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Die neue Welt · 1934-08-31 · Heft 395 (31.8.1934) · page 8

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Journal
Die neue Welt
Volume
8 (1934)
Issue
Heft 395 (31.8.1934)
Date
1934-08-31
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite S DIE NEUE WELT Nr. 395 GRABSTEINE FRIEDLÄNDER & DEUTSCH WienJ.Bez., Seüenstettengasse2, Telephon V-28-7-2& XL. Zeniraltriedhof. neb, d. I.Tot, 1 elenhon V- 1B-0- 85 Predigten abgehalten, und zwar: Am Montag, den 10. September 1934 (1. Festtag): I., Seitenstettengasse 4 (Oberrabbiner Dr. D. Feuchtwang); II., Tempelgasse ö (Oberrabbiner Dr. I. Taglicht); IL, Pazmanitengasse 6 (Rabbiner Dr. Z. Taubes); III., Untere Viaduktgasse 13 (Rabbiner Dr. K. Kupfer); Sieljenbrunnengasse la (Rabbiner Dr. M. G. Mehrer); VI.,' Schmalzhofgasse 3 (Rabbiner Dr. I. Drobinsky); VIII., Neudeggergasse 1*2 (Rabbiner Dr. M. Bauer); IX-, MUllnergasse 21 (Rabbiner Dr. A. Z. Schwarz); X-, Humboldtgasse 27 (Rabbiner Dr. A. Weiner); XIII., Eitelbergergasse 22 (Rabbiner Dr. M. Lewin); XV., Turnergasse 22 (Doz. Dr. H. J. Zimmels); XVI., Hubergasse 8 (Rabbiner Dr. J. M. Bach); XIX., Dollinergasse 3 (Rabbiner Dt. A. Frankfurter); XX., Kluckygasse 11 (Rabbiner Dr. B. Murmelstein); XXI., Holzmeistergasse 12 (Rabbiner Dr. M. Rosenmann)-. — Am Dienstag, den 11. September 1934 (2. Festtag): XVIII., Schopenhauerstraße 39 (Rabbiner Dr. .A.. Z. Schwarz); XX., Kluckygasse 11 (Rabbiner Dr. B. Murmel3tein). Mitteilung des polnischen Verkehrsbüros Francopol. Personenl die aus Polen nach Wien reisen, können den besonders billigen Sonderzug benützen, der am 6. September früh von Lwow abgeht. Näheres polnisches Verkehrsbüro Francopol, Wien( III., Rennweg 1, Tel. U-16-4-90. Wichtig für Polen reisende. Auch diesmal findet unter bewährter Leitung eine besonders billige Reise nach Polen statt. Krakau^ Rzeszow,-Lemberg, usw. Reservierte Plätze, mäßige Preise. Nähere Auskünfte erteilt bereitwilliget: Büro -E.' Ferstel, I., Kärntnerring 12. Telephon U-40-301. Empfehlenswerte Firmen Restaurants, Caf6s etc. Hotel-Restaurant „Stephanie", II., Taborstraße 12. Vorzügliche Wiener Küche. Speisen am Rost. Menü ab S 1.60. Täglich frische Fische. Restaurant Biilet, vorzügliche streng orthodoxe Küche, IL, Hammer-Pur'gstall-Gasse, bei Salztorbrücke. Caf6-Restaurant Edison (Inh. Fleischmann), VIII., Alserstraße 9, Tel. B-43-0-47, B-43-0-86. Cafß-Restaurtnt Espresso, 1., Rotenturmstraße 1. Internationale kalte und warme Küche. Menüs zu billigen Preisen. Caf6 Schottentor, I., Ring des 12. November 10, Telephon U-26-5-90, vis-a-vis «61* Universität. Caf6-Konditorci Xeumann, II., Gredlerstraße 2 (Telephon A-42-3-81). III., Löwengasse 47 (Tel. U-10-5-78). Restaurant FfetfgröscHl, renommierte jüdische Küche, II., Lilienbrirangasse 12, Tel. A.-48-5-86. Restaurant „Spritzer", früher „Hotel National", Jetzt II., Hammer-Purgstallgasse 7. Vorzügliche Wiener und internationale Küche, Tel. A-45-5-42. „Vegetaria",. Restaurant, Diätküche, Milchspeisen, II., Obere Donaustraße S9 a; IX., Währingerstraße 21. Bekleidung, Wäsche - Fein &. Landsmann, Lederbekleidung. XX., Gaußplataj 6, Uon, II.. Obere Donaustraße 35, Tel. A-49-0-86. Glanzmann, Epstein & Co.. Herren- und Damen-Konfektion, II., Obere Donaustraße 35, Tel. A-49-0-86. Schuhe S. Abrahämövidz, •Schuhhaus. IL, Taborstraße 33, Telephon A-48-1-62. Birnbaum Leo, Schuhreparaturwerkstätte, IL, Franzensbrückcnstra"ße- 9; XX., Karl-Meißl-Straße 3; XX., Pappenheimgasse 6S. ........Pelze Pelze jeder Art, M. Bermann & Co., Wien, I., Hoher Markt Nr. 9, Tel. U-24-1-68. Divers.« .. Advokat & Fantl, Beleuchtung, Glühlampen, Elektrowaren, Gasgeräte, ' Bädeeinnchtungen, Beheizung, IL, Taborstraße 8 b, Tel. R-47-1-51.. Parfüroerie Freyung, 1., Strauchgasse 2, Tel. U-20-8-93. Manicure 90 Groschen. Kein Trinkgeld! Faltknlanh -Heinrich, Juwelenfasser, IL, Taborstraße Nr. 1-3/66. Tel. A-48-4-45. Halpern S., Palästina-Produkte, IL, Förstergasse 6. Tel. A-46-4-12." ' Internationale Spedition (Palästina-Transporte) P. Hing e 1 b 1 u m, IL. Große Mohrengasse 3 a, Tel. R-41-9-75. ' Jiid. Buchhandlung, Erzeugung aller Gebetartikel, M. Salz mann, IL. Große Schiffgasse 4, Tel. 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Der Regen schämte sich, weil er sich nicht zu einem echten Landregen auswachsen konnte, und hörte mir zulieb auf. Dem zulieb trat die Sonne hinter den Wolken hervor und begann zu wärmen, so daß es trocken war, als wir durch die lange, kleinstädtische Gasse in die Stadt fuhren. Als ich erleichtert aufatmen wollte, fuhr mich meine Frau erschreckt an: „O weh, ich hab meinen Handbeutel verloren! Oh, wie bin ich unglücklich!" Und sie rang die Hände, als hätte sie ihr ganzes Vermögen darinnen gehabt. „Still, sei nicht so verzweifelt", sagte ich ihr. „Hast du drin' vielleicht Geld gehabt?" „Nein, aber komm, zurückfahren — suchen!" „Wozu das? Zum Teufel der Beutel! Wenn du nichts drin' gehabt hast, wozu dann den entsetzlichen Weg zurückfahren?" „Nein, wir müssen zurückfahren." Nun, Sie wissen doch, wenn eine Frau sich etwas vornimmt, hilft kein Widerlegen. Ich lasse also den Wagen kehrtmachen und wir fahren zurück. Kaum haben wir ein Stückchen Weg zurückgelegt — ich verstimmt, sie aufgeregt —, laufen uns zwei Soldaten entgegen und halten die Pferde an. Sie springen von beiden Seiten auf den Wagen und beginnen rumänisch zu sprechen. „Ludwig, was für Unglück kommt heute über uns", rief meine Frau bleich . und zitternd aus, „was wollen sie von uns?" Der Kutscher erschrak ebenfalls. Als er merkte, daß wir nicht Rumänisch können, drehte er den Kopf um und fragte die Soldaten, was sie wollen. Sie redeten rumänisch und er verdolmetschte uns alles auf Jiddisch: „Sie, die Soldaten, bemerkten bei der Bahn, daß Ihre Frau den Beutel fallen gelassen hat, begannen zu sareien und nachzulaufen. Sie haben aber absolut nicht gehört. Wenn - Sie angeben, was drin* ist, werden sie Ihnen den Beutel gleich zurückgeben." Meine, Frau gab an.. Der eine Soldat nahm von hinten aus der Tasche den Beutel und reichte ihn meiner Frau. Ich, der nicht wußte, was drinnen sei, entnahm ihm zwei Hundert-Lei-Scheine und gab jedem einen Hunderter. Die armen Soldaten erschraken, als sie plötzlich für sich je einen Hunderter sahen, salutierten, standen Habtacht vor uns, bis der Wagen wieder zur Stadt fuhr. Obwohl die Häuser gar nicht jüdisch aussahen und in den Gassen sonntägige .Stille herrschte, war doch in dem Städtchen eine jüdische Atmosphäre zu fühlen, eine innige jüdische Stimmung, als wären dort die Juden niemals auf die Gasse hinausgegangen, sondern hätten Tag und Nacht zu Hause gesessen oder im Beth Midraseh und Gotte3 Lehre gelernt. Ich suchte die Druckerei auf, die einzige große jüdische und hebräische Druckerei in ganz Rumänien. Dort v/erden Jahr um Jahr hunderttausende Gebetbücher und andere .Bücher gedruckt, hebräische und jüdische, Lehrbücher für Kinder, Kalender u. a. Zwei Mädchen, die mich nach den Bildern auf den Plakaten erkannten', unterhielten sich mit mir. Ich gelangte zur Ueberzeugung, daß Botosani eine intelligente Stadt ist, genau so wie Braila, wobei noch jene intelligente Fromme hat, dieses aber nicht. Fast zwei Drittel der Jugend, erzählten die Mädchen, sprechen hebräisch, und alles ist voll Hoffnung und voll Streben. „Weshalb sitzen Sie da?" fragte ich einen jungen Mann, der mich in eine Konditorei führte. Und bevor er noch Zeit hatte,, zu antworten, meldet sich von einem anderen Tisch eine ungefähr 35jährige Frau. „Weshalb denn nicht? Ist's hier denn schlecht? Ich war bereits neun Jahre in Amerika, hab' eine Menge Geld verdient und konnte doch der Luft wegen nicht dort bleiben, ich bin hierher zurückgekommen und habe ein rumänisches Restaurant eröffnet; verdiene zwar nicht so viel wie in Amerika, aber bin viel glücklicher." * Es war schon Zeit zum Auftreten, als wir die Konditorei verließen. Und was für eine Ueberraschung war es für mich, zu sehen, daß auf der Hauptstraße, wo bei Tag Totenstille herrschte, das ganze Städtchen zusammengekommen ist. F. DIE VORSORGE-VERSICHERUNG MONATLICHE PP.2MII SCHILLIN STERBEGELD RENTE . UNFALL-TOD UNFALL- INVALIDITÄT KOSTEN¬ BEITRÄGE: SPITAL , OPERATION DIE LEISTUNG S 300'— $ 15'— S 300'— 300*— LEBENSVERS. GES. PHÖNIX? WIEN, I., RIEM ERC ASSE 2 Aber ich sah immer noch keine Juden. „Wie kommt man hier zum Theater?" fragte ich einen, der wie ein Jude aussah, mit einem runden Vollmondgesicht, mit langem, grünlich-rotem Bart und einem steifen Hut. „Kommen Sie, ich werd' Ihnen zeigen", blickte er mich mit den kleinen Augen an, wie einer, der mich auf sicher nehmen will, „Sic sind ein Fremder?" „Ja." „Woher?" „Aus Warschau", antwortete ich ihm und wollte! mir ebenfalls einen Scherz mit ihm machen. „Man erzählt Wunder von dem amerikanischen Künstler", sagte plötzlich der Jude, der mit uns ging. „Wunder?" erwiderte ich. „Aber, aber , , . ein Bluffer, wie alle Amerikaner." „Was reden Sie da? Es ist doch das ganze Städtel mit ihm verrückt. Aber hier gehe ich nicht ins jüdische Theater, weil..." Er unterbrach sich und sprach nicht zu Ende. „Aber darnach, was ich über ihn von den Christen gehört habe, konnte ich mich nicht zurückhalten und bin eigens heute seinetwegen hergekommen." Ich warf einen diebischen Blick auf meine Frau, wie wenn ich sagen wollte: „Du siehst, wen du zum Mann hast!" Ein breiter, überaus breiter Platz. Von der einen Front ein hohes, steinernes Gebäude, das Rathaus, die City Hall, genau gegenüber dem rumänischen Theater, einem noch größeren und schöneren Gebäude. Rings herum ein großer Park mit einer Menge reicher Blumenanlagen. Alles kam mir voll herzlicher gegenseitiger Liebe vor, sogar die City Hall kam mir vor, als würde sie mit dem Theater flirten, und als würden nachts, wenn niemand zusieht, die beiden ihr Herz einander ausgießen. Ich sagte zu dem Juden mit dem Vollmondgesicht: „Ich danke Ihnen!" und er sagte: „Nichts zu danken, Herr Satz! Es war mir ein großes Vergnügen, dem großen Künstler zu begegnen." Wir lachten beide in verschämter Verlegenheit, da wir doch einer den andern drankriegen wollten. Wir gingen über den breiten Platz, wo eine Bank stand, neben der sich eine hohe Säule befand, die manchmal eine Fahne trägt. Wir ließen uns nieder und sahen zu, wie das Publikum ins Theater geht. Mein Herz begann zu hüpfen und zu tanzen, wie ich merkte, daß man von allen Seiten, wie Sandkörner rinnen, dahergelaufen kommt. Nicht zu glauben, daß es Juden, bezw. überhaupt so viele Menschen in Botosani gibt. ... Da kam wie aus heiterem Himmel von irgendwoher ein Geistlicher mit. einem langen, schwarzen Bart und mit lächelndem Gesicht daher und setzte sich neben uns. Ein Geistlicher? Ja, möge er ein Geistlicher sein, wenn er nur lacht.' Der lachende Geistliche richtete irgend eine Frage auf Rumänisch an mich, und ich, der ich nicht wußte, was er will, übergab ihn meinem vollmondrunden Juden.- ■ - Der Geistliche und der Jude begannen Gedanken auszutauschen, -Dann reichten sie einander die Hand. Nach einigen Minuten sagte mir der Jude: „Ehrwürden sagt, daß er noch nie so viele Menschen hierher gehen gesehen hat." Wieder begannen sie sich zu unterhalten und sicli die Hand zu drücken,' als würden sie einer gleichen Gemeinschaft angehören. Der Jude wendete sich wieder zu mir und sagte-: . . , „Ehrwürden sagt, daß er nicht weiß, wie man auf Jiddisch spielen kann,, Und wenn ich ihm zusage, neben ihm zu sitzen und ihm alles zu erklären, wird er ein Billett kaufen." „Nun, versprechen Sie es ihm", sagte ich. Wieder drückten sie einander die Hand. Diesmal nahm der Jude mit' der linken Hand seinen Hut herunter und mit der rechten, so erschien es mir, schlug er ein Kreuz. Ich erschrak ein wenig. Der Priester ging hinüber, ein Billett kaufen, und der Jude war irgendwie verlegen vor mir, setzte rasch den Hut auf und sagte lächelnd: „Aeh, Sie verstehen . . . ich . . . äh . . „Wie? Sie sind ein Christ?" fragte ich erschrocken. „Nein." „Ein Jude?" „Nein, ich bin ein Getaufter." Der dicke jüdische Christ ließ sein Mondgesicht hängen und, ohne mir in die Augen zu sehen, sagte er leise: „Wenn Sie das früher gewußt hätten, würden Sie mit mir nicht gesprochen haben, ha?" „Ich werde Ihnen die Wahrheit sagen. Ich bin nicht Gottes Schamme3 und habe selbst ein paar Freunde, die die feinsten Christen sind. Aber mir ist dabei sonderbar zu Mute. Wenn jemand nicht glaubt, geniert es mich nicht. Aber wenn jemand glaubt und seinen Glauben wechselt, hm ..." „Gospodin Satz, schon 21 Jahre, daß ich geta . Er beendete das Wort nicht. „Ich habe mich vor niemandem verantwortet. Vor Ihnen aber will ich es motivieren. Ich bin in Rußland geboren. Vor 21 Jahren habe ich mich in ein christliches Mädchen verliebt und sie . . . sie ist Mutter geworden. Als im Jahre 1914 der Krieg ausbrach, hat sie mich gezwungen, sie zu heiraten . . . vielleicht, daß ich. deswegen nicht ins Feld gehen müßte. Und ich habe mich t<?,uf . . 4 Aber tief im Herzen nagt es an mir. Wir gehen am Sonntag in die Klosterkirche. Aber am Samstag find' ich keine Ruhe. Und wenn Rosch Haschono kommt und Jörn Kippur, überfällt mich ein Gefühl von Schwermut und Trauer und ein banger Schreck und es zieht mich zum Bethaus, wo ich einmal gebetet habe. Ich hab die Juden gern und alles, was jüdisch ist. Aber sie, die Juden, verachten mich. Wenn sie mich sehen, weichen sie mir au$. Ich hab ein Restaurant hier im Städtchen N-, wo Sie ge* spielt haben. Dort hat noch kein Jude. mein* Schwelle übertreten. Und das war der Grund, warum :'ch Sie bei, mir im Ort nicht sehen konnte. Darum machte ich eine so weite Reise, um ins jüdische Theater zu gehen und einen Künstler zu sehen, wie Sie sind." Der Geistliche kam voll Freude mit einem Billett zurück. Der christliche Jude stellte mich dsm „jiddischen" Geistlichen vor. Ich ging spielen, und die zwei Christen waren glücklich, daß sie eine jüdische Theatervorstellung s«?hen konnten. Eigentümer, Verleger, Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Oberbaurat Robert Stricker. - IX- Universitätsstraße 6—9. Druck: Druckerei- und Verlags-A.-G. Ignaz Steinmann, beide Wien,

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