Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 335 (26.1.1934)
- Date
- 1934-01-26
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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wz*s*smmmmmmm pm mvE wixa; n- »jfc'V * '»V '■ ■ » 1 mm Nr. 335 7) Harinka Erzählung von Ch. N. Bialik. (Uebersetzt von Oskar Rosenfeld) Noach schreitet eilends aus, drängt sich, daß es nur so rauscht, durch dichte, stechende Hecken und geht unter schattigen Bäumen. Ein lebensfrischer Gesang morgenlicher Vögel klingt über seinem Kopf wie gläserne Ketten. Er läuft und Lichtflecken, länglich-ovale, leicht hinflitzende und huschende, wie die goldenen Mäuse, besprenkeln ihm Gesicht, Kopf und Kleider, hin, her. Er fühlt, wie sie ihm wohlig und warm die Wangen kitzeln. Der Hund überholt ihn und läuft voraus und es sieht aus, als würde er sich verfangen haben und in den Netzen verwebter Licht- und Schattenfäden zappeln — nicht zu entkommen. Tiefhängende Zweige, mit Aepfeln •chwer behangen, stoßen an Noachs Kopf und reißen ihm den Hut herunter, und wohin er einen Blick tut, sind immer nur Aepfel, Aepfel, Aepfel zu sehen: oben Aepfel und unten Aepfel, überall rings um die Gräser blinken Aepfel und Aepfel. Neben der Scheune, auf Stroh gebettet, liegen aufgeschichtet große und kleine Berge edler, wohlschmeckender Aepfel... Auf den Weichselbäumen blicken unter den Blättern vergessene, einsame, tiefschwarze Weichselkirschen hervor, blicken still und lüstern wie lebendige Augen; und dort in den Hecken unter einem grünen Blättchen erreicht diebisch einen Blick auf die lichtige Welt — ein einziges keusches Köpfchen einer samtenen Himbeere ... Noach verfiel in Trunkenheit. Die Kühle der Schatten, der würzige Geruch der Früchte und das Vogelgezwitscher — all das berauschte ihn und machte seinen Kopf taumelig. Er lief frank und frei von Baum zu Baum, riß einen Apfel ab und biß rasch in ihn hinein, warf einen zweiten weg, legte einen dritten in seine Tasche... Marinka sagte ihm kein böses Wort, im Gegenteil, sie half ihm die schönsten und reifsten auswählen und stopfte ihm gar noch die Taschen voll. Als Noach endlich nach Hause kam, verschwitzt und verschmutzt und überglücklich, die Taschen vollgepackt mit Aepfeln, Birnen und Pflaumen — stieß er neben dem Tor an seinem Vater vorbei. Ein Wunder, daß Chanine-Lipe ihn nicht bemerkte: Er war gerade damit beschäftigt, einem Bauer beim Herausfahren des vollbeladenen Wagens aus dem Hof zu helfen. Noach schlich sich gleich in die Wohnung. Die Hacke legte er wieder unter das Bett, daß keine Seele etwas davon merke, und für die Aepfel und Birnen und Pflaumen fand er schon einen Platz im Stall auf der Dachscheune, wo er sie im Heu eine Zeitlang aufbewahrte ... Dieser Ort, ebenso wie der Obstgarten, wurde von damals an Noachs und Marinkas Lieblingsort, wo sie bei jeder Gelegenheit zusammenzukommen, sich im Schatten der Bäume bequem zu machen oder im hohen Gras zu versinken und zu spielen pflegten. Das trug sich in stillem, geheimem Einverständnis zu, da die Nachbarn frühzeitig wieder gegeneinander loszugehen begannen. Nur Skuripin war ihr Zeuge, ohne sie jemals zu stören oder in Verlegenheit zu bringen. Wenn Marinka ihn schweigen hieß, schwieg er. In kurzem wurde er auch zu Noach zutraulich, nahm ihn mit übergroßer Freude auf, hüpfte ihm entgegen, hop! — schleckte die Erde und wedelte fröhlich mit dem Schweif. Mit seinen treuen Augen blickte er dabei Noach auf die Hand, weil der schwarzhaarige Knabe sehr oft einen guten Bissen mitbrachte, teils für Marinka und teils auch um des Hundes willen. Und einmal wagte Noach endlich, Skuripintschichas Hof zu betreten. Es war Marinka, die ihn still und vorsichtig einließ, auf daß die Tante es nicht merke. Im ersten Augenblick öffnete sich Noach auf dem Hof bei der Skuripintschicha etwas wie eine neue Welt. Rasch eilte er zum Stall, der zur Hälfte für die Schweine abgeteilt war, um Mutzik anzusehen. Da zu seinem Leid der Stall verschlossen war, tat er einen Blick hinein durch einen Spalt. Ein scharfer Geruch warmen Mists schlug ihm aus dem Stall entgegen. Im Halbdunkel des Stalles suchte er mit den Augen Mutzik, der an der Krippe stand und vor sich hinkaute. Noach blieb wie angeschmiedet: „Oj, oj, Mutzikel", rief er ihm mit weichzärtlicher Kinderstimme zu und konnte sich an ihm nicht sattsehen. Vom Stall ging er zum Zaun, stellte sich auf die Fußspitzen und blickte durch eine Oeffnung zum Vater in den Hof. Ihm schien es ein sonderbar wüstes Unterfangen, bei der Christenfrau auf dem Hof zu stehen und zum Vater hinzublicken. Wenn Vater und Mutter es wüßten... Des Vaters Hof bekam jetzt in seinen Augen ein neues Aussehen. Nichts mehr sah dort aus wie früher; irgendwie hatte sich alles dort verödet und zeigte ein gar anderes Gesicht. StiU, still — allein steht der Vater dort! Noach kichert tief im Stillen, den Kopf zwischen die Schultern gedruckt... indes der Vater sich abschwitzt und von nichts weiß. „Wenn ich will, schneide ich eine Grimasse und strecke die Zunge hinter ihm aus, kuku, kuku!" Chanine-Lipe wandte verwundert den Kopf — Noach erschrak und stellte sein Tun ein. Dann machte er »Ich still davon und tändelte mty dem Kopf zur Scheibe von Skuripintschichas Fenster hin, das Gesicht mit beiden *^ . Händen verdeckend. Drinnen duselte alles in stummem Schweigen: Die breiten hölzernen Betten mit den Tuchenten, Polstern und Kissen, die bis zur Decke reichen; der schwere Kasten mit den blechernen Beschlägen und den Reifen rings um die massiven Schlösser; der einfache Tisch mit der glatten, weißen Sitzbank; die Heiligenbilder an den Wänden und in den Nischen. Noach gab das Schauen durch das Fenster auf und suchte Marinka mit den Augen. Sie saß, wie gewöhnlich, auf der Mauerbank und zu ihren Füßen lag Skuripin. „Marinka, du gehst in die Kirche?", fragte Noach leise. Sie schüttelte den Kopf: NeinI „Warum nicht?" „Ich geb auf den Hof acht!" „Und wo schläfst du im Winter?" „Im Zimmer." „Mit ihr im Bett?" „Auf dem Boden ..." Noach setzte sich ins Gras, neben den Hund, zu den bloßen Füßen Marinkas und hob seine Augen voller Erbarmen zu ihr auf. Er wollte sie noch etwas fragen, verstummte aber. Marinka standen Tränen in den Augen. „Was weinst du, Marinka? Die Tante schlägt? Gibt dir kein Essen?" Marinkas Schultern zitterten in ersticktem Schluchzen, Tränen rollten von ihren Augen. „Still, Marinitschka", tröstete sie Noach und legte seine Hände auf ihre Knie, „wein' nicht... jeden Tag werd' ich zu dir kommen, jeden Tag, so wahr ich leb*..." Noach hielt Wort. Jeden Tag kam er und brachte ihr etwas zum Essen. Unzähligemal pflegte Zipe-Lea zu kreischen und über die ganze Gegend zu heulen: „Noach, No-aach!" Noach machte sich nicht hören. Indessen saß er allein mit Marinka irgendwo in einem Versteck, ohne daß eine Seele davon wußte. Das kam aber schließlich an den Tag und zwischen den Nachbarn brach ein schwerer Streit aus. Zipe-Lea wollte die Welt umkehren: Weh mir, wie lang ich schon seh', daß das Kind von Tag zu Tag eingeht wie ein Kerzenlicht, vielleicht weißt du, weswegen! Weswegen? Wegen eines Bastards von einer Hexe, einer verfluchten! Was man dem Kind gibt, alles verschlingt das Bastardmädel. Würmer sollen sie essen, Gott im Himmel!" Chanine-Lipe löste den Riemen von den Hosen und wollte schon Noach sein's herunterzählen, Zipe-Lea trat dazwischen. Die Skuripintschicha ihrerseits schleppte aber Marinka ins Haus — und keiner sah, was sie ihr dort antat. Es ließ sich nur aus der Wohnung ein leises dumpfes Gewein hören, das das Herz angriff. Noach hörte es auf seinem Lager noch bis Mitternacht und war fast von Sinnen. Die beiden mußten einander eine kurze Zeit meiden. Skuripintschicha wurde noch böser, strenger. Marinka fiel wieder in Einsamkeit und Elend zurück, abgeschlossen von aller Welt. Längere Zeit schon zeigte sich Noach nicht. Zipe-Lea hütete ihn wie ihren Augapfel. Das Loch im Zaun wurde zugemacht. Im Hintergäßchen, wo Noachs kleines Gärtchen war, lagerte man irgend welche Holzstangen ab, die den ganzen Platz beanspruchten. Noach war nervös, verbitterte und vergällte seinen Eltern das Leben. Keiner wußte, wie das mit ihm geschehen sei. „Oh, mein Garten", schrie er mit fremder Stimme auf und stampfte mit den Beinen, „was habt ihr mit meinem Garten getan, daß ich nicht mehr hingehen darf?" Chanine-Lipe seinerseits schlug auf und griff rasch zum Riemen: „Willst du verstummen, du Stück von einem Ausbund? Oder soll ich Stücke von dir reißen und sie den Hunden vorwerfen — habt ihr so wa3 schon gesehen? Geschäfte hin und her mit Gartensachen!" E3 kamen die Regen, dann — Schnee. Die Tante saß den ganzen Tag im Zimmer und Marinka tat keinen Schritt aus dem Hof. Sie zitterte vor der Tante mit den bösen Augen. Da die Tante es bemerken könnte, trat sie auch nicht an den Zaun heran, und wenn sie auch manchmal, durch einen Spalt, Noachs leises Rufen hörte, machte sie sich nichts hören. Vom Obstgarten zum Hof ist der Weg verstellt: Schneehaufen lagern da. Der Platz vor Noachs Wohnhaus ist wie alljährlich bis fast zum Fenster mit Schnee bedeckt — nicht durchzukommen, ein weißes Gebirge! Indessen gab es zwischen den Nachbarn mehr und öfter Streit. Marinka war Tage hindurch mit schwerer Arbeit im Haus beschäftigt. Beim Juden auf dem Hof wuchsen die Holzlager von Tag zu Tag und immer wieder hörte man lautes Krachen! Auch die Scheidewand zwischen beiden Höfen wurde immer höher, es gab schon keinen Spalt mehr da und, wenn er vorhanden war, verstellten ihn Berge von Holz, das neben dem Zaun lag. Nach Pessach wurde Noach von Chanine-Lipe im „Cheder" einquartiert und hatte nunmehr andere „Geschäfte". Tage und Wochen zogen sich hin — Noach war nicht zu sehen. Marinka blickte nach ihm aus, suchte ihn in Garten und Hof — nicht da! Wo steckt er nur? Warum kommt er nicht?, fragte Marinka sich selbst. Und wieder ist Sommer geworden. Skuripintschicha hatte von dem vielen Schreien did halbe Stimme verloren, aber sie führte immer noch ihre alte Lebensweise i Jeden Tag lief sie frühmorgens zum Gemüsegarten und kam erst am Abend zurück. Und wieder saß Marinka tagtäglich einsam und versonnen auf der Mauerbank, hielt Skuripin auf den Knien, schwieg und blickte ihm in die Augen. Und oftmals hob sie ihre Augen auf die hohen Zäune ringsum und es kam ihr vor, daß nicht sie, die Zäune, jetzt höher geworden seien, sondern, daß sie, Marinka, tiefer gesunken sei... So saß sie nun grübelnd und rings um sie herrschte tiefe, sommerliche Stille — plötzlich hörte sie von des Nachbars Hof eine schrille Frauenstimme „Noach! Noach!" -— und sie wurde erregt und lief rascher zum Zaun. Zum tausendstenmal suchte sie dort ein winziges Spältchen, Skuripin fühlte ihren Herzschlag und half ihr suchen. Er lief eilends voraus, drängte mit seinen Vorderpfoten gegen den Zaun, krabbelte und scharrte mit den Krallen, nahm Witterung — aber ohne Erfolg ging Marinka still zur Mauerbank zurück, nahm Skuripin auf die Knie, blickte ihm in die Augen, setzte ihn plötzlich in ihrem Schoß fest, drückte ihn heiß, zitternd in allen Nerven: „Skuripin, wo ist Noa?..." .(Fortsetzung folgt.), Lebensversicherungs-Gesellschaft PHÖNIX Aus dem Jahresbericht 1932: Versicherungsbestand S 2.728,000.000.— Prämien- und Zinsen- Einnahmen .,.,„„ 179,000.000.— Garantiemittel....., 527,000.000.— Auszahlungen an die Versicherten , , , , „ 60,000.000.— Tätigkeitsgebiet: Oesterreich, Deutsches Reich, Tschechoslovakische Republik, Belgien, Holland, Frankreich, Spanien, Italien, Fürstentum Liechtenstein, Ungarn, Polen, Jugoslavien, Bulgarien, Griechenland, Rumänien, Palästina, Syrien, Türkei, Tunis und Aegypten. Wochen-Kalender Jänner 1934 B3W Tmn Schebat 5694 26 Freitag 1(M Sabbateingang 4.40 27 Samstag Sabbatausgang 5.40 nnm mtsun n?\»s -b 28 Sonntag U-v 29 Montag 13-» 30 Dienstag 14-n 31 Mittwoch 15-18 bsid icy rmen 1 Donnerstag 16-113 Aufklärung! Die Kunst des Sparens besteht nicht darin, daß man sich Wünsche versagt und durch Nichtkaufen Geld erspart. Vernünftig sparen heißt... zur rechten Zeit und am rechten Ort kaufen, um durch niedrigere Preise zu sparen. Es ist ebenso falsch, zu zögern und zu warten, wenn man eine, einmalige Gelegenheit hat, besonders preiswert zu kaufen. Jetzt müssen Sie kaufen... die letzte Woche von Schiffmanns „Inventur-Räumungs-Verkauf" dürfen Sie nicht versäumen. Diese Kaufgelegenheit ohnegleichen muß jeder Sparsame an einem der nächsten Tage ausnützen... denn am Samstag, den 27. Jänner, ist die „Inventur-Räumung" bei Schiffmann zu Ende. Es lohnt sich, jetzt auf Vorrat zu kaufen. Bis zum kommenden Samstag bleiben alle — im Inserat vom 19. d. angekündigten — Ausnahmspreise in Kraft. Prüfen und vergleichen Sie Qualität und Preise der Schiffmann-Angebote für alle Bedarfswaren in den Schaufenstern der Taborstraße 48... Ihre Erwartungen werden weit übertroffen werden. Also vormerken! In dieser Woche unbedingt zu Schiff mann, II., Taborstraße 48!! Verkauf und Provinzversand (per Nachnahme) nur — soweit Vorrat. Fahrtvergütung, e An die Freunde unseres Blattes Wenn Sie der Ansicht sind, daß die „Neue Welt" ein empfehlenswertes Blatt ist, geben Sie uns freundlichst die Adressen von Freunden und Bekannten an. Wir werden denselben die „Neue Welt" durch mehrere Wochen zur Probe gratis zukommen lassen. Wenn wir uns bei der Werbung auf Sie berufen dürfen, bitte dies ausdrücklich zu bemerken. Aus der Zusendung erwachsen weder Ihnen noch den Empfängern irgend welche. Verpflichtungen. Die Verwaltung der „Neuen Welt". JJP———————- ' --,-n-------- - " ,t. MgWttimert SSeiifgflr« SmaiUgebtf Und wem&Bfi&UßtlM Redakteur: Oberbaurat Robert Stricker, *-> Druck.* Druckerei, und Verlags-A.-G, Ignaz Steinmann, beide WftML IX., üniversitatsatraß« #—8, <