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Die neue Welt · 1934-02-16 · Heft 341 (16.2.1934) · page 8

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Journal
Die neue Welt
Volume
8 (1934)
Issue
Heft 341 (16.2.1934)
Date
1934-02-16
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seite 8 DIE NEUE WELT Nr. 341 Marlnka 10) Erzählung von Ch. N. Bialik. (Uebersetzt von Oskar Rosenfeld) Und einmal geschieht es, daß er gegen Abend auf den Platz kommt und Marinka nicht antrifft. Ringsum keine lebendige Seele, daß einen fast das Grauen ankommt — und er klettert auf den Lindenbaum, verbirgt sich im dichten, duftenden Laub und sucht dort in der Stille Nester... Plötzlich sieht er, wie die Sonne untergeht und das westliche Firmament in ein Feuermeer versinkt, und ein großes Staunen überfällt ihn. Er liegt still an einen Ast gelehnt, drückt die Wangen an die breiten, kühlenden Blätter, legt, wie als wollte er schlafen, seinen Kopf darauf, und blickt mit rot entflammtem Gesicht auf den glühenden Sonnenuntergang. Dabei kommt es ihm vor, er würde auf dem Baum emporwachsen mitsamt den Blättern.,. Wenn er die Augen schließt, erscheint ihm mit allen Einzelheiten ein lebendiges, abendliches Bild seines Geburtsdorfes: ein Kind noch, steht er irgendwo hinter einem Zaun versteckt unter einer Schar von Nußbäumen. Die ganze Welt verklärt sich blutrot. Der Hof des Vaters — ganz und gar rot gefärbt. Inmitten des Hofes tummeln sich Dutzende Kühe, bei ihren ausgebreiteten Beinen liegen barfüßige Mädchen auf den Knien, mit angelehnten Milcheimern. Von den Eutern spritzen süß und warm dünne, weiße Milchstrahlen in die Eimer. Der weiße Schaum in den Eimern wird immer höher, es gelüstet, den Finger hineinzustecken — wohlig warm! Die ganze Welt schmeckt nach Milchf». Und plötzlich zeigt sich die Mutter inmitten des Hofes, das Gesicht zum glühenden Glanz gerichtet, hält in einer Hand den Milcheimer, mit der zweiten bedeckt sie die Augen, schon steht sie selbst im grellen Farbenlicht da — und gleich darauf läßt sich eine Stimme über die rötliche Weite vernehmen: „Noa, Noaü" VII. * Nach Sukkot schmutzige, verwölkte Regentage. Der öde Platz sieht jetzt noch öder aus. Kotig und glitschig, läßt er sich nicht betreten. Die Blätter der Sträucher liegen im fetten Boden eingeknetet, und die dürren Stengel liegen einer über dem anderen kahl wie tote Würmer. Der Birnbaum steht gänzlich nackt da, seine Zweige und Aeste sehen schwarz und verkrallt aus: als wäre eine ganze Schar fliegender Drachen und Schlangen, im Begriffe, einer auf den anderen zu fallen, mitten im Fliegen plötzlich gelähmt und versteinert worden. Hoch« oben auf der Eiche flattern noch da und dort Reste von Blättern wie feuchte Fetzen. Die kleine Talrinne ist mit schmutzigem Wasser vollgegossen und die einzige Erbsenstaude ist, wie gewöhnlich, plötzlich verschwunden. Marinka hat ein wenig Trost genossen: Sie geht jeden Tag, eingehüllt in ein großes Tuch, aufs Feld hinaus, wo man Gruben für Kartoffeln aushebt. Und Noach ist einem neuen Lehrer in die Hände gegeben worden. Marinka hat er wieder tief in sein Herz versinken lassen und dort eingeschlossen gehalten. Der neue Lehrer war von Natur aus ein Mensch von friedlichem Gemüt, ein ganz angenehmer und ruhiger Mann, fast ohne Galle. Die Schüler pflegen mit ihm Allotria zu treiben, aber es liegt nicht viel daran. „Wenn kein Ethrog vorhanden ist", sagt Chanine-Lipe, „muß man mit einer Kartoffel vorliebnehmen." Bis zum Kapitel „Wajchi" ging es glatt. Es ging ein Kapitel nach dem anderen, die Schüler rutschten den ganzen Tag auf dem Eis herum, führten dort Krieg mit Reuben Hirsch' Schülern, und der Lehrer bekam Schulgeld sowie Chanuka- und Purimgeid und ersparte sich jeden Tag noch ein Mittagessen. Wenn er ein Schläfchen hielt, stahl sich Noach still in den Cheder hinein, stellte sich offen vor allen Schülern auf de3 Lehrers Bettkante und ließ oberhalb des Gesichts des Lehrers ein Stück Schnee, eingepackt in Fetzen, hängen. Von dem Päckchen fing es langsam auf des Lehrers Gesicht zu tropfen an: Kap, kap! Der Lehrer gab sich allemal im Schlummer einen Schlag über die Wange, als wollte er eine Fliege verjagen... Die Schüler keuchten vor Gelächter und der Lehrer sprang stürmisch auf: „Was ist da, wer ist? Nehmt die Bücher..,,: Dafür schickte ihm Zipe-Lea, so oft sie Gänse schlachtete, als Geschenk eine feine Portion Grieben. So spielte es sich bis zum Kapitel „Wajhi'« sb. Aber Donnerstag abend, wo der Wochenabschnitt zu Ende geht, als es im Kapitel „Wajchi" zu „Waani" kam, geschah das Unglück. Anstatt „Waani ~~ und ich — Jaakow", wie der Lehrer verdeutlichte, indem er es mit einem Nigun fünf Tage hintereinander wiederholte, entschlüpfte Noachs Mund: „Wanji — und ich — Wanja." Da platzte dem Lehrer mit dem friedlichen Gemüt fast die Galle: „Was? So ein Gassenbub aöll unseren Erzvater Jakob gottselig mit irgend einem Kerl „Wanja" vertauschen?" Dabei blieb es aber nicht. Der Lehrer verlor das Gleichgewicht und war schon daran, Noach eine Ohrfeige herunterzuhauen — da schlug aber Noach früher los und entrann eilends... Er entlief, aber der Beiname „Wanja" verfolgte ihn auf Schritt und Tritt. Den ganzen Winter und den anschließenden Sommer hindurch bekam er von allen jungen Burschen nichts anderes als „Wanja" zu hören. Noach begann den Burschen nachzuspüren und sie in einem Hintergäßchen mit einer Tracht Prügel zu beschenken. Wenn sie mit dem Lehrer zum Teich baden gingen, kam er mit einer Gruppe seiner Kazapen-Freunde daher, reizte die Hunde auf sie und bewarf sie mit Steinen. Allen ward es klar, daß es ohne einen entschlossenen Krieg nicht enden werde, und einmal an einem sommerlichen Sabbattag brach das wirkliche, echte Gefecht aus. Auf dem grünen Feld zwischen dem Markt und der Kazapengasse — dem für Gefechte reservierten Ort — erschienen an jenem Sabattag von beiden Seiten zwei Gruppen: Von einer Seite — jüdische Kinder unter dem Kommando von Notke Ganew, und von der zweiten Seite —■ die Kapazenburschen unter dem Kommando von „Wanja", das heißt Noach, und von Makarka. Die Sonne war im Untergehen begriffen. Das grüngesprenkelte Feld mit den gelben Blüten wurde blutrot. In den Lüften, herrschend hoch über der Stadt, entzündete sich das goldene Kreuz der Kirche. Beide Gruppen standen bereit. Plötzlich erzitterte die Luft. Die große Stadtglocke ließ ihren Schall hören: Dum-dum-dum.., „Hurra", ließ sich das Geschrei der „Phili&ter" gleichzeitig mit einem Hagel von Steinen hören. „Chasak, chasak!" erwiderten die jungen Burschen zurück und beschossen ihrerseits die Feinde mit Steinen. Die schwere Schlacht dauerte lange. Beide Grupen stritten mit wildem Zorn. Es wurde ein Surren von Steinen, Peitschenknall, Hundegeheul, von den zerschlagenen Gesichtern und Nasen rieselte Blut. Und die Glocke ließ von ihrem Vorhaben nicht ab: Dum-dum-dum.., Die jüdischen Kinder rührten sich nicht vom Fleck. Alle fühlten, wie wichtig der Augenblick sei. Gezielt hatten sie laut Vereinbarung größtenteils auf Noach. Was? ein jüdisches Kind verbrüdert sich mit Kazapen? Heute muß er, der Abtrünnige, seinen Kopf dalassen I Und wieder flogen Steine in der Luft und mischten sich Hurra!-Schreie mit Jakobs „Chasak". Kleinere Jungen sammelten Steine und trugen sie zusammen, ältere schössen damit. Die Augen brannten, das Gesicht flammte und die Hände wurden nicht müde.., Die Sonne ruhte bereits auf den Baumwipfeln und immer noch tat die Glocke ihr Dum-dum-dum... Ueber dem ganzen Feld lag ein sonderbarer Schreck. Wie schwere Dinge schwammen aus der fernen, geheimen Glocke runde, schwarze Töne hervor und versanken irgendwo in dunklem Abgrund, aber in den Lüften brummte es noch schwer, schaudervoll und wild; wogenartig kam das Brummen dahergetragen, flatterte in der Luft und verbreitete sich über grüne Felder und rotgefärbte Flächen... Und die Kinder Jakobs hielten sich knapp. Die Sonne war untergegangen und der Abtrünnige trug noch den Kopf auf den Schultern. Stockfinster war's und zu der feindlichen Gruppe steßen immer mehr und mehr Burschen. Von allen Seiten näherte sich Geheul von Hunden. In den dumpfen Schall der großen Glocke fielen plötzlich die kleineren Glöckchen mit ihren „Glin-glan" ein. Die Jungen erschraken und liefen eilends ins Beth- Hamidrasch zum Mincha- und Maarewgebet. Noach begab sich mit seiner Rotte zurück in die Kazapengase. An jener Samstagnacht saß er zwischen den Kazapen zusammengebrochen wie ein Besiegter. Fast brach er in Weinen aus. Nach Hawdala kam Chanine-Lipe mit Pferd und Wagen dahergefahren, um Noach nach Hause zu bringen. Noach willigte sogleich ein und bestieg schweigend den Wagen. Den ganzen Weg sprachen beide kein Wort. Zu Hause angekommen, ließ Chanine-Lipe Pferd und Wagen unausgespannt auf dem Hof stehen, führte Noach in den Stall und verschloß ihn von innen. Was er ihm dort getan, das wissen nur die stummen Wände. Als Chanine-Lipe nach allem aus dem Stall herauskam, waren Hände und Gesicht mit Blut befleckt. Fast wäre er über Zipe-Lea gefallen, die neben der Schwelle in Ohnmacht lag... Noach wurde von Nachbarn in die Wohnung gebracht, zerbrochen, zerschlagen, kaum daß er noch seufzen konnte... (Fortsetzung folgt.) 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Eigentümer, Verleger, Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Oberbaurat Robert Stricker. —. Druck: Dyuckerei- und Verlags-A.-G, Ignaz Steinmann, beide DC„ Univereltatsstraße «—8,

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