Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 383 (20.7.1934)
- Date
- 1934-07-20
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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*s DIE NEUE VVELI Nr. 383 w Ein Tag in der Je§duwa von Montreux In Montreux am Genfer See (Lac Leman), zwischen der Völkerbundresidenz Genf und der Stadt der Friedenskonferenzen und Kongreßc, Lausanne, stößt der jüdische Bummler auf eine wunderliche Erscheinung. Man verläßt den Dampfer, der zwischen Lausanne-Ouehy und Genf im Sommer jede Stunde verkehrt, um nebst den idyllisch schönen Orten Nyon, Prangins, Clarans, Vevey am rechten und linken Ufer des Genfer Sees auch Montreux zu sehen. Man wandert durch die blitzsauberen Straßen GRABSTE FRIEDLÄNDER & DEUTSCH Wien,!.Bez., Seiienstettengasse2, Telephon U-28-J-28 XL.Zentraltriedhof. neb.d. 1. Tot, Telephon U-18-0-85 dieses Weltkurortes mit südlichem Klima zwischen Luxushotels, eleganten Kaffeehäusern, modernsten Kinos und Geschäften mit prächtigen Schaufenstern und erfährt durch Zufall, daß sich in dieser Stadt, wo unter rund 20.000 französischen Schweizern höchstens 15 jüdische Familien ihren Wohnsitz haben, eine Jeschiwa befindet. Man traut seinen Ohren nicht. Ist es möglich?? Eine Jeschiwa in Montreux! Eine Jeschiwa in der Schweiz! Welches Wunder! Das Interesse und die Neugierde lassen den jüdischen Globetrotter nicht ruhen, bis er diese Jeschiwa besucht hat. Bergauf zwischen herrlichen Villen und Palästen, die von gutgepflegten Obstgärten und Weinplantagen umgeben sind, schweift der Blick über den Genfer See jenseit3 der Grenze nach Frankreich hinüber, wo in einer Entfernung von etwa 20 Kilometer Luftlinie der schneebedeckte Gipfel des Montblanc, des höchsten Berges in Europa, in der Sonne zittert. Die Gedanken des jüdischen Bummlers gehören aber nicht dem Gipfel dos 4900 Meter hohen Montblanc, obwohl dieser in der Sonne seine ganze majestätische Pracht entfaltel und zu Bewunderung geradezu zwingt, sondern der Jeschiwa. Nach einer halbstündigen Wanderung hört man aus der Ferne den aus der Kinderzeit vertrauten Singsang, die Talmudmelodie, die man einst selbst im Cheder und Beth-Hami drasch gesungen hat. Man steht vor der Villa „Quisisana", die einige Jahre der Exkönig Amanullah von Afghanistan mit seiner Gattin bewohnt hat, um im Exil über die Vergänglichkeit des Glücks nachzudenken. Im Jahre 1926 hat Rabbi Eliahu Botschko aus Litauen, ein Jünger der Jeschiwa Slobodka, der vor Jahren im südlichen Klima von Montreux Erholung von Krankheit suchte und dort dann sein Domizil aufgeschlagen hatte, die Idee gefaßt, eine Jeschiwa zu gründen, um der Areligiosität und Am Haarazuth (lgnorantentum) der Juden in der französischen Schweiz entgegenzuwirken. Man lachte Rabbi Eliahu Botschko aus, man spottete über diesen „v/eltfremden Idealisten und unpraktischen Menschen", der, anstatt seine Gedanken aufs Geldverdienen zu konzentrieren, so „untüchtig" sei, sich mit solch phantastischen Plänen herumzutragen, zumal in einer solch unsentimentalen Epoche, in der wir leben. Rabbi Botschko kümmerte sich um kein Gelächter und kein Gerede, die Jeschiwa wurde bei ihm zur fixen Idee. Aus eigenen Mitteln errichtete er sie, aus eigenen Mitteln erhielt er sie jahrelang, anfangs klein, bis zu ihrer heutigen Bedeutung, wo sie Subventionen aus aller Welt erhält und aus Beiträgen der Bachurim sich selbst erhalten kann. * Die Jeschiwa zu Montreux wird viel besucht und viel besungen. Sie, deren Gründung von vielen verlacht und verspottet wurde, ist heute eine Tatsache, über die niemand mehr hinweggehen kann, wie er sich auch zum Jeschiwa-Problem in der Schweiz, sei er orthodox oder freisinnig, stellen mag. Die kleine Thora-Republik auf „Quisisana" umfaßt gegenwärtig einschließlich der Gäste, der vorübergehenden Kursteilnehmer und der Ferienkinder samt den Lehrern und Dozenten knapp 80 Seelen. Der Schule steht der Schöpfer und Leiter Rabbi Eliahu Botschko vor. Der Lehrbetrieb ist so intensiv wie in irgend einer Jeschiwa Litauens, Polens, der Slowakei oder Karpathorußlands, beginnt morgens schon zwei Stunden vor dem Gottesdienst und reicht bis in die tiefe Nacht hinein. Es ist aber dafür gesorgt, daß die älteren und jüngeren Schüler einige Stunden im Tag bei Sport und Spiel Entspannung finden. Ein freier Nachmittag ist für Ausflüge und Schwimmen bestimmt. Hatte sich die Jeschiwa ursprünglich in ihren Kampf- und Werde jähren ausschließlich auf die Gemara zurückgezogen, ohne einen fremden Lufthauch durch die hermetische Abgeschlossenheit hereinzulassen, was vielfach Kritik herausforderte, so fühlt sie sich heute stark genug, um ein Fenster nach außen zu öffnen. Tanach- Kurse werden abgehalten und ein eigener Dozent wurde für jüdische Geschichte gewonnen, der hauptsächlich in der Ferienzeit wirkt. Sowohl der Tanach- Unterricht wie das Geschichtsstudium dienen als Ergänzung des Lernbetriebes. Einige reife Schüler obliegen zugleich an gewissen Stunden des Tages ihren Studien an der nahen Universität Lausanne, * Die Zusammensetzung der Jeschiwa schlägt in ihrer bunten Vielfalt wohl einen Weltrekord. 14 Länder sind vertreten. Die Majorität dürften die Deutschen stellen, aber das Gepräge geben der Jeschiwa die Franzosen aus dem Mutterlande und die aus dem Elsaß. Ungarn, Tschechoslowakei, Rumänien und nicht zuletzt die Schweiz sind gut vertreten. Auch England und Holland fehlen nicht und ein Südafrikaner ist angemeldet. So verschieden nach Landsmannschaft, so bunt ist die Besatzung nach Alter, Herkunft und Vorbildung. Im sogenannten „K ibbuz" sind Schüler, die zu den obersten und besten Jüngern in Telschi, Mir und Radin gehörten. Die Dozenten Salomon Hamburger aus Berlin (ein Urenkel von Chatam Sofer), Bumstein au3 Radin als Lehrer und der Leiter Botschko selbst lehren nach der litauischen Methode. Bis zu den Kleinen ist fast jeder, Lehrer und Schüler, gleichgestellt, und alles fügt sich harmonisch ein. Bei Tisch, bei den Vorträgen oder Veranstaltungen kann man den kleinen Franzosen aus der elsässischcn Mittelschule neben dem fertigen Doktor der Philologie aus London, den Abiturienten aus Deutschland neben dem Reverend aus Amerika sehen, der eigens hergekommen ist, um sein talmudisches Wissen zu erweitern. Es ist bei aller buntfarbigen Mischung ein Bild von höchster Harmonie, Uber dem die leitende und liebende Hand eines Mannes ruht, der sejine Seele in dieses heilige Werk hineingelegt hat. Die größte Leistung dieser Jeschiwa, die beinahe ans Wunder grenzt, besteht darin, daß sie hinter den Bergen am jenseitigen Seeufer in Frankreich einen Teil der jüdischen Jugend aufgerüttelt, sie zu Thora und Talmud angeregt hat, und es scheint, als erwachten sie dort von ihrem "bald tausendjährigen Schlummer. Sie kommen aus Frankreich nach Montreux, wie einst zum großen Kommentator Raschi aus Troyes in Südfrankreich, der in Worms am Rhein in der Jeschiwah lehrte. Man muß gesehen haben, wie die jungen Kinder von drüben mit der Bahn, mit dem Schiff und auch zu Fuß, zum Teil in ihrer französischen Pfadfindertracht, mit ihrem leichten Gepäck hier anmarschiert kommen und sich schon nach wenigen Tagen so eingelebt haben, als hätten sie nie etwas anderes gesehen. Es gibt auf der Villa „Quisisana" in Montreux Jünger genu,~. welche die Auseinandersetzungen von Ra.w und Schmuel Rawa und Abaje auch in klassischem Französisch zu verdolmetschen vermögen. Die Melodie bleibt die gleiche. * Die Jeschiwa in Montreux behält ihren eigenen Charakter durch das Internat, das ihr ein großes Maß innerer Geschlossenheit, auch Abgeschlossenheit sichert. Die dreißig Betten in der Villa „Quisisana" reichen bei weitem nicht mehr aus. Ganze Stadtviertel im oberen Teil von Montreux sind morgens und abends von Bachurim belebt, die aus ihren Quartieren kommen oder dahin zurückkehren. Im Volksmund heißen diese Bachurim „die Botschkos", nicht mit Unrecht! Selten wo in der Welt hat der Talmudjünger neben seinem Lehrhaus zugleich auch ein Heim wie in Montreux. Der Bachur, der älteste wie der jüngste, findet zu jeder Stunde des Tages und des Abends eine offene Tür ins Haus und zum Herzen des Rebben und noch mehr der „Rebbezin", die in gleich hohem Maße Mutter der Jeschiwa ist, wie Rabbi Botschko ihr als Vater vorsteht. Ein Freitag-Abend im vollbesetzten Haus des Jeschiwa-Lehrers unten am Hang des Genfer Sees ist ein Erlebnis, das man nicht so bald vergißt. Mit den besten Eindrücken und voll Bewunderung für den Schöpfer der Jeschiwa und seine aus 14 Ländern stammenden Jünger verläßt man die Villa „Quisisana". Der Singsang klingt lange nach, bis er sich langsam verliert; dann erst kann man den schneebedeckten Montblanc in seiner vollen Pracht bewundern. Aber der Tag geht rasch zur Neige, die Sonne verschwindet hinter den französischen Alpen, im hellen Licht der elektrischen Bogenlampen erstrahlen Städte und Dörfer am stolzen Genfer See,,, Jakob Josefsberg (zzt, Tel-Awiw), Wir erhalten folgende zwei Zuschriften: Güterverkehr nadi Palästina Im Interesse der wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Palästina und Oesterreich bitte ich Sie, folgende Anregung zu veröffentlichen: Die Österreichische Donau-Dampfschiffahrtsgesellschaft hat im Monat Juni einen direkten Verkehr für Güter von Wien nach Konstantza und von hier mit rumänischen Dampfern nach Haifa eingeführt. Die Beförderungsdauer ist kurz,1 die Schiffsrate billig, jedoch gilt der Verkehr nur in der Richtung von Oesterreich nach Palästina. Der Grund dieser Einseitigkeit ist nicht einzusehen und es wäre zu bedauern, wenn der Schiffsverkehr nicht auch von Palästina nach Oesterreich in derselben Weise eingeführt würde. Ich hoffe, daß meine Anregung mit Hilfe Ihres weitverbreiteten Blattes Erfolg haben wird. gez. Menuhim Haratan (Tel-Awiw), Kurse für soziale Tätigkeit Infolge der wachsenden und andauernden Not der jüdischen Bevölkerung ist der Aufgabenkreis der Kultusgemeinde erheblich gewachsen und erfordert auch einen tüchtigen und geschulten Beamtenapparat. Um diesen heranzubilden, wäre ein zweijähriger Kurs zur Erwerbung aller Art von Kenntnissen notwendig, die sich auf die moderne soziale Tätigkeit beziehen. Zur fachmännischen Ausbildung gehören meiner Ansicht nach: Fragen der produktiven Hilfsmaßnahmen für Arbeitsfähige, Arbeitslose und Kurzarbeiter; produktive Darlehensaktion; Jugendfürsorge; Umschichtung der Jungen und der Erwachsenen; Fragen der Innenkolonisation und der Auswanderung; Krankenversicherung; Krankenfürsorge, Ausspeisung und Wohnungswesen; Probleme des Budgets und der Finanzen; schließlich eine geschichtliche Darstellung der sozialen Tätigkeit der Juden in der ganzen Welt. Der von mir vorgeschlagene Kurs sollte sowohl für die auf sozialem Gebiet Vorgebildeten als auch für diejenigen, welche sich erst einer solchen Tätigkeit widmen wollen, obligatorisch sein. Die Kursleiter müssen selbstverständlich aus berufenen Fachleuten bestehen. Es wäre wünschenswert, daß das Präsidium der Kultusgemelnde sich mit diesem Vorschlag befasse. Hochachtungsvoll Josef Kleinmann Wien IX. Strohwitwer Achtung! Der beliebte Treffpunkt aller Strohwitwer ist das Restaurant Hotel Stefanie, Wien, II., Taborstraße 12, der durch seine vortreffliche Küche bei billigen Preisen und durch den angenehmen Aufenthalt im schönen und schattigen Garten eine große Anziehungskraft ausübt__ E Jüdischer AngeHtelltenverbantl „Kmunuh", II., Taborstraße 1|47. Ein Ferial-HebrUischkurs für Anfänger wird nilchste Woche unter Leitung eines bewährten Pädagogen beginnen. Einachreibungen und Auskünfte Montag und Mittwoch zwischen 8 und 0 Uhr abends. I. W. S. V. Haganah, IX., Nußdorferstraße 16. 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Israelitische Kultusgemelnde Wien An * die mit Fremdenverkehrswerbung betrauten Stellen kommen häufig Anfragen, welche die Unterbringung von jüdischen Ausländern als paying guests (zahlende Gäste) in Wiener und österreichischen jüdischen Familien zum Gegenstande haben. Jene Familien, welche hiefür Interesse haben, werden ersucht, Namen, Adresse und Ansprüche (Pensionspreis) der Amtsdirektion der Israelitischen Kultusgemeinde, Wien, I., Seitenstettengasse 4, III. Stock, bekanntzugeben, welche diese Adressen unverzüglich an die kompetente, Stelle weiterleiten wird. Restaurant ROTH " »♦ ™ C**M •■■■» v ■ ■ ■ Talcphon R.47-0-41 empfiehlt seine reichhaltigen Menüs: Suppe. Brate», Gemüse, Mehlspeise............S 1.30 Suppe, Braten oder V, Huhn, Gemüse, Kompott, Mehlspeise S 1.60 Kalos* und Rindsbraten ä la carte.........90 Groschen 10 dkg. gebratanes Gansl..............60 Groschen Hotel-Restaurant Smetana-Luhacovice 50 Zimmer mit kaltem und warmem fließendem Wasser. — Erstklassiges Restaurant und Cafe\ — Streng rituelle Küche. — Bethaus im Hause. — Angemessene Preise! Eigentümer. Verleger. Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Oberbaurat Robert Stricker. — Druck; Druckerei« und Verlags-A^G, luuus. Slcimnann, beide Wier% ' " IX, KniverfitÄtsatröße