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Die neue Welt · 1934-10-26 · Heft 408 (26.10.1934) · page 8

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Journal
Die neue Welt
Volume
8 (1934)
Issue
Heft 408 (26.10.1934)
Date
1934-10-26
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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mm Seite S DIE NEUE WELT Nr. 408 GRABSTEINE FRIEDLÄNDER & DEUTSCH Wien, /. Bez., SeHensteitengasse 2, |!| Samstag XI.. Zenit all riedhof, neb, d. 7. Tor. \\\ geschlossen Eise jüdische Hochzeit in Marokko Von Eugene Delacroix (Paris) Die Hochzeitszeremonien bei den orientalischen Juden und den Muselmanen sind ganz anders als bei den europäischen Völkern. Kälte bei uns, nichts, das der Außenwelt die Wichtigkeit dieser feierlichen Handlung zeigt: die Verlobung, die Vorlesung des Ehepaktes, die Feierlichkeit vor dem Standesbeamten, all das hat nicht mehr sichtbare Wichtigkeit als die erste beste Vereinbarung; selbst die eheliche Einsegnung unterscheidet sich in nichts Wesentlichem von jeder anderen Zeremonie. Im Gegensatz dazu sind bei den orientalischen Völkern und besonders bei den Juden, deren hart? Lebensumstände dazu führen, daß sich die Familienbande enger knüpfen und die alten Ueberlieferungen stärker erhalten werden, die großen Lebensereignisse auch äußerlich durch althergebrachte Bräuche stark betont. Die Hochzeit vor allem ist von sinnbildlichen Zeremonien begleitet und eine Gelegenheit zu großen P'esten für Eltern und Freunde der Vermählten. Die Verlobung schon findet lange vorher scatt und geht unter Aufbietung eines großen Apparats vor sich, die Hochzeit aber dauert mehrere Tage und ist für die Gattin eine Folge von sehr ermüdenden Arbeiten. Sie, die Frau, ist in Wahrheit das Opfer dieses ganzen Apparats. Während das Elternhaus dem ununterbrochenen Kommen und Gehen von Festteilnehmern geöffnet ist, inmitten der Gesänge und Tänze, die Tag und Nacht andauern, ist die junge Frau in einen dunklen Raum verbannt, dessen Breite ein Bett zur Gänze ausfüllt. Im Winkel dieses Lagers, gegen die Mauer gelehnt, sitzt die junge Gattin. Sie muß die Augen dauernd geschlossen halten und der. sich um sie abspielenden Vorgängen gegenüber fühllo.? scheinen, derart, daß sie aussieht, als wäre sie die einzige, für die es keine Feste gibt. Während sie so, gewissermaßen nistend und verborgen, auf dem Bett sitzt, ergötzen sich an dem langen Tisch, der den Rest des Zimruers einnimmt, die Freunde an Speise und Trank. Im Hofe des Hauses drängt sich eine ungeheure Menge; Säulengänge, Zimmer und Treppenhaus sind den Eingeladenen, also fast der ganzen Stadt, ausgeliefert. Bei einer dieser Hochzeiten, zu der ich hinging wie jedermann, fand ich Straße und Hof inneres derart überfüllt, daß ich alle Mühe hatte, hineinzugelangen. Die Musiker lehrten mit dem Rücken an einer Mauer, der ganze Hof war von Zuschauern besetzt. Auf der einen Seite kauerten in entsprechender Kleidung jüdische Frauen, an denen mir vor allem ein Stoffstück auffiel, das quer über dem sehr hohen und anmutigen Turban lag, und das sie nur aus Anlaß der Hochzeit ablegen. Ihnen gegenüber standen oder saßen vornehme Mauren, denen man ansah, daß ihre Anwesenheit der Hochzeit zur Ehre gereicht. Von dem Heidenlärm der Musiker mit ihren Stimmen und ihren Instrumenten kann man sich nur schwer eine Vorstellung machen; unbarmherzig kratzten sie eine Art zweisaitiger Geige, die diesem Lande eigentümlich ist und eher Lärm als Klang verursacht. Sie hatten auch die von Gestalt sehr zierliche maurische Gitarre, deren Töne denen der Mandoline ähneln. Denken Sie sich noch eine, alle Gesänge begleitende Trommel dazu. Und die Gesänge selbst, deren Verdienst darin zu bestehen scheint, daß sie geschrien werden, sind der wahrhaft betäubende Teil des Konzerts. Ihre Eintönigkeit trägt dazu bei, sie ermüdend zu machen. Bei dieser Begleitung treten nun nacheinander Tänzerinnen auf; ich sage: Tänzerinnen, weil nur Weiber sich dieser Sache widmen, die den Männern durch ihre Schwierigkeit unmöglich zu sein scheint. Wer je in Algier war, kennt diesen Tanz, von dem ich glaube, daß man ihn bei uns sehr abgeschmackt finden würde. Da er fast nur aus. Stellungen und Verrenkungen besteht, bei denen die Füße den Platz fast nicht wechseln, wird man begreifen, wie dieser Tanz auf einem Platz möglich ist, der so von neugierigen Menschen erfüllt ist, wie es der beschriebene Hof wr. Es braucht also jede der immer nur einzeln auftretenden Tänzerinnen nur einen ganz kleinen Raum. Hat nun eine die Vorstellung, die von ihr nach Geschmack und Kunstfertigkeit variiert wird, beendet, dann suchen die Anwesenden in ihren Taschen nach einem Geldstück, das bestimmt ist, die Musiker zu entlohnen. Dabei ist es üblich, ehe man seine Gabe auf einen Teller legt, mit dem Geldstück die Schulter der Tänzerin, welche man vorzieht, zu berühren. Am Ende des letzten Tages, den die Braut unter dem Dach ihrer Eltern verbringt, bevor sie in die Wohnung des Gatten zieht, bekleidet man sie; euit den Kopf setzt man ihr eine Art Mitra, die aus einer Menge Tüchern so zusammengesetzt ist, daß man von jedem nur einen ganz kleinen Teil sieht. Sie wird an den Tisch gesetzt und an die Mauer gelehnt, wo sie unbeweglich wie eine ägyptische Statue verharrt. Vor das Gesicht hält man ihr Kerzen und Fackeln, daß alle Anwesenden sich nach Belieben an der Bekleidungsfeierlichkeit erfreuen können. Ihr zur Seite machen alte Frauen ununterbrochen Lärm, indem sie mit ihren Fingern auf kleine Trommeln schlagen, die durch Bespannung verschiedenfarbiger irdener Töpfe mit Pergament erzeugt werden. Andere Alte bemalen ihre Stirne und Wangen mit Zinnober oder Henna und schwärzen die Augenwimpern mit Kohle. Die Unglückselige, welche alldem ausgesetzt ist, darf — es ist kaum zu glauben — die Augen während des ganzen Vorganges nicht öffnen, da dies als schlechtes Zeichen gedeutet werden würde. Zwischen die geschlossenen Wimpern wird ihr der silberne Spachtel getrieben, der zur Einfärbung notwendig ist, und sie, das arme Opfer, muß sich geduldig der Neugierde des lärmenden Gastvolkes opfern. Am Ende einer Anzahl von Handlungen, die mit der Bekleidung zusammenhängen, wird sie aufgehoben wie eine Statue, und das nun ist der Augenblick, in dem sie aus dem Elternhaus geschleppt wird. Halb auf ihren Füßen, halb bei den Armen gehoben, geht sie, von den Gästen gefolgt, voran. Vor ihr gehen, rückwärts schreitend, bis zur Wohnung des Gatten, fackeltragende Jünglinge. Man findet hier, wie" bei jedem Schritt in diesem imf[Mä£tmg%$ Pooit*«. \ BOXCALF * SCHWARZ MCROUPONSOHLE Land, alte Ueberlieferungen. Nichts ist seltsamer als der Marsch dieser Unglücklichen, welche, die Augen geschlossen, keine einzige Bewegung zu machen scheint, die ihrem eigenen Willen entspringt. Ihre Züge sind während dieser Prozession ebenso gefühllos wie zur Zeit der anderen Prüfungen. Man hat mir versichert, daß man, um die Frau an den unzerstörbaren Ernst des Ganzen glauben zu machen, die Bosheit so weit treibt, das arme Weib unterwegs zu kneifen. Ich glaube, daß es nur sehr selten vorkommt, daß das arme Geschöpft das geringste Zeichen von Ungeduld oder auch nur von Beachtung des sich um sie Abspielenden von sich gibt. In solchem Aufzug kommt sie zu ihrem Gatten, wo sie es zweifellos als ihr größtes Glück betrachten muß, von so viel Unannehmlichkeiten befreit zu sein. Am nächsten Tage findet noch bei dem Gatten eine Zeremonie statt, die nur religiösen Sinn zu haben scheint; dabei sind nur die Eheleute, der Rabbiner und Zeugen anwesend. Dieser Ritus beschließt alle Feierlichkeiten und dürfte deshalb den beiden wichtigsten Teilnehmern der erwünschteste sein. WtoMeepAMstUutfaclU Die Haare Esaus „Was hört man? Wie treiben Sie?" „Ich danke. Ich bin in der Industrie tätig. Erzeuge ein Haarmittel. Mein Haarwasser ,Die Haare Esaus' wirkt bereits nach drei Tagen und eine Flasche kostet bloß SO Piaster." „Wiß können Sie so etwas behaupten? Sie glauben doch selbst nicht daran!" „An die Hälfte der Sache glaube ich." „Was ist das?" „Ich glaube daran, daß eine Flasche SO Piaster kostet." * Er fühlt sich nicht unglücklich „Deine Frau ist dir nach Europa durchgebrannt?" „Ja." „Wie es scheint, fühlst du dich darüber gar nicht unglücklich." „Warum soll ich mich jetzt unglücklich fühlen? Ich habe Zeit dazu, wenn sie zurückkommt." * Lauter Gebetinschriften Ein deutscher Emigrant xoird gefragt: „Wie gefallt Ihnen Tel-Awiw?" „Wissen Sie, Tel-Awiw ist eine ziemlich schöne Stadt, aber wozu braucht man über jedem Geschäft eine Gebetinschrift?" (Die hebräischen Schilder.) * Was unversehrt geblieben ist Einige Juden aus Polen kommen zur Klagemauer und beten. Der eine weint laut und bitter und bevieint die Zerstörung des Tempels. Worauf ihn der zweite beruhigt: „Wahrlich, zerstört worden ist der Tempel, aber der Bauplatz, auf dem er steht, tröste dich, ist unversehrt geblieben ,.." * Der zerstreute Passagier In Tel-Awiw lauft ein Mann, verschwitzt und verstaubt, zu einem Autobus, steigt ein, sucht einen Sitzplatz und fragt den Schaffner: „Ist hier noch ein Stück Dunum frei?" * Stadt und- Land „Wie geht es dir in der Kolonie?" „Danke, sehr gut. Du hast keine Ahnung, wie unterhaltend es ist, am Land, in der Kolonie zu wohnen. Noch nie habe ich mich gelapgweilt." „Was machst du «n den Abenden?" „An den Abenden?, An den Abenden fahre ich nach Tel-Awiw." (Uebersetzt und gesammelt von J. Fränkl.) DEN PRIVATANGESTELLTEN DIE VORSORGE-VERSICHERUNG DIE UIS9UN6 S 30O-— S 13'— S 30fr— MONATLICHE PRÄMIE SCHILLING 3-60 STERBEGELD RENTE UNFALL-TOP UNFALL¬ INVALIDITÄT KOSTEN- BEITRÄGE: SPITAL OPERATION S 300*— $ 5'— S 100*— LEBENSVERS.-GES. PHÖNIX WIEN,!., RIEMERGASSE 2 * cniffmarot TABORSTRASSE 46 1 Empfehlenswerte Firme ei Restaurants, Cafes etc. Ilotel-Itestaurant „Stephanie", II., Taborstraße 12. Vorzügliche Wiener Küche. Speisen am Rost. Menü ab S 1.60 Täglich frische Fische. Restaurant Billct, vorzugliche streng orthodoxe Kücho, II., Hammer-Purgstall-Gasse, bei Salztorbrücke. Caf6-Kestaurant Edison (Inh. Fleischmann), VIII.. Alserstraße 9, Tel. B-43-0-47, B-43-0-86. Caf6-Iiestaurant Espresso, i., Kotenturmstraßo l. internationale kalte und warme Küche. Menüs zu billigen Preisen. Cafe Schottentor, I., Ring des 12. 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Anfragen und Wünsche, welche dVcse Rubrik be« treffen, sind an die Verwaltung des Blattes, IX., Universität»« straße 8, Telephon A-20-2-78, zu richten. ,( I. Verlanget uberall »Die Neue Welt« Wochen-Kalender Oktober 1934 wn rrjnn Cheschwan 5695 26 Freitag 17 Sabhatelngang 4.50 27 Samstag 18 Sabbatausgang 5.50 P*dd nriK niüKi imtaen «vi 28 Sonntag 19 29 Montag 20 30 Dienstag 21 31 Mittwoch 22 ■ Nov. 1 Donnerstag 23 Eigentümer Verleger. Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Oberbaurat Robert Stricker. — Druck: Druckerei- und Verlags-A.-G, Ignaz Steinmann, beide Wien. 6 IX., Univeraltätfistraße ö—8.

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