Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 369 (31.5.1934)
- Date
- 1934-05-31
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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§ßite 3 DIE NEUE WELT Nr. 369 Das Belllerpaar Von S. Schneur Einmal, bei Frühlingsbeginn, verspätete sich Bonze auf ,,seiner Ecke" um ganze zwei Stunden. Seine Gewohnheit war, um acht Uhr früh zu kommen, er kam aber um zehn. Als er angefahren kam, sah er zu seinem großen Leidwesen, daß auf seiner Ecke irgend eine Frau in Lumpen dasaß und, die Hand ausstreckend, mit wehleidigem Gesicht in der Taubstummensprache bettelte: ,,Uh — uh — be — mete — mete." Bonze entflammte vor Zorn. Auch Bettler haben Solidarität, auch Bettler haben Statuten. Jeder Schnorrer hat „seine Ecke". Und da — da sitzt plötzlich ein solches Aas, hat man so was gehört? Bonze kam mit seinem „Reitwagen" angeflogen wie ein Pfeil aus dem Bogen und gab seiner Konkurrentin mit der Krücke einen Puff: Weg von hier! Weg da! Hier sitzj* ich ... ich ... ich ... Bonze klopfte sich dabei mit der rechten Krücke aufs Herz, „Uh — uh — mete — mete", gurgelte die Stumme das Ihre und guckte Bonze und sein Wägelchen an. Bonze sah ein pockennarbiges Geschöpf mit einem gesunden grauen Auge vor sich. Das andere Auge war blind und ganz mit dem Weißen verlaufen. Und dieses sonderbare Paar Augen blickte mit vielsagender und offener Feindschaft auf Bonze — gar nicht wie bei einer Stummen. Bonze bekam mit einem Male Respekt vor dem halb blinden, halb sehenden Blick, rückte sich erregt auf seinen vier Rädern zur Seite und begann, wie immer, in seiner Lesart zu betteln: „Habt Erbarmen mit einem Krüppel, ohne Füß'... habt Erbarmen!" ,,Uh — uh — be — mete — mete", plapperte seine Konkurrentin und streckte jedem Vorübergehenden die Hand hin. Den ganzen Tag wollte Bonze schier platzen. Alle Almosen fielen nur zu ihr hin, hur zu ihr. Er, Bonze, war schon allen Passanten gut' bekannt. Er "hatte schon allen die Augen stumpf und die Ohren taub gemacht mit seinem alten Wägelchen und seinem alten Lied. Die Stumme aber war etwas Unbekanntes. Die Wirkung war neu, daher rollten alle Groschen nur ihr zu. Und Bonze ritt den ganzen Tag mit seinem Wägeis chen herum, hin und zurück, jagte nach dem, jagte nach jenem und bekam nicht mehr als fünf Kopeken zusammen. Wütend bemerkt er stets, wie die Stumme bekommt und bekommt. Und bei jedem Groschen, den sie erhielt, drohte ihr Bonze von weitem mit einer Krücke. Das bedeutete, daß er ihr mit dieser Krücke das Hirn spaltet, wenn sie nicht weggeht. Und die „stumme Puppe" ließ sich nicht stören und zog ihr neues Versehen langsam und spöttisch hin — eine Säge über Bonzes Galle: „Uh — uh — be — mete — mete..." Und am nächsten Tag das gleiche. Bonze wurde es ganz klar, daß die blinde, narbige Puppe ihn „unglücklich" macht. Weh, wo ist das auf der Welt vorgekommen! Was? Sie will vielleicht, daß er, Bonze, so ein Krüppel, auf sein Privileg verzichten und sich eine andere Ecke suchen soll? WartfK er wird ihr «eigen; er wird ihr das Gehirn einschlagen, so wahr er iein Jude ist, er wird ihr das Gehirn einschlagen!... Und am dritten Tag gegen Abend hielt es der hungrige und erfrorene Bonze nicht mehr aus, fiel über 'die Stumme her und teilte ihr tüchtig mit der Krücke über die Füße aus ... „Au — au...", riß sich aus der „Stummen" unbewußt hervor. Aber gleich besann sie sich, daß sie eigentlich eine Stumme sei, und begann in der Stummensprache aufzuschreien: „Uh — uh — uh..." „Was? Drehte Bonze ein paar kuglige Augen heraus — „Au, au?" aha!... eine Stumme bist du? Hihi... ihr hört?" wandte er sich siegesbewußt zur Straße, „sie redet, sie ist eine Redende, die Schwindlerin, ihr hört? Aha, bete mete?" Und er nahm sich wieder die „Stumme" her: „Na, schrei)' mal noch ein bißchen!" Dabei holte er aus, um sie aus ganzer Kraft mit einer schweren Krücke zu schlagen, Und die „Stumme" preßte sich an die Wand und schrie in sich hinein mit einem erstickten „In —- in" wie eine wirklich Stumme. Nur ihr blindes Auge drehte sich mit wildem Schrecken und Haß auf Bonze und seine Hölzer. Schließlich hielt sie es nicht mehr aus und brach in Jammern aus wie eine Redende: „Au, au, die Füße, ich falls' in Ohnmacht, Ich sterbe^ Gewa—lt!" „Ihr hört?." so wandte sich Bonze weiter an den Menschenhaufen, der sich um sie angesammelt hatte, mit der überlegenen Geste eines Zauberkünstlers, der soeben Wein aus der Wand gezapft hat,,« Dabei stellte er mit Stolz seine krüppelhaften Füße heraus, damit man sehe, wer der Wertvollere sei! Ea schien, als ob er nicht nur seine eigenen Rechte, sondern die Gerechtigkeit der ganzen Welt fordere. Aber plötzlich besann er sich: „Das Geld gibt her, Diebin, mein Geld!" Das Bündelchen Almosen hielt die „Stumme" in der Hand, in einem Tüchlein. Da riß es Bonze ihr hastig weg, brach sich mit dem Wägelchen durch die Schar der Neugierigen Bahn, bereit, mit beiden Krücken den Kampf auf Leben und Tod aufzunehmen. Aber die Stumme rührte sich nicht vom Platz. Von den Schlägen geknickt und aus Scham vor den Menschen preßte sie sich steifer an die Wand, blieb sitzen und schluchzte, indem sie sich selbst, wie ein Kind seinem Weinen, zuhörte. Die Vorstellung war zu Ende. Die Neugierigen verliefen sich. Erhitzt, wie nach einem schweren Streit, fuhr Bonze heimwärts, eifrig mit den Krücken auf beiden Seiten des Wägelchens arbeitend. Sein Herz hatte sich noch nicht beruhigt. Eine solche Gemeinheit an ihm zu begehen, an einem so Krüppelhaften ohne Füße! Was? Krank ist sie, daß sie nicht arbeiten kann? Wart, er wird ihr morgen noch zeigen ... Aber allmählich, je mehr er sich von „seiner Ecke" entfernt hatte, kühlte sich mehr und mehr sein Herz ab. Sein ein wenig künstlicher Zorn begann abzunehmen. Es wurde ihm auf einmal bang zu Mute, daß er so ein.., ein Frauenzimmer geschlagen hatte! Weiß der Teufel... Wäre es wenigstens ein Mannsbild gewesen! Er erinnerte sich, wie sie sich an die Wand schmiegte und schluchzte, nicht anwortete und nicht zurückschlug, und er wurde traurig. Traurig wurde Bonze und langsamer bewegten sich die Krücken in seinen Händen. Mit einemmal taucht vor ihm das nasse Kellerstübchen auf, wo er wohnt, und die alte Mutter mit dem bösen, verrunzelten Gesicht, mit der schlechten Weiße ihrer Haare, die ihm den letzten Groschen abnimmt und ihn schilt. Und die Bucklige, sein liebes Schwesterchen, das immer nur sitzt und ißt. Und ein trüber Groll fängt in ihm zu kochen an. Was? Er, Bonze, ein Krüppel, muß für sie in Kälte und Hitze „arbeiten"? Der Schlag soll sie treffen, die Bucklige! Es kam ihm plötzlich in den Sinn, daß alle Mannsbilder, die auf Straßen gehen und eilen, Frauen haben, brave Frauen, gute Frauen, die ... hm... die auf sie aufpassen und im Geschäft helfen. Ja, und er, Bonze, Gott weiß, wann er es haben wird. Und was wird das Ende sein? Ein Jude ist man doch. „Unwillkürlich betastete Bonze in der Tasche das Geld, das er der „Stummen" weggenommen hatte. Und ein Gefühl des Erbarmens erwachte in ihm für das narbige Frauenzimmer, das er vor kurzem so blamiert hatte. Ach, stumme Puppe, stumme Puppe, redete Bonze zu sich mit Wehmut, da hat manfs, eine stumme Puppe! Und dabei drehte er auf einmal sein Wägelchen um und begann ungestüm mit aller Kraft zurückzurudern an „seine Ecke". Die Narbige saß noch immer an der Ecke in ihrer früheren Haltung: Die geschlagenen Füße unter sich, den Kopf herabgesunken. Wie sie nur Bonzes Wägelchen erblickte, erschrak sie und wollte entlaufen. Aber Bonze beruhigte sie sofort von der Ferne. Aus seiner Stimme war Gebet und Befehl zu hören: „Du, wart! Ich werde dir gar nichts tun." Langsam und verschämt fuhr Bonze ganz nahe hin, legte eine Krücke weg und reichte der „Stummen1" ihr Bündelchen Geld. Die „Stumme" sah ihn mißtrauisch an. Zuerst richtete sie ihr blindes Auge auf ihn, dann ihr gesundes und erst dann nahm sie das Geld an sich. Bonze bekam das Gefühl, daß er etwas sehr Schönes, Seltenes vollbracht hatte. Immer war er ge* wohnt, bei Fremden zu nehmen, Und jetzt, zum ersten Male im Leben, gab er, Und wieviel?, Einen; ganzen Knoten Geld. Obgleich —■ er gibt doch nur zurück, was er geraubt hatte?... Aber er hatte doch zuvor nur das „Seine" weggenommen.., Mit der linken Krücke gab Bonze dem iWägel-. chen einen Stoß und rückte sich mit einer Seite an die Stumme heran. „Eh — woher bist du, .Stumme'?" „Che —- che,»-, von SchnIpischok"t antwortete die „Stumme". „Von Schnipischok?, Eh, wirklich? Hast du dort jemand?" „Che — che.,, keinen." Bonze wurde blaß. „Und — eh — einen Mann? Einen Mann auch nicht?" „Auch nicht. Bin noch ein Mädel, che — che,» „Wirklich? Und wo schläfst du?" „Che — che, bei dem Schammes schlaf? Ich, dort... Vier Kopeken die Nacht zahl' ich." Bonze wollte etwas sagen, aber heraus brachte er etwas ganz anderes, indem er kaufmännisch aufseufzte: „M'jo., < Wohnungen sind jetzt nicht mit Gold zw bezahlen." Eine Weile blickten sie einander neugierig an. Es war schon dämmerig. Menschen gingen, Droschken flogen und niemand kümmerte sich um zwei Schatten, die da sitzen und an der Straßenecke einander zuflüstern. Bonze war nicht ganz beisammen. Er spürte, wie sich seine Haare unter seinem wattierten Hut bewegen und sein Hals trocken wird. Zerstreut drehte er die schmutzigen Krücken in den Händen hin und her: „Auf mein Wort", brachte er plötzlich hervor und verstummte. Die „Stumme" stierte ihn mit ihrem blinden Auge an. „Auf mein Wort", faßte Bonze Mut — „auf mein Wort, komm' zu uns, meine Mutter, sie wird bei dir nichts nehmen, die Mutter." „Ich will nicht, rückte die .Stumme' von ihm ab und steckte flink ihr Almosenbündelchen hinter die Bluse. Bonze wurde wütend! — Sie will nicht?. Und sehr energisch die Krücken mit beiden Händen ergreifend, fix und fertig, jede Minute abzureisen, stellte er nochmals entschlossen die Frage: „Nun, willst du nicht?. Nein?;* „Nein." „Na, dann geh' zum Teufel mit deinem Scharames zusammen... Morgen mußt du dir eine andere Gasse suchen!" Und Bonze war sehr verbittert, aber auch stolz; seinem Wägelchen einen Stoß, einen Ruck nach der einen Seite, ein Schubs nach der anderen und — vorwärts! Mit der ganzen Geschwindigkeit aller vier Räder rannte er davon... Aber schon auf der zweiten Gasse vernahm er plötzlich hinter sich schnelle,, schlürfende Tritte von Schuhen ohne Absätze. Er sieht sich um — die „Stumme", So wahr er ein Jude ist — die „Stumme". „Che — che", lachte ihn die Narbige lieblich und verschämt an ... Und wer über jene Gasse ging, sah, wie Bonze sehr gelassen fährt und mit den Krücken langsam stößt und rudert, gar nicht, wie er es immer tat. Und dicht neben seinem Wägelchen geht ihm die narbige Frau in ledernen Pantoffeln und einem blinden Auge nach. Von Zeit zu Zeit wirft Bonze auf sie einen verstohlenen Blick von unten herauf und eine seltsame Süßigkeit ergießt sich über seinen breiten Mund, der ihm vom ewigen „Habt Erbarmen" verzogen war. Und wer an jenem Abend durch das „schmale" Gäßchen in der Vorstadt ging, sah, wie Bonze ganz behaglich im Wägelchen bei einer Bude sitzt und der Narbigen ein Glas Selterswasser und einen Rosinenkuchen spendiert. Die Narbige trinkt und lacht vergnügt und verschluckt sich. Und Bonze hält den Kopf vom Wägelchen zu ihr emporgereckt, die Augen feucht und fragt höflich: „Nun, was? Nicht wahr, gut? Gutes Wasser?" Seit jener Zeit kam zu Bonzes altem Wägelchen ein neues, hölzernes, vierkantiges Bänkchen hinzu... Wie früher sitzt er an seiner Ecke, halb Mensch, halb Wägelchen; und dicht neben ihm auf dem Bänkchen sitzt ein narbiges, stummes Weib. Bonze brüllt seinen altbekannten Singsang: „Habt Erbarmen mit einem elenden, bedauernswerten Krüppel... ohne Füß'... habt Erbarmen..." Und die „Stumme" fällt ein und hilft wie eine wahre, anhängliche Lebensgefährtin: „Uh — uh — be — mete >— mete,,,M _Hotel Smetana Bad Luhacovice Mähren Gegründet 1872 Haus mit 50 gut eingerichteten Zimmern, fließendem Wasser, in zentraler Lage, Cafe und Restaurant im Hause, streng rituelle Verpflegung. Preise für die Vorsaison: Zimmer mit kompletter Verpflegung von Kö 40.— aufwärts SpidcuUt voll gewahrt! - V E Ri'ütE.NO.E.T EJJR.E ö TREFFER ANLEIHE Föfc-EINE PHÖNIX LEBENSVERSICHERUNG Eigentümer, Verleger, Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Oberbaurat Robert Stricker. —■. Druck: Druckerei- und Verlags-A.-G. ignaz Steinmann, beide Wiei^ * IX., Universitätsstraöe * *