Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1934-05-04 · Heft 362 (4.5.1934) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
8 (1934)
Issue
Heft 362 (4.5.1934)
Date
1934-05-04
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2711613-2711952-2711985--4337-2717804
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 8 DIE NEUE WELT Nr. 362 Sdialom Alejdtems Jubiläum Die jüdische Llteraturoelt und die Millionen Juden, denen der Namo Sclwloui Alejehem den Inbegriff Jüdischen Humors, jiddischen Schrifttums bedeutet, gedenken des großen Humoristen, der in diesen Tagen 75 Jahre, alt geworden wäre und sein 50J ähriges Schriftsteller Jubiläum gefeiert hätte. Wir haben bereits die Persönlichkeit Schalom Alejchems als Figur des jüdischen Lebens und als Schriftsteller gewürdigt, insbesondere durch die Wiedergabe eines Aufsatzes, den sein Schwiegersohn J. h. Berkowitsch dem Menschen Schalom Alejchem gewidmet hat Im nachstehenden lassen wir den ironisierenden Skeptiker Schalom Alejchem selbst sprechen. Sie: Sdiolem Alediem „Scholem Alechem!" „Alechem Scholem!" „Von wo kommen Sie?' „Von Warschau." „Und was sind Sie dort?" „Ich bin eine jüdische Zeitung." „Wie heißen Sie?" „Jüdische Volkszeitung. Und Sie, woher kommen „Woher soll ich kommen? Aus Jehupez." „Und was sind Sie?" „Was soll ich sein? Ich bin ein jüdischer Schriftsteller." „Wie heißen Sie?" „Scholem Alechem." „Scholem Alechem? Dann gebührt Ihnen doch ein ßcholem Alechem!" „Alechem Scholem!" „Na, und was machen Sie, Herr Scholem Alechem?" „Was soll man machen? Man schreibt." „Was schreibt man?" „Was soll man schreiben? Was man sieht, das schreibt man." „Und waa haben Sie von Ihrem Schreiben, das Sie da schreiben?" „Was soll man davon haben? Leiden hat man, Bauchschmerzen, Herzanfälle, Schimpf und Schande. Angstzustände, Ohnmächte..." „Ist das alles?" „Ihnen vielleicht nicht genug?" „Ich meine..." „Anaehen und Ehre? O — maßlos viel. Kein Schriftsteller auf der Welt genießt so viel Ehrungen wie ein jüdischer Dichter." „Meinen Sie das ernst?" „Wie denn sonst? Im Spaß vielleicht? Schauen Sie sich nur einmal an, was bei uns auf unseren Jubiläen alles los ist: Glückwünsche von Verehrern, von beißen Verehrern und einfach so von treuen Lesern überströmen einen geradezu. Sie kommen von der ganzen Welt: Von Kasrilewke, von Tuneiadewke, von Tetrewez, von Schölisch-Sudes'schok und woher nicht? Und dann die Berichte über Jubiläumsfeiern, die der Schriftsteller selbst den Zeitungen gibt! Und die Morgenfeiern und die Bankette und die Toaste! Und dann die Baumspenden, die dabei für die Arbeiter in Palästina gegeben werden!" „Nein, nicht das meinte ich, ich meinte . . ." „Verdienst? Geld? Soviel Sie.wollen. Wenn man ein bißchen Zeit hat und kann nebenher noch Lehrer sein oder Krämer oder Makler oder Heiratsvermittler oder einfach so ein Unterstützungsempfänger, und wenn, man dabei noch ein bißchen von Haus zu Haus gehen kann, für die Drucklegung seines Buches sammeln . . . was meinen Sie, ein jüdischer Schriftsteller — ist doch keine Kleinigkeit. Ein jüdischer Schriftsteller ist ein gesicherter t Mensch." „Was soll das heißen: gesichert?" „Nun, er ist sicher vor beiden Welten, vor dieser und vor der künftigen. Er ist sicher davor, Brot zu haben, gesund zu sein, gute Freunde zu haben, Frauen und Kinder usw." „Mir scheint, Herr Scholem Alechem, Sie reden nur noch mit Galgenhumor und mit Galle. Laasen Sie das. Es paßt nicht für einen jüdischen Dichter, der für das Volk schreibt, so auf die Juden zu schimpfen. Ein Jude muß im Gegenteil mit allem vorlieb nehmen und dreimal am Tage sagen . . . „Garn su letowa?" — „Auch dies zum Guten?" „Natürlich. Denn was wäre, wenn wir auch das nicht einmal hätten? Wie hätten wir vor der Welt ausgesehen, wenn wir auch noch dies einzige Umkleidungsstück weggeworfen hätten? Haben wir denn irgend etwaa anderes, womit wir uns sehen lassen könnten, als eben unsere Literatur?" „Sie mögen vielleicht recht haben." „Was heißt vielleicht? Sicher! Aber wollen wir lieber von fröhlicheren Dingen sprechen." „Davon, wann ich Jahrzeit habe?" „Nein, nicht das. Ich habe da eine kleine ..." . „Eine kleine Bitte? Soll wohl irgend jemanden in der Zeitung lächerlich machen?" „Gott behüte! Ich habe da für Sie ein kleines Geschäft." „Eine Partie?" „Nein 4 . , und vielleicht doch, vielleicht wirklich eine Partie." „Wer ist der Junge und wer ist daa Mädchen?" „Er ist aus Jehupez und sie aus Warschau." „Ein bißchen weit. Wie heißen sie?" „Sie heißt .Jüdische Volkazeitung* und er — Sc&oftm Alechem. Na, gefällt Ihnen die Partie?" „Kein schlechter Gedanke, wenn nur . . „Wenn nur — waa?" „Gar nichts." „Reden Sie doch keine halben Sätze. Ich kann das nicht leiden. Sagen Sie, wa3 Sie drückt!" „Ich will, da ich eine jüdische Zeitung bin und Sie ein jüdischer Dichter, daß Sie schreiben und ich drucke." „Was soll ich schreiben?" „Feuilletons, zum Lachen." „Lachen? Ich möchte lieber weinen." „Gut, gut. S i e können ruhig weinen, die Hauptsache — daß die Leser lachen. Verstehen Sie?" „Ich verstehe. Warum soll ich nicht verstehen? Sie wollen, daß ich midh verstelle, zum Bajazzo mache, zum Purimspieler. zum Hanswurst, nur um das Publikum beim Lachen zu halten." „Aber. Wer redet denn von Bajazzo und Purimspieler und Hanswurst? Ich möchte nur, daß Sie schreiben, was eine Spitze hat oder ein Spitzchen, mal streichelt und mal sticht, kurz, daß es den Leuten gefällt. Und dann will ich, daß Sie mit unseren' .Tidchen sich ein bißchen aussprechen, so in ihfer Sprache. Daß Sie ihnen sagen, sie seien solche und solche und wiederum andererseits sone und sone . . . Das heißt: Sie sollen ihnen das Leben verkürzen, aber nobel, fein, vornehm. Verstehen Sie?" „Ich verstehe. Warum soll ich nicht verstehen? Sie wqllen, daß ich mit ihnen das 3piele, was man Katz und Maus nennt? . . . Meinetwegen, warum' nicht, wenn nur . . ." „Wenn was?" „Gar nichts." „Ich habe Ihnen doch schon gesagt, daß ich halbe Sätze nicht leiden kann. Reden Sie doch, was drückt Sie?" „Wer hat Ihnen gesagt, daß mich etwas drückt? Fällt mir gar nicht ein. Kurz, was wollen Sie noch?" „Ja, und dann möchte ich, daß Sie ihnen Schilderungen geben." „Zum Gähnen?" „Nein, ich meine, Geschichten erzählen . . ." „Damit sie leichter einschlafen?" „Nein. Ich möchte, daß Sie einen großen Roman schreiben mit Liebe, mit rührenden Szenen, mit atemraubender Spannung, kurz, einen richtigen Roman." „In sechs" Teüen mit einem Prolog und einem Epilog? Mit wildhysterischen, unwahrscheinlichen, unbeholfenen Szenen, wie sie nicht gewesen sind und nicht sein werden? Etwa: Ein Kleinkinderlehrer aus Neswisch hat romantische Gefühle für das Dienstmädchen Rebekka, er schreibt heiße Briefe, und sie singt süße Lieder. Später fährt der Kleinkinderlehrer nach Paris und kommt nach neun Monaten als Baron, als Millionär zurück, trifft seine Geliebte in der Küche bei Ephraim Schkontizc, einem Mörder und einem Banditen, duelliert sich mit ihm auf dem Korridor. Ephraim will den Kleinkinderlehrer in zwei Hälften spalten, aber der rennt zum Gouverneur, holt ihn aus dem Bett, bringt ihn mit drei Gendarmen an den Tatort. Wie Ephraim ihn sieht, packt ihn die Angst, er nimmt ein Messer und ersticht sich. Rebekka, die Köchin, fällt in Ohnmacht und singt dabei auf deutsch ein so rührendes Lied, daß Steine in der Wand Tränen vergießen könnten." „Fertig? Sind Sie schon zu Ende? Nein, man braucht keine Neswischer Kleinkindernlehrer, die nach Paris fahren und Gouverneure, die aus dem Bett geholt werden, Wucherer, die sich erstechen und Dienstmädchen, die rührende Lieder singen, sondern man braucht einfach einen Roman, einen jüdischen Roman. Verstehen Sie mich?" ,,Ich verstehe. Warum soll ich nicht verstehen? Sie wollen, daß ich Ihnen aus dem Leben heraus schreibe, aus dem v/irklichen jüdischen Leben. Sie wollen, daß ich mit allen Fasern schreibe, mit Blut, aus der tiefsten Tiefe des Herzens. Siewollcn jenes Schreiben, das einem die Gesundheit kostet, das einen vor der Zeit alt macht, einem das Gesicht zerfurcht und die Haare grau macht. -— Das wollen Sie, ja? Meinetwegen, warum nicht? Wenn man nur . . ." „Wenn was?" „Gar nichts." „Aber, Herr Scholem Alechem, wie oft habe ich Ihnen schon gesagt, daß ich halbe Sätze nicht leiden kann, Mit mir müssen Sie einfach reden. Sagen Sie, was be> deutet Ihr: Wenn nur? . . . Vielleicht Geld?." „Wer redet von Geld?" „Also, was dann? Ehre?" „Wer denkt daran?" „Also, was sonst? Wenn nur . . .?" „Wenn man es nur liest . ..." Kurarzf Dr. Loebel Exportfähige Wurst- und KäsefabrBken, welche auch *|t^3^Ware erzeugen und eine Auslandsverbindung anstreben, werden aufge; fordert, sich an die A d m i n i s t r a t i o n unseres Blattes, IX, Universitätsstraße 8, Tel. zu wenden Lebensversicherungs-Gesellschaft PHÖNIX Aus dem Jahresbericht 193 2: Versicherungsbestand S 2.728,000.000.— Prämien- und Zinsen- Einnahmen ....... 179,000.000.— Garantiemittel ...... 527,000.000.— Auszahlungen an. die Versicherten . . . . „ 60,000.000.— Tätigkeitsgebiet: Oesterreich, Deutsches Reich, Tschechoslovakische Republik, Belgien, Holland, Frankreich, Spanien, Italien, Fürstentum Liechtenstein, Ungarn, Polen, Jugoslavien, Bulgarien, Griechenland, Rumänien, Palästina, Syrien, Türkei, Tunis und Aegypten. Banque des Pays de l'Europe Cebral Zentral-Europäische Länderbank Aktiengesellschaft. Gesellschaftskapltsl 100 Millionen Francs. * Sitz der Gesellschaft: Faris, Eue de Castiglione KUNDMACHUNG. Die Herren Aktionäre werden hlemit für Freitag, den 25. Mal 1934, vormittags 11 Uhr, Soci^t* des Ingenieurs Clvils de France in Paris, Hue Blanche No. 19, stattfindenden zu der im Saale der ordentlichen Generalversammlung Taaasord einberufen. _ gesordnung 1. Bericht des Verwaltungsrates und der Zensoren, Genehmigung der Bilanz und des Rechnungsabschlusses ftlr das am 81. Dezember 1933 abgelaufene Geschäftsjahr. 2. Wiederwahl von Verwaltungsräten. Bestätigung der Kooptierung eines Verwaltungsrates und Erteilung der Entlastung an die Verlassenschaften nach zwei Verwaltungsräten. 2. Erteilung der Ermächtigung an die Verwaltungsräte gemäß Art. 40. Ges. vom 24. Juli 1867. 4. Wahl der Zensoren für das Geschäftsjahr 1934 und Festsetzung der ihnen zukommenden Entschädigung. Gemäß Artikel 37 der Statuten wird die ordentliche Generalversammlung durch jene Aktionäre gebildet, die Eigentumer von mindestens 5000 Francs Nominale in vollelngezahlten Vorzugs- oder Stammaktien sind. Die Eigentümer von weniger als 5000 Francs Nominale können sich jedoch vereinigen, um diesen Betrag zu erreichen, und. sieh durch einen unter ihnen oder durch ein Mitglied der Versammlung vertreten lassen, falls sie ihre Vollmachtserklarung drei Tage vor der Generalversammlung beim Sitz der Gesellschaft hinterlegen. Zur Teilnahme an der Versammlung vom 25. Mai 1934 sind berechtigt: 1. alle Eigentümer von auf Namen lautenden Vorzugs¬ oder Stammaktien, deren Aktien spätestens am 19. Mai 1934 eingetragen sein werden; 2. alle Eigentümer von auf den Inhaber lautenden Vorzugs- oder Stammaktien, doren Aktien spätestens am 19. Mai 1934 bei der Zentrale der Gesellschaft, Paris. Hue de Castijlione No. 12, bei der Zentral-Europäischen Länderbank. Niederlassung Wien, Wien, I., Hohenstaufengasse Nr. 8, sowie bei den österreichischen Zweigniederlassungen dieser Anstalt, bei der Bank für Handel und Industrie, ehemals „Länderbank" in Prag, sowie bei den Zweigniederlassungen dieser Anstalt, bei der Rumänischen Kreditbank in Bukarest, sowie bei den Zweigniederlassungen dieser Anstalt, bei der Allgemeinen Kreditbank A. G. in Warschau, sowie bei den Zweigniederlassungen dieser Anstalt erlegt sein werden. Legitimationskarten zur Generalversammlung werden überdies auf Grund von Depotbestätigungen der Banque de France, des Cr6dlt Foncier de France, der Compagnie des Agents de Change de Paris und der bedeutendsten Pariser Bankinstitute ausgefolgt. Die Legitimationskarten können von heute an behoben werden. Jeder Aktionär, welcher an der Generalversammlung teilzunehmen befugt ist, hat das Recht, sich von einem gleichfalls zur Teilnahme an der Generalversammlung berechtigten Bevollmächtigten vertreten zu lassen. Paris, am 2. Mai 1934. Der Vertvafltungsrat. (Nachdruck wird nicht honoriert.) 'Eigentümer. Verleger. Herausgeber, und vewmtwdrtHeJier fledafcteur: Oberbaurat Robert Stricker. — Druck: Druckerei- und Verlags-A,-G, Ignaz Steinmann, beide Wie* ■ IX« Univereitätflfltraße

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.