel National), II, Taborstraße 18 für Tanzabende, Hochzeiten, Veranstaltungen usw. 5 zu vergeben. Auskunft Hausverwaltung, Telephon- Nummer R-47-4-3S (Kunststelle) IL, Aspernbrückengasse 2 (R-48-2-D1) Zweigstelle: VI., Lcquaiplatz 11 (B-20-0-81). Büro: 9 bis 17 Uhr (Samstag 9 bis 13 Uhr). Den Mitgliedern stehen bedeutend ermäßigte Karten in alle Theater Wiens zur Verfugung. Konzerte: Dusolinrt Giannini, 1. Dezember 1934, G. M. V., Mendelssohn-Abend. 26. November: Offizierskasino. Der Vorverkauf für Mitglieder zur Vorlesung Iii r n s t Deutsch am 18. Dezember 1934 hat bereits begonnen. Führung: Sonntag, 18. November: Rundgang durch die Judenstadt im „Unteren Werd" (Leopoldstadt) mit anschließen-« dem Besuch des Jüdischen Museums. Treffpunkt: 10 Uhr, Krüger-Heirn, Malzgassc 'bei jedem Wetter). Führung: Prof. Dr. J. 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