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Die neue Welt · 1934-08-24 · Heft 393 (24.8.1934) · page 8

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Journal
Die neue Welt
Volume
8 (1934)
Issue
Heft 393 (24.8.1934)
Date
1934-08-24
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 DIE NEUE WELT Nr. 393 Palästina im icunsCBerssdhen Aufstieg Von Geri Rufh AJs ich nach langjähriger Abwesenheit Palästina wiedersah, konnte ich, obwohl durch Schilderungen von der großen Entwicklung des Landes in einer verhältnismäßig kurzen Zeit genügend vorbereitet, vor allem die Stldte kaum wiedererkennen. Alte Straßen waren ver schwunden, alte Häuser, im ersten Aufbaufieber zu rasch und nicht widerstandsfähig genug aufgebaut, niedergerissen worden und an deren Stelle waren große, moderne Häuserfronten, neue Plätze, Arbeitersiedlungen und Einfamilienhäuser und ganze neue Stadtteile getreten Wo ich hinsah, gab es Ueberraschungen: Arbeitsintensität und Aufbauwille hatten diese nahezu unwahrscheinliche Leistung möglich gemacht. Bald gewöhnte ich mich daran, an Stelle eines kleinen Hotels, an Stelle einiger kleiner Kaffeehäuser und Gaststuben wie in den größten Städten der Welt vor die Wahl eleganter und komfortabler gestellt zu sein, gewöhnte mich an den Anblick mondäner Fremder, an das Klingen von Jazzmusik, kurz und gut an die Möglichkeit, bei entsprechendem Wunsche auch alle Vergnügungen und Annehmlichkeiten, die uns die Großstadt bietet, in Anspruch nehmen zu können. Dieser erste und überwältigende Eindruck von der baulichen, räumlichen und ins Komfortable neigenden Veränderung, die meine Bewunderung und meine Bedenken gleicher maßen wachrief, glitt bald ins Selbstverständliche. Mein nächster Blick galt der geistigen und kulturellen Eni Wicklung; es war beglückend, zu erkennen, wie dieser Schritt hielt mit der allgemeinen, und wie man sich vor nahm, das Ziel höchster geistiger und künstlerischer Kultur zu erreichen. Mit den immer größer werdenden Anforderungen wuchs die Leistung und diese veredelte und verfeinerte den Geschmack eines Publikums, das in Palästina ausnahmslos alle Schichten der Bevölkerung umfaßt. Eben diese große Anteilnahme einer Gesamtbevölkerung an allen, auch künstlerischen Geschehnissen, er möglichte in diesem kleinen Lande, und in dieser schweren Zeit einer Unzahl von Künstlern, Musikern, Schriftstellern, Tänzern, Regisseuren eine nicht nur geistige, sondern auch materielle Existenz. Träger und Bringer dieser Kultur waren und sind noch heute die großen hebräischen Dichter des Landes, die, wenn auch in verschiedenen Richtungen und Anschauungen verankert, stets heroisch-ernst, höchste Stufe geistiger Kultur erreichten. Zentrum höchster Theaterschöpfung ist das Theater (Habima). Konzessionslos, mit aufopfernder ßelbtszucht und fanatischer Hingabe lenkten es die Leiter und Mitarbeiter durch die für Palästinas schwerste Zeit, und so sind sie heute nicht nur Führer im eigenen Land; sie stehen mit an der Spitze führender Welttheater. Innerhalb dieser Zeit reiften die Kleinkunstbühnen, jetzt satirische Theater „Matateh" und vor allem das Arbeitertheater „Ohel". So erfreulich nun die Tatsache ist, daJJ führende Kunstinstitute und Künstler nicht nur ihren Platz behaupteten, sondern sich weiterentwickelten, erlebte ich den Beginn der Erfüllung eines von allen in Palästina lebenden Menschen lang gehegten Wunsches, das Auftauchen neuer Ideen, neuer Impulse, nicht nur vom Ausland importiert oder geborgt, sondern angeregt und geschaffen von einer neuen Generation — gewachsen im Land oder hineingetragen in die „Wahlheimat" Palästina. Bildungs- und Kunstinstitute entstanden, Musikhochschulen, eine Malerakademie unter der Leitung des Pariser Malers Mocadi, zu den schon bestandenen Gymnastikschulen und Schulen für künstlerischen Tanz gesellten sich neue und modern geführte, auf Grund einer bereits herangewachsenen Musikerschaft gründete man die erste Orchestervereinigung unter der Leitung gediegener Dirigenten, die ihr Auftreten mit der Aufführung der Neunten Symphonie von Beethoven einleitete und Bronislav Huberman das erste Konzert mit Orchester ermöglichte. Aber somit ist der zu verzeichnende Fortschritt noch lange nicht zu Ende. Im engsten Zusammenhang mit diesem muß an dieser Stelle einigen aus Deutschland emigrierten jungen Künstlern nicht nur Erwähnung J getan, sondern Dank gesagt werden für intensive und oft auch mutige künstlerische Initiative und Leistung, die ihnen rasch die berechtigte Anerkennung brachte und den allgemeinen Wunsch wachrief, sie für ständig an das Land zu binden. An erster Stelle steht hier der Regisseur Alfred Wolf. Dieser junge, mit den großen Gaben ungewöhnlichen Theaterinstinkts, Phantasie und seltener Intuition, aber auch mit dem großen Ernst künstlerischer Verantwortung ausgestattete Regisseur und Schriftsteller, wagte den Sprung nach Palästina, in einer Zeit, in der seine Zukunft in Deutschland durch besondere Erfolge und Anträge gesichert schien. Ein Antrag des Arbeitertheaters „O h e 1" kam seinem langgehegten Wunsch, in Palästina schaffen zu können, entgegen. Mit der ihm eigenen Vitalität, ja mit „göttlichem" Leichtsinn kündigte Wolf, damals vielleicht schon ein Jahr lang als Dramaturg des „Deutschen Lichtspielsyndikats" (vorher am Theater Frankfurt am Main usw.) tätig, seine Verträge und traf Mitte März 1933 in Palästina ein. Wie immer, löste auch diesmal das Auftauchen einer neuen künstlerischen Persönlichkeit spannungsvolle Erwartung aus. Wolf machte sich die Sache nicht leicht und hatte es auch nicht leicht Es waren in der letzten Zeit gute Regisseure in das Land gekommen und die hatten dem Publikum Sinn für Quali tät beigebracht. Seine erste Inszenierung war die ,,D reä- Groschen-Ope r". Diese Uraufführung für Palästina löste im ganzen Lande stürmische Begeisterung aus. Wolfs Inszenierung brach mit allen alten Traditionen. Sie brachte dem Arbeitertheater „Ohel" (dessen Ensemble sich wohl aus sehr begabten, nicht aber, wie schon der Name Arbeitertheater besagt, aus so großen künstlerischen Persönlichkeiten und durchaus Berufsschauspielern zusammensetzt, wie beispielsweise bei der Habima) einen ungewöhnlichen Erfolg, der nicht nur in der Presse anerkannt wurde, sondern auch durch eine selten große Zahl von Aufführungen bestätigt wurde. Das ganze Land erklang Monate hindurch von den bekanntesten Melodien, diesmal in hebräischer Sprache. Abraham Slonski hatte durch seine ausgezeichnete, in diesem Falle besonders schwierige Uebersetzung einen großen Anteil an dem Gelingen und dem Erfolg dieses Werkes. Diese erste geglückte Inszenierung lenkte mit einem Schlag die Aufmerksamkeit aller Interessierten auf Alfred Wolf, und bald gab es keine große künstlerische Aufgabe im Land, zu der man ihn nicht als Regisseur oder zumindest als geistigen Mitarbeiter berief. Aber Wolf wollte aus dem Geist des Landes schaffen und erfüllte, getrieben von diesem Wunsche und getrieben von der rasch erwachten Liebe für das Land — das ihn Neues, Großes und fremde Schönheit ahnen ließ — alle dafür notwendigen Voraussetzungen. Die rasche Erlernung der hebräischen Sprache kam ihm dabei besonders zugute. Einen Beweis für seine ungewöhnliche Einfühlungsgabe erbrachte er auch, als er nach ganz kurzem Aufenthalt in Palästina mit einem verblüffenden Gefühl für den eigentümlichen Rhythmus des Landes in bezwingender Knappheit das Wesentlichste und speziell für den „Emek" Charakteristische in die schlichten Worte: „Erde, Arbeit, Liebe" einfing. Dieser Text, den er zu einer „Horra" schrieb, wird von alt und jung gesungen und das kleine, einfache Lied hat nahezu die Popularität einer Nationalhymne erreicht. Nach der Inszenierung der ,Drei-Groschen-Oper" schuf Wolf „Arbeiter-Festspiel", eine Synthese von Wort, Tanz, Chor, Film und Radio. Ebenso gelang ihm die Neugestaltung des berühm ten und traditionellen Haifa-Festspieles „C nag-Hab ikurim". Er bereicherte das vom Regisseur Möschen HaleVy geschaffene Kammerspiel durch die biblische Legende „Ruth", die A. Slonski für diesen Zweck dramatisierte. Das Schauspielerensemble des „Ohel", das unter der Leitung Halevys um diese Zeit eine von geradezu triumphalen Erfolgen begleitete Welttournee ab solviert, mußte durch ein vollständig neues und auch zum größten Teil aus Laien und sonst Spielfreudigen (Be setzung des Chors und kleineren Rollen usw.), ersetzt werden. Im „Chag-Habikurim" zeigte Wolf sein Verständnis für die Spielfreudigkeit und oft verschleierte Begabung der Jugend, so daß auch dieses Festspiel zu einer bewundernswerten Leistung wurde. In diesen Tagen bringt Wolf die mit großer Spannung erwarteten Festspiele in „Ben-Schemen" und „Kinereth" zur Uraufführung und arbeitet gleichzeitig an der Zusammensetzung eines neuen Theaterensembles, das von vielen jungen, begabten, aber unbeschäftigten Schauspielern so sehr ersehnt wird, die in Wolf ihren geistigen Führer erblicken. Ein erfreuliches Ereignis bildete auch die diesjährige Uraufführung einer „Kammer-Oper" durch die Regisseure Frank und Dr. Sommerfeld. Die schwierige und mutige Bemühung, die die Leiter bloß an die Gestaltung des vollkommen neu zu bildenden Opernensembles anwendeten, hatte durchschlagenden Erfolg. Palästina brauchte solch eine musikalisch-künstlerische Bereicherung. Die diesjährige Saison beschloß „Habima" durch die .Uraufführung des Dramas „Professor Mannheim" von Hans Scheer. Ueber die großartige Aufführung dieses Reportagostückes, für die vor allem der bekannte deutsche Regisseur Lindberg verantwortlich zeichnet, liegen enthusiastische Berichte vor. So ist Palästina das glückliche Land, wo kulturelle Bestrebungen und ein Aufstieg in Dingen der Kunst und Empfangsbereitschaft möglich sind, weil eine begeisterungs- und kritikfähige Gesellschaft begeisterungsfähigen und aufwärtsstrebenden Künstlern die Waage hält. Große Not unter den Pariser Emigranten Wie das „Pariser Tageblatt" meldet, fand eine von einigen Hundert Emigranten besuchte Versammlung statt, bei der über die Lage der Pariser Emigranten beraten wurde. Seit das „C o m i 16 National" seine Tätigkeit eingestellt hat, verschlechterte sich zusehends die Lage der Emigranten. Es wurde darum von diesen eine Kommission eingesetzt, die Verhandlungen über Weiterführung der Emigrantenfürsorge führte. Diese Kommission hat auch mit dem „A m e r ican Joint" Fühlung genommen, der bereit ist, das weitere Hilfswerk zu finanzieren, aber dies von der Erfüllung bestimmter Bedingungen abhängig macht, die darin bestehen, daß von französischer Seite ebenfalls neues Geld gegeben werde und daß die künftige Arbeit auf konstruktiver Basis vor sich gehe. Die leitenden Persönlichkeiten des „American Joint" seien der Ansicht, daß bisher mit falschen Leuten und nach falschen Prinzipien gearbeitet worden sei und daß die vorhandene« Mittel nicht richtig verteilt worden wären. Der „Joint** arbeite aber prinzipiell nur auf dem Weg über die Landes-« oganisationen, in Frankreich also mit dem „Comlte National", dessen Wiedereröffnung darum unter allen. Umständen zu fordern sei. Die Versammlung nahm eine Entschließung an^ in der die Wiederaufnahme der Tätigkeit des „Comitej National" gefordert wird. Empfehlenswerte Firmen Restaurants, Cafes etc. Hotcl-Kcstaurant „Stephanio", II., Taborstraße 12. Vor-t zügliche Wiener Küche. Speisen am Kost. Menü ab S 1.60. Tägi lieh frische Fische. Restaurant Billet, vorzüglicho streng orthodoxe Küche, II., Hammer-Purgatall-Gasse, bei Salztorbrücke. Cafd-Bestaurant Kdison (Inn. Fleischmann), VIII., Alser-» Straße 9, Tel. B-43-0-47, E-43-0-86. Cafe-Restaurant Espresso, I., Jtotenturmstraße 1. Inter* nationale kalte und warme Küche. Menüs zu billigen Preisen. Caf6 Schottentor, I., King des 12. November 10, Telephon U-26-5-90, vis-ä-vis der Universität. Restaurant Max Lazar, vorzügliche, streng orthodoxe Kücho und Selchwaren. II., Untere Augartenstr. 19. Tel. A-41-8-12. Cafd-Konditorei Ncumann, II., Gredlerstraße 2 (Telephon A-42-3-81), III., Löwengasse 47 (Tel. U-10-5-78). - ... . 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