Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 387 (3.8.1934)
- Date
- 1934-08-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 DIE NEUE WELT Nr. 387 Itschke, der fliegende Krawattenhändlei Ein Bild aus dem jüdisch-amerikanischen Gesdiäftslebzn Von Wolf Gelbard (New York) „Also, dabei bleibt es'*, beschlossen die Familienmitglieder, die siekommen waren zu sehen, was man für Itschke Inn könne. Itschke ist schon lange arbeitslos, und so muß man davon leben, toas die zwei Mädchen verdienen. .M ir leihen dir etwas Geld und weisen dich an eitien bekannten Konfektionär, der dir billig Krawidten verkaufen ivird, und wie er sagt, kannst du an jeder Kratvutte 10 Cent verdienen. Wenn viele tausende Menschen in den lärmigen Straßen von New York Geld verdienen, wirst auch du verdienen. Die Hauptsache: sichnicht scluimen. Lebhaft die Ware ausrufen, die du zu verkaufen hast." Itschke war sein Leben lang Arbeiter, und Handel ivar ihm nicht bloß fremd, sondern er hallo auch eine getvisse Angst, iveil er ein stiller Mensch war. In den letzten Jahren war er mehr zu Hause als bei der Arbeit; schon fast ein Jahr, daß er keine Aibeit finden konnte. Und darum war er wie vor den Kopf gestoßen und hatte vor sich, selbst und bei Weib und Kind an Ansehen eingebüßt. .\un. da die Familie daherkam, ihm mit ein bißchen Geld aushalf und ihm das Geschäft geradezu in die Hand gab. durfte er nicht ablehnen. Zerbrochen und in seinen eigenen Augen gefallen, wurde er durch ihre Reden zum Glauben gebracht, daß er das, was fi^'ere können, auch leisten werde. Mit diesem Gh.u7 en an sich begab er sich zum Konfektionär, der Him zwei Kartons Krawatten in allerlei Mustern und Farben gab und. wie die Familie ihn instruiert hr.tle ging er mit dieser Ware auf die?. Avenue zwischen der 36. und 57. Street. In eine Gegend, ivo weder zu reiche noch zu arme Leute wohnen. Sach der Anweisung des Fabrikanten hatte er hi'i und her zu spazieren, dauernd auf einem Fleck ste'-en. würde der Policemun nicht gestatten. So hieß es also sich dem Kunden in die Augen werfen und die Ware ausrufen. Es begann an einem Sabbatm -? gen. eine halbfeiertägliche Menge kam dicht dreier, als Itschke .mit seinen zwei Bündeln Krawr.tleri sich postierte; eines lag auf der linken Hand, das andere auf der Schulter. Als er das Haus verließ, faßte er Mut und gewann festen Glauben an sich, da ihm doch seine Familie, wie zweimal zwei — vier, bewiesen hatte, daß er verdienen und sich in den Handel einleben we;de. Aber sobald er zur?. Avenue gekommen war und seine Ware ausrufen sollte, brach etwas in ihm zusammen. Er bekam das Gefühl, daß die Kunden j an seiner Kleidung und an seinem Gehaben erkennen würden, es wäre sozusagen Pflicht und Sluldigkeit, bei ihm eine Kraroatte zu kaufen. Das Blut stieg ihm ins Gesicht und er senkte instinktiv den Kopf, als würde jeder Vorübergehende mitleidig auf ihn blicken und ihm aus Pflichtbewußtsein eine Krawatte abkaufen. Als er wieder aufblickte und merkte, daß die Vorübergehenden vom Strom der Straße getragen werden und ihn kaum bemerken, riß ihn wieder ein neues mutoolles Gefühl empör und im Gedanken an die Ver ..Mister, heben Sic Ihren Kopf höher und rufen Sie Ihre Ware lebendiger aus, sonst wird Sie keiner hören!" Und der jüdische Kaufmann ivählte ohne viel Umstände drei Krawallen aus, steckte Itschke einen Di Hur zu und ging weder. Itschke wollte ihm nachrufen, daß ihm noch ein Viertel Dollar Rest gebühre, da doch eine Krawatte bloß 25 Cents kostet, aber jener ivar bereits im Menschengewühl verschwunden. Die Begegnung machte ihn wirr. Jener Mann hatte ihm wohl aus Mitleid den Dollar hingeworfen. Oder sollten solche drei Krawatten für einen Dollar ein Geschenk sein? Itschke warf einen Blick auf seine Jl ure und kam zur Ueberzeugung, daß es wirklich schöne ..//es" sind. Mit ein wenig mehr Mut begann er seine Krawatten auszurufen, zehn Schrille her und zehn Schritte hin gellend, aber niemand blieb stehen, niemand blickte ihn an. Eine halbe Stunde später machte wieder ein Mann in mittleren Jahren halt, der irgendwie wie ein Jude oder wie ein Italiener aussah, zuerst hinblickte. hierauf zu ivählen begann, bis er sich schließlich, für eine Krawatte entschloß, aber durchaus nicht mehr als 20 Cent geben wollte. Mehr als eine Stunde ging dahin, die Sonne brannte, es wurde Itschke (rocken im Mund, er fühlte sich müde und zerschlagen. Mit einem Mal, wie aus der Erde geschossen, machten zwei jüdischamerikanische junge Leute nicht weit von ihm halt, stellten einen kleinen Laden uiif und legten Krawatten in den grellsten und schreiendsten Farben hin. ivobei sie ohne Unterlaß und in einem Atum bis zum Tleißenverdcn schrien: ..Ties for fifteen c.ents! yes, Sir Yes, Sir. for fifteen centsl Sie können die Kraroatte anzünden, sie wird nicht Derbrennen! Sehen Sie her, wir zünden sie an! Sie können sie drehen toie einen Strick, sie wird nicht zerknittert! Sie ist reine Seide, die beste Seide. Yes. Sir, schauen sie her. eine Dollar-Krawatte, bloß für fifteen cents!" So riefen die zwei jüdischen Amerikaner und hielten die Krawatte mit den schreienden und grellen l arben den Vorbeigehenden vor die Augen hin. All das lockte die Menge. Man blieb stehen, wurde neugierig, sie mögen doch einen Blick hinwerfen! Es sei kein Bluff! Sie zünden die Krawatten an und sie brennen nicht. Sie drehen sie ivie einen Strick und sie bleiben glatt wie ein Spiegell Und während die Jungen weiter schreien, beginnt einer eine Krawatte zu wählen, ein zweiler und ein dritter und rasch werden die Krawatten eingepackt und die Menge staut sich und dreht sich rings um die Verkäufer und um die grellen Kruivatten, so daß nach kurzer Zeit der Laden mit den „lies" leer geworden ist. Plötzlich wird es still, der Laden wird weggeräumt, einer der beiden hat ihn über die Schulter gelegt und beide sind im Begriffe, abzuziehen. Wie der Policemun sich genähert, sind die beiden in die Seitengasse getreten. Ilschke, der gesehen hat, wie die beiden kunstfertig und schnell ihr Geschäft abgewickelt hüben, hat Mitleid mit sich selbst be~ GRABSTEINE FRIEDLÄNDER & DEUTSCH Wien, l. Bez., Seitenstetiengasse2, Telephon ü-28-U2f Xt..Zenttal1rietihof rieft, rf. 1. 7o>. Ipteohon U-1*-0 S5 haltungsmußregeln. die ihm seine Familie mitj kommen und mit seinem elenden und erbarmungs gegeben hatte, stellte er sich in Positur und rief aus: ,.IIandmade des! The best and cheup!" Der Menschenstrom zog weiter, wie bisher, kaum daß er ihn bemerkte und es wurde ihm klar, daß seine Ausrufe von den rasenden und sausenden Automobilen und Lastwagen verschlungen wurden, bis er wieder zu dem Ruf ansetzte: ..Neck-lies, handmude. the best and cheup! Billig, billig! Kauft Neckties, Krawatten, billig!"" „Mister", hielt ihn ein jüdischer Geschäftsmann an, der mit dem armen Itschke Mitleid bekam, Trauer? und Trosffreden „Sefer divrei hesped vetanhume avellra bekitvei Iiakc<Iesch, betalraud umedrasch." Der Rabbiner und Oberlandesprediger Dr. Zeraach Rabbiner (Sofia) hat im Selbstverlag eine großangelegte Sammlung und nach den Traktaten geordnete Zusammenstellung der in Bibel, Talmud und Midrasch vorkommenden Trauer- und Trostreden üb.nhervorragende Männer Israels aus der biblischen und talmudischen Epoche (mit den dazugehörigen berühmten Kommentatoren) erscheinen lassen. Das Werk ist auch von einem neuen Kommentar unter dem Namen Or-Chatlasch begleitet. Herr Dr. Z. Rabbiner (Sofia, Ul. Isker37) ist bereit, Buchhändlern und Wiederverkäufern auf das Werk, das im Original 3 Dollar kostet, einen entsprechenden it :>.- b a 11 zu gewähren. Dieses Buch von dem genannten Verfasser wird von den größten talmudischen Kapazitäten als ein äußerst nützliches, ideenreiches und für Jeden Prediger unentbeh-'•-'!•'■! Handbuch wann empfohlen. ivürdigen Krämerhandel. Nach der Leistung ivelche die beiden neben ihm vollbrachten, hat er keinen Mut mehr, den Mund auf zutun. „Schade das Sichhier-herum-schleppen, eine aussichtslose Sache, hier zu warten, bis jemand aus Mitleid etwas abkauft .. .'* Müde, hungrig und zerschlagen schleppt sich Itschke zur Untergrundbahn, um nach Hause zu fahren. Die Konkurrenz mit den zwei tüchtigen Jung-Amerikanern in der?. Avenue kann Itschke, der Arbeitslose, nicht aufnehmen. Eine freudige Sensation! Montag begann die berühmte „Sommer-Sensation" in SchJffmanns „Warenhaus der Sparsamen", mit weit über 100 Sensationsangeboten in allen Abteilungen. Alle Sparsamen Wiens werden gerne diese einzigartige Gelegenheit benutzen, ihren Warenbedarf zu wirklich sensationell billigen Preisen zu decken. 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