Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 345 (2.3.1934)
- Date
- 1934-03-02
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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, Seite 8 DIE NEUE WELT Nr. 345 m W GRABSTESNE FRIEDLÄNDER & DEUTSCH Wien, I. Bez., Seitenstettengasse2, Telephon V-28-1-28 XL. Zenitaltriedhof, neb, d. 7. Toi, Telephon CA 18-0-85 12) iokaufen? dann wenden Sie sich an das registrierte Bureau „SCHAAR" LTD. Leiter M. D. Groß, früh. Wien, Tel-Awlw, Rothschild B!vd.12 für Pflanzungsböden, Pardessim, Häuser, Bauparzellen, Hypotheken, industr. Unternehmungen Beste Referenzen von Wienern, die durch uns gekauft haben Empfehlenswerte Firmen Restaurants, Cafes etc. Restaurant Billet, vorzügliche streng orthodoxe Küche, IL, Hammer-Purgstall-Gasse, bei Salztorbrücke. Cafp-Krstnurant Ellison (Inh. Fleischmann), VIII., Alser Straße!>. Tel. B-43-0-47, E-43-0-S6. Cafe-Uestatirant Espresso, 1 , Rotcnturmstraße 1. Internationale kalte und warme Küche. Menüs zu billigen Preisen. Cafe Schottentor, I., Ring des 12. November 10, Telephon U--6-5-Ü0. vis-a-vis der Universität. Restaurant Max Laxar, vorzügliche, streng orthodoxe Küche und Selchwaren. 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(Uebersetzt von Oskar Rosenfeld) Noach selbst bekam Lust, auf den Zaun zu klettern und einen Blick zu tun — erinnerte sich aber an die Tefillin und ging rasch von dort weg. Den ganzen Tag fühlte er sich in der neuen Adjustierung unbequem, abends aber, als er endlich von den Kleidern erlöst wurde und neben dem frisch überzogenen Bett stehen blieb, wurde ihm angenehm ums Herz. Während er im Bett lag, kam ihm plötzlich Motje Fonfaks Frage: „Burnsche, willst du ein Weinb?" in den Sinn . . . Noach muschelt sich rasch-rasch unter die Decke, aber die schmutzige Frage läßt ihn auch dort nicht los. Sic erscheint in der Gestalt eines haarigen Fonfaks, der dasteht und ihm mit fletschenden Zähnen entgegengrinst: „Burnsche, willst du ein Weinb?" Nach einer Weile verwandelt sich die Gestalt in das Gesicht eines langen, hageren jungen Mannes mit hervorstechendem Adamsapfel, eines Jünglings, der überrascht und halbnackt im Zimmer steht . . . Noach atmet schwer, platzt fast vor Gelächter, und von drüben, von Skuripintschichas Hof, steckt Marinka den Kopf aus dem Kellerloch heraus und ruft: Kuku! Und einmal stand Noach früh auf, schlich noch vor dem Beten aus dem Haus und kam erst zum Mittagessen nach Hause. Tefillin mit den Riemen, die nach Tran riechen, rührte er von da ab längere Zeit nicht an. In der Gegend begann man irgendwie mit bösartigen Gerüchten. Niemand hatte etwas gesehen, etwas gehört. Ja, mehr noch, alle wußten, daß es nicht sein könne, und doch fanden sich böse Zungen. Auch die beiden Nachbarn, Noach und Marinka, merkten es schließlich, obwohl ihnen niemand etwas davon erzählt hatte. Sie wußten auch, daß nichts daran sei, aber nichtsdestoweniger . . . Ein neuer Gefechtsabschnitt begann: jetzt raufte sich der Vater mit dem Sohn, die Tante mit dem „Mädel". IX. Vier Jahre sind dahingeflogen. Bei Chanine-Lipe hat sich das Haus vor der Zeit eingekrümmt. Dafür allerdings hat es jetzt auf dem alten Rücken ein neues Dach. Der Hof ist im hinteren Teil viel breiter geworden, er reicht fast schon bis zu Skuripintschichas Obstgarten. Hart bei der Grenze des Gartens selbst steht jetzt ein neues Gebäude — ein Schuppen mit einem kleinen, viereckigen Fenster an der Hinterwand, an das sich Zweige von Skuripintschichas Bäumen reiben. Den Schuppen hat Chanine-Lipe an den alten Stall angebaut, so daß das Ganze jetzt wie ein langes Gebäude aussieht, das sich bis zum Garten hinzieht und an den Zaun stößt . . . Die Berge von Holz sind zahlreicher und höher geworden und Chanine-Lipe kann nicht mehr weiter vom Fleck: Vorüber die einstigen Jahre! Dazu kommt noch, daß er ein Ohr mit Watte verlegt hat. Skuripintschichas schöne Behausung hat sich noch tiefer in die Erde hineingesenkt, so daß der Bretterzaun selbstredend höher aussieht . . Auch auf die Christenfrau hat sich das Alter gelegt: schwach und eingefallen ist sie bereits. Skuripin klirrt wie früher mit der Kette, doch ist er mißmutig geworden. Und Noach und Marinka, die inzwischen erwachsen sind und sich innigst lieb gewonnen haben, sind allmählich vorsichtig geworden. Noach ist jetzt ein achtzehnjähriger, geratener Junge mit einer hohen, pechschwarzen Mütze, trägt sie mit dem schwarzen, glänzenden Schild zum Ohr gedrückt, ganz ein russischer Kosak. Sein, Gesicht ist von dunkelbrauner Anmut, die Augen feurige Kohlen wie bei einem Zigeuner. In der Kazapengasse ist er jetzt ein häufiger Gast, und wenn er von dort auf einem hitzigen Pferd dahergeritten kommt, möge man sich hüten! Wie ein Blitz fliegt er über die ganze Gegend, und die Fuhrleute, die rudelweise gerade inmitten der Gasse stehen, werden wie in zwei Hälften zerschnitten. Die Bürger des Ortes retten sich, indem sie zur Seite springen, und gleichzeitig verziehen sie ihren Mund zu einem, leichten Lächeln: „Der Goldjunge!" Und schon erscheinen in den Fenstern eine Menge Köpfe jüdischer Mädchen, die den Atem einhalten und mit den Augen den aufgewirbelten Staub hinter Pferd und Reiter verfolgen, bis diese endlich verschwunden sind . . . Und immer wieder, wenn Noach sich beim Verlassen des Hofes in dem kurzen Reitjackett mit den hohen, glänzenden Stiefeln zeigte und beim Tor stehenblieb, wurde es sofort ringsum bekannt. Die Fuhrleute, die ganz nahe im Rudel standen und gerade in ihrer Unterhaltung begriffen waren, begannen leiser zu reden. Die Jungen und Mädels wichen ihm aus und beeilten sich, an ihm vorbeizukommen. Ein gewisses Etwas lag in ihm, das in den jungen Herzen ein Zittern erregte, teils anziehend, teils abschreckend. Oft kam es vor, daß ein Mädchen seinen Weg kreuzte und sich ihm in seine glühenden Augen warf und rasch von einem süßen und heftigen Nervenzauber überfallen wurde. Noach allerdings hatte die Mädchen nicht gar viel im Sinn. Er schwieg, niemand wußte, was sich in seinem Herzen tat. Fremd stand er zu allen, auch mit den Fuhrleuten gab er sich nur wenig ab. Als ein Fuhrmann, ein „Stotterer", sich einmal hinstellte, um mit ihm, „äh-ähäh", über die Kazapengasse zu plaudern, das heißt, „ähäh-äh, über die Mädeln", da blickte Noach ihn an, daß ihm fast das Blut erstarrte. „Was sprichst du da, du Kerl?" „Aeh-äh-äh, ich sag' gar nichts, gar nichts sag* ich", stammelte jener ergeben und zog rasch mit der. Peitsche unterm Arm ab. Meistens sah man Noach nicht unter Menschen« Am Sabbat und an den Feiertagen ging er ins Beth Midrasch und stellte sich dort abseits hin, immer auf einen Platz neben der Südwand zum Fenster. Die ganze Zeit während des Betens ließ er sich nicht nieder, blickte still ins Gebetbuch hinein und rührte nicht mit den Lippen. In den Vorraum kam er überhaupt nicht. Und wenn der Vater vom Beten nach Hause kam, traf er ihn schon an . . . Wochentags war Noach frei wie der Vogel in der Luft, ging, wohin er wollte, tat, was er wollte — Chanine-Lipe hinderte ihn nicht. Die Macht des Vaters über ihn war irgendwie von selbst zerbrochen, nicht zu merken, wie es kam. Nur Zipe-Lea noch behielt ihn von weitem im Auge, saß mit dem Strickstrumpf da und seufzte im Stillen ... Viel zu tun hatte Noach jetzt nicht. Eine Menge Zeit verbrachte er auf dem Hof bei Chanine-Lipe, indem er stundenlang ganz oben auf dem Bretterberg lag, von wo man den ganzen nachbarlichen Hof sehen konnte. Sobald die Sonne aufging und bei der Christenfrau auf dem Dach die gelben Kronen der Sonnenblume sich mit Gold beränderten, erschien Marinka auf dem Hof, ging vom Garten, aufs Feld, mit der Schaufel und mit der Tasche. Noach stand schon hoch oben auf dem Bretterberg wie ein Mast und begrüßte mit leuchtendem Gesicht beide, Marinka und die Sonne. Marinka war hinten auf dem Hof, ihr Gesicht Milch und Blut, sie lächelte ihm zärtlich-schamhaft zu. Und er — lächelte von hoch oben, wobei er die glänzend weißen Zähne zeigte, mit der schwarzen Mütze einen „Guten Morgen" zunickte und sie mit den Augen zum Hof hinausbegleitete. Sobald sie verschwand, zog sich Noach auf den Bretterberg zurück und vergrub die Augen in den nachbarlichen, leergewordenen Hof. Er wußte, daß Marinka erst am Abend zurückkommen werde, darum lag er in einemfort da und wartete. Gemächlich trug sich das Brüllen der Tiere hierher. Die Magd melkte die Kühe und trieb sie weg auf die Wiese. Chanine-Lipe führte das Pferd an der Mähne aus dem Stall heraus zum Brunnen und redete mit ihm wie gewöhnlich, wie Fuhrknechta reden. Zipe-Lea schüttete Körner aus und rief mit „Ziepziep" die Hühner zusammen. Noach aber rührte sich nicht vom Fleck. Wenn er sich anschickte, hinunterzugehen, stand die Sonne schon ganz hoch und auf dem Hof zwischen den Bretterreihen gab es bereits zwei oder drei halbvoll geladene Wagen mit Brettern. (Fortsetzung folgt.) VEREIN DER BUCZACZER GROSSE PURIMFEIER am Samstag, den 3. März 1934, um 8 Uhr abends in den Festsälen des Jüdischen Heimes, II., Untere Augartenstraße 38. — Mitwirkend: Prof. Josef Zimbler, Hilde Dulitzkaja, Benzion Sigall und Samuel Schwager. — Karten ä S 1.50 bei den Mitgliedern und an der Abendkasse. Lebensversicherungs-Gesellschaft PHÖNIX Aus dem Jahresbericht 193 2: Versicherungsbestand S 2.728,000.000.— Prämien- und Zinsen- Einnahmen ..... Garantiemittel .... Auszahlungen an die Versicherten 179,000.000.— 527,000.000.— »all» 60,000.000,- Tätigkeitsgeblet: Oesterreich, Deutsches Reich, Tschechoslovakische Republik, Belgien, Holland, Frankreich, Spanien, Italien, Fürstentum Liechtenstein, Ungarn, Polen, Jugosiavien, Bulgarien, Griechenland, Rumänien, Palästina, Syrien, Türkei, Tunis und Aegypten. Eigentümer, Verleger, Herausgeber und veraatsoctUcher Redakteur: Oberbaurat Robert Stricker. —. Druck: Druckerei- und ,Verlags-A.-G, Ignaz Steinraann, beide Wien, IX., JJniveraitÄtsstraße 6—8. . . . .